Ankommen in einer anderen Welt

„Erst wenn man unterwegs ist, begreift man, dass die größte Entfernung die größten Illusionen weckt und dass Alleinreisen sowohl Vergnügen als auch Strafe“ (Paul Theroux)

Zitiert aus: Reise durch einen einsamen Kontinent; Altmann, Andreas

Ich stehe auf der Fußgängerbrücke über die Küstenautobahn in Barranco, dem sogenannten „Künstlerviertel“ von Lima im Süden der Stadt, wo ich untergekommen bin. Neben mir taucht ein Mann auf, Winfried aus Wien (ich weiß nicht mehr, ob er wirklich so hieß). Zerlumpt, ohne Zähne, dreckig. Er erzählt mir von seiner Arbeit an den Yachten der Reichen, wie er sich beim Ziehen der Stahltrossen verletzt hat. Die Wunden an seinem Arm wollen nicht heilen, haben sich entzündet, aber das Krankenhaus und die antientzündlichen Salben kosten Geld, dass er nicht hat. Ich gebe ihm 15 Soles für ein Mittagessen. Mir kommt der Buchtitel von Andreas Altmann in den Sinn, den mir für diese Reise gekauft habe. Statt Kontinent müsste es eigentlich „einsame Menschen“ heißen.

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Wenn man Geld hat, funktioniert diese andere Welt. Ich ziehe am Flughafen die Kreditkarte, eine ist kaputt, ich habe zum Glück eine zweite dabei. Damit werde ich zum Taxi begleitet und steige in eine schwarze Limousine, mit einem Fahrer in grauem Anzug. Wir unterhalten uns über Fußball, soweit es mein ungeübtes Spanisch zulässt. Meine Unterkunft in einem modernen Block unweit des plaza mayor von Barranco wird rund um die Uhr bewacht. Ab dem zweiten Tag werde ich mit „buenas tardes, señor Norbert“ begrüßt. Wenn ich drin bin, fällt die schwere Eisentür wieder ins Schloss.

Neun Millionen Menschen! In Barranco kann ich mir das nicht vorstellen. Hier wirkt alles etwas kleinstädtisch. Aber eine physische rstellung, was so viele Menschen bedeuten können, bekomme ich im Metropolitano, einer Schnellbuslinie, die vom Süden der Stadt ins Zentrum führt. Obwohl die Busse z.T im Sekundentakt fahren, sind sie brechend voll. So viel Körperkontakt war eigentlich nicht geplant. Ich sehe nichts von draußen, weiß eigentlich auch nicht, wo ich aussteigen muss, wenn ich es denn bis zur Tür schaffen sollte. Zum Glück spricht mich eine junge Frau an, und erklärt mir, wie ich am besten zum plaza de armas komme. Sie möchte ihr Englisch üben, ich mein Spanisch. An der estacion central schaffe ich es raus, und gehe den Rest zu Fuß, obwohl die Empfehlung ja Umsteigen hieß. Am zweiten Tag gehe ich aus Miraflores lieber eine Stunde zu Fuß, als mich wieder zur Rush hour in diesen Bus zu quetschen.

Neun Millionen Menschen! Keine U-Bahn, eine S-Bahn, eine städtische Buslinie!

Die Stadt ist viel voller Menschen. Ich muss dauernd aufpassen, nicht angerempelt zu werden. Die meisten wirken geschäftig, nur wenige schlendern auf einem Einkaufsbummel. Ich laufe durch die Straßen der Altstadt um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen.

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Auf dem Plaza del Armas tummeln sich natürlich die Touristen und die Polizei. Als ich sie mit ihren Schildern und Helmen stehen sah, kamen mir gleich die Bilder aus den neunziger und achziger Jahren in den Kopf, auf denen die Polizei als Unterdrückungs- und Folterorgan auftritt. Überraschenderweise sind diese Polizisten überaus freundlich. Ich merke, dass ich irritiert bin.

Am nächsten Tag gehe ich in das LUM, dem  „Museum“ für die Aufarbeitung der „Zeit der Gewalt“, den 80er und 90er Jahren, als der Kampf zwischen dem sendero luminoso und der MLRT sowie dem Militär und paramitärischen Einheiten, die gegen den Terrorismus kämpfen wollten. Ich kann mich noch an mein Lateinamerika-Seminar bei Professor Nuhn erinnern (Entwicklungsprobleme in Südamerika), in dem ich das Referat über Peru gehalten habe. Leider habe ich dieses Referat nicht mehr gefunden, ich muss es weggeschmissen haben. Aber ich kann mich noch an die Sympathien von uns Studenten für deb sendero luminoso erinnern, die Hoffnung auf die Befreiuungsbewegungen in Südamerika. Die schlimmen Menschenrechtsverletzungen, die im Namen einer Volksrevolution gemacht wurden, haben wir nicht gesehen oder wollten sie nicht sehen. So lerne ich jetzt in der Ausstellung, dass die einfachen Bauern zwischen die Fronten geraten sind, wie wurden von der jeweils anderen Seite verfolgt, vertrieben und ermordet. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Unbestreitbar war Peru damals eine Diktatur, die bekämpft werden musste, sicher auch mit militärischen Mitteln. Aber Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung sind nicht zu entschuldigen. Der Krieg ging mit der Gefangennahme der kommandanten beider Organisationen zu Ende.  Aber solche Bürgerkriege hinterlassen tiefe Wunden in einer Gesellschaft, die sich noch über Generationen auswirken können. Beklommen stehe ich auf dem Dach des „Museums“ und schaue über den Pazifik. Das museum wurde auch mit deutscher Hilfe gebaut.

 

 

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