„Die Macht der Geographie“: Begleiter meiner Reise durch Südamerika

„Lateinamerika, insbesondere sein Süden, ist der Beweis, dass man zwar das Wissen und die Technologie der Alten Welt in die Neue bringen kann, der Erfolg aber überschaubar bleibt, wenn man die Geographie gegen sich hat und auch noch die Politik falsch einschätzt. So wie die Geographie den Vereinigten Staaten half, eine Großmacht zu werden, sorgt jene der zwanzig Staaten im Süden dafür, dass keiner davon groß genug wird, um den nordamerikanischen Giganten ernsthaft herauszufordern, beziehungsweise verhindert, dass sie zusammenkommen, um dies gemeinsam zu tun.“

Die Macht der Geographie, Marshall, Tim, S. 286 im eBook

Das Buch von Tim Marshall Die Macht der Geographie hat mich auf meiner Südamerikareise begleitet. In seinem Buch zeigt Marshall auf, welchen Einfluss die geografischen Gegebenheiten auf die Entwicklung der Kontinente und die Handlungen der Mächtigen haben.

Eine von Marshalls Thesen ist, dass sich die USA zu einer Weltmacht entwickeln konnte, weil dort das Land, dass die Kolonialisten den Einheimischen weggenommen haben, in kleinen Einheiten unter den Neusiedlern aufgeteilt wurde. In Südamerika wurde dagegen das feudalistische System der iberischen Halbinsel eingeführt, bei dem wenige mächtige Großgrundbesitzer und die Bevölkerung in leibeigenen Verhältnissen leben. Die Auswirkungen dieses Systems behindern bis heute die Entwicklung der Länder des Südens Amerikas. An der Grundidee, das Land und die Menschen möglichst intensiv auszubeuten und den Mehrwert nach Europa zu transportieren, habe sich auch durch die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten am Anfang des 19. Jahrhunderts nichts grundlegend geändert. Die Machtverhältnisse blieben die gleichen, nur der Einfluss der Spanier und Portugiesen wurde zurückgedrängt.

Die Geografie Südamerikas habe ich hautnah am eigenen Leib kennengelernt. In Lima kam ich in der Küstenwüste an, wo es kaum regnet. Die Wüste zieht sich vom Norden Perus bis weit nach Süden in Chile. In Chile liegt auch die Atacamawüste, die trockenste Wüste der Welt.

Atacama-Wüste bei San Pedro

Die Atacamawüste habe ich im letzten Teil meiner Reise besucht. Trotzdem haben sich, wie Marshall erklärt, die meisten Städte an der Küste gegründet, und sie beherbergen mittlerweile den Großteil der Bevölkerung von Peru und Chile.

nördlich von Lima auf der Panamericana

Die Eliten und Wirtschaftsunternehmen blieben an der Küste, trotz lebensfeindlicher Landschaft drumherum. Entsprechend wenig kümmerten sie sich um die Entwicklung des Binnenlandes. Verkehrsverbindungen gab es nur zu den Metropolen an der Küste, die Verkehrsverbindungen unter den Städten im Binnenland wurden vernachlässigt. Inzwischen leben in viele südamerikanischen Staaten mehr als 30% der Bevölkerung in den Städten der Küste (Marshall, S. 286).

In Peru hat der jahrelange Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000 das Binnenland weiter entvölkert. Der Terror des sendero luminoso und der Gegenterror der paramilitärischen Truppen ließen viele Menschen in die Hauptstadt flüchten. Lima ist heute auf über 9 Millionen Menschen angewachsen und von einem riesigen Gürtel aus Siedlungen aus der Landnahme (pueblos jovenes) umgeben:

pueblos jóvenes in Lima

Marshall beschreibt deutlich, wie diese Raumstruktur die Entwicklung Südamerikas behindert haben. Die Verkehrsentwicklung ging nicht in die Fläche, die Zentren wurden kaum miteinander vernetzt. Erst in den letzten Jahren wird versucht, die Defizite aufzuholen. Marshall vermutet jedoch, dass die Bemühungen noch Jahre brauchen und riesige Summen verschlingen werden.

Auch interkontinentale Verbindungen sind kaum vorhanden. Erst vor wenigen Jahren haben Peru und Brasilien eine durchgehende Straßenverbindung vom Pazifik zum Atlantik eröffnet. Hier die neugebaute Brücke dieser Verbindung in Puerto Maldonado:

Puerto Maldonado, Interozeanica, Rio Madre del Dios
Warentransport findet fast vollständig mit dem LKW statt


Ob der Transport mit LKW die nötigen Impulse für eine Industrieansiedlung geben kann, scheint fraglich. Die Bezeichnung puerto für Maldonado wirkt eher lächerlich. Man besitzt zwar ein Marinekommando und eine stolze Hafenbehörde, aber im „Hafen“ legen nur ein paar Langboote für die Touristen an, die über wackelige Stege ein- und aussteigen müssen. Ein Warentransport über die Flüsse des Amazonastieflands scheint nicht möglich und stellt einen großen Hindernisgrund für die Verkehrserschließung Südamerikas dar.

Auch Bolivien hat mit Brasilien zusammen Pläne verabschiedet, eine transkontinentale Eisenbahnlinie zu bauen. Bioceanica. Die Eisenbahn soll den peruanischen Pazifikhafen Ilo mit dem brasilianischen Atlantikhafen Santos verbinden. Die Überwindung der riesigen Anden und der großen Entfernungen von über 3000km werden große technische und finanzielle Anstrengungen bedeuten. Für Bolivien ist der „Panamakanal auf Schienen“ auch ein Prestigeprojekt. Bolivien verlor im 19. Jahrhundert im Salpeterkrieg gegen Chile seine Pazifikhäfen. Das bedeutet einen großen Nachteil im internationalen Handel. Noch letztes Jahr versuchte die bolivanische Regierung durch eine Klage vor dem internationalen Gerichtshof einen Zugang zum Pazifik zu erklagen. Wenige Tage vor meiner Ankunft in Südamerika hat der Gerichtshof in Den Haag die bolivianische Klage abgewiesen. In den Gondeln der Seilbahn über El Alto lässt Evo Morales für die „mar por Bolivia-Kampagne“ werben (Bild). https://www.elcomercio.com/afull/bolivia-chile-guerradelpacifico-lahaya-paraquecaches.html

Marshall berichtet, dass sich Bolivien beharrlich weigert, sein Erdgas an Chile zu verkaufen. Den Deal „Gas für ein Stück Küste“ lehnt wiederum Chile ab. „Nationalstolz und geographische Notwendigkeiten triumphieren auf beiden Seiten über einen diplomatischen Kompromiss“ (S.291).

El Alto, Bolivien

Neben der Küstenwüste sind sicher die Anden das markanteste Gebirge, das den südamerikanischen Kontinent strukturiert. (Karte von Douglas Fernandez, flickr.com, cc-by):

Die Anden bezeichnet den Teil der längsten Bergkette der Welt, die sich von Alaska bis Feuerland, über weite Teile in drei nebeneinanderliegenden Teilketten, hinzieht. In Peru und Bolivien waren die Anden die Heimat vieler Hochkulturen, nicht nur der Inka. Diese Kulturen haben dieses gigantische Gebirge mit seiner speziellen Geografie immer perfekter genutzt. Mein Wanderführer bezeichnete Macchu Picchu als die Universität der Inka, an der Kalender, Universum und landwirtschaftliche Anbaumethoden erforscht wurden. Nach der Eroberung der Spanier wurden diese Kulturen ausgelöscht oder versklavt, und das Andenhochland wurde nur noch nach Bodenschätzen ausgebeutet. Die an die spezielle Geografie angepasste Bewirtschaftung ging bis heute verloren. Die Andenräume konnten nicht an die Entwicklung der Küstenräume anknüpfen.

Machu Picchu, eine „Inka-Universität“, nie von den Spaniern entdeckt

Marshall behauptet, dass Südamerika im Verhältnis zu Nordamerika und Europa „nicht am Scheideweg“ in eine bessere Zukunft steht, „sondern da, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen“ (S. 289). In Südamerika sei alles weit weg von allem. Als ich durch die Anden gereist bin, konnte ich dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen. Ich fühlte mich von allem ganz weit weg. Allein ganz physisch sitzt man Stunden und Tage im Bus oder im Minivan, um von A nach B zu kommen. Mit schien in den Anden alles eine Nummer größer, als ich es aus Europa gewohnt war: Die Berge höher, die Schluchten tiefer, die Flüsse breiter – und die Menschen ärmer. Das Bild von „Fuchs und Hase“ scheinen auch die Peruaner so zu sehen. Wer aus dem Hochland etwas werden will im Leben, geht in die Städte an der Küste. Allein Cusco kann als Touristenmagnet etwas mehr Infrastruktur entgegensetzen.

Die Grundidee, dass die Anden nur zum Mineralienabbau zu nutzen sind, zeigt sich auch an der Minen-Politik der peruanischen Regierung. Die größte Goldmine auf dem Kontinent, Yanacocha bei Cajamarca, verseucht durch das verwendete Quecksilber die Grundwasser der Region, die Proteste der Bergbauern werden aber mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die besonderen Lasten für die betroffenen Regionen von dem aus dem Berg geholten Reichtümern etwas nachbleibt. Insofern gilt das koloniale Prinzip der Ausbeutung auch heute noch. https://de.wikipedia.org/wiki/Yanacocha

Goldmine Yanacocha

Östlich der dritten Anden-Kordelliere beginnt das Amazonas-Tiefland. Ich habe Tarapoto, Tingo Maria und Puerto Maldonado, das richtig im Tiefland liegt, besucht. Der Regenwald ist für mich natürlich faszinierend mit seiner Tier- und Pflanzenvielfalt. Der Regenwald ist ja nicht nur schön anzusehen, sondern spielt als Sauerstoffquelle, CO2-Speicher und als Gen-Speicher weltweit eine herausragende Rolle. Da ist es natürlich schmerzlich zu sehen, wie stark der Regenwald schon abgeholzt ist und noch wird. Aber der Trend zum Abholzen ist noch lange nicht gestoppt. In Puerto Maldonado spielt das legale und illegale Goldwaschen in den Flüssen eine große Rolle für die Wirtschaft – und für die Umweltverschmutzung. Versuche der peruanischen Polizei, den illegalen Goldabbau zu unterbinden, stieß immer wieder auf den Protest der einheimischen Bevölkerung. Jetzt wird die Polizei einfach besser bezahlt – durch die Goldschürfer und nicht durch den Staat. Dadurch ist trotzdem möglich, was offiziell verboten ist.

Puerto Maldonado vom Torre de la Diversidad aus gesehen

Marshall beschäftigt sich mit dem Amazonas-Regenwald am Beispiel Brasilien, das ich nicht besucht habe:

„Sein Gebiet umfasst ein Drittel der Landmasse Südamerikas, es ist fast so groß wie die USA, seine 27 Bundesstaaten haben eine Fläche, die größer ist als die aller 28 EU-Staaten zusammen, aber im Gegensatz zu diesen fehlt ihm die Infrastruktur, um ebenso reich zu sein. Ein Drittel von Brasilien besteht aus Dschungel, und dort Land für eine moderne Bebauung zu gewinnen ist extrem teuer und in manchen Gebieten auch illegal. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist langfristig ein ökologisches Problem für die ganze Welt, aber für Brasilien ist sie auch ein mittelfristiges Problem: Die Regierung gestattet Bauern die Brandrodung und Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen, aber der Boden ist so schlecht, dass Ackerbau binnen weniger Jahre nicht mehr möglich ist. Die Bauern ziehen dann hinaus und roden ein weiteres Stück Dschungel, doch Regenwald, der einmal abgeholzt ist, wächst nicht nach. Das Klima und der Boden arbeiten der Entwicklung von Landwirtschaft entgegen.“ (S. 304)

Verbesserte Verkehrsverbindungen locken auch mehr Menschen in das Regenwald-Tiefland, was die Rodung beschleunigt.

Das Problem mit dem Regenwald: Ist der Primärwald erstmal abgeholzt, kann man ihn nicht wieder aufforsten. Hier gilt, „weg ist verloren“.

Weiter nach Süden komme ich nach Chile. Bei Marshall wird Chile nur sehr am Rande behandelt, obwohl es das reichste Land Südamerikas ist. Er beschäftigt sich näher mit Argentinien und Brasilien. Trotzdem konnte ich in Chile eines der wichtigsten geopolitischen Merkmale beobachten.

Valparaiso: Cárcel viejo, mitten in der Stadt. Unser Guide von einer free walking tour berichtet von den Schreien, die 1973 aus dem Gefängnis über die Stadt hallten. In diesem Gefängnis waren die politischen Gefangenen nach dem Militärputsch gegen Präsident Allende eingepfercht. Dieser Militärputsch war eines der ersten weltpolitischen Ereignisse, die ich bewusst als Schüler wahrgenommen habe. Ich kann mich noch heute an das SPIEGEL-Titelblatt erinnern.

An dem Militärputsch war der CIA maßgeblich mit beteiligt. Die Welt befand sich 1973 mitten im Kalten Krieg, die USA war dabei, den Vietnamkrieg zu verlieren. Die USA wollten keine linksgerichtete Regierung auf dem dem amerikanischen Kontinent dulden. Die geopolitische Idee dahinter: die Monroe-Doktrin. Marshall erklärt sie so:

„Die lateinamerikanischen Länder haben keine natürliche Affinität zu den USA. Die Beziehungen werden von der amerikanischen Ausgangsposition beherrscht, die mit der Monroe-Doktrin 1823 … in der Rede von Präsident Monroe zur Lage der Nation dargelegt wurde. Die Doktrin erteilte europäischen Kolonialbestrebungen eine Absage und erklärte wortreich, dass Lateinamerika der Vorgarten und der Einflussbereich der USA sei. Die Doktrin hat die Ereignisse seither orchestriert, und viele Lateinamerikaner sind der Meinung, dass die Ergebnisse nicht immer positiv waren.“

Die Militärdiktatur in Chile dauerte fast 20 Jahre. Anfang der Neunziger Jahre, nach Ende des Kalten Krieges, wurde schrittweise die Demokratie wieder eingeführt. Unser Guide in Valparaiso rät uns aber, im Gespräch mit Chilenen beim Thema Diktatur sehr vorsichtig zu sein. Die chilenische Gesellschaft sei immer noch sehr gespalten in der Bewertung dieser Zeit. Ich frage ihn nach dem Geschichtsunterricht: Nein, dieses Thema würde in der Schule ausgespart.

Wer genaueres nachlesen will, schaue doch in das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44689/schwieriges-erbe?p=all

Santiago, Museum für Menschenrechte und Versöhnung. Hier hängt eine ganze Wand voll mit den Bildern der Verschwundenen der Militärdiktatur. Sie sind auch Opfer der Monroe-Doktrin, die letztlich bis heute gilt, auch wenn die USA sich in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr so stark in Lateinamerika eingemischt haben. Aktuell scheint ja die Politik der USA eher in Richtung Abschottung zu gehen, siehe den Streit um die Mauer nach Mexiko.

Vor dem Museum ist die allgemein Erklärung der Menschenrechte in Metall angeschraubt. Sie stehen aus meiner Sicht über allen geografischen Besonderheiten und gelten in Bergen und Wüsten, auf Flüchtlingsschiffen auf den Ozeanen wie auch im Regenwald.

Vielleicht habe ich ja etwas Lust auf Geopolitik gemacht anhand meiner Reiseerfahrungen aus Südamerika. Dann sollte man sich das Buch von Tim Marshall gönnen.

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