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Dämmerung über Birma

Der kleine Herr im blauen Hemd ist Mr Donald, Sao Oo Kya, 78, der Neffe des letzten Sao (Prinz) von Hsipaw. Wir stehen vor East Haw, des „Shawn Pallace“ genannten Villa des letzten Shan-Prinzen, Sao Kya Seng. Mr Donald versucht mit seiner Frau Fern (Sao Sarm Hpong) das Gedenken an die Ereignisse vom März 1962 aufrechtzuerhalten und erzählt Besuchern gegen eine Spende die Geschichte.

Ich stehe in einem Salon der Villa. Die Frau von Mr. Donald erzählt, dass hier die Krönungszeremonie der Sao Tsusandi, der Frau des Prinzen Sao Kya Seng, stattfand. Ich kenne die Bilder, die sie uns zeigt, die das Prinzenpaar vornehm abgebildet zeigt. Ich habe in den letzten Wochen „Dämmerung über Birma“ von Inge Sargent gelesen. In diesem Buch sind alle Bilder abgedruckt. Die Prinzessin war Inge Eberhard aus Österreich.

Im März 1962 putschte sich das Militär in Rangun an die Macht. Die Generäle ließen die gesamte Regierung und die Parlamentsangehörigen inhaftieren. Unter den festgenommenen Parlamentariern war auch der Sao von Hsipaw, eines der Shan-Staaten, die zu der birmanischen Föderation gehörten. Sao hatte Ingrid in Denver in den USA Anfang der 50er Jahre im Studium kennengelernt. Sie verliebten sich und heirateten. Sao nahm seine Frau mit nach Birma, wo sie erst bei der Ankunft in Rangun erfuhr, wer ihr Ehemann wirklich war: der Prinz von Hsipaw, einem Shan-Staat.

Das Foto wurde hier aufgenommen:

Zehn Jahre lebten sie zusammen in Hsipaw und versuchten, das zurückgebliebene, feudalistisch organisierte Land zu modernisieren, Sao mit dein Einflüssen aus den USA, Tsusandi in der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Menschen. Bis zum gewaltsamen Umsturz durch die Militärs 1962.
Nachdem der Prinz von den Militärs festgenommen wurde, hat Ingrid ihren Mann nicht mehr wiedergesehen. Sie hatte einen Beweis seiner Festnahme durch einen aus der Haft geschmuggelten Brief. Doch das Militär behauptete, sie habe den Sao gar nicht festgenommen und wisse nichts über seinen Verbleib – eine beliebte Methode, das Verschwinden von missliebigen Personen zu vertuschen. Der Sao wurde vermutlich durch die Militärs ermordet. Alle Versuche der Prinzessin, Kontakt zu ihrem Mann herzustellen, misslangen. Nach zwei Jahren flüchtete sie als österreichische Staatsbürgerin aus Birma, um ihre Kinder zu schützen.
Nach 1962 legte sich für über dreißig Jahre das bleiernde Tuch einer brutalen Militärdiktatur über Birma. Das Land fiel durch einen diktatorischen Sozialismus zu dem ärmsten Land Südostasiens ab. Durch die Abschottung hatte es keinen Anteil am Wirtschaftsboom der anderen Staaten der Region. Bis heute, trotz zaghafter Demokratisierung und der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi als faktische Regierungschefin, hat das Militär noch Macht in Myanmar. Mr Donald, der selber mehrere Jahre im Gefängnis saß, erklärte uns, dass ohne die Rücksacktouristen keine Demokratisierung in Myanmar möglich gewesen wäre.
Es war sehr bewegend, die Geschichte von Sao und Prinzessin Tsusandi (der Inge aus Österreich) an dem Ort zu erfahren, an dem sie stattgefunden hat. Die Geschichte, die wir noch kurz vorher im Buch „Dämmerung über Birma“ gelesen haben. Tief bewegt gingen wir wieder in die Stadt zurück.


Toller Beitrag Norbert. Sehr bewegend. Ich hoffe es geht Euch gut. Liebe Grüße an Euch beide. BERNAT
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