Mandalay

21,9588 N; 96,0891 O

Mandalay – das hört sich schon vom Wort her romantisch und verträumt an.

So Ist es aber gar nicht in dieser Stadt. Hier herrscht die Armut und die Realität eines der ärmsten Länder der Welt. Die Küchen stehen direkt am Straßenrand in den Abgasschwaden, als Fußgänger muss man sich auf der Straße den hunderten von Mopedfahrern entgegenstellen, Fußwege gibt es nicht, Werkstätten befinden sich auf offener Straße, wo mal eben ein Getriebe eines uralten chinesischen Lastwagens auseinander genommen wird. Antiquiert wirkende Handwagen mir enormen Lasten werden durch die Straßen geschoben, Fahrräder sind mit enormen Paketen beladen. Vereinzelt fahren noch alte Fahrrad-Ritschkas herum. Dazwischen laufen rosa Nonnen mit einer Blechschale auf ihrem täglichen Bettel-Gang durch die Stadt. Allgegenwärtig ist der ohrenbetäubende Lärm der Moped, bei denen die meisten auf einen Schalldämpfer verzichtet zu haben scheinen. Alles scheint sich auf der Straße abzuspielen. Auch die Marktstände finden sich an den Straßenläufen wieder. Richtige Geschäfte oder gar Supermärkte findet man selten.

Die Strand Road suggeriert ein Flanieren am Fluss, einen Blick über den Ayeyawaddy mit schönem Sonnenuntergang. Auch hier sieht die Realität anders aus. Die Strand Road ist ein staubiges Stück an der Flussböschung, an der sich die Plastikplanen-Hütten entlangziehen. An der Strand Road liegt alles auf dem sandigen Boden, die Fische, die verkauft werden, liegen auf Plastikfolien zwischen den Fahrbahnen, die Bügelwäsche, die mit einem Bügeleisen geglättet wird, das seinen Namen noch wirklich verdient; Kinder, die alte Motorradreifen durch den Sand treiben. Unterbrochen wird die Szenerie immer wieder durch die kleinen Plastikhocker, auf denen die Menschen sitzen und essen und trinken.

Vor der Strand Road fällt das Ufer sandig ab bis zum Fluss. Die Schiffe liegen hier in dreier bis fünfer Reihen. Einfache Planken verbinden sie mit dem Ufer. Kaianlagen und Anleger sind nicht zu sehen. Es wirkt wie vor hundert Jahren. Die Zentner-Säcke Reis werden auf den Schultern über die Planken an das Ufer balanciert. Die noch alterschwächeren Lastwagen werden beladen, oben auf sitzen die Männer und Frauen (!), die die Ladung auf und abladen. Die alten Hino-Lastwagen brauchen zwei bis drei Anläufe, bis sie die Rampe zur Straße hinauf schaffen, immer wieder muss ein Gehilfe herunterspringen und einen Balken hinter die Reifen legen, damit der Fahrer einen neuen Anlauf nehmen kann und der Lastwagen nicht unkontrolliert zurückrollt.

Baumstämme liegen im Wasser, sie werden den Ayeyawaddy-Fluss hinab geflößt. Der Fluss ist Badezimmer und Waschstube in einem. Überall stehen Frauen knietief im braunen Flusswasser und waschen Wäsche, die auf Bambusstangen getrocknet wird. Ich weiß nicht, wie die Menschen ihre weißen T-Shirts und Longis immer wieder so sauber bekommen, mit denen sie dem Staub trotzen. Überall sind viele Menschen aktiv, kein Lastwagen, der nicht mindestens mit drei Leuten besetzt ist.

Und leider überall: Müll! Alles ist voll von Plastik. Plastiktüten und Plastikverpackung, Plastikflaschen. Jede Straße, jeder Weg, jede Grünanlage ist gefüllt mit Plastikmüll. Die Wasserflächen sind bedeckt mit schönen Lotuspflanzen, aber die Ränder sind prall gefüllt mit weggeworfenen Plastikflaschen und -tüten. Keiner scheint sich daran zu stören. Der Müll ist eine echte Plage, überall macht er sich breit. Alle scheinen es zu ignorieren, wenn sie durch diesen Plastik-Sumpf gehen müssen. Ein paar halbherzige Schilder stehen herum, die vor der Plastik-Vermüllung warnen, aber sie wirken wie lautlose Rufer in der Wüste.

Laut und chaotisch

Die Mopeds knattern durch die Stadt. Es scheinen keine Verkehrsregeln zu geben. Kein rechts vor links oder auch andersherum. Wer anhält, hat verloren. Auf der Fahrt mit einem wilden Tuk Tuk – Fahrer währen wir heute fast mit einem Auto zusammen gestoßen. Nur noch die Vollbremsung des Autos konnte den Zusammenprall verhindern. Der Tuk Tuk Fahrer sich ordentlich aufgeregt, obwohl das Auto von rechts kam. Hier gilt das Recht des stärkeren, oder des frecheren.

Aber es gibt auch noch keine Hochhäuser in Mandalay, keine großen Einkaufszentren, keine Glaspaläste der Banken. Ist das Modernität? Wäre Bangkok oder Chiang Mai ein Vorbild für Mandalay? Sollen jetzt die chinesischen Investoren kommen und ganze Straßenzüge abreißen, um sie mit Glaspalästen vollzubauen. Erfahrung mit Zwangsumsiedlungen und Größenwahn-Projekten hat Myanmar ja schon seit Jahrhunderten. Die Chinesen stehen bereit mit ihrem Geld. Durch das nach wie vor schwierige Verhältnis Myanmars zum Westen durch die Vertreibung de Rohinyas hat das Land sich wieder mehr zu China hin geöffnet. Doch die Chinesen sind nicht beliebt, überall wo man fragt, rollen die Leute mit den Augen, wenn man sie auf die Chinesen anspricht. Sie hätten keine Manieren, hören wir. Auch die Angst vor einem Ausverkauf Myanmars an China ist zu hören. Bisher gingen die Erlöse der Geschäfte mit China immer in zwei Taschen: den der Generäle und den der chinesischen Geschäftsleute. Das Volk von Myanmar hatte nie was davon.

Wird die Stadt kollabieren, wenn immer mehr Mopeds und Autos hinzukommen? Wie schön wäre es, wenn alle lärmenden Mopeds durch E-Mopeds ersetzt würden, die nur noch dahinsurren. Die Straßeninfrastruktur Mandalays ist völlig unzureichend für den Individualverkehr. Ein Bussystem existiert nicht. Wie wird es werden, wenn sich die Menschen noch mehr Mopeds leisten können? Der Staat scheint seine Aufgabe in der Daseinsvorsorge überhaupt nicht wahrzunehmen. Der öffentliche Transport läuft über Pritschenwagen, auf deren Ladefläche Bastmatten ausgelegt sind und über Mototaxis und Tuk Tuks. Ein Lob an den Liberalismus, der Markt muss es regeln. Die Eisenbahn in myanmar ist verrottet. Sie fährt noch auf den Gleisen die einst die englischen Kolonialherren bauten. So ist die Geschwindigkeit der Züge auch nicht schneller als 30km/h. Man kann aber für 1000 Kyat (60 cent) acht Stunden Zug fahren.

Mir kommt der Gedanke, dass eigentlich gar nicht die Menschen arm sind, sondern dass der Staat, in dem sie leben, sie im Stich lässt. Der Staat macht nicht das, was ein guter Staat eigentlich tun sollte: die Daseinsvorsorge für seine Bürger bereitstellen. Für Schulen, Ärztliche Versorgung, Infrastruktur und Transport, Müllbeseitigung, für Demokratie und Menschenrechte sowie ein soziales System zu sorgen. Das Fehlen all dessen macht die Menschen in Myanmar arm.

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