Gokyo-Trek, Nationalpark Sargamantha

27,7509 N; 86,7114 O

Tag 1, Flug Kathmandu – Lukla, erster Wandertag von Lukla nach Phakding-Zamfute

Ich habe doch etwas feuchte Hände, als ich in Kathmandu in die Twin Otter steige. Auf jeden Fall sehe ich, dass unsere Rucksäcke mitkommen. 20 Mitreisende in der kleinen zweimotorigen Maschine. Und das Wissen, dass die Landung in Lukla zu eines der aufregendsten in der Welt gehört. Die Piste ist nur 500m lang.

Beim Anflug kann man durch das Cockpit auf die Landebahn blicken. Sie liegt auf einer Felsnase im steilen Berggelände. Das Ende der Landebahn bildet eine Felswand mit der Aufschrift „Wellcome to Lukla“. Im Anflug fliegen wir knapp über die Bergrücken hinweg, abenteuerlich zwischen den Berghängen hindurch. Der Pilot hat dann die Maschine sanft aufgesetzt. Zum Glück ist die Landebahn nach oben geneigt und bremst so schon das Flugzeug.

Als wir Lukla hinter uns lassen, müssen wir uns zwicken: wir sind im Himalaya, wir können es kaum glauben. Gleich am Anfang kommt uns eine Yak-Karawane entgegen. Wir wandern mit vielen Trägern, die enorme Lasten, meist Expeditionstaschen an ihren Kopfriemen nach oben tragen. Es kommt mir vor, als wären mehr Träger als Touristen unterwegs. Es ist eben ein ganz normaler Beruf in den Bergen ohne Straßen. Sogar das Baumaterial wird getragen. Junge Männer tragen den Betonstahl nach oben.

Tag 2, von Phakding nach Namche

Klare Bergluft, Blick auf einen 6000er in der Morgensonne, bei 11 Grad Außentemperatur geht es in den zweiten Tag. Schnell erreichen wir die Sonnenzone mit angenehmer Wärme. Der Trek ist aber eine Trekking-Autobahn. Immer ist jemand vor einem oder drückt von hinten. Mir fällt es schwer, mein eigenes Tempo zu finden. Ich überlege, ob ich wirklich anhalten will zum Fotografieren, wenn ich dadurch meine erkämpfte Position im Tross verliere.

Blühende Kirschbäume und Rhodedendronbäume sowie Azaleen begleiten unseren Weg. Vereinzelt gibt es einen Blick auf einen verschneiten Sechtausender. Aber das Tal ist tief eingetalt und sehr steil und hoch. Die erste Hälfte geht der Weg auf und ab, ohne dass wirklich Höhe gewonnen wird. Erst im zweiten Teil des Weges über 12km und 1100hm geht es bergan. Wir müssen mehrere Seil-Hängebrücken überqueren, bei denen man besser schwindelfrei sein sollte. Der versprochene Blick auf den Everest bleibt uns leider verwehrt, da ab Mittag Wolken aufgezogen sind.

Die letzten zweihundert Höhenmeter sind dann richtig anstrengend. Kurz vor Namche müssen wir an einem Polizeiposten nochmal unsere Trekking-Permits und den Nationalpark-Eintritt vorzeigen. Wir wissen nicht, was der Polizist alles in seinen Computer eintippte. Die Wolken haben sich jetzt richtig zugezogen und es wird kalt. In der Unterkunft nach dem Duschen wird es erst richtig kalt. In unserem Zimmer sind 11 Grad. Schnell in die Schlafsäcke, aber dort wird es auch nicht wärmer. Da hilft nur noch ein Glas Rum und Ingwertee.

Tag 3, von Namche Bazar nach Phortse Tenga

Der Morgen ist klar und bietet einen schönen Blick auf die schneebedeckten Berge. Wir steigen von NamcheBazar in Richtung Khumjung auf. Oben bietet ein kleiner Hügel einen großartigen Rundumblick. Wir sehen zum ersten Mal den Everest, aber auch viele andere hohe Berge. Es ist schon irre, auf den höchsten Berg der Erde zu blicken. Aber er ist nicht unbedingt der schönste, eher ein großes Massiv, gemeinsam mit dem Lhotse. Die Gruppen werden alle zur Everest-Lodge geführt, um dort etwas zu verspeisen. Wir gehen lieber nach Khumjung hinunter, wo wir unseren mittäglichen Reis essen.

Ama Dablam, 6814m

Mittags trübt das Wetter ein, es wird immer wolkiger. Der Blick auf die hohen Berge verschwindet. Hinter Khumjung verlassen wir den Hauptweg zum Everest Base Camp und wandern nach Norden in Richtung Gokyo. Der „Verkehr“ wird deutlich weniger, wir treffen nur noch einzelne Wanderer, so dass sich auch ein Grüßen wieder lohnt. Über Mong gehen wir nach Phortse Tenga, wo wir auf ein einsames Guesthouse an einem kleinen Wasserfall treffen.

Erst sitzen wir noch in unseren Schlafsäcken draußen, doch dann wird es schnell viel zu kalt.

Vorher, in Khumjung, kommen wir an einer Flugpiste vorbei. Ein schreckliches Schotterfeld. Hier dürfen auch keine Flugzeuge mehr starten und landen, nur noch Hubschrauber. Wir hören von einem Guide, dass man auch nicht will, dass dort Flugzeuge landen, weil das die vielen Träger arbeitslos machen würde.

Das Volk der Sherpa, die hier in der Khumbu-Region leben sind vor ca. 400 Jahren aus Tibet eingewandert. Sie sind deshalb in der großen Mehrheit Buddhisten, anders als die Mehrheit der Nepali, die hinduistischen Glaubens sind. Sherpa bedeutet einfach „Menschen aus dem Osten“. Überall stehen weiße Stupas und wehen buddhistische Gebetsfahnen. Bunte Gebetstrommeln begleiten unseren Weg. Sie sollen dreimal nach links gedreht werden, um den Geist zu reinigen.

Tag 4, Phortse Tenga nach Luza

Schon beim Frühstücken im Phortse Tenga Guesthouse zogen die Wolken aus dem Tal in Richtung Berge. Kurz nach dem wir kurz nach acht losstapfen, fängt es dann auch an zu regnen. Jetzt kommt das Regenzeug zum Einsatz, ein Glück, dass wir es nicht umsonst mitgenommen haben. Wir steigen immer höher, ab 3700m werden die Regentropfen immer dicker und der Regen geht in Schnee über. Eine märchenhafte Stimmung legt sich über den Rhodedendronwald, den wir durchqueren. Die Wasserfälle sind zum Teil noch gefroren. Der Schneefall wird stärker. Leider ist es mehr Nassschnee, und die Handschuhe sind schnell durchgeweicht. In Dole müssen wir uns etwas mehr anziehen.

Die größte Sorge besteht darin, durch den Schnee den Weg nicht mehr zu finden. Doch zum Glück kommen uns immer wieder Wanderer entgegen, die ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Die angepeilte Mittagsrast müssen wir links liegen lassen. Wenn wir uns jetzt in einen ungeheizten Gastraum setzen, wird uns sofort ziemlich kalt werden. Die Muskeln sind das Heizkraftwerk des Körpers, und wenn sie nicht mehr arbeiten, wird man schnell kalt. Also weitergehen im stetigen Schneefall. Wir haben jetzt 4200 Höhenmeter und die Baumgrenze überschritten. In den Wolken und dem Schneegestöber bekommen wir von der Landschaft nichts mit. Man hört Wasserfälle, sieht sie aber nicht. Das Gehen wird schwieriger, weil das Frühstück schon seit einigen Stunden verbrannt ist. Wir gehen jetzt vier Stunden, ohne eine Pause gemacht zu haben.

Kurz nach eins erreichen wir Luza, unser Tagesziel auf 4360m. Früher als gedacht, aber doch schon etwas angenässt. Meine alte Outdoorjacke ist auch nicht mehr so wetterfest wie gedacht. Der Gastraum ist ebenso kalt wie draußen. Erst als wir etwas zu essen bestellen, wird der Ofen angeschmissen. Sonst würden wir die nassen Sachen auch nicht mehr trocken bekommen. Wir machen uns im Gastraum für den Nachmittag gemütlich. Draußen schneit es weiter. Erst um halb sechs reißt die Wolkendecke auf und gibt einen tollen Blick auf die gegenüberliegen Berge frei. Das Abendlicht reicht gerade noch aus, um ein paar Fotos von den Gletschern zu machen, die oben auf den Bergen liegen.

Tag 5: von Luza nach Gokyo

Bei 5 Grad plus aus dem Schlafsack krabbeln, ist schon eine große Herausforderung. Dann noch die warmen Wollsachen der Nacht ausziehen, um in die durchgeschwitzte Wanderkleidung zu steigen. Also kurz nackig machen, bei 5 Grad! Zum Glück war die stinkige Wanderkleidung mit im Schlafsack, was sie warm hielt. Auch alle Akkus und die Powerbank sowie das Smartphone und die Batterien der Kamera mussten mit rein. Ganz schön voll im Schlafsack.

Der Blick aus dem Fenster ist eine Enttäuschung. Es hat wieder geschneit und der Himmel ist dicht mit Wolken. Wieder sind keine Berge zu sehen. Bei Schneefall brechen wir auf, schnell noch die Sonnenbrillen herausholen, auch wenn keine Sonne scheint. Den ganzen Tag schneit es, Glück ist, dass der Wind von hinten kommt und der Schnee an unseren Rucksäcken abprallt.

Ich glaube, wir gehen durch eine beeindruckende Landschaft, aber wir sehen fast nichts. Vereinzelt gibt es einen Tiefblick in das wilde Gletschertal, aber schnell kommt die nächste Wolkenfront angeweht. Der Weg läuft hinter der Seitenmoräne des Ngozumpa-Gletschers entlang, so dass wir den Gletscher leider nicht zu Gesicht bekommen. Dafürkommen wir an drei Seen vorbei, deren Wasser durch die Moräne gestaut wird. Am dritten See erreichen wir Gokyo auf 4783 Meter Höhe. Es schneit immer noch, das andere Ufer des Sees verschwindet im Grau. Wir sehnen uns nach einer etwas komfortableren Unterkunft als in der letzten Nacht, die schon sehr basic war. Sie war extrem kalt, die Wasserleitung war morgens eingefroren, der Ofen wurde am morgen nicht mehr angemacht. Wir finden das Fitzroy mit warmen Gastraum und leckeren Kuchen.

Wir sitzen bis zum Dunkelwerden am Fenster und beobachten das Wetter. Hoffentlich klart es morgen auf, damit wir auf den Gokyo-Ri klettern und endlich das erhoffte Himalaya-Panorama sehen können.

Tag 6, Gokyo Ri

Eisblumen auf dem Fenster, 1 Grad Raumtemperatur. Ein kuscheliger Start in den Tag. Aber als wir etwas Eis vom Fenster kratzen, sehen wir den blauen Himmel und die von Schnee leuchtenden Berge. Also raus aus dem Schlafsack und rein in die (stinkenden) Wanderklamotten.

600 Meter steiler Aufstieg auf den Aussichtsberg Gokyo Ri. Ab 5000 m macht sich die dünne Luft bemerkbar, dich Schritte werden kleiner, die Lunge wird voll mit Luft aufgeblasen. Die ersten Wanderer kommen uns schon entgegen, sie haben zum Teil noch die Stirnlampe auf dem Kopf. Sie wollten wohl den Sonnenaufgang sehen. Ich bin froh, dass die Sonne schon etwas höher steht und es etwas wärmer ist.

Zuerst kommt der Gletscher in unser Sichtfeld, doch je höher wir steigen, desto mehr Berge sehen wir. Langsam steigt der Everest hinter die Bergen auf. Nach zwei einhalb Stunden sind wir oben. Das Panorama ist umwerfend, so wie ich mir es erhofft hatte. Strahlend blauer Himmel, weiße Berge 360 Grad herum. Kaum ein Windzug auf dem 5370 m hohen Berg. Überall wehen die Gebetsfahnen. Wir lassen die anderen Bergsteiger hinter uns, die immer meinen, ihre Lebensphilosophie lautstark allen kundtun zu müssen. Einer Gruppe Franzosen hat der Joint wohl zum Dauerquasseln verleitet. Zum Glück ist auf dem Gipfel genügend Platz. Zum Schluss sind wir allein und können die Berge für uns genießen.

Ein Gipfel für Panoramafotos. Der Mount Everest sieht gar nicht so aus, als wäre er der höchste Berg der Erde. Die anderen Berge sehen genauso hoch aus. Es ist schon ein erhebenes Gefühl, am Dach der Erde zu stehen. Ambitionen, ganz hinauf zu wollen, habe ich jedoch nicht. Auf diesen Gipfel zu steigen ist schon körperliche Herausforderung genug. Der Blick auf mehrere Acht- und Siebentausender ist schon bewegend genug. Und diesen Blick haben wir uns selbst erwandert. Fünf Tage sind wir nach Gokyo gelaufen, über zweitausend Höhenmeter überwunden und dann noch einen Berg bestiegen. Diese Erfahrung nehme ich für mein Leben mit.

Tag 7, Tageswanderung nach Dragnag über den Gletscher Ngozumpa

Wir wollen den großen Gletscher überqueren, der hinter Gokyo liegt. Leider kommen wieder die Wolken schnell über den Himmel, es trübt ein und wird wieder kalt. Der Gletscher zeigt sein Eis kaum, er ist von einer Steinwüste überdeckt. Von den steilen Seitenkanten fallen beständig die Steine herunter. Auch unser Weg durch das Schneefeld ist steil.

Der Weg über den Gletscher ist ein ständiges auf und ab durch eine Steinwüste. Zum Glück stehen viele Steinmännchen herum, die den Weg zeigen. Der Weg ist ein ständiges Balancieren über die Steine, der volle Konzentration verlangt. An wenigen Stellen können wir das Eis sehen, wie es blank mehre zehn Meter hoch über einem See steht. Zurück im Fitzroy erfahren wir, dass das Eis in den letzten Jahren weniger geworden ist. Deshalb sind die Flanken der Seitenmoränen höher geworden, von wo immer wieder Steine herunter fallen.

Am Nachmittag fängt es wieder an zu schneien. Es ist unklar, ob wir morgen über den RenjoLa Pass gehen können. Wenn es zu viel schneit oder die Wolkendecke zu niedrig ist, können wir den Weg nicht finden.

Auf der Rücktour über den Gletscher überlege ich, dass man die wichtigen Dinge im Leben erfahren muss. Kann man sich wesentlichen Dinge im Leben anlesen? Ich konnte mir Nepal vor meiner Reise auch nicht richtig vorstellen. Im Himalaya ist alles viel größer als in den Alpen.

Tag 8, Renjo La Pass nach Lungden

Seelisch stelle ich mich darauf ein, dass wir am 8. Tag wieder den gleichen Weg nach Namche Bazar absteigen müssen, weil das Wetter nicht besser werden will. Am Nachmittag zieht es sich wieder zu und es fängt an zu schneien. Unsere geplante Runde über den RenjoLa Pass und dem Nangpo Tsanpo Tal zurück nach NamcheBazar scheint zu scheitern. Am Sonntag müssen wir ja wieder in Lukla für den Rückflug nach Kathmandu sein.

Ich wache wie jeden Tag mit Sonnenaufgang gegen viertel vor sechs auf. Die Fensterscheiben sind wieder von innen vereist. Nur fahles Licht dringt hinein. Die Armbanduhr zeigt 1 Grad, keine schöne Aussicht, aus dem mühselig aufgewärmten Schlafsack zu krabbeln. Kathrin reibt ein Stück vereister Scheibe frei, um das Wetter zu checken. Blauer Himmel, verschneite Berge, die ersten Sonnenstrahlen werden von der gegenüber liegenden Bergkette zurückgeworfen. Bestes Wetter um über den RenjoLa Pass zu gehen. Dann jetzt schnell raus in die eiskalten Wanderklamotten (zum Glück habe ich einige in meinen Schlafsack gesteckt, damit sie warm sind).

Um 8 Uhr starten wir am Gokyo-Lake vorbei in Richtung Renjo La Pass, 5465 m hoch. Eine Stunde vor uns startete eine Vierergruppe und wir können durch sie den Weg im Neuschnee finden. Wir sind schwer aufgeregt. Das Atmen fällt schon jetzt schwer, obwohl es noch eben am See entlang geht. Konzentration auf die Ausatmung, jeden Schritt einatmen und ausatmen.

Nach dem Gokyo-See gehen wir in die erste Steilstufe: über ein Steinband geht es nach oben. Unsere vorlaufende Gruppe hat den Weg allerdings durch den Schnee gelegt, mit nur wenigen Serpentinen. Unsere alten Wanderschuhe können dem Schnee wenig trotzen. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite, die Sonne schmilzt die oberste Schneeschicht schnell dahin. Auf dem ersten Plateau in knapp 5000 m Höhe die erste Rast. Die ersten Snickers müssen dran glauben. Jetztgeht der Weg über eine geschlossene Schneedecke. Ein Gefühl, dass ich von Skitouren noch kenne. Links von uns ragt der Nordausläufer des mächtigen Machermo-Gletschers überhängend auf uns herab. Ich möchte nicht erleben, wenn dieser abbricht.

An der zweiten Stufe geht es hinauf zum Pass. Jetzt müssen wir auch felsige Steilstufen überwinden, die durch den schmelzenden Schnee auch noch angeeist sind. Die Gebetsfahnen des Passes kommen in Sicht, wirken aber noch ganz weit oben. Ein kurzer Blick zurück ist atemberaubend: das volle Panorama der Sieben- und Achttausender zeigt sich uns in einer weißen Pracht. Aber wir haben noch hundert Höhenmeter vor uns. Am letzten Aufschwung haben fleißige Sherpa Stufen gelegt. Leider sind sie völlig vereist, ein falscher Schritt, und ab geht es nach unten.

Aber alles geht gut, wir stehen auf dem Pass, der sich wie ein Gipfel anfühlt, 5465m hoch! Noch zehn Minuten später muss ich nach Luft ringen und bewusst atmen, um nicht in Atemnot zu geraten. Wir packen den leckeren Schokokuchen des Fitz Roy Inn in Gokyo aus. Der gigantische Panoramablick auf die höchsten Berge der Welt ist geblieben.

Der Abstieg nach Westen wird lang. Erstmal geht es über viele verschneite Stufen nach unten. Erst von unten sehen wir, dass wir uns über einem hohen Abbruch befanden; gut dass wir es nicht vorher gewusst haben. Lang zieht sich der Weg nach unten, an mehreren Seen vorbei durch ein Hochtal, mit riesigen Ausblicken über die westlichen Riesen. Es ist alles viel größer als ich es aus den Alpen gewohnt bin.

Der Abstieg dauert fast vier Stunden. Das erste Dorf ist Lungden, wir sind völlig platt. Eigentlich wollten wir nach ein Dorf weiter nach Maulung laufen, aber wir sind zu kaputt. Die Nacht wird bitterkalt. Am nächsten morgen sind im Gastraum nur noch 5 Grad. Frierend zwängen wir uns ein Frühstück hinein.

Wir haben es aber geschafft, den höchsten Pass in meinem Leben aus eigener Kraft überwunden. Wer weiß, ob ich das noch einmal erleben werde. Ich habe mein Gepäck selber getragen, den ganzen Anstieg von Lukla selbst gemacht. Von knapp 2500 m auf knapp 5500 m. Wir sind stolz auf uns.

Tag 9, von Lungden nach Namche Bazar

Zum Glück hat es die Sonne um 8 Uhr schon über den Berg geschafft, um unsere völlig kalten Körper zu erwärmen. Eine Stunde laufe ich noch mit allem, was ich zum Anziehen dabei habe. Erst dann beginne ich zu schwitzen. Die Sonne ist ja eine subtropische Sonne, wir befinden uns auf den gleichen Breitengraden wie die Nordsahara. Von 4400 m geht der Weg beständig abwärts. In diesem Tal kommen wir an mehreren Almen vorbei. Jeder wagerechter Quadratmeter scheint für den Kartoffelanbau genutzt zu werden. Kartoffeln sind jedoch die einzige Frucht, die in dieser Höhe wächst.

In Thame wachsen die ersten Bäume. Flankiert wird das Tal durch das gewaltige Massiv des Kongde Ri, der 6187 m aufragt. Mehrere Klöster und Stupas begleiten unseren Weg. Dieser ist viel mehr besiedelt als unser Weg aufwärts. Viele Träger mit Baumaterial kommen uns entgegen. Jeder trägt ein bis zwei riesige Bretter den Berg hinauf. Ihr Lohn scheint geringer als ein Transport mit dem Hubschrauber, der alle Viertelstunde ebenfalls Baumaterial nach oben fliegt.

Zwischen Thame und Thamo überqueren wir die Schlucht auf einer schmalen Brücke. Sie ist mit unzähligen Gebetsfahnen geschmückt, die Felswand ist mit Bildern von Shiva und Shakti geschmückt. Wir wollen möglichst weit kommen an diesem Tag. Nach Thame kommen wir jedoch an keiner akzeptablen Lodge mehr vorbei. Wir wollen auch nicht mehr so frieren wie die letzten Tage. Durch einen wunderschönen Kiefernwald wandern wir weiter in Richtung Namche. Wir sind mittlerweile deutlich unter 4000 m angelangt. In Namche hoffen wir auf eine Unterkunft mit warmer Dusche.

Tag 10, Pause in Namche Bazar

Wir haben ein Hotel mit warmer Dusche gefunden, und uns entschlossen, hier einen Tag Pause zu machen, bevor wir die letzte Etappe nach Lukla gehen.

Tag 11, von Namche Bazar nach Lukla

18 km, 1700 m hoch, 2300 m hinunter.

Ein langer Tag auf der Hauptroute; ein dauerndes auf und ab durch das Tal des Dudh Koshi. Viertel vor acht sind wir los, und um halb sechs in Lukla angekommen.

Tag 12, Rückflug nach Kathmandu, leider verschoben

Am Morgen stehen wir um halb neun am Flugplatz von Lukla. Es herrscht große Hektik, da am Vortag keine Flugzeuge landen konnten wegen schlechten Wetters. Im Minutentakt kommen Maschinen an und bringen Wanderer, und fliegen sofort leer wieder los, um die nächste Ladung aus Ramichap abzuholen. Ich stehe gerade an der Treppe zum Rollfeld, als die nächste Maschine am Anfang der Startbahn ihr Propeller aufheulen lässt, um mit Vollgas zu starten. Als sie anrollt, schafft sie es nur fünfzig Meter weit und kommt dann von der Startbahn ab. Sie rollt eine Böschung hinab und stürzt in zwei stehende Hubschrauber auf dem Heliport. Die Maschine hatte keine Passagiere an Bord, aber wir hören schnell, dass drei Menschen gestorben sind. Der Schock sitzt tief, gerade weil der Flugplatz von Lukla immer wieder als eines der gefährlichsten Flugplätze der Welt genannt wird.

Bis zum Nachmittag warten wir am Flughafen auf weitere Anweisungen, dann wird klar, dass der Flugplatz geschlossen bleibt und wir eine weitere Nacht in Lukla bleiben müssen.

Tag 13: von Lukla nach Ramichap und Kathmandu

Am nächsten Morgen sind wir sehr früh am Flugplatz, mit einem klammen Gefühl. Aber die Alternative zum Flugzeug wäre eine dreitägige Wanderung über 45 km bis zur nächsten Straße. Also besteigen wir mit zitternden Knien die Propellermaschine, fahren los, rollen auf der Startbahn am Wrack von gestern vorbei, und …. die Maschine hebt ab. Zwanzig Minuten sind es bis Ramechap, und wir landen sicher.

In Ramechap warten schon hunderte Wanderer auf den Flug nach Lukla. Ein Abfertigungsgebäude ist nicht zu erkennen. Man hat sich überall niedergelassen und sitzt auf seinen Rucksäcken. Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle in die Berge gebracht sind.

Wir halten uns nicht lange auf und besteigen den ersten besten Minibus nach Kathmandu. Die Fahrt dauert sechs Stunden.

Was bleibt?

Nachdem der Schock des Flugzeug-Crash etwas verflogen ist, können die Gedanken wieder auf das kommen, was wir in den Bergen erlebt haben. Wir sind aus eigener Kraft und mit selbst getragenen Gepäck auf fast fünfeinhalbtausend Meter hochgestiegen. Darauf sind wir sehr stolz, das geschafft zu haben. Wie sind ja auch keine Jungspunte mehr…

Die Hochgebirgswelt des Himalaya ist eine faszinierende Landschaft, einerseits die verschneiten Gipfel und Pässe, aber auch das karge Kulturland, welches bis auf über 4000 m hoch reicht. Aber es ist auch eine Landschaft in Gefahr. In den letzten 50 Jahren sind die Hälfte der Gletscher im Himalaya abgeschmolzen. Sie sind die Wasserversorgung für ca. 2 Milliarden Menschen in Süd- und Südostasien. Es ist bewegend, die Auswirkungen des Abschmelzens live zu sehen. Am Gletscher Ngozumpa war an den Kanten das Absinken des Eisniveaus deutlich zu erkennen.

Vielleicht kann ich durch das eigene Erleben meinen Schülern authentischer berichten, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Vielleicht kann ich lebendiger erzählen und meine eigenen Fotos zeigen, als nur nackte Zahlen zu nennen. Ich glaube, dass Geschichten und Erzählungen viel mehr die Menschen erreichen als Fakten und Daten. Ich kann mich noch selbst an meine Schulzeit erinnern, als mein Biologielehrer von seinen Weltreisen zurückkam und den Diaprojektor auspackte, um von seinen Reisen zu berichten. Das waren die ersten Augenblicke, in denen ich mich für die Welt interessierte, und ich kann mich heute noch daran erinnern. Alexander von Humboldt soll an Goethe geschrieben haben: „die Natur muss gefühlt werden“. Das haben wir im Himalaya intensiv getan.

Der Wandertourismus hat dem Khumbu-Gebiet und den dort lebenden Volk der Sherpa einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Doch die Massen, die zum Everest-Base-Camp hochpilgern, sind schon sehr groß. Einerseits ist die touristische Erschließung gut für die dort lebenden Menschen, auf der anderen Seite wird die fragile Natur der Berge hoch belastet. Bei der letzten Aufräumaktion wurden 8 Tonnen Müll vom Fuße des Everest gesammelt. Zum Glück muss man noch immer zu Fuß gehen, mindestens fünf Tage lang. Träger und Führer haben ihr Auskommen. Die Touristen müssen weiter mit klapperigen Flugzeugen auf der kurzen Piste in Lukla landen.

Wie so oft ist der Tourismus ein widersprüchliches Terrain. Aber er hat ja auch dazu beigetragen, die Alpen aus dem Armenhaus herauszuführen, auch wenn er auch dort viele Umweltsünden gebracht hat.

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