Kathmandu, letzter Tag der Reise

27° 43′ 0″ N, 85° 19′ 0″ E

Langsam kommt der Monsun die südliche Berge hinauf. Es regnet fast täglich und es ist so diesig, dass man die Berge um das Kathmandutal nicht mehr sehen kann. Eine gute Gelegenheit auf der Dachterrasse zu sitzen und etwas zurückzuschauen auf die letzten drei Monate. 

Blick von einer Dachterrasse über Kathmandu

Drei Monate, drei Länder. Thailand war so etwas wie der sanfte Einstieg nach Asien. Am Anfang noch sehr exotisch, aber als wir nach zwei Monaten aus Yangon wieder nach Bangkok zurückkehrten, fühlte es sich wohlorganisiert und vertraut an. Wir sind von Süd nach Nord durch Thailand gefahren und haben von tropischer Küste, Regenwald, Megastadt Bangkok, Geschichtspark Sukhothai, die ländliche Region um Nan und Chiang Rai einen guten Überblick über das Land, seine verschiedenen Landschaften und Kulturen bekommen. 

Der alte König …, Bangkok

Mit dem Grenzübertritt nach Myanmar war die Ungewissheit für uns schon groß, was uns erwarten wird.  Wie wird das Reisen in einer fast-noch Militärdiktatur sein? Dass wir aus einer quasi Militärdiktatur Thailand kamen, haben wir gar nicht richtig gemerkt. An jeder Station der Reise durch das Land haben wir neue Dinge dieses sehr armen Landes entdeckt. Von den ethnischen Verschiedenheiten, den buddhistischen Traditionen der goldenen Pagoden und Tempeln, der offensichtlichen Armut der Menschen, der reichen Vergangenheit, den Naturschönheiten, dem Müll, der Nähe zum übermächtigen Nachbarn China und den Versuchen der Modernisierung in der Hauptstadt Yangon. Wir sind von Tachilek nach Hispaw in den Shan-Staaten, Mandalay, Bagan, Kalaw und Inle-See, dem Ayeyawaddy-Delta, den Stränden am Golf von Bengalen bis nach Yangon gereist.  

Im Ayeyawaddy-Delta

Die letzte Station der drei Monate war Nepal. Dieses Land ist noch ärmer als Myanmar, was wir gleich an den ersten Tagen in Kathmandu erleben konnten. Die Auseinandersetzung mit dieser Armut begleitete uns den ganzen Monat. Armut bedeutet offensichtlich auch immer Vermüllung. Nepal ist durch das Erdbeben von 2015 sehr in seiner Entwicklung zurückgeworfen worden, auch wenn man die Auswirkungen meist nur noch an den Gerüsten der Pagoden an den Durbar-Plätzen in Kathmandu und Patan sehen kann. 

Die „Müllabfuhr“ von Kathmandu ist völlig überfordert

Doch ein Schwerpunkt unserer Reise in Nepal war der Gokyo-Trek im Himalaya, auf dem wir 13 Tage durch das Everest-Gebiet wanderten. Dieses Trekking war mit Sicherheit eines der Höhepunkte der drei Monate, ein einzigartiges Naturerlebnis im höchsten Gebirge der Welt. 

Blick auf die 6000er

Die letzten zwei Wochen verbrachten wir im Kathmandutal. Der Flugzeug-Crash in Lukla und die Cancelation unseres Rückfluges nach Dehli trübte unsere Lust auf zwei weitere Tage im rumpeligen Bus und den Besuch eines weiteren Ziels in Nepal. Wir besuchten die Sehenswürdigkeiten Kathmandus und wanderten drei Tage in Dhulikhel in den mittleren Bergen am östlichen Kathmandutal.  

Die ganze Reise war eine Begegnung mit der Lebenskultur in Süd- und Südostasien. Dabei ist die Freundlichkeit der Menschen sicher eines der besonderen Erfahrungen geworden. Am deutlichsten war sie in Thailand zu spüren. Das Lächeln der Menschen ist nicht nur eine Erfindung des Tourismus-Marketings, sondern wir haben es tausendfach gesehen. Wenn man ein Lächeln gibt, bekommt man freundliches Lächeln zurück. Eigentlich eine Binsenweisheit, trotzdem werde ich diese Erfahrung mit nach Deutschland nehmen, wo das Lächeln vielleicht noch nicht so populär ist. Auffallend war auch, dass die Menschen mir meist offen ins Gesicht geschaut haben. Selten wurde beschämt weggeschaut, oft interessiert und freundlich zurückgeblickt. 

Beeindruckt hat mich auch das Lachen in vielen Situationen, die ich beobachtet habe, obwohl die Menschen einen viel härteren Alltag mit Armut und schwierigen Lebensbedingungen haben als wir in Deutschland. In allen drei Ländern wurde viel gelacht, besonders in Thailand und Nepal. Die Menschen in Myanmar waren etwas zurückhaltender, vielleicht prägt über vierzig Jahre Militärdiktatur die Freude. 

Beeindruckend war auch der Kontakt mit den Religionen. In Thailand und Myanmar dominierte der Buddhismus. Die Pagoden, Klöster und Statuen in Thailand waren in einem beeindruckendem Zustand, tolle Komplexe mit viel Gold und Rot, wahnsinnig vielen Details in Skulpturen, rituellen Gegenständen und Malereien. Es war fast unüberschaubar, die Vielzahl der Symbole zu verstehen und zu deuten. Die Plätze waren aber immer schöne Orte der Ruhe und der Meditation. Es gab kaum einen Ort, der nicht mit einer Buddhastatue oder einem Schrein ausgestattet war. Gut, dass es das Internet gibt, da konnten wir auftauchende Fragen zum Buddhismus oft schnell nachlesen. In Thailand waren die großen Meditationshallen am imposantesten. 

Bagan

In Myanmar waren es die großen goldenen Stupas, die die spirituellen Stätten prägten. In diesem Land trat der Gegensatz von der Pracht der buddhistischen Orte zu der Armut und dem Verfall im Umfeld für mich sehr irritierend in den Vordergrund. Wenn die Klöster reich und die Schulen und Krankenhäuser arm sind, stimmt für mich das Verhältnis nicht mehr. In Mandalay gibt es eine Buddhastatue, die mit so viel Blattgold beklebt ist, dass ihre Proportionen nicht mehr zu erkennen sind und die eher nach einem großen Goldklops als nach einer Buddhastatue aussieht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieses Verhalten im Sinne der Lehren Buddhas sein können, der doch die Abkehr von aller Gier auf das Materielle als Voraussetzung für eine Erleuchtung gepredigt hat. 

Am unverständlichsten ist für mich, dass in zutiefst buddhistischen Ländern wie Thailand und Myanmar die Menschenrechte so mit Füßen getreten werden. Wie können Menschen, die die buddhistische Weltsicht, die nach meinem Verständnis auf Toleranz, Friedfertigkeit und dem Wohlergehen aller Lebewesen ausgerichtet ist, solche menschenverachtenden Staatssysteme aufbauen. In Myanmar beteiligen sich sogar buddhistische Mönche an der rassistischen Hetze gegen andere Religionen, besonders der Moslems. Das hat meine Sympathien für die buddhistische Lehre doch arg angekratzt. 

In Nepal ist die Gesellschaft überwiegend durch den Hinduismus geprägt. Ich muss zugeben, dass ich bei den vielen Besuchen der hinduistischen Stätten die Vielzahl der Götter, Inkarnationen und Symbole nicht verstanden habe. Dazu kommt, dass sich in Nepal der Buddhismus und der Hinduismus fröhlich vermischen, und an vielen Stätten eine buddhistische Stupa neben einem hinduistischen Tempel stehen. Leider musste ich feststellen, dass die religiösen Orte in Nepal viel weniger gepflegt waren als in Myanmar oder Thailand. Besonders an den hinduistischen Tempeln lag viel Müll herum, die Tempel waren mit roter Farbe bespritzt und die Verbrennungsrituale haben ihre rußigen Spuren hinterlassen. Sogar die rituellen Wasserspender waren oft zu Müllplätzen verkommen. 

Shiva-Tempel, Nepal

Überhaupt der Müll! Dieses Thema war ein ständiger Begleiter auf unserer Reise. Weite Landstriche, die wir bereist haben, waren völlig vermüllt. Sauber war eigentlich nur der Nationalpark Sargamantha am Everestgebiet, wo die Menschen erkannt haben, dass eine saubere Umwelt ihr Kapital im Tourismus ist. Aber in vielen anderen Gebieten, egal ob Stadt oder Land, ist die Landschaft mit Müll übersät. Egal, ob der Bauer in Bagan mit seinem Moped losfährt und seinen Reissack voller Müll über die Brücke in den ausgetrockneten Fluss wirft, oder die Städter achtlos die Plastikflaschen in der Stadt in die Baulücken wirft. O.k. Es gibt kaum eine organisierte Müllabfuhr. In Myanmar haben die Menschen erst seit zehn Jahren in größerem Stil Kontakt mit Plastik. Sicher haben die Menschen andere Sorgen des Überlebens als die Müllentsorgung. Aber die Vermüllung nimmt solche Ausmaße an, dass sie für uns schwer zu ertragen war. In Bagan war die weite Steppenlandschaft übersät mit Plastiktüten, die vom Wind weggeblasen wurden und an den stacheligen Sträuchern hängen geblieben sind. 

Müll wird bestenfalls verbrannt, Bagan

In Nepal war zu sehen: Müll und Armut scheinen zusammen zu gehören. Je ärmer die Gegend, desto mehr Müll türmte sich auf. Zum Teil watete man an den Bushaltestellen durch das Plastik. Der städtische Müll Kathmandus wird zu den Flüssen gebracht. Man sieht Menschen, die die Säcke mit Müll die Flußböschungen herunterwerfen. Man scheint zu hoffen, dass das Wasser des Monsuns die Sachen wegschwemmen wird. Ich weiß nicht, wohin das Problem mit dem Müll hinführen soll. Wir sind in Europa ja auch nicht besser, wir exportieren den Müll auch noch in die ärmeren Länder. Lange habe ich mich als Deutscher auf der besseren Seite gefühlt, hier würde Mülltrennung und -vermeidung groß geschrieben. Aber die Recherchen der letzten Monate haben offen gelegt, das die Recyclingquote in Deutschland erschreckend gering ist. Deutschland exportiert weiterhin Müll in die dritte Welt, in Malaysia hat eine Redakteurin der SZ riesige Mülldeponien mit „Recyclingmüll“ aus Deutschland gefunden. 

Die Reise war auch eine Begegnung mit dem Zustand der Welt. Mich begleitete das Buch „20 Lektionen für das 20. Jahrhundert“ von Yuval Noah Harari, mit denen ich gut die aktuellen Herausforderungen der Menschheit bedenken konnte. Eines der Thesen von Harari ist, dass viele Menschen und vielleicht ganze Staaten „überflüssig“ werden könnten, weil sie für die globale Produktion nicht gebraucht werden und den Anschluss an die Entwicklung künstlicher Intelligenz nicht geschafft haben. 

Relief beim „Liegenden Buddha“ in Bangkok

Für Myanmar und Nepal gilt diese Gefahr sicherlich; beides Länder, die sehr wenig entwickelt nach unseren westlichen Maßstäben sind. Beide Länder haben auch keine global wichtigen Rohstoffvorkommen, so dass sie für die weltweite Produktion eigentlich unwichtig sind. 

Thailand hat es zumindest schon zum Status eines Schwellenlandes geschafft. Aber die Wirtschaft ist eher regional orientiert. Für eine Rolle als Kleidungsnäherei für die Welt sind die Löhne in Thailand zu hoch, da sind Bangladesh, Kambodscha und Vietnam für die internationale Bekleidungsindustrie attraktiver. Den Einfluss Chinas kann Thailand noch zurückdrängen. Viele Menschen in Thailand sind chinesischer Herkunft, man hat eher ein gutes Verhältnis.

Bangkok

China ist die neue Macht in der Region, das wurde deutlich. Besonders in Myanmar drängen chinesische Touristen und Waren ins Land. Sie sind überaus unbeliebt, überall wurde mit den Augen gerollt, wenn Chinesen im Anmarsch sind. Chinesen haben aber auch keine Manieren und benehmen sich wenig respektvoll, davon konnten wir uns live überzeugen. 

Durch Hispaw rollten dicht an dicht die Sattelschlepper mit landwirtschaftlichen Waren nach China. Ganze LKWs waren mit Melonen beladen. Unsichtbar fließt das Kapital in die andere Richtung und kauft alles auf, was lukrativ erscheint. Dabei fließen die Provisionen in die Taschen der Generäle, die dafür sorgen, dass die Bevölkerung keinen Ärger macht. Die Tendenz, dass sich China überall auf der Welt einkauft, ist in vielen Teilen der Welt zu sehen. Am Ende unserer Reise tagt in Peking eine Konferenz zur „neuen Seidenstraße“. Viele Kritiker befürchten, dass sich China die Kontrolle über wichtige Häfen und Handelsrouten sichern will. An dem Auftreten der chinesischen Reisegruppe in Bagan konnten wir sehen, wie die chinesische Dominanz in den nächsten Jahren aussehen könnte. 

Magische Momente

  • Sonnenaufgang in Bagan
  • Sonnenuntergang in Hsipaw
  • Feuer im Nationalpark im Norden von Thailand
  • Geschichtspark in Sukothai im milchigen Dunst
  • Panoramablick auf dem Gokyo Ri über den Gletscher und die 8000er Gipfel
  • Ausblicke im Nationalpark bei Krabi
  • Erster Blick auf den Mount Everest bei Khojung
  • Strandlauf in Ko Payang
  • Sonnenuntergang in Ko Payang
  • Über den Inle-See mit dem Langboot fahren
  • Mit dem Zug über den Gokteik-Viadukt fahren

Essen

  • Thai Phatai, Thailand
  • Vegetable Rice, Thailand und Myanmar
  • Mo Mo‘s in Nepal
  • Daal Bhat, Nationalgericht in Nepal
  • Chomein, Nepal
  • Diverse Currys, Nepal
  • Fried Noodles, Thailand und Myanmar

Die Reise war auch immer wieder eine Begegnung mit der Armut. Besonders die Menschen in Myanmar und Nepal gehören zu den ärmsten in der Welt. Die Begegnungen mit der Armut macht mich immer hilflos. Als Tourist kannst du die Armut nicht lösen, auch wenn du einem Bettler einen Schein zusteckst. Bettlern sind wir übrigens recht wenig begegnet, das hätte ich anders erwartet. Trotzdem ist die allgegenwärtige Armut sichtbar. 

Am Strand des Ayeyawaddy in Mandalay, Myanmar

Als Tourist profitiert man in diesen Ländern ja von günstigen Reisekosten, Transport, Essen und Unterkunft. Man sollte sicher einen Teil dieser Vorteile, die man als Einwohner eines reichen Staates hat, in Form einer Spende an die bereisten Länder zurückgeben. Dabei sollte man besser Organisationen unterstützen, die eine strukturelle Verbesserung für die Menschen anstreben. Eigentlich wäre eine Entwicklungssteuer für Reisen in Entwicklungsländer eine sinnvolle Maßnahme.

unsere Route

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