Militärputsch in Myanmar

Ich bin entsetzt über die Ereignisse in Myanmar. Am 1. Februar putschten die Militärs aus Myanmar die demokratisch gewählte Regierung zum zweiten Mal seit 1962 und errichteten eine Militärdiktatur übelster Art. Aber die Bevölkerung ist eine andere als 1962: Sie ist international und sich der Wirkung der sozialen Medien bewusst. Sie ist gebildeter und vernetzter. Sie stellt sich jetzt seit über einem Monat der Polizei und Militär entgegen, obwohl auf sie scharf geschossen wird.

Ich hoffe, dass sie einen langen Atem haben. Es ist völlig unklar, wie die Demokratiebewegung von außen unterstützt werden kann. Es scheint alles von China abzuhängen, die die Militärs unterstützen. China ist sicher kein Freund der Demokratie, wünscht sich aber stabile Verhältnisse.

Die Auseinandersetzungen in Myanmar werden genauso wie die Proteste in Hongkong und in Thailand die Frage entscheiden, welche Zukunft die Demokratie in Süd-Ost-Asien hat. Myanmar ist sicher geopolitisch unbedeutend, aber die Symbolkraft im Kampf für oder gegen die Demokratie ist groß.

Meine Solidarität gilt den mutigen Menschen, die sich den Bewaffneten mit Phantasie entgegenstellen. Ich habe das Land vor zwei Jahren bereist und es macht mich traurig, diese Entwicklung zu sehen.

Bild: Im Morgengrauen werden Lebensmittel ins nächste Kloster gebracht.

Reuters-Journalisten in Myanmar kommen frei

Im März habe ich während meiner Reise durch Myanmar über die Menschenrechtsverletzungen und der Bedrohung der freien Berichterstattung in dem Land berichtet. Dabei habe ich auch über die Inhaftierung und die Verurteilung der beiden Reuters-Journalisten You Wa Lone und Kyaw Soe Oo geschrieben. Beide sind in diesen Tagen im Rahmen der Neujahrsamnestie in Myanmar freigelassen worden. Darüber freue ich mich wirklich sehr und gibt vielleicht etwas Hoffnung auf eine Demokratisierung in Myanmar.

http://www.tagesschau.de/ausland/myanmar-journalisten-103.html

Kleinigkeiten des Alltags

Betel kauen

Sie sehen aus wie Dracula. Ihr Lächeln eröffnet eröffnet einen roten Schlund, aus denen kleine weiße Zähne hervorlugen, oder was davon übrig geblieben ist. Die Männer kauen Betelnüsse. Betelnüsse färben sich in Verbindung mit Spucke rot. Sie regen den Speichelfluss an, so dass sie dauern irgendwo ausspucken müssen. Überall sieht man die roten Flecken auf der Straße, an den Bäumen oder den Mülleimern der Restauranttische. Betelkauen ist eher das Genussmittel der einfachen Leute. An den Busbahnhöfen oder den Märkten sieht man viel mehr Männer kauen als anderswo. Frauen kauen fast keine Nüsse. Das dauernde Hingerotze ist schon ziemlich eklig. Das sonst so schöne Lächeln der Menschen kann durch das Betelkauen zu einer Fratze werden. Betel ist schon eine uralte Kulturpflanze, die leicht berauschende und aufputschende Wirkung hat. Verkauft werden die Nüsse von Betelschneidern,

die an Busbahnhöfen und Märkten sitzen. Sie verpacken die Nüsse in kleine Päckchen, die dann gekaut werden.

Das sagt wikipedia:

Unreife Betelnüsse werden in Asien mit Betelschneidern kleingehackt. Üblicherweise werden diese in mit gelöschtem Kalk bestrichene Blätter gerollt, welche nicht von der Betelpalme, sondern vom Betelpfeffer (Piper betle) stammen. Der fertige Betelbissen (auch sirih) wird gekaut. Wegen des bitteren Geschmacks werden häufig Gewürze wie Pfefferminze, Lakritze oder auch Kautabak hinzugegeben. Der gelöschte Kalk bewirkt, dass das in den Nüssen befindliche Arecolin in Arecaidin und Methanol hydrolysiert, greift aber auch das Zahnfleisch an. Sinn der Umwandlung des Alkaloids in die freie Base ist die leichtere Resorbierbarkeit. Die Wirkstoffe werden nach dem Kauen im Mund direkt resorbiert und passieren rasch die Blut-Hirn-Schranke, was gegen Ermüdung wirkt. Das Betelkauen wird seit Jahrhunderten praktiziert, aktuellen Schätzungen zufolge in Ostafrika und Asien von mehr als 450 Millionen Menschen. Durch die Alkalisierung bilden sich Phlobatannine, welche den Speichel rot färben. Daher fand dies in Asien auch zum Färben der Lippen Verwendung. (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Betelnusspalme)

Mingun

22,0409 N; 96,0163 O

Es sollte die größte Pagode der Welt werden. Wir stehen vor einem riesigen Ziegelbunker, durch den gewaltige Risse von oben nach unten wandern. Sie sind die Zeugnisse eines Erdbebens von 1838. So blieb das Projekt des Größenwahns eine Bauruine.

„Seit dem Baubeginn im Jahr 1790 hatte König Bodawpaya viele tausend Sklaven und Kriegsgefangene an der Errichtung des riesigen Stupa arbeiten lassen, der insgesamt eine Höhe von 152 m erreichen sollte (der heute höchste Stupa der Welt erhebt sich mit 127 m im thailändischen Nakhon Pathom). Da die Arbeiten nach dem Tod Bodawpayas 1819 eingestellt wurden, blieb nur die Ziegelbasis zurück, die aber immerhin schon ein Drittel der geplanten Höhe erreicht hatte“

(Stefan Loose Myanmar, A. & M. Markand, Martin H. Petrich und Nipaporn Yanklang)

Mingun ist ein Ort 15 km nördlich von Mandalay, den wir mit dem Touristenschiff über den sandigen Ayeyawaddy-Fluss erreichen.

Weiter nördlich erstrahlt in gleißendem Weiß die Hsinbyume-Pagode, so dass man sie fast nur mit einer Sonnenbrille betrachten kann. Hsinbyume war die Lieblingsfrau Bodawpayas, ihr zu Ehren baute er nach ihrem Tod diese Pagode. Sie symbolisiert die Sulamani-Pagode, die nach buddhistischer Vorstellung auf dem Berg Meru steht, der das Zentrum der Welt darstellt.

Den Tag davor besuchen wir die Holzpagode des Shwenandaw-Kloster. Tolle Holzschnitzereien verzieren diese Pagode. Sie musste mehrfach mit den unterschiedlichen Herrschern an die jeweiligen neuen Hauptstädte umziehen.

Die Kuthodaw-Pagode ist die „Pagode der königlichen Verdienste“. Sie enthält über 700 Steintafeln, auf denen die gesamt Tipitaka als größte Buch der Welt eingemeißelt ist.

Tipitaka:

Der Pali-Kanon ist die in der Sprache Pali verfasste, älteste zusammenhängend überlieferte Sammlung von Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. Die Sammlung ist ein Buddhistischer Kanon und wird durch die Bezeichnung Pali- von anderen derartigen Sammlungen wie dem „Sanskrit-Kanon“ oder dem „Chinesischen Kanon“ unterschieden.

Die andere übliche Bezeichnung „Dreikorb“ ist eine wörtliche Übersetzung von Tipiṭaka (Pali) und Tripitaka (Sanskrit). Sie weist auf die Gliederung der Textsammlung in drei große Teile („Körbe“) hin. (Wikipedia)

Bei den Besuchen dieser gigantischen und schönen Pagoden und Tempel frage ich mich trotzdem, ob sie wirklich aus spirituellem Interesse und nicht doch eher als Machtdemonstration der jeweiligen Herrschenden gelten. So weit ich die buddhistische Lehre verstanden habe, geht es doch um um die Überwindung von Gier und der Anhaftung an weltlichen Gegenständen. Die Errichtung von riesigen Pagoden mit Sklaven und Kriegsgefangenen scheint mir kaum im Einklang mit der buddhistischen Lehre zu sein. Noch in den neunziger Jahren wurden die verfallenen Pagoden von Bagan mit aus der Bevölkerung rekrutierter Zwangsarbeit renoviert.

Wo sind die Unterschiede zu den sakralen Machtbauten in Europa? Oder ist es etwa ein weltumspannendes Bedürfnis der Menschen, Macht mit großen Bauwerken zu demonstrieren, egal welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Bietet die Spiritualität nicht nur eine fadenscheinige Legitimation für Prunk und Protz? Die buddhistische Idee, durch gute Taten sein Karma zu verbessern und eine günstigere Wiedergeburt zu ermöglichen, wird dadurch auf das Stiften von Pagoden reduziert. Ich dachte immer, die guten Taten beziehen sich auch auf das soziale Miteinander in einer Gesellschaft. So stehen sich hier in Myanmar in krassem Widerspruch die schönen und prächtigen Pagoden den ärmlichen Behausungen der Menschen gegenüber. Könnte man nicht auch sein Karma verbessern, in dem man eine Schule oder ein Krankenhaus stiftet?

Mich begleitet auf dieser Reise das Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ von Yuval Noah Harari. In seiner 20. Lektion fragt er nach dem Sinn im 21. Jahrhundert. Da scheint ja auch für die westlichen Welt der Buddhismus interessante Ansätze zu bieten. Aber Myanmar scheint ein Beispiel zu sein, dass auch Anhänger des Buddhismus nicht vor Unmenschlichkeiten gefeit sind:

„Die Geschichte des Buddhismus bietet tausend Beispiele dafür, wie Menschen, die an die Vergänglichkeit und Leerheit aller Phänomene glauben, daran, wie wichtig es ist, sich von allen Bindungen zu befreien, um die Regierung eines Landes, den Besitz eines Gebäudes oder sogar die Bedeutung eines Wortes streiten und kämpfen können.“

„Heute ist die Menschenrechtsbilanz des buddhistischen Myanmar eine der schlimmsten weltweit, und ein buddhistischer Mönch namens Ashin Wirathu steht an der Spitze der antimuslimischen Bewegung im Land. Er behauptet, er wolle lediglich Myanmar und den Buddhismus vor den Verschwörungen muslimischer Dschihadisten beschützen, aber seine Predigten und Artikel sind so voller Hetze, dass Facebook seine Seite im Februar 2018 mit Verweis auf die Richtlinien gegen Hate Speech löschen ließ. In einem Interview mit dem Guardian predigte der Mönch 2017 Mitleid für eine sterbende Mücke, doch als er mit Vorwürfen konfrontiert wurde, muslimische Frauen seien von Soldaten aus Myanmar vergewaltigt worden, lachte er nur und sagte: «Unmöglich. Ihre Körper sind zu widerwärtig.“

Es macht wohl zumindest Sinn, für weltweite Menschenrechte zu kämpfen.

Kleinigkeiten des Alltags

Betel kauen

Sie sehen aus wie Dracula. Ihr Lächeln eröffnet eröffnet einen roten Schlund, aus denen kleine weiße Zähne hervorluge, oder was davon übrig geblieben ist. Die Männer kauen Betelnüsse. Betelnüsse färben sich in Verbindung mit Spucke rot. Sie regen den Speichelfluss an, so dass sie dauern irgendwo ausspucken müssen. Überall sieht man die roten Flecken auf der Straße, an den Bäumen oder den Mülleimern der Restauranttische. Betelkauen ist eher das Genussmittel der einfachen Leute. An den Busbahnhöfen oder den Märkten sieht man viel mehr Männer kauen als anderswo. Frauen kauen fast keine Nüsse. Das dauernde Hingerotze ist schon ziemlich eklig. Das sonst so schöne Lächeln der Menschen kann durch das Betelkauen zu einer Fratze werden. Betel ist schon eine uralte Kulturpflanze, die leicht berauschende und aufputschende Wirkung hat. Verkauft werden die Nüsse von Betelschneidern,

die an Busbahnhöfen und Märkten sitzen. Sie verpacken die Nüsse in kleine Päckchen, die dann gekaut werden.

Das sagt wikipedia:

Unreife Betelnüsse werden in Asien mit Betelschneidern kleingehackt. Üblicherweise werden diese in mit gelöschtem Kalk bestrichene Blätter gerollt, welche nicht von der Betelpalme, sondern vom Betelpfeffer (Piper betle) stammen. Der fertige Betelbissen (auch sirih) wird gekaut. Wegen des bitteren Geschmacks werden häufig Gewürze wie Pfefferminze, Lakritze oder auch Kautabak hinzugegeben. Der gelöschte Kalk bewirkt, dass das in den Nüssen befindliche Arecolin in Arecaidin und Methanol hydrolysiert, greift aber auch das Zahnfleisch an. Sinn der Umwandlung des Alkaloids in die freie Base ist die leichtere Resorbierbarkeit. Die Wirkstoffe werden nach dem Kauen im Mund direkt resorbiert und passieren rasch die Blut-Hirn-Schranke, was gegen Ermüdung wirkt. Das Betelkauen wird seit Jahrhunderten praktiziert, aktuellen Schätzungen zufolge in Ostafrika und Asien von mehr als 450 Millionen Menschen. Durch die Alkalisierung bilden sich Phlobatannine, welche den Speichel rot färben. Daher fand dies in Asien auch zum Färben der Lippen Verwendung. (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Betelnusspalme)

Von Kalaw an den Inle-See

Inle-See: 20 Grad 33 Minuten N, 96 Grad 55 Minuten O

Mit Than, unserem Führerund fünf weiteren Trekkern geht es drei Tage zu Fuß durch das Land von Kalaw an den Inle-See.

Nach den Feldern rund um Kalaw kommen wir in den grünen tropischen Wald in Richtung des Stausees zur Wasserversorgung der Stadt. Das Wasserwerk wurde erst 2016 mit Hilfe Japans gebaut, mir ist rätselhaft, wie vorher die Wasserversorgung ohne die Filterbecken aussah. Durch üppig grünen Wald geht es stetig nach oben. Oben am Kamm der Berge angekommen, eröffnet sich uns ein weiter Blick nach Süden über große Teeplantagen. Nur: der Wald ist komplett weg, stattdessen brennen überall die Feuer. Ganze Bergrücken werden abgefackelt. Wie es vermieden wird, dass auch die bestellten Plantagen oder die die Häuser niederbrennen, kann uns Than auch nicht sagen. Trotz des tollen Blickes gehen die Aschestücken auf uns nieder und trüben die Stimmung. 10-15% des Klimawandels gehen auf das Konto von Brandrodung (1).

Die Wege verlaufen meist auf den Höhenrücken der Berge. Felder wechseln sich mit Wald ab. Über uns ziehen Adler ihre Kreise. Wir treffen auf ein paar Häuser, vor denen Männer ein Brettspiel spielen. Jeder hat Geldscheine in der Hand. Auf dem Brett werden Spielsteine hin und her geschossen, ähnlich wie beim Billiard. Legal ist das Spiel um Geld nicht. Wehe jemand ruft die Polizei an.

Nach einiger Zeit treffen wir auf die Bahngleise. Die Bahnlinie führt von Taunggyi nach Yangon. Die Schritte immer genau auf die Schwellen zu setzen ist gar nicht so leicht. Die Abstände sind nie gleich. Da konzentrieren wir uns lieber auf den Schritt als in die Landschaft zu schauen. Mit dem Schwellenschritt erreichen wir Myndeik, im Bahnhof gibt es erstmal Tee im Laden/Restaurant/Wohnzimmer ? des Bahnhofsvorstehers. Sein Sohn spielt währenddessen mit den Flaggen des Vaters, rot und grün. Von hier aus kann man mit dem Zug nach Yangon fahren, wenn man genügend Zeit und Geduld mitbringt.

„Kommt der Zug gleich?“

Die Ankunft eines Zuges ist das Ereignis im Dorf. Die Frauen setzen sich in Bewegung, den wenigen Reisenden etwas zu verkaufen: Getränke, Fleischstücken am Spieß, Gemüse für Zuhause oder Blumen für die Pagode oder den häuslichen Schrein. Laut schreiend wird sich auf die Wagonfenster gestürzt und die Ware feilgeboten. Der Zug bleibt lang genug stehen, damit alle Wünsche erfüllt werden. Er hat meist sowieso schon Verspätung.

Langsam setzt er sich wieder in Bewegung, quietschend rumpelt er aus dem Bahnhof. Die Frauen gehen wieder nach Hause, es war der letzte Zug für heute. Um halb Fünf färbt sich das Licht abendlich gelb/rot. Wir brechen auch zu unseren letzten Kilometern zu unserer ersten Unterkunft auf. Das Licht färbt die Landschaft ein bezaubernde warme Farben. Die Hitze des Tages bleibt noch bei uns, die Steine und der Boden strahlen die Wärme zurück.

Wir erreichen ein Dorf. Vor einem Haus, das sich nicht von den anderen unterscheidet, biegt Than ein. 21 km haben liegen hinter uns. Wir haben unsere Unterkunft erreicht. Im ersten Stock bekommen wir ein Zimmer mit sechs Schlafplätzen: Reismatten auf dem Boden, je ein Kopfkissen und zwei Decken. Wie im Lager auf einer Berghütte. Die asiatischen Lager sind aber extrem hart. Auch die Badezimmer sind ländlich, ein Wellblechverschlag mit einem Bottich mit Wasser und einer Schöpfkelle. Die Plumpsklos etwas weiter hinten. Der Wasserbüffel steht gleich hinter dem Klo. Die Familie Kocht traditionell in der Mitte ihres Hauses. Die Nacht ist stockdunkel. Ich kann meine Hand nicht vor Augen sehen und muss die Stirnlampe ertasten.

Die Dusche

Am nächsten Morgen wird die Landschaft schnell anders. Wir lassen den Wald hinter uns und Felder in hügeliger Landschaft tun sch vor uns auf. Braun und Ocker werden die bestimmenden Farben des Tages. An einem Geschäft stoßen weitere fünf Wanderer zu uns, die nur zwei Tage unterwegs sein wollen. Kleine Felder reihen sich aneinander, auf vielen wird mit der Hacke gearbeitet. Feldarbeit ist Handarbeit. Die Werkzeuge bescheiden: Hacke, langes Buschmesser, das wars meistens. Manchmal bearbeitet eine ganze Gruppe ein Feld, aber das ist selten. Die meisten Felder sind abgeerntet. Es wird schnell sehr heiß. die schützenden Bäume des Waldes fehlen. Nur einzelne große weit ausladende Bäume säumen unseren Weg. Das einzige, was noch auf den Feldern steht, ist Chili. Unser Weg ist ist ein ständiges auf und ab, klare Täler oder oder Flussläufe sind nicht zu erkennen.

Mittags erreichen wir ein Dorf, wo eine Familie für uns kocht. Avocadosalat, gebratener Reis, Gemüse, Hühnchenfleisch. Danach Mittagsschlaf, einfach nach hinten auf den Teakholzboden fallen lassen und eine Stunde schlafen. Unser Marschtempo ist durchaus flott, auch als erfahrene Wanderer müssen wir uns ranhalten. Aber bei jedem Fotostopp fallen wir wieder zurück.

Die Dörfer, durch die wir kommen, haben meist keinen Strom. Die ersten Dörfer waren Palaung-Dörfer, dann kamen wir durch Dörfer des Pao-Volkes (2). Unser Guide konnte sich hier gut verständigen, er stammt selbst aus dieser Volksgruppe. Viele der Dorfbewohner können kein Birmanisch verstehen und sprechen. Heiraten zwischen den Volksgruppen sind selten und bedürfen besonderer Genehmigung der Eltern und Dorfvorstände. Frauen tragen besondere Trachten, schwarze Gewänder mit bunten Säumen. Auf dem Kopf tragen sie bunte um den Kopf geschlagene Tücher. Die Männer sind eher einfallslos gekleidet. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat mit 135 Ethnien.

Uns kommt eine große Frauengruppe entgegen, alle Altersstufen. Alle im gleichen Pao-Schwarz gekleidet. Sie schauen uns aus hübschen Gesichtern an. Sie kommen von einer Hochzeitsfeier. Männer und Frauen gehen getrennt. Dann können die Männer ungestört trinken. Sie fragen uns, ob wir nicht müde seien von der ganzen Wanderung. Than übersetzt für uns. Unter einem Baum sitzen sieben alte Frauen. Sie sind auch alle im traditionellen Schwarz gekleidet. Sie gehen auf eine Beerdigung. Die meisten haben kaum noch Zähne im Mund. Sie wirken schon sehr alt, laut Than sind sie wohl erst Mitte sechzig. Das Leben mit der Arbeit auf dem Feld ist wohl sehr zehrend. Aber sie sehen sehr würdevoll aus.

Die Dörfer, durch die wir kommen, haben meistens keinen Strom. Chinesische Solarzellen und eine angehängte Batterie erlauben mittlerweile etwas Licht am Abend, das Aufladen der Smartphones und vielleicht einen Fernseher. Nachts ist es aber meist stockdunkel. Wir kommen an einer natürlichen Quelle vorbei, einer kleinen grünen Oase. Das Wasser sprudelt eine kleine Kante zügig herunter. Die Dorfbewohner haben zwei kleine Generatoren installiert, um das Dorf mit Strom zu versorgen. Die Dinger wirken wirklich antiquiert. Es scheint überall die Eigeninitiative der Menschen im Dorf nötig zu sein, der Staat scheint sich um die Elektrifizierung nicht zu kümmern. Dabei sehe ich die Elektrizität als eines der zentralen Aufgaben eines Staates innerhalb der Daseinsvorsorge.

Aus der Quelle wird ein kleiner Fluss, der aus dem trockenen Tal eine grüne Oase macht. Pumpen befördern das Wasser auf die Felder. Über den Fluss kann man über wackelige Bambusbrücken das Ufer wechseln. An einem flachen Uferabschnitt können wir baden. Birmesen haben keine Badehosen oder Bikinis, hier wird traditionell im Longi gebadet.

Als wir uns im Wasser abkühlen, kommen Kinder mit einer Herde Wasserbüffel den Pfad hinunter. Die Jungen reiten auf den Tieren. Auch Wasserbüffel lieben das Bad im Fluss, was ihr Name auch vermuten lässt. Ich habe noch nie mit einer Herde Wasserbüffel gebadet. Die Tiere sind jedoch sehr scheu und werden gleich ganz nervös, wenn man sich ihnen zu sehr nähert. Die Kinder nutzen die Gelegenheit zu einem ausführlichen Schwimmen.

Die letzten eineinhalb Stunden unserer Wanderung verläuft im gelben Licht des frühen Abends. Da die Sonne den kürzesten Weg über den Zenit nimmt, nähert sie sich am nachmittag sehr schnell dem Horizont. Macht sie Mittags kaum Schatten, ist er um vier Uhr nachmittags schon mehrere Meter lang. Entsprechend schnell neigt sie sich dem Horizont zu, was das Licht ein ein warmes Gelb und später Orange wandelt. Die ganze Landschaft ist in warme Farbtöne gehüllt. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir unser Dorf, in dem wir wieder bei einer Familie übernachten.

Das Abendessen ist super, viele verschiedene Gemüse und Salate. Etwas erschrocken sind wir, als wir erfahren, dass alle Lebensmittel, die wir essen, extra aus Kalaw mit dem Auto in die Dörfer gefahren werden. Wir dachten, dass wir das lokale Gemüse aus den Dörfern zu Essen bekommen und das dieses eine zusätzliche Einkommensmöglichkeit für die Familien aus dem Dorf bedeutet. Vielleicht sind die Lagermöglichkeiten auf dem Dorf zu beschränkt. Neben der kleinen Übernachtungsgebühr verdienen die Familien hauptsächlich am konsumierten Bier.

Inle-See

Der See wird austrocknen, wenn die Abholzung so weitergeht wie bisher. Das weiß auch unser Guide. Wir schauen auf gelbe kahle Bergflanken westlich und östlich des Sees.

Am Ende unserer Wanderung setzt Than die Gruppe in zwei Langboote, die auf uns warten. Erst fahren wir mit gemächlichem Tempo durch schmale Kanäle, links und rechts die Wasserkulturen mit den Bambushütten der Bauern. Alles geht hier per Boot. Der schmale Kanal mündet in den großen, ein großes Myanmar-Beer Werbeplakat zieht an uns vorbei. Jetzt reiht sich Langboot an Langboot, mit hoher Geschwindigkeit auf Naung Shwe zufahrend.

Nur in der Ferne registrieren wir die kahlen Berge. Auf der letzten Etappe sind wir durch ein extrem trockenes Tal gewandert. Hier waren nur noch niedrige Bäume und Buschwerk vorhanden. Sicher stand auch hier mal tropischer Wald. Wir erfahren, dass 80% des Teakholz-Bestandes von Myanmar in der Zeit der Militärdiktatur abgeholzt wurde. Das Holz wurde als Devisenbringer ins Ausland verkauft, die Profite von den Konzernen der Generäle einkassiert. Neben dem ökologischen Raubbau auch ein Diebstahl am eigenen Volk. Und dieses System aus Korruption und Bereicherung scheint auch heute noch weiterzugehen. Ich lese auf tagesschau.de einen Bericht, dass die Renovierung des Segelschiffes „Gorch Fock“ der Bundeswehr mit illegalem Teak-Holz aus Myanamr erfolgte.

Sanierung der „Gorch Fock“: Deals mit der Holzmafia?

(1) vgl. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/klimawandel.htm

(2) https://en.m.wikipedia.org/wiki/Pa%27O_people

Mandalay

21,9588 N; 96,0891 O

Mandalay – das hört sich schon vom Wort her romantisch und verträumt an.

So Ist es aber gar nicht in dieser Stadt. Hier herrscht die Armut und die Realität eines der ärmsten Länder der Welt. Die Küchen stehen direkt am Straßenrand in den Abgasschwaden, als Fußgänger muss man sich auf der Straße den hunderten von Mopedfahrern entgegenstellen, Fußwege gibt es nicht, Werkstätten befinden sich auf offener Straße, wo mal eben ein Getriebe eines uralten chinesischen Lastwagens auseinander genommen wird. Antiquiert wirkende Handwagen mir enormen Lasten werden durch die Straßen geschoben, Fahrräder sind mit enormen Paketen beladen. Vereinzelt fahren noch alte Fahrrad-Ritschkas herum. Dazwischen laufen rosa Nonnen mit einer Blechschale auf ihrem täglichen Bettel-Gang durch die Stadt. Allgegenwärtig ist der ohrenbetäubende Lärm der Moped, bei denen die meisten auf einen Schalldämpfer verzichtet zu haben scheinen. Alles scheint sich auf der Straße abzuspielen. Auch die Marktstände finden sich an den Straßenläufen wieder. Richtige Geschäfte oder gar Supermärkte findet man selten.

Die Strand Road suggeriert ein Flanieren am Fluss, einen Blick über den Ayeyawaddy mit schönem Sonnenuntergang. Auch hier sieht die Realität anders aus. Die Strand Road ist ein staubiges Stück an der Flussböschung, an der sich die Plastikplanen-Hütten entlangziehen. An der Strand Road liegt alles auf dem sandigen Boden, die Fische, die verkauft werden, liegen auf Plastikfolien zwischen den Fahrbahnen, die Bügelwäsche, die mit einem Bügeleisen geglättet wird, das seinen Namen noch wirklich verdient; Kinder, die alte Motorradreifen durch den Sand treiben. Unterbrochen wird die Szenerie immer wieder durch die kleinen Plastikhocker, auf denen die Menschen sitzen und essen und trinken.

Vor der Strand Road fällt das Ufer sandig ab bis zum Fluss. Die Schiffe liegen hier in dreier bis fünfer Reihen. Einfache Planken verbinden sie mit dem Ufer. Kaianlagen und Anleger sind nicht zu sehen. Es wirkt wie vor hundert Jahren. Die Zentner-Säcke Reis werden auf den Schultern über die Planken an das Ufer balanciert. Die noch alterschwächeren Lastwagen werden beladen, oben auf sitzen die Männer und Frauen (!), die die Ladung auf und abladen. Die alten Hino-Lastwagen brauchen zwei bis drei Anläufe, bis sie die Rampe zur Straße hinauf schaffen, immer wieder muss ein Gehilfe herunterspringen und einen Balken hinter die Reifen legen, damit der Fahrer einen neuen Anlauf nehmen kann und der Lastwagen nicht unkontrolliert zurückrollt.

Baumstämme liegen im Wasser, sie werden den Ayeyawaddy-Fluss hinab geflößt. Der Fluss ist Badezimmer und Waschstube in einem. Überall stehen Frauen knietief im braunen Flusswasser und waschen Wäsche, die auf Bambusstangen getrocknet wird. Ich weiß nicht, wie die Menschen ihre weißen T-Shirts und Longis immer wieder so sauber bekommen, mit denen sie dem Staub trotzen. Überall sind viele Menschen aktiv, kein Lastwagen, der nicht mindestens mit drei Leuten besetzt ist.

Und leider überall: Müll! Alles ist voll von Plastik. Plastiktüten und Plastikverpackung, Plastikflaschen. Jede Straße, jeder Weg, jede Grünanlage ist gefüllt mit Plastikmüll. Die Wasserflächen sind bedeckt mit schönen Lotuspflanzen, aber die Ränder sind prall gefüllt mit weggeworfenen Plastikflaschen und -tüten. Keiner scheint sich daran zu stören. Der Müll ist eine echte Plage, überall macht er sich breit. Alle scheinen es zu ignorieren, wenn sie durch diesen Plastik-Sumpf gehen müssen. Ein paar halbherzige Schilder stehen herum, die vor der Plastik-Vermüllung warnen, aber sie wirken wie lautlose Rufer in der Wüste.

Laut und chaotisch

Die Mopeds knattern durch die Stadt. Es scheinen keine Verkehrsregeln zu geben. Kein rechts vor links oder auch andersherum. Wer anhält, hat verloren. Auf der Fahrt mit einem wilden Tuk Tuk – Fahrer währen wir heute fast mit einem Auto zusammen gestoßen. Nur noch die Vollbremsung des Autos konnte den Zusammenprall verhindern. Der Tuk Tuk Fahrer sich ordentlich aufgeregt, obwohl das Auto von rechts kam. Hier gilt das Recht des stärkeren, oder des frecheren.

Aber es gibt auch noch keine Hochhäuser in Mandalay, keine großen Einkaufszentren, keine Glaspaläste der Banken. Ist das Modernität? Wäre Bangkok oder Chiang Mai ein Vorbild für Mandalay? Sollen jetzt die chinesischen Investoren kommen und ganze Straßenzüge abreißen, um sie mit Glaspalästen vollzubauen. Erfahrung mit Zwangsumsiedlungen und Größenwahn-Projekten hat Myanmar ja schon seit Jahrhunderten. Die Chinesen stehen bereit mit ihrem Geld. Durch das nach wie vor schwierige Verhältnis Myanmars zum Westen durch die Vertreibung de Rohinyas hat das Land sich wieder mehr zu China hin geöffnet. Doch die Chinesen sind nicht beliebt, überall wo man fragt, rollen die Leute mit den Augen, wenn man sie auf die Chinesen anspricht. Sie hätten keine Manieren, hören wir. Auch die Angst vor einem Ausverkauf Myanmars an China ist zu hören. Bisher gingen die Erlöse der Geschäfte mit China immer in zwei Taschen: den der Generäle und den der chinesischen Geschäftsleute. Das Volk von Myanmar hatte nie was davon.

Wird die Stadt kollabieren, wenn immer mehr Mopeds und Autos hinzukommen? Wie schön wäre es, wenn alle lärmenden Mopeds durch E-Mopeds ersetzt würden, die nur noch dahinsurren. Die Straßeninfrastruktur Mandalays ist völlig unzureichend für den Individualverkehr. Ein Bussystem existiert nicht. Wie wird es werden, wenn sich die Menschen noch mehr Mopeds leisten können? Der Staat scheint seine Aufgabe in der Daseinsvorsorge überhaupt nicht wahrzunehmen. Der öffentliche Transport läuft über Pritschenwagen, auf deren Ladefläche Bastmatten ausgelegt sind und über Mototaxis und Tuk Tuks. Ein Lob an den Liberalismus, der Markt muss es regeln. Die Eisenbahn in myanmar ist verrottet. Sie fährt noch auf den Gleisen die einst die englischen Kolonialherren bauten. So ist die Geschwindigkeit der Züge auch nicht schneller als 30km/h. Man kann aber für 1000 Kyat (60 cent) acht Stunden Zug fahren.

Mir kommt der Gedanke, dass eigentlich gar nicht die Menschen arm sind, sondern dass der Staat, in dem sie leben, sie im Stich lässt. Der Staat macht nicht das, was ein guter Staat eigentlich tun sollte: die Daseinsvorsorge für seine Bürger bereitstellen. Für Schulen, Ärztliche Versorgung, Infrastruktur und Transport, Müllbeseitigung, für Demokratie und Menschenrechte sowie ein soziales System zu sorgen. Das Fehlen all dessen macht die Menschen in Myanmar arm.

Hsipaw

22.623616 N; 97.30036004 O

Dämmerung über Birma

Der kleine Herr im blauen Hemd ist Mr Donald, Sao Oo Kya, 78, der Neffe des letzten Sao (Prinz) von Hsipaw. Wir stehen vor East Haw, des „Shawn Pallace“ genannten Villa des letzten Shan-Prinzen, Sao Kya Seng. Mr Donald versucht mit seiner Frau Fern (Sao Sarm Hpong) das Gedenken an die Ereignisse vom März 1962 aufrechtzuerhalten und erzählt Besuchern gegen eine Spende die Geschichte.

Ich stehe in einem Salon der Villa. Die Frau von Mr. Donald erzählt, dass hier die Krönungszeremonie der Sao Tsusandi, der Frau des Prinzen Sao Kya Seng, stattfand. Ich kenne die Bilder, die sie uns zeigt, die das Prinzenpaar vornehm abgebildet zeigt. Ich habe in den letzten Wochen „Dämmerung über Birma“ von Inge Sargent gelesen. In diesem Buch sind alle Bilder abgedruckt. Die Prinzessin war Inge Eberhard aus Österreich.

Im März 1962 putschte sich das Militär in Rangun an die Macht. Die Generäle ließen die gesamte Regierung und die Parlamentsangehörigen inhaftieren. Unter den festgenommenen Parlamentariern war auch der Sao von Hsipaw, eines der Shan-Staaten, die zu der birmanischen Föderation gehörten. Sao hatte Ingrid in Denver in den USA Anfang der 50er Jahre im Studium kennengelernt. Sie verliebten sich und heirateten. Sao nahm seine Frau mit nach Birma, wo sie erst bei der Ankunft in Rangun erfuhr, wer ihr Ehemann wirklich war: der Prinz von Hsipaw, einem Shan-Staat.

Das Foto wurde hier aufgenommen:

Zehn Jahre lebten sie zusammen in Hsipaw und versuchten, das zurückgebliebene, feudalistisch organisierte Land zu modernisieren, Sao mit dein Einflüssen aus den USA, Tsusandi in der Verbesserung der medizinischen Versorgung der Menschen. Bis zum gewaltsamen Umsturz durch die Militärs 1962.

Nachdem der Prinz von den Militärs festgenommen wurde, hat Ingrid ihren Mann nicht mehr wiedergesehen. Sie hatte einen Beweis seiner Festnahme durch einen aus der Haft geschmuggelten Brief. Doch das Militär behauptete, sie habe den Sao gar nicht festgenommen und wisse nichts über seinen Verbleib – eine beliebte Methode, das Verschwinden von missliebigen Personen zu vertuschen. Der Sao wurde vermutlich durch die Militärs ermordet. Alle Versuche der Prinzessin, Kontakt zu ihrem Mann herzustellen, misslangen. Nach zwei Jahren flüchtete sie als österreichische Staatsbürgerin aus Birma, um ihre Kinder zu schützen.

Nach 1962 legte sich für über dreißig Jahre das bleiernde Tuch einer brutalen Militärdiktatur über Birma. Das Land fiel durch einen diktatorischen Sozialismus zu dem ärmsten Land Südostasiens ab. Durch die Abschottung hatte es keinen Anteil am Wirtschaftsboom der anderen Staaten der Region. Bis heute, trotz zaghafter Demokratisierung und der Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi als faktische Regierungschefin, hat das Militär noch Macht in Myanmar. Mr Donald, der selber mehrere Jahre im Gefängnis saß, erklärte uns, dass ohne die Rücksacktouristen keine Demokratisierung in Myanmar möglich gewesen wäre.

Es war sehr bewegend, die Geschichte von Sao und Prinzessin Tsusandi (der Inge aus Österreich) an dem Ort zu erfahren, an dem sie stattgefunden hat. Die Geschichte, die wir noch kurz vorher im Buch „Dämmerung über Birma“ gelesen haben. Tief bewegt gingen wir wieder in die Stadt zurück.