40° 6′ 51″ N, 19° 53′ 36“
Die Mountainbikes vom Trailer herunterladen, Sachen in die Tasche stopfen: Ersatzschlauch, Windjacke, geschmierte Brote, Gopro, Fotoapparat. Am Abzweig zeigt ein uraltes Hinweisschild auf alle Dörfer auf der Straße. Das Hinweisschild ist handgemalt und abgeblättert. Es geht gleich steil zur Sache, kleinster Gang, Schotter führt uns aus dem Ort an der albanischen Reviera in die Berge.

Fterre ist unser Ziel, ein kleines Dorf, dessen Bilder wir auf einer Ausstellung in Gjirokaster gesehen haben. Der österreichischer Fotograf Robert Pichler hatte den Ort und die Menschen in den 90er Jahren kurz nach dem Ende der kommunistischen Diktatur porträtiert. Dann haben wir noch eine Broschüre der GIZ, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, über den Ort gesehen und unsere Neugier geweckt.
Wir schrauben uns mit unseren Mountain Bikes aus der Stadt Borsh an der mittelalterlichen Festung vorbei nach oben. In den Bergeinschnitten strömen die Bergbäche hinunter. Wir fahren auf einer Schotterstraße nach oben, kaum ein Auto begegnet uns.

Vorbei an Olivenhainen, Granatäpfe- und Orangenbäumen. Der Weg scheint nicht lang zu sein, aber jeder Taleinschnitt muss mitgenommen werden. Also geht es wieder ziemlich hinunter, um anschließend wieder kräftig hinauf zu gehen. Am letzten Pass dann endlich der Blick auf Fterre, die Brote sind aufgegessen, das Wasser getrunken.
Der alte Ortskern von Fterre liegt auf einem Felssporn über dem Tal. Hier gehen nur Fußweg hinein, wir müssen die Mountain Bike stehen lassen, die MTB-Schuhe gegen die Tevas tauschen.

Einen steilen Stieg folgen wir hinunter, an unbewohnten Gehöften vorbei, die roten Weintrauben pflückend, bis zu einer Weggabelung. Hier treffen wir auf einen uralten Mann, der uns freundlich begrüßt und uns vorangeht. Wir folgen. Kommunikation nur über Gesten. Über rund gelaufenen Steine, an Enten die im Wasser spielen vorbei, kommen wir ins Dorf. Der alte Mann öffnet die Eisentür und winkt uns hinein. Er bietet uns zwei Stühle in dem weiß getünchten Innenhof und da sitzen wir nun.
Scharfe Kommandorufe schallen von ihm ins Haus. Ob wir einen Kaffee wollen, scheint er zu fragen (die Kommunikation ist immer noch sehr schwierig). Irgendwann erscheint ein Mann mit zwei Gläsern Buttermilch in der Hand, wahrscheinlich sein Sohn. Gastfreundschaft wird in Albanien großgeschrieben.Verständigen können wir uns leider nicht. Kein Wort Englisch steht zur Verfügung.

Alles ist blitzblank aufgeräumt. Der Müll liegt in Albanien nur außerhalb der Häuser. Wovon leben diese Menschen hier, in einem Dorf, das nur zu Fuß zu erreichen ist? Die Straße war schon eine Zumutung, nur mit dem Landrover zu fahren, aber ins Dorf kommt man wirklich nur auf eigenen Füßen.
Wieder zurück an der „Fahrstraße“ kommt ein alter Mercedes-Kastenwagen, mit den Lebensnotwendigen. Ich frage mich, wie er mit diesem alten Auto die felsige Straße, die uns erwartete, geschafft hat. Das muss doch Stunden gedauert haben, ohne einen Achsbruch riskiert zu haben.
Wir tauschen wieder unsere Sandalen gegen die MTB-Schuhe und machen uns auf den Weg zum Pass, um auf der anderen Seite des Tales zurück nach Borsch zu fahren; sieben Kilometer zeigt uns das Garmin. Sieben lange Kilometer. Immer wieder müssen wir aus dem Sattel um zu schieben, weil der Schotter auf der Straße zu weich ist, um mit den MTBs fahren zu können.

Auf der anderen Seite des Tales geht es wieder 15km hinunter nach Borsch. 15km von Europa entfernt, 15km im TimeTunnel. In einer Landschaft der Ungleichzeitigkeiten: Einerseits der 4WeelDriveToyota, der sich mühselig den Weg hochkämpft, gleichzeitig beladen mit Holz für den heimischen Kochofen, wie im Mittelalter. Wie kommt eigentlich der Junge auf der Ladefläche normalerweise zu Schule?
Der Geograf betrachtet den Raum.

Welche Entwicklungschance hat eigentlich so eine Bergregion? Tourismus wird gerufen. Ja, das touristische Potential ist unzweifelbar vorhanden: unberührte Natur, spannenden Kultur, interessante Menschen. Aber schon wir mit unseren Mountainbikes hatten Mühe, dorthin zu kommen. Ohne eine Straßenanbindung und einer asphaltierten Straße sowie Übernachtungsmöglichkeiten wird es nicht gehen. Sonst kann man noch so schöne Broschüren drucken, wenn der Tourist nicht hinkommt, kann er auch kein Geld ausgeben und für Einkommen sorgen. Und dann wird die Abwanderung der jungen Leute aus den Bergdörfern weiter gehen.
Wir hatten eigentlich erwartet, dass man in den Dörfern auf dem Weg irgendwie übernachten kann. Aber es gab nichts. So mussten wir die steinige Strecke am Westhang wieder nach Borsch zurückfahren. Eigentlich schade, uns ist eine Nacht in den Bergen entgangen und den Bewohnern eine Einnahmemöglichkeit.

Mir wird deutlich, das die Entwicklung von dem Ausbau der Verkehrswege abhängt. Ohne Straßen gibt es keine touristische Entwicklung eines Raumes. Das Potential zur regionalen Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist zu gering, um an den europäischen Standard anzuknüpfen. Das Fazit ist also: asphaltierte Straßen müssen her. Das ist dann aber auch das Ende der schönen MTB-Trails, die wir gefahren sind.

Auch diesen Artikel aus England finde ich sehr interessant zum Thema „Gastfreundschaft in Albanien“:
