Cajamarca

7,1570 Süd; 78,5172 West

Hundert Kilometer von Trujillo durch die Küstenwüste nach Norden. Links der bleiende Pazifik, rechts die trockenen Berge. Kaum ein Stück Vegetation. Ganz selten kommt ein Fluss aus den Bergen vorber, und er trägt, oh Wunder, Wasser mit sich. mit diesem Wasser werden die Felder begrünt.

Endlich der Abzweig in die Berge. Sehr langsam geht die Fahrt in die Höhe. Über weite Teile wurde der Asphalt von der Straße abgetragen, wahrscheinlich um ihn zu erneuen; aber das muss wohl warten. Wir kommen an einem Stausee vorbei, die Talsohle ist fruchtbar und grün, Reisfelder und Terrassen reihen sich aneinander. Die Berghänge sind allerdings gelb und kahl.

Erst nach Einbruch der  Dunkelheit kommt der Bus in Cajamarca an. die letzten Kilometer hat er sich mit 25km/h die Serpentinen hochgequält. Es hat zu nieseln begonnen. Die Busstation von Turismo Diaz liegt außerhalb des Stadtzentrums, ich brauche ein Taxi. Nach einiger Zeit hält dann doch ein Wagen und bringt mich für 7 Soles in die hospedaje Los Jazmines.

Nächster Morgen:

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Sehr angenehme Stadt. Die Architektur ist viel mehr kolonial als in Trujillo, was sehr angenehm für das Auge ist. 

Es gibt einfach viel zu sehen in dieser Stadt. Die Geschäfte sind klein von der Straße aus einsehbar. Die Warengruppen ballen sich in einzelnen Vierteln. In einer Ecke befinden sich die Haushaltswaren, in der anderen Möbel.

In jeder Straße scheint es einen Mobilfunkladen zu geben. Diese sind wirklich inflationär. Jeder Peruaner scheint auch mit einem Handy in der Hand herumzulaufen. Da gibt es keine Unterschiede zu uns (endlich mal etwas gemeinsames). Ich frage mich, wie die ganzen Läden überleben können. Richtig Kundschaft sehe ich in diesen Läden kaum.

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Der mercado municipal in der Nähe des plaza del armas scheint noch zu den Privilegierten  zu gehören. Auf der Suche nach der Busgesellschaft, die mich in zwei Tagen weiter in Richtung Chachapoyas bringen soll, gehe ich immer weiter aus der Stadt heraus. Ich merke, dass die Señora von Iperu,d dem Tourismusbüro, den Busterminal viel zu weit in der Stadt eingezeichnet hat, noch dazu auf der falschen Straßenseite. Also muss ich mehrmals hin und herlaufen und die Hausnummern genau studieren. An dem Straßenabschnitt der Atahualpa findet ein großer Markt statt, auf dem die hellen großen Strohhüte dominieren.  Hier verkaufen die indigenas, hier liegen die Waren meist auf dem Boden auf großen Plastikfolien ausgebreitet. Die Stände ragen weit auf die Straße hinein, auf der die Minibusse und Mototaxis vorbeiknattern, angetrieben von der schrillen Trillerpfeife des Straßenpolizisten. Hier ist es viel chaotischer als im mercado municipal, die Warenvielfalt ist aber genauso groß. 

Zwischen sechs und sieben abends ist auf den Straßen die Masse unterwegs. Einkaufen oder nur einfach der paseo. Viele Straßenverkäufer stehen am Bürgersteig. Ich frage mich, ob sie überhaupt etwas verkaufen. Die indigenen Frauen sitzen traditionell auf dem Boden, am Abend in eine Decke gehüllt. Einige sind so klein und zusammengekauert, dass man sie kaum sieht. Manchmal liegen nur ein paar Limonen zum Verkauf aus. Manchmal stehen riesige Warenberge an der Hauswand, wo ich mich frage, wie kommen diese dahin und wieder weg. 

Die Abendzeit ist auch die Zeit für die Pärchen. Sie sitzen auf dem plaza del armas herum und umarmen sich in der blauen Stunde. Zuhause ist dafür wahrscheinlich kein Platz. 

Gegenüber vom Markt liegt eine große Schule. Ich kann nur durch die Gitter des Eingangs hineinschauen. Alles ist durch große Eisentore abgeriegelt und durch Wachposten bewacht. Innen sitzen die Schüler in ihren Uniformen, alle in peru-rot, auf den Stufen, bis es klingelt. In Peru wirken die Schulen wie Festungen, durch eine hohe Mauer umgeben. Wer es sich leisten kann, gibt seine Kinder auf eine Privatschule. Peru gibt nur 3,5% seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Im PISA-Ranking von 2015 kommt Peru auf den 65. von 71 Rängen, also weit abgeschlagen. 

Die Stadt gibt sich den Untertitel encuentro de dos mundos, das Treffen zweier Welten. Damit ist gemeint, dass 1532 die spanischen Eroberer unter Francisco Pizarro die Stadt erreichten und es zur ersten militärischen Auseinandersetzung mit den Inkas kam. Die Schlacht von Cajamarca war ein Wendepunkt in der Geschichte Südamerikas. Nur wenige hundert Spanier besiegten durch List und Zufälle den Inka-Herrscher Atahualpa mit mehreren tausend Soldaten und nahmen ihn gefangen. Die Spanier überrumpelten die Inka und töteten innerhalb einer Stunde 4000 von ihnen. Atahualpa wurde ein halbes Jahr später mit der Garotte hingerichtet. Danach setzten die Spanier ihren Eroberungszug relativ ungehindert fort und unterwarfen den ganzen Kontinent, mit allen kulturellen und wirtschaftlichen Folgen bis heute.

Die ganze Geschichte der Schlacht von Cajamarca ist hier nachzulesen: Schlacht von Cajamarca

Cajamarca ist also ein für Südamerika sehr geschichtsträchtiger Ort.

Cajamarca hat mich wieder etwas mit Peru versöhnt. In der letzten Woche waren meine Augen doch etwa müde von der allgegenwärtigen Armut, dem Müll, den ganzen hässlichen Bauten in den Städten, dem Chaos und dem Fatalismus. Nur selten konnte ich wenige Dinge sehen, die wirklich schön waren. Cajamarca hat mich wieder etwas froher gestimmt. Aber das schöne Stadtbild ergibt sich nur aus dem kolonialen Erbe. Kann das heutige Peru keine Schönheit? Gibt es keinen Sinn dafür bei den Menschen? Sind sie nur mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt? Viele schon, aber nicht alle. Aber jeder scheint nur auf sich selbst zu schauen. Einzelne Häuser sind schön und liebevoll gestaltet. Sie bilden aber die Ausnahme. Aber es zeigt mir: es geht doch. Parks und Plätze sind sehr sauber und üppig mit Blumen bepflanzt. Aber es gibt viel zu wenig davon, meist nur der zentrale Platz.

Lima

12.1511785 Süd; 77.0208482 West

Grau

Laut

Stinkend nach Abgasen

Voll

Ungerecht

Eng

Hektisch

Gefährlich

Chaotisch

Lima ist die Hauptstadt des südamerikanischenAnden-Staates Peru und die mit Abstand größte Stadt des Landes. Im Verwaltungsgebiet der Stadt, der Provinz Lima, leben 8.890.792 Menschen (Stand 2015)[1] In der Konurbation Limas mit der Hafenstadt Callao leben insgesamt zehn Millionen Einwohner. Beide Städte bilden die Metropolregion Lima (Área Metropolitana de Lima)

Lima ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie das bedeutendste Wirtschafts- und Kulturzentrum von Peru mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern. Die Altstadt von Lima wurde 1991 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.[2]

Lima bei wikipedia

Diese Aufzählung erster Eindrücke klingt nicht sehr schmeichelhaft. Diese Erwartungen hatte ich eigentlich, als ich nach Lima einflog. Und mein erster Eindruck ist: es stimmt.

Aber es ist eben nur eine Seite der Medaille. Der zweite Blick zeigte mir:

Freundlich

Hilfsbereit

Multikulturell

Vielfältig

Lachend

Stolz

Geschichtsträchtig

Anders

Hier ist vieles anders als bei uns in Europa. Die Menschen sehen anders aus, es wird sich kaum aufgeregt, viele sind sehr arm, tragen aber trotzdem eine gewisse Würde mit sich herum. Und viele sind sehr wohlhabend, einige sogar sehr reich.

Ich leihe mir ein Mountainbike in Miraflores aus, um herumzufahren. Miraflores ist Geschäftszentrum, Hochhäuser, Banken, Einkaufsviertel. Hier lebt die Mittelschicht, zu der 20 – 30 % der peruanischen Bevölkerung gehört, sagt mein Reiseführer (1). Hier hat man wohl einen festen Job, eine Wohnung oder ein kleines Haus, muss sich sicher manchmal etwas dazu verdienen.

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Es ist grün und laut, aber es gibt auch, oh Wunder, Fahrradwege. Hier fährt aber fast jeder Auto. Die Stadtentwicklung scheint sich auf die quadratische Anlage der Straßen zu beschränken. Ich hätte gedacht, dass der Mittelstand in Peru mittlerweile einen größeren Anteil an der Bevölkerung umfasst, wo doch Peru in den Länderrankings schon als Schwellenland geführt wird.

Ich rolle weiter und komme nach San Isidro. Hier wird es nochmal wohlhabender. Hier wohnt man im Park, in dem die Hausangestellten die kleinen Kinder ausführen und bespaßen. Wo kein Zaun steht, stehen Wachleute, nicht nur einfache Parkwächter, sondern schon mit Pistole und Patronengürtel. Die Häuser sind mit hohen Gittern und Mauern gesichert.

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Hier finden sich auch die gated communities, über die ich im Geografieunterricht mit den Schülern arbeite.Dabei ist ein komplettes Stadtviertel durch Schranke und Wachposten abgeriegelt. Der Wachposten notiert genau, wer reinfährt und ob auch wieder rausfährt. Als ich mit Alois am nächsten Tag durch eine gated community fahren, um uns das zu zeigen, sagt, er müsse etwas an der Schule abgeben. Er steigt wirklich aus, geht zumm Briefkasten und wirft etwas hinein. Früher habe ihn sowas nicht geschert (wer Alois ist, erzähle ich im nächsten Beitrag, auf jeden Fall ein allgäuer Dickschädel). Aber alles sei vidoeüberwacht und er habe richtig Ärger bekommen.

15 – 20% der peruanischen Gesellschaft sollen zur Oberschicht gehören. Sie produzieren den größten Teil des  Bruttoinlandsprodukts, und lassen es wahrscheinlich nur in ihren Kreisen kursieren.

Zu den 50% der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, schreibe ich im nächsten Blogbeitrag.

Am Sonnabend kam ich nah meinem Tagesausflug zurück nach Barranco und wollte noch schnell in den Metro Supermarkt um ein Abendbier und das Obst für das Frühstück zu kaufen. Wo am Tag vorher noch die Christal und Pilsen-Flaschen herumstanden, war jetzt mit Mineralwasser aufgefüllt. Die Erklärung des jungen Regalauffüllers war so schnell dahingerasselt, dass ich kein Wort verstand. Erst die nette Bedienung im Kulturhaus, in dem ich das Wifi nutzen wollte, klärte mich auf. Morgen ist Wahltag für die die Provinzen und die Bezirks- und Stadtbürgermeister. Damit alle Peruaner, für die im übrigen Wahlpflicht gilt, auch klaren Kopfes ihre Stimme abgeben können, ist von Sonnabend 8.00 bis Montag 8.00 Uhr ein Alkoholverkaufsverbot gültig. So blieben am Sonnabend viele Kneipen zu und das Diskogewummere vom Freitag brachte mich in dieser Nacht nicht um den Schlaf.

Die ganze Stadt ist durchplakatiert, Wagenkonvois mit den Kandidaten fahren mit lauter Musik durch die Straßen und halten an den Plätzen, um kurze Wahlkampfkundgebungen abzuhalten.  Es wirkt mehr nach Party als nach Inhalt. Aus den Plakaten kann ich keine Inhalte erkennen.

Aber Wahlen sind ja die Keimzelle der Demokratie. Im Politikunterricht referiere ich ja immer die Bausteine der Demokratie, freie Wahlen, Meinungfreiheit, Gewaltenteilung, freie Presse.  Eines fehlt aus meiner Sicht in dieser Aufzählung: die Verpflichtung zum Gemeinwohl zu arbeiten.  Und an dem scheint es hier in Peru ziemlich zu mangeln bei den Politikern. Hier ist es wohl so, dass wenn man einen Poste erlangt hat, man ihr dafür nutzt, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und Familien und Freunde gleich mit zu bedenken.

Ich verfolge ja aus der Ferne auch die Geschehnisse in Deutschland. Ist es mit dem Gemeinwohl bei uns so weit her? Die SPD ist mit ihrem Gerechtigkeits-Wahlkampf grandios gescheitert, weil sie keine Vision einer gerechten Gesellschaft entwickeln konnte. Jeder in einer Gesellschaft, jeder Politiker, jeder Lehrer, jeder Automanager sollte vepflichtet werden, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Dabei Geld zu verdienen muss kein Widerspruch dazu sein.

Wir sollten uns diese Ideen wieder zurückholen. Hier fand ich den Artikel von Andre Wilkens inspirierend.

https://www.die-offene-gesellschaft.de/magazin/hat-die-offene-gesellschaft-eine-zukunft

(1) die Zahlen zur Verteilung der Gesellschaftschichten habe ich aus meinem Reiseführer PERU Westbolivien von Frank Herrmann im Stefan Loose Verlag. Es ist empfehlenswert, ihn auf einer Peru-Reise dabei zu haben.