22,0409 N; 96,0163 O
Es sollte die größte Pagode der Welt werden. Wir stehen vor einem riesigen Ziegelbunker, durch den gewaltige Risse von oben nach unten wandern. Sie sind die Zeugnisse eines Erdbebens von 1838. So blieb das Projekt des Größenwahns eine Bauruine.

„Seit dem Baubeginn im Jahr 1790 hatte König Bodawpaya viele tausend Sklaven und Kriegsgefangene an der Errichtung des riesigen Stupa arbeiten lassen, der insgesamt eine Höhe von 152 m erreichen sollte (der heute höchste Stupa der Welt erhebt sich mit 127 m im thailändischen Nakhon Pathom). Da die Arbeiten nach dem Tod Bodawpayas 1819 eingestellt wurden, blieb nur die Ziegelbasis zurück, die aber immerhin schon ein Drittel der geplanten Höhe erreicht hatte“
(Stefan Loose Myanmar, A. & M. Markand, Martin H. Petrich und Nipaporn Yanklang)
Mingun ist ein Ort 15 km nördlich von Mandalay, den wir mit dem Touristenschiff über den sandigen Ayeyawaddy-Fluss erreichen.

Weiter nördlich erstrahlt in gleißendem Weiß die Hsinbyume-Pagode, so dass man sie fast nur mit einer Sonnenbrille betrachten kann. Hsinbyume war die Lieblingsfrau Bodawpayas, ihr zu Ehren baute er nach ihrem Tod diese Pagode. Sie symbolisiert die Sulamani-Pagode, die nach buddhistischer Vorstellung auf dem Berg Meru steht, der das Zentrum der Welt darstellt.

Den Tag davor besuchen wir die Holzpagode des Shwenandaw-Kloster. Tolle Holzschnitzereien verzieren diese Pagode. Sie musste mehrfach mit den unterschiedlichen Herrschern an die jeweiligen neuen Hauptstädte umziehen.

Die Kuthodaw-Pagode ist die „Pagode der königlichen Verdienste“. Sie enthält über 700 Steintafeln, auf denen die gesamt Tipitaka als größte Buch der Welt eingemeißelt ist.

Tipitaka:
Der Pali-Kanon ist die in der Sprache Pali verfasste, älteste zusammenhängend überlieferte Sammlung von Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. Die Sammlung ist ein Buddhistischer Kanon und wird durch die Bezeichnung Pali- von anderen derartigen Sammlungen wie dem „Sanskrit-Kanon“ oder dem „Chinesischen Kanon“ unterschieden.
Die andere übliche Bezeichnung „Dreikorb“ ist eine wörtliche Übersetzung von Tipiṭaka (Pali) und Tripitaka (Sanskrit). Sie weist auf die Gliederung der Textsammlung in drei große Teile („Körbe“) hin. (Wikipedia)
Bei den Besuchen dieser gigantischen und schönen Pagoden und Tempel frage ich mich trotzdem, ob sie wirklich aus spirituellem Interesse und nicht doch eher als Machtdemonstration der jeweiligen Herrschenden gelten. So weit ich die buddhistische Lehre verstanden habe, geht es doch um um die Überwindung von Gier und der Anhaftung an weltlichen Gegenständen. Die Errichtung von riesigen Pagoden mit Sklaven und Kriegsgefangenen scheint mir kaum im Einklang mit der buddhistischen Lehre zu sein. Noch in den neunziger Jahren wurden die verfallenen Pagoden von Bagan mit aus der Bevölkerung rekrutierter Zwangsarbeit renoviert.

Wo sind die Unterschiede zu den sakralen Machtbauten in Europa? Oder ist es etwa ein weltumspannendes Bedürfnis der Menschen, Macht mit großen Bauwerken zu demonstrieren, egal welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören. Bietet die Spiritualität nicht nur eine fadenscheinige Legitimation für Prunk und Protz? Die buddhistische Idee, durch gute Taten sein Karma zu verbessern und eine günstigere Wiedergeburt zu ermöglichen, wird dadurch auf das Stiften von Pagoden reduziert. Ich dachte immer, die guten Taten beziehen sich auch auf das soziale Miteinander in einer Gesellschaft. So stehen sich hier in Myanmar in krassem Widerspruch die schönen und prächtigen Pagoden den ärmlichen Behausungen der Menschen gegenüber. Könnte man nicht auch sein Karma verbessern, in dem man eine Schule oder ein Krankenhaus stiftet?
Mich begleitet auf dieser Reise das Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ von Yuval Noah Harari. In seiner 20. Lektion fragt er nach dem Sinn im 21. Jahrhundert. Da scheint ja auch für die westlichen Welt der Buddhismus interessante Ansätze zu bieten. Aber Myanmar scheint ein Beispiel zu sein, dass auch Anhänger des Buddhismus nicht vor Unmenschlichkeiten gefeit sind:
„Die Geschichte des Buddhismus bietet tausend Beispiele dafür, wie Menschen, die an die Vergänglichkeit und Leerheit aller Phänomene glauben, daran, wie wichtig es ist, sich von allen Bindungen zu befreien, um die Regierung eines Landes, den Besitz eines Gebäudes oder sogar die Bedeutung eines Wortes streiten und kämpfen können.“
„Heute ist die Menschenrechtsbilanz des buddhistischen Myanmar eine der schlimmsten weltweit, und ein buddhistischer Mönch namens Ashin Wirathu steht an der Spitze der antimuslimischen Bewegung im Land. Er behauptet, er wolle lediglich Myanmar und den Buddhismus vor den Verschwörungen muslimischer Dschihadisten beschützen, aber seine Predigten und Artikel sind so voller Hetze, dass Facebook seine Seite im Februar 2018 mit Verweis auf die Richtlinien gegen Hate Speech löschen ließ. In einem Interview mit dem Guardian predigte der Mönch 2017 Mitleid für eine sterbende Mücke, doch als er mit Vorwürfen konfrontiert wurde, muslimische Frauen seien von Soldaten aus Myanmar vergewaltigt worden, lachte er nur und sagte: «Unmöglich. Ihre Körper sind zu widerwärtig.“
Es macht wohl zumindest Sinn, für weltweite Menschenrechte zu kämpfen.








