Inle-See: 20 Grad 33 Minuten N, 96 Grad 55 Minuten O
Mit Than, unserem Führerund fünf weiteren Trekkern geht es drei Tage zu Fuß durch das Land von Kalaw an den Inle-See.

Nach den Feldern rund um Kalaw kommen wir in den grünen tropischen Wald in Richtung des Stausees zur Wasserversorgung der Stadt. Das Wasserwerk wurde erst 2016 mit Hilfe Japans gebaut, mir ist rätselhaft, wie vorher die Wasserversorgung ohne die Filterbecken aussah. Durch üppig grünen Wald geht es stetig nach oben. Oben am Kamm der Berge angekommen, eröffnet sich uns ein weiter Blick nach Süden über große Teeplantagen. Nur: der Wald ist komplett weg, stattdessen brennen überall die Feuer. Ganze Bergrücken werden abgefackelt. Wie es vermieden wird, dass auch die bestellten Plantagen oder die die Häuser niederbrennen, kann uns Than auch nicht sagen. Trotz des tollen Blickes gehen die Aschestücken auf uns nieder und trüben die Stimmung. 10-15% des Klimawandels gehen auf das Konto von Brandrodung (1).


Die Wege verlaufen meist auf den Höhenrücken der Berge. Felder wechseln sich mit Wald ab. Über uns ziehen Adler ihre Kreise. Wir treffen auf ein paar Häuser, vor denen Männer ein Brettspiel spielen. Jeder hat Geldscheine in der Hand. Auf dem Brett werden Spielsteine hin und her geschossen, ähnlich wie beim Billiard. Legal ist das Spiel um Geld nicht. Wehe jemand ruft die Polizei an.

Nach einiger Zeit treffen wir auf die Bahngleise. Die Bahnlinie führt von Taunggyi nach Yangon. Die Schritte immer genau auf die Schwellen zu setzen ist gar nicht so leicht. Die Abstände sind nie gleich. Da konzentrieren wir uns lieber auf den Schritt als in die Landschaft zu schauen. Mit dem Schwellenschritt erreichen wir Myndeik, im Bahnhof gibt es erstmal Tee im Laden/Restaurant/Wohnzimmer ? des Bahnhofsvorstehers. Sein Sohn spielt währenddessen mit den Flaggen des Vaters, rot und grün. Von hier aus kann man mit dem Zug nach Yangon fahren, wenn man genügend Zeit und Geduld mitbringt.


„Kommt der Zug gleich?“
Die Ankunft eines Zuges ist das Ereignis im Dorf. Die Frauen setzen sich in Bewegung, den wenigen Reisenden etwas zu verkaufen: Getränke, Fleischstücken am Spieß, Gemüse für Zuhause oder Blumen für die Pagode oder den häuslichen Schrein. Laut schreiend wird sich auf die Wagonfenster gestürzt und die Ware feilgeboten. Der Zug bleibt lang genug stehen, damit alle Wünsche erfüllt werden. Er hat meist sowieso schon Verspätung.

Langsam setzt er sich wieder in Bewegung, quietschend rumpelt er aus dem Bahnhof. Die Frauen gehen wieder nach Hause, es war der letzte Zug für heute. Um halb Fünf färbt sich das Licht abendlich gelb/rot. Wir brechen auch zu unseren letzten Kilometern zu unserer ersten Unterkunft auf. Das Licht färbt die Landschaft ein bezaubernde warme Farben. Die Hitze des Tages bleibt noch bei uns, die Steine und der Boden strahlen die Wärme zurück.


Wir erreichen ein Dorf. Vor einem Haus, das sich nicht von den anderen unterscheidet, biegt Than ein. 21 km haben liegen hinter uns. Wir haben unsere Unterkunft erreicht. Im ersten Stock bekommen wir ein Zimmer mit sechs Schlafplätzen: Reismatten auf dem Boden, je ein Kopfkissen und zwei Decken. Wie im Lager auf einer Berghütte. Die asiatischen Lager sind aber extrem hart. Auch die Badezimmer sind ländlich, ein Wellblechverschlag mit einem Bottich mit Wasser und einer Schöpfkelle. Die Plumpsklos etwas weiter hinten. Der Wasserbüffel steht gleich hinter dem Klo. Die Familie Kocht traditionell in der Mitte ihres Hauses. Die Nacht ist stockdunkel. Ich kann meine Hand nicht vor Augen sehen und muss die Stirnlampe ertasten.
Die Dusche
Am nächsten Morgen wird die Landschaft schnell anders. Wir lassen den Wald hinter uns und Felder in hügeliger Landschaft tun sch vor uns auf. Braun und Ocker werden die bestimmenden Farben des Tages. An einem Geschäft stoßen weitere fünf Wanderer zu uns, die nur zwei Tage unterwegs sein wollen. Kleine Felder reihen sich aneinander, auf vielen wird mit der Hacke gearbeitet. Feldarbeit ist Handarbeit. Die Werkzeuge bescheiden: Hacke, langes Buschmesser, das wars meistens. Manchmal bearbeitet eine ganze Gruppe ein Feld, aber das ist selten. Die meisten Felder sind abgeerntet. Es wird schnell sehr heiß. die schützenden Bäume des Waldes fehlen. Nur einzelne große weit ausladende Bäume säumen unseren Weg. Das einzige, was noch auf den Feldern steht, ist Chili. Unser Weg ist ist ein ständiges auf und ab, klare Täler oder oder Flussläufe sind nicht zu erkennen.


Mittags erreichen wir ein Dorf, wo eine Familie für uns kocht. Avocadosalat, gebratener Reis, Gemüse, Hühnchenfleisch. Danach Mittagsschlaf, einfach nach hinten auf den Teakholzboden fallen lassen und eine Stunde schlafen. Unser Marschtempo ist durchaus flott, auch als erfahrene Wanderer müssen wir uns ranhalten. Aber bei jedem Fotostopp fallen wir wieder zurück.

Die Dörfer, durch die wir kommen, haben meist keinen Strom. Die ersten Dörfer waren Palaung-Dörfer, dann kamen wir durch Dörfer des Pao-Volkes (2). Unser Guide konnte sich hier gut verständigen, er stammt selbst aus dieser Volksgruppe. Viele der Dorfbewohner können kein Birmanisch verstehen und sprechen. Heiraten zwischen den Volksgruppen sind selten und bedürfen besonderer Genehmigung der Eltern und Dorfvorstände. Frauen tragen besondere Trachten, schwarze Gewänder mit bunten Säumen. Auf dem Kopf tragen sie bunte um den Kopf geschlagene Tücher. Die Männer sind eher einfallslos gekleidet. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat mit 135 Ethnien.


Uns kommt eine große Frauengruppe entgegen, alle Altersstufen. Alle im gleichen Pao-Schwarz gekleidet. Sie schauen uns aus hübschen Gesichtern an. Sie kommen von einer Hochzeitsfeier. Männer und Frauen gehen getrennt. Dann können die Männer ungestört trinken. Sie fragen uns, ob wir nicht müde seien von der ganzen Wanderung. Than übersetzt für uns. Unter einem Baum sitzen sieben alte Frauen. Sie sind auch alle im traditionellen Schwarz gekleidet. Sie gehen auf eine Beerdigung. Die meisten haben kaum noch Zähne im Mund. Sie wirken schon sehr alt, laut Than sind sie wohl erst Mitte sechzig. Das Leben mit der Arbeit auf dem Feld ist wohl sehr zehrend. Aber sie sehen sehr würdevoll aus.

Die Dörfer, durch die wir kommen, haben meistens keinen Strom. Chinesische Solarzellen und eine angehängte Batterie erlauben mittlerweile etwas Licht am Abend, das Aufladen der Smartphones und vielleicht einen Fernseher. Nachts ist es aber meist stockdunkel. Wir kommen an einer natürlichen Quelle vorbei, einer kleinen grünen Oase. Das Wasser sprudelt eine kleine Kante zügig herunter. Die Dorfbewohner haben zwei kleine Generatoren installiert, um das Dorf mit Strom zu versorgen. Die Dinger wirken wirklich antiquiert. Es scheint überall die Eigeninitiative der Menschen im Dorf nötig zu sein, der Staat scheint sich um die Elektrifizierung nicht zu kümmern. Dabei sehe ich die Elektrizität als eines der zentralen Aufgaben eines Staates innerhalb der Daseinsvorsorge.

Aus der Quelle wird ein kleiner Fluss, der aus dem trockenen Tal eine grüne Oase macht. Pumpen befördern das Wasser auf die Felder. Über den Fluss kann man über wackelige Bambusbrücken das Ufer wechseln. An einem flachen Uferabschnitt können wir baden. Birmesen haben keine Badehosen oder Bikinis, hier wird traditionell im Longi gebadet.

Als wir uns im Wasser abkühlen, kommen Kinder mit einer Herde Wasserbüffel den Pfad hinunter. Die Jungen reiten auf den Tieren. Auch Wasserbüffel lieben das Bad im Fluss, was ihr Name auch vermuten lässt. Ich habe noch nie mit einer Herde Wasserbüffel gebadet. Die Tiere sind jedoch sehr scheu und werden gleich ganz nervös, wenn man sich ihnen zu sehr nähert. Die Kinder nutzen die Gelegenheit zu einem ausführlichen Schwimmen.

Die letzten eineinhalb Stunden unserer Wanderung verläuft im gelben Licht des frühen Abends. Da die Sonne den kürzesten Weg über den Zenit nimmt, nähert sie sich am nachmittag sehr schnell dem Horizont. Macht sie Mittags kaum Schatten, ist er um vier Uhr nachmittags schon mehrere Meter lang. Entsprechend schnell neigt sie sich dem Horizont zu, was das Licht ein ein warmes Gelb und später Orange wandelt. Die ganze Landschaft ist in warme Farbtöne gehüllt. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir unser Dorf, in dem wir wieder bei einer Familie übernachten.


Das Abendessen ist super, viele verschiedene Gemüse und Salate. Etwas erschrocken sind wir, als wir erfahren, dass alle Lebensmittel, die wir essen, extra aus Kalaw mit dem Auto in die Dörfer gefahren werden. Wir dachten, dass wir das lokale Gemüse aus den Dörfern zu Essen bekommen und das dieses eine zusätzliche Einkommensmöglichkeit für die Familien aus dem Dorf bedeutet. Vielleicht sind die Lagermöglichkeiten auf dem Dorf zu beschränkt. Neben der kleinen Übernachtungsgebühr verdienen die Familien hauptsächlich am konsumierten Bier.

Inle-See
Der See wird austrocknen, wenn die Abholzung so weitergeht wie bisher. Das weiß auch unser Guide. Wir schauen auf gelbe kahle Bergflanken westlich und östlich des Sees.

Am Ende unserer Wanderung setzt Than die Gruppe in zwei Langboote, die auf uns warten. Erst fahren wir mit gemächlichem Tempo durch schmale Kanäle, links und rechts die Wasserkulturen mit den Bambushütten der Bauern. Alles geht hier per Boot. Der schmale Kanal mündet in den großen, ein großes Myanmar-Beer Werbeplakat zieht an uns vorbei. Jetzt reiht sich Langboot an Langboot, mit hoher Geschwindigkeit auf Naung Shwe zufahrend.

Nur in der Ferne registrieren wir die kahlen Berge. Auf der letzten Etappe sind wir durch ein extrem trockenes Tal gewandert. Hier waren nur noch niedrige Bäume und Buschwerk vorhanden. Sicher stand auch hier mal tropischer Wald. Wir erfahren, dass 80% des Teakholz-Bestandes von Myanmar in der Zeit der Militärdiktatur abgeholzt wurde. Das Holz wurde als Devisenbringer ins Ausland verkauft, die Profite von den Konzernen der Generäle einkassiert. Neben dem ökologischen Raubbau auch ein Diebstahl am eigenen Volk. Und dieses System aus Korruption und Bereicherung scheint auch heute noch weiterzugehen. Ich lese auf tagesschau.de einen Bericht, dass die Renovierung des Segelschiffes „Gorch Fock“ der Bundeswehr mit illegalem Teak-Holz aus Myanamr erfolgte.
Sanierung der „Gorch Fock“: Deals mit der Holzmafia?
(1) vgl. http://www.faszination-regenwald.de/info-center/zerstoerung/klimawandel.htm
