Rai Lay Beach

8.010242 N; 98.8401330 O

Alle zwängen sich durch den schmalen Pfad zwischen Hotelanlage und Felsen hindurch. Hier müssen alle lang. Am Ende des Weges angelangt, bietet sich ein atemberaubender Anblick, nein – eigentlich zwei.

Zuerst die blaue Andamanensee mit einer riesigen grünbewachsenen Felsnadel direkt vor dem Strand, so dass man gleich hinübergehen kann über eine Sandbank. In der Ferne weitere Inseln, deren weiße Sandstrände ich nur erahnen kann. Malerisch liegen die Langboote am Strand. In den Felshöhlen sind kleine buddhistische Altäre aufgebaut.

Dann: es wird hier russisch gesprochen. (??? in meinem Kopf) Ein großer Teil der vielen Menschen, die diesen Strand bevölkern, sind Russen. Ich bin sehr überrascht. Irgendwie wollen diese beiden Bilder nicht in meinem Kopf zusammenpassen. In meiner Vorurteils-Rumpelkammer sitzen Russen mit einer bleichen Haut vodkatrinkend in einer Moskauer Plattenbausiedlung. Russland, hatte ich immer wieder in der Zeitung gelesen, habe kaum noch ein Wirtschaftswachstum und Putin betreibe seine weltpolitischen Ambitionen als Ablenkung von der heimischen Wirtschaftsmisere. Oder treffe ich hier im fernen warmen Thailand auf all die Kurruptionsprofiteuere Moskaus? Der Wert der Gegenstände, die ich um die Badehandtücher sehe, könnten das nahelegen. Ich glaube, ich muss meine Landkarte der Vorurteile mal überarbeiten.

Aber wieso sollen nicht auch Russen das Recht haben, in Thailand Urlaub zu machen?Sie sind zwar nicht beliebt bei den Thailändern, wie wir später von unserem Guesthouse-Besitzer Patrick erfahren. Sie könnten sich nicht benehmen, heißt es (als wenn man das immer von deutschen Touristen sagen könnte). Aber so ist eben die Globalisierung: wer das Geld hat, kann mal eben zwei Wochen nach Thailand reisen, um in der Sonne zu braten. Schließlich ist für Thailand der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig. Und gar nicht mehr die Europäer oder gar die Deutschen, wie ich vermutete, stellen das größte Kontingent, sondern die Chinesen und die Russen.

Reisen heißt ja auch, sich den Zumutungen und Unangenehmheiten des bereisten Landes auszusetzen, sagt Andreas Altmann, den ich ja schon auf meiner Südamerikareise gelesen habe. Wenn man ein Land und seine Menschen richtig kennenlernen will, muss man auch hingehen, wo es vielleicht nicht immer so angenehm ist. Im Urlaub soll es ja möglichst immer nur schön sein, man will sich ja erholen vom Alltagsstress. Der weltweite Tourismus ist ja ein Erfolgsmodell der Globalisierung und hat sicher für den großen wirtschaftlichen Aufschwung Thailands mit beigetragen. Und man merkt es vielen Touristen hier an, dass sie zu Hause sich keine gutes Restauraut leisten können, aber hier in Thailand die vorzügliche Küche genießen können.

So müssen wir an diesem Strand die selektive Fernbrille aufsetzen, die prollige Nachbarschaft auf den Handtüchern, egal aus welchem Land, ausblenden und den Blick auf die wahnsinnige Schönheit dieses Strandes richten.

Was mit der Brille vielleicht noch geht, fällt mit dem Hörgerät schon schwieriger. Das biologische Hörgerät kann man ja nicht einfach leise stellen. Die nett anzuschauenden Langboote liegen leider nicht einfach nur da, um eine schönes Fotomotiv abzugeben, sondern sie legen dauernd ab und kommen an. Mit aufheulenden Motoren, bei deren Konstruktion man auf einen schalldämpfenden Auspuff verzichtet hat. So ist dieses Naturparadies akustisch wie ein Formel-1-Rennen auf dem Wasser. Mit jaulenden Motoren fegen die Boote aus der Bucht. Das akustische Dauergeräusch begleitet uns den ganzen Tag.

In der Ao Noi ist es zumindest von den am Strand befindlichen Menschen deutlich angenehmer. Hier dominieren die Kletterer, an den Felsen baumeln die Exen herunter. Trotz heißer Sonne versuchen einige sich an den beeindruckenden Überhängen. Das Ziel ist es, die nächste Exe zu erreichen, vom „Durchsteigen“ noch weit entfernt. Das Tal nahe dem Strand ist jedoch von einer hohen Betonmauer abgesperrt, wahrscheinlich Privatbesitz. Vom Wasser aus bietet sich, wieder selektiv schauend, ein Blick in die grüne Felslandschaft, dass einem die Augen überquellen mögen.

Letzte Station Ao Nang. Die Strandpromenade könnte auch in Mallorca liegen. Eine Bar reiht sich an ein Restaurant usw. Braungebrannte Menschen flanieren den Strand entlang. Hier funktioniert die Urlaubsindustrie. Für morgen planen wir lieber wieder eine Wanderung in einem Nationalpark. Man muss diese Urlaubsindustrie einmal gesehen haben, aber dann reicht es auch. Trotzdem, die Natur ist wunderschön, und hoffentlich zerstört diese Industrie sie nicht. Zumindest gibt es noch keine Hotelhochhäuser.

Am Abend schaue ich mir noch Bilder vom Tsunami 2004 an. Dieser Küstenabschnitt wurde schwer getroffen. Die Infrastruktur wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. In überraschend schneller Zeit hat sich die Region wieder von den Zerstörungen erholt. Ich finde es schwer, den globalisierten Tourismus zu verurteilen, auch wenn er sicher viele Umweltschäden nach sich zieht. Er bietet eben den Menschen hier Einkommensmöglichkeiten und Lebensunterhalt; wer will schon sagen: „geht doch wieder fischen“.

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