Herausforderung Stockholm – Hamburg mit dem Rad

Zwei Tage vor unserer Abfahrt bekomme ich eine Mail von Svenska JernBahnen, dass unser Nachtzug nach Stockholm vom Bahnhof Harburg abfährt, und das drei Stunden früher. Aber der Ersatzzug kommt, und er bringt uns in 15 Stunden in die schwedische Hauptstadt. Mit der U-Bahn können wir fast bis zum Zeltplatz fahren. Nach einem kleinen Altstadt Bummel am Nachmittag checken wir noch einmal die Räder, und dann kann es am Montagmorgen losgehen auf die Herausforderung, Stockholm – Hamburg.

Ankunft in Stockholm Central

Doch die Abfahrt wird recht holperig: wir stellen spät am Abend fest, dass ein Schüler seinen Helm vergessen hat, ein anderer seine Regenjacke und ein dritter keine Isomatte hatte. So mussten wir also einen Trupp zusammenstellen, der ein Outdoorgeschäft aussucht und am Morgen die fehlenden Dinge nachkauft. Die andere Gruppe macht sich auf den Weg. Doch auch dort ist nach nur 2 km Schluss. Ein Schüler schaltet seine Kette, so dass sie sich zwischen dem kleinen und dem mittleren Kettenblatt verklemmt. Nur mit sehr großer Mühe und mit roher Gewalt bekommen wir die Kette wieder frei. Es wird deutlich, dass er nicht weiter fahren kann. Wir fahren zu dem nächstgelegenen Fahrradladen. Hier stellt sich heraus, dass das Rad eine aufwändige Erneuerung des Antriebs braucht, was 2-300 € kosten wird. Noch in der Rücksprache mit dem Vater wird entschieden, dass der Schüler ein günstiges neues Fahrrad kauft, weil die Investitionen das alte nicht mehr lohnt. Nach zweieinhalb Stunden verlassen wir den Fahrradladen mit einem neuen Rad, schließen uns mit der anderen Einkaufsgruppe zusammen, und versuchen die erste Gruppe einzuholen. Mit schneller Geschwindigkeit geht es durch die Vororte von Stockholm auf hervorragenden Radwegen. An einem See holen wir die erste Gruppe ein. 

In Stockholm schon eine Landschaft, wie man sie in Schweden erwartet

Leider stellt sich heraus, dass das Shelter, wo wir übernachten wollten, in einem Naturschutzgebiet liegt und man dort neben dem Shelter nicht zelten darf. Wir fahren etwas weiter und fragen an einem Pferdehof nach Alternativen, wo man übernachten könnte. Wir werden zwei Wege weiter geschickt, der uns auch an den See führt, am dessen Ende ein großer Platz am See ganz einsam liegt, wo wir unsere Zelte aufstellen können. Die Sonne neigt sich schon zum untergehen. Wir müssen wieder eine schnelle Truppe zusammenstellen, die 5 km zurück in den Ort fährt, um für das Abendessen und Frühstück einzukaufen. Schnell werden die Taschen ausgeräumt, so dass die schnelle Truppe mit leeren Taschen losfahren kann. So ist es schon fast dunkel, als wir das erste Essen in freier Natur kochen.

Landschaft bei Laxne

Wir sind auf dem Speckgürtel Stockholms entschwunden und mitten im Wald. Der Morgen beginnt mit einem Bad im See. Der zweite Fahrtag beginnt erst mittags, bis alles zusammen gepackt ist und die kleinen Wehwehchen an den Fahrrädern repariert worden sind. Schnell führt uns der Track von der Straße ab in den Wald, und der Weg wird immer mehr zum Schotterweg. Unsere Tour wird zum Hike and Bike.

Die erste Nacht am See

Offensichtlich gibt die Outdoor active App für das normale Rad fahren in Schweden, schwere Schotterwege an. Wir kommen kaum voran das dauernde Wechseln zwischen schieben warten und wieder Berg ab fahren ist schon sehr ermüdend. Nur kurze Strecken zwischendurch sind gut fahrbar. Wir sind jetzt weit entfernt von den hervorragenden Radwegen in Stockholm und Umgebung. Die Landschaft ist so, wie man sich Schweden vorstellt: Felsen, Blaubeeren, Fichten und Birken. Nach 20 km kommen wir endlich an eine Straße, die Hälfte der Truppe ist ziemlich erschöpft.

Schöner Zeltplatz im Naturschutzgebiet

Es gibt einen Zeltplatz in unmittelbarer Nähe in einem Naturschutzgebiet. Allerdings ist die nächste Einkaufsmöglichkeit 20 km entfernt. Wir entscheiden den Zeltplatz zu nehmen, der wunderschön zwischen zwei sehen. Unter alten Bäumen liegt. Zwei junge Männer kampieren schon auf diesem Zeltplatz, als wir mit Ihnen ins Gespräch kommen, bieten Sie an mit ihrem Auto uns zum nächstgelegenen Supermarkt zu fahren, was für uns natürlich ein großes Glück ist. So haben wir einen ersten entspannten Abend können noch baden, zu normaler Zeit Abend essen, und zum Schluss sogar noch ein kleines Feuer machen.

Wir entscheiden, die Routenplanung nur noch unter der Kategorie Rennrad durchzuführen. Wir hoffen, damit mir asphaltierte Strecken angeboten zu bekommen. Das bedeutet aber auch manchen Umweg zu fahren. Eine Schülerin müssen wir mit Begleitung zum nächsten Bahnhof verabschieden, damit sie ihre Knie schonen kann, die am Vortag extrem weh getan haben. An diesem Tag fahren wir über schöne Nebenstraßen, asphaltiert oder mit festgefahrenen feinem Schotter bedeckt, durch die schwedische Landschaft. Diese wird immer mehr wie in Bullerbü. Ich versuche, die unerfahrenen Schüler in einen Fahrrad Flow zu bringen, so dass sie wird das ewige Berg auf und Berg ab in einem kontinuierliches Fahren umsetzen können. Der letzte Anstieg zum Shelter wird allerdings noch zu einer Herausforderung: wieder geht es steil bergauf, Schieben ist angesagt, und dann wechselt der Weg wieder in diesen berüchtigten groben Schotter, in dem es sehr gefährlich ist, schneller Berg ab zu fahren. So brauchen wir für die letzten 3 km zum Shelter fast 1 Stunde. Dieser erweist sich als viel kleiner, als er auf dem Bild in der App erschienen ist. Die Wasserquelle ist ebenfalls nicht genießbar.

Schlafen auf einem Shelterplatz

Nach längerer Suche finden wir einen Schlauch an einem Holzhaus, das zurzeit nicht bewohnt scheint, in dem wir ein leicht gelbliches Wasser abzapfen können. Das benutzen wir abgekocht zum Kochen. Neun Schüler schlafen in dem Shelter, fünf unter unserem Tarp.

Die vierte Etappe soll uns nach Katrineholm bringen. In Malmkjöping mussten wir erst mal einen Wasserhahn suchen, von dort ging die Fahrt parallel neben einer Schnellstraße, aber endlich konnten wir diese verlassen und in Schwedens Natur einzutauchen. Auf kleinen Nebenstraßen fahren wir an Wäldern, Feldern und kleinen Bauernhöfen vorbei. Die Strecke ist trotzdem sehr anspruchsvoll, weil die Rampen sehr steil, kurz, und heftig sind. So lässt die Kraft der Radfahrenden doch stetig nach. Nach 58 km erreichen wir Katrineholm. Dort übernachten wir dem auf dem kommunalen Zeltplatz.

Am nächsten Tag ist Krisensitzung. Es ist deutlich geworden, dass wir mit unserem Tagesschnitt das Ziel, Malmö, nicht erreichen. Also suchen wir nach einer Alternative. Nach langer Analyse der Situation entscheiden wir uns für eine neue Strecke. Wir wollen mit dem Zug nach Göteborg fahren und dann den Nordsee Küstenradweg in Richtung Malmö zu fahren. Das sind nur 350 km und deutlich weniger Höhenmeter. die Umsetzung dieses Plans gestaltet sich aber schwierig. Mit einer Gruppe Zug zu fahren scheint in Schweden unmöglich zu sein, die Campingmanagerin bietet ihre Hilfe an, um verschiedene Alternativen zu erkunden. Ihr Bruder kann mit einem Van und einem Anhänger gegen Bezahlung unsere Fahrräder nach Göteborg bringen, während wir mit dem Schnellzug fahren.

Shelterplatz bei Malmköping

Jetzt sitzen wir in Göteborg am Bahnhof und warten darauf, dass unsere Fahrräder ankommen. Dann soll es auf neue Route Richtung Süden gehen von Göteborg nach Malmö.

Stockholm – Katrineholm, ca. 180km

Zwei Erkenntnisse habe ich nach der ersten Woche: erstens, eine Herausforderung ist eine Herausforderung. Nicht nur von der körperlichen Leistung her, sondern auch von der Organisation und dem Reagieren auf das Unvorhergesehne, siehe Pannen und vergessene Ausrüstung. Zweitens, Schweden ist nichts für Rad-Anfänger. Dafür ist das Gelände zu anspruchsvoll, auch wenn es nicht sehr hoch liegt, ist das ständige auf und ab doch extrem anstrengend, und über den Tag summieren sich schnell 5-600 Höhenmeter. 

Herausforderung Schweden: Mit dem Fahrrad von Stockholm nach Hamburg 

Die ersten drei Wochen an der Winterhuder Reformschule in Hamburg gehören in den Klassen 8-10 den Besonderen Herausforderungen. Die Idee dahinter: Junge Menschen in den pubertierenden Lebensjahren brauchen weniger Stofflernen, sondern mehr eine Auseinandersetzung mit sich selbst, um herauszufinden, wer sie sind und sein wollen. Daraus entwickelte sich das Konzept der Besonderen Herausforderungen: Die jungen Menschen in den Klassen 8-10 wählen jedes Jahr eine Challenge für sich aus, Wandern, Radfahren, Triathlon, Ferne Länder usw. 

Ich begleite dieses Jahr das erste Mal eine Herausforderung. Ausgedacht haben sich diese Tour Mieke, Bjarne und Anton, Schüler*innen aus der Oberstufe. Ich fahre in der Rolle der Lehrperson mit, die meiste Organisation übernehmen die Schüler*innen. Auch für mich werden die ca. 1000km von Stockholm nach Hamburg eine Herausforderung werden. Aufgrund des kleinen Budgets werden wir unterwegs hauptsächlich in Sheltern übernachten. Das durchschnittliche Tagespensum muss 52km betragen, für einen Ruhetag müssen wir noch einige Kilometer drauf legen. 

Die Gruppe besteht aus versierten Radler*innen mit Gravelbikes bis hin zu Anfängern, die sich für diese Tour erstmals ein Rad zugelegt haben. Die Fahrräder und das Gepäck wird von einem Vater mit einem Transporter nach Stockholm gebracht, wir fahren mit dem Nachtzug direkt nach Schweden. 

Ich werde hier in meinem geografunterwegs-Blog von unterwegs berichten. Ich freue mich, wenn ihr uns begleitet. 

Karstregion Südharz

Wir sind mit dem Rad und Gepäck aufgebrochen, um vier Tage durch die Karstregion im Südharz zu fahren. Wir wussten schon: Die Landschaft ist langwellig (nicht langweilig) und bietet mit freien Flächen viele Fernblicke. Die Anstiege für den Radfahrer sind nicht so hart wie im Oberharz. Das ganze Land leuchtete in tiefem Gelb, von den noch stehenden oder schon abgeernteten Kornfeldern.

Die Region ist auch geschichtsträchtig: Martin Luther wirkte hier, ging in Mansfeld zur Schule. So folgen wir auf unserer Tour auch öfters dem Lutherweg. https://www.lutherweg.de/

Die Abraumhalden aus dem ehemaligen Bergbaugebiet um Sangershausen

Wir sind in Klostermansfeld im Ostharz gestartet. Dorthin kommt man bequem mit der Regionalbahn und dem Deutschlandticket. Dort noch etwas Verpflegung eingekauft, denn dann ging es in Land Richtung Westen. Das Einkaufen gut zu planen ist sehr wichtig. In den meisten Orten, durch die wir kamen, gab es keine Verpflegungs- oder Einkaufsmöglichkeiten. Wir hatten das Gefühl, wirklich weit weg zu sein.

Der erste Tag war sehr sehr heiß, so dass das Radfahren sehr beschwerlich war. So haben wir auch nur 20km bis zum Freibad Grillenberg geschafft, wo es sich gut abkühlen ließ. Das ehrenamtlich geführte Bad bot auch einen Campingplatz, den wir für die erste Nacht nutzen. Die 1tent a night – Unterkunft in Breitungen mussten wir leider absagen, obwohl dort eine Streuobstwiese zum Zelten lockte (https://1nitetent.com/).

Den ganzen Tag große Hitze

Der zweite Tag war zum Glück nicht so heiß und führte uns durch weite Täler nach Westen, mal auf Asphalt, mal auf Gravel. Auch an diesem Tag war es schwer, an Verpflegung zu kommen, wir packten unseren Kocher an öffentlichen Rastplätzen aus. An diesem Tag war das Ziel Bad Sachsa, dann aber 70km weit, weil wir am ersten Tag nicht viel geschafft haben. Unterwegs hätte es in Neustadt/Harz, Ortsteil Osterode noch einen Campingplatz gegeben, aber dort waren wir schon am Mittag.

In Bad Sachsa sind wir an der ehemaligen Jugendherberge untergekommen, die jetzt „active-inn“ heißt. Hier gibt es eine Zeltwiese, Fitnessraum, Sauna, Hostel und Küche, alles neu renoviert. https://www.active-inn-harz.de/hostel.html

Die Räder waren voll, aber noch nicht zu voll

Der dritte Tag führte uns durch das Rhume- und Oder-Tal weiter Richtung Northeim. Die Rhume-Quelle ist einen schöne Karstquelle, aus der der Fluss entspringt https://harzspots.com/erkunden/ausflugsziele/spot/rhumequelle/. Hier waren die Höhenmeter des Tracks nicht mehr so viele. Ziel war Wachenhausen, wo wir im Garten einer Freundin zelten konnten.

Am letzten Tag bogen wir weiter nach Norden ab, um nach Kreiensen an der Leine zu fahren. Dort stiegen wir wieder in den Metronom nach Hamburg. Am letzten Tag warteten nochmal 350 Höhenmeter auf uns, aber auf den Straßen waren wir fast alleine. Nach einem Eis in Kreiensen brauchte uns der Zug in 3,5 Stunden wieder nach Hamburg

Bad Sachsa
Bad Sachsa

Hier der Link zu unserer Tour auf outdooractive: https://www.outdooractive.com/de/route/gravel-bike/harz/suedharz-gravelbiketour-von-klostermannsfeld-nach-kreiensen-ueber/348443232/?share=%7E3segtfin%244ossh3zf

Kokanbau in Kolumbien – Was haben wir damit zu tun?

Der Koka-Anbau hat uns auf der ganzen Reise durch Kolumbien begleitet. Was wir in Europa damit zu tun haben, schildert eindrücklich der Podcast von ‚11km‘. Er warnt auch eindrücklich vor dem organisierten Verbrechen, das auch in Europa eine große Macht hat und Kolumbien schon lange fest im Griff hat.

Unbedingt anhören.

https://www.ardsounds.de/embed/episode/urn:ard:episode:b56f604861cc04fe

Wieder in Hamburg: Gedanken nach der Reise in Kolumbien

  1. Kolumbien ist sehr unterschiedlich: Wir haben das Land von West am Pazifik in Nuqui nach Süd in Pasto und Putumayo, in die Mitte nach Bogotá und Medellin, nach Santander im Nordosten,  nach Osten ins Orinoco und Amazonastiefland, nach Norden an die Karibik und noch einmal zurück in die Mitte in die ‚zona Cafetera‘ bereist. Überall war es anders. Wir haben zum Schluss 20 Orte gezählt, an denen wir gewesen sind, und keiner glich dem anderen: Die Landschaft veränderte sich, die Kulturen, die Wörter für ‚Kaffee‘. Wir haben bewusst nur ein Land für unsere Reise ausgesucht und wurden bestätigt. Die Vielfältigkeit Kolumbiens reicht für ein dreimonatige Reise. Dadurch konnten wir uns bei den meisten Orte auch viel Zeit lassen, meist drei Tage; an einigen waren wir eine Woche. 
  2. Die Menschen in Kolumbien sind sehr freundlich. DAs Grüßen auf der Straße gehört zur Pflicht. Zur Begrüßung gibt man sich die Hand. Es wird immer die Kommunikation gesucht, eingeleitet von einem ‚¿Como Esta? Am Strand von Nuqui wurden wir von den Polizistinnen mit Handschlag begrüßt, in San José mussten wir ein Foto mit der Polizei machen. 
  3. Das Transportmittel in Kolumbien ist der Bus. Und der ist sehr langsam. Für Reisen von Ort zu Ort sollte man immer einen ganzen Tag einplanen, auch wenn nur 150km zurückzulegen sind. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist selten höher als 30km/h. Mittags wird erstmal eine Stunde angehalten und gegessen und Siesta gemacht. Danach kann es weitergehen. Eile und Geschwindigkeit scheint nicht wichtig. Selten fährt der Bus halbwegs pünktlich los. Oft wird darauf geachtet, dass erst alle Sitzplätze belegt sind. Nur einmal haben wir einen Bus verpasst: In Medellin wollten wir nach Jericó fahren, der Bus sollte in 5 Minuten abfahren. Ich habe mich an den Kolumbien-Modus erinnert und mich zur Gelassenheit aufgerufen, und noch zwei Sandwiches bei Subway gekauft. Der Bus war dann weg, und die Ticketverkäuferin  wollte unseren Fahrschein nicht umtauschen. Lehrgeld! 
  4. Die großen Busse fahren eher nur nachts. Minibusse und Vans sind das, was der Name verrät: klein. Wir haben uns meist kaum in die Sitze gequetscht bekommen, die Knie schlugen immer vorne an. 5, 6 oder 7 Stunden in diesen kleinen Dingern ist schon eine Herausforderung. Aber Reisen ist ja kein Luxusurlaub. Wir wollten das alltägliche Leben in einem Entwicklungsland kennenlernen. 
  5. Alexander von Humboldt ist immer noch sehr präsent. Viele Orte, Plätze, Parks und Schulen sind nach ihm benannt. Häufig wurden wir auf ihn angesprochen, als deutlich wurde, dass wir aus Deutschland kommen. So bekannt ist der Geograf in Deutschland nicht. ‚Alles hängt mit Allem zusammen‘ war seine Idee von Ökologie, die als solcher Begriff damals noch nicht existierte. 
  6. Im März wurden im Hamburger Hafen 1,8t Kokain in einem Container aus Ecuador beschlagnahmt. Herkunft: Kolumbien. Was hat Hamburg mit Kolumbien zu tun: Über den Hamburger Hafen kommen große Mengen von Kokain aus Kolumbien nach Deutschland und Europa. Die Geldschwemme, die durch den Kokain-Konsum nach Kolumbien geschwemmt wird, ist das größte Problem des Landes. Wenn so viel Geld im Spiel ist, ist die Motivation, diesen lukrativen Geschäftsbereich zu verteidigen und auszubauen, sehr groß. Und es ist genügend Geld da, um Waffen zu kaufen und den Staat auf allen Ebenen zu korumpieren. Darüber wollte aber kein Kolumbianer mit uns sprechen. 
  7. Der Kampf des Staats, über Verhandlungen zu einem Frieden zu kommen, scheint gescheitert. Die Kampagne des ‚Paz Total‘ von Präsident Petro hat die Narcos eher aufgewertet und mächtiger gemacht. Die Kokainproduktion war im letzten Jahr so hoch wie nie. Ende April wurde ein hinterhältiger Anschlag auf der Panamericana Richtung Popayan verübt, bei dem 20 ältere Menschen in einem Minibus ermordet wurden. Die ersten drei Monate des Jahres 2026 waren die gewalttätigsten seit 10 Jahre, schreibt EL  PAIS. Das waren die Monate, in denen wir Kolumbien bereisten. 
  8. Ende Juni findet die Stichwahl zur Präsidentenwahl statt. In der ersten Runde hat der rechtsextreme Kandidat de la Espriella die meisten Stimmen erhalten. Er rühmt sich im Wahlkampf damit, die „dicksten Eier“ zu haben. Er würde die Gewaltspirale wieder ankurbeln. Es wäre ein Krieg, der nicht zu gewinnen wäre. 
  9. Warum kommt dieses schöne Land mit so vielen freundlichen Menschen nicht voran? Die sozialen Gegensätze bleiben ungelöst, wenige sehr reiche stehen sehr vielen armen Menschen gegenüber. Ein Aufstiegsversprechen, z.B. durch Bildung, gibt es nicht. Für Jungen bleibt als Hoffnung nur der Fußball oder das Geschäft mit den Drogen. Und für Mädchen? 

Wanderung im Parque Nacional de Los Nevados 2. Tag

Finca Berlín, 3800m. Zehn Stunden geschlafen, durchgelegene Betten. Eigentlich hatte wir nicht damit gerechnet, dass wir uns diesen Morgen noch bewegen können. Überraschenderweise konnten wir wieder sprechen und uns bewegen. Also geht es weiter. 

Frühstück

Zum Frühstück gibt es Kartoffelsuppe, Rühreier und Bohnen. Maria schenkt mehrfach den Kaffee nach. Das junge Hamburger Pärchen, das mit uns auf dem Weg waren hatten schon wieder viel Energie, um den Paramillo de Quindió zu besteigen. Die Sonne scheint und der Himmel ist klar. Keiner weiß, warum die Finca nach der deutschen Hauptstadt benannt ist. 

Vor der Finca Berlín

Entspannt starten wir um 9 Uhr. Es geht das Tal bergan, und nachdem wir die Weiden für die Pferde und Kühe hinter uns gelassen haben, treffen wir wieder auf die Paramó-Pflanzen. Stetig geht es bergauf, den 4000m entgegen. Wir merken die dünne Luft. Wir sind wieder im Schnecken-Modus unterwegs. Mit der Höhe kommen auch die Vulkane in Sicht: Der Paramillo de Santa Isabel, der Paramillo de Quindió und später der Nevado del Tolima, mit 5215m eines der höchsten hier. Doch die Sicht wird mit zunehmenden Vormittag durch aufziehende Wolken eingetrübt. Nur kurz werden die Gipfel zur Sicht freigegeben. 

Nevado de Tolima
Finca Berlín am Morgen

Wir erreichen den Pass mit 4250m Höhe. Von der anderen Seite kommen die kalten Wolken herübergezogen, und wir müssen die Jacken anziehen. Wir wandern abwärts an einer Felswand entlang durch den schönen Paramó.

Kurz bevor das Gewitter anfing

Im Tal donnert es, und ein Gewitter zieht auf. Carlos gibt plötzlich das Kommando: Regenzeug raus! Wir ziehen die Regenhose und -jacke an, darüber kommt noch der gelbe Regenponcho. Gerade haben wir alles an, fängt der Regen an, und Hagel ist mit dabei. Carlos zieht das Tempo an, obwohl wir wieder die Beine vom Vortag spüren. Im Regen geht es hinab in das Tal des Corora, beim Abstieg verlassen wir den Paramó und die Bergvegetation beginnt. Es bleibt sehr matschig, so dass jeder Schritt genau kalkuliert werden muss. 

Blick von der Finca Buenos Aires auf den Paramillo de Quindó

Wir erreichen die Finca Buenos Aires, wo es Mittagessen (Almuerzo) geben soll. Unser Schnecken-Team ist etwas langsam, so ist es schon fast 15 Uhr, als wir ankommen. In der winzigen Küche, in der man kaum aufrecht stehen kann, steht in der Mitte der über 100 Jahre alte Holzherd. Aber Hauptsache, wir bekommen etwas zu essen und einen Tee. Die Aussicht ist atemberaubend, grün so weit man schauen kann. 

Finca Buenos Aires

Die Fincas betreiben in dieser Höhe Viehzucht und bauen Kartoffeln an. Transportiert wird alles per Pferd, die Pferdeführer heißen „Arrieros“. Es scheint ein hartes Leben hier oben zu sein. Letztendlich ist der Besitzer der Finca Argentina durch die Bergführerausbildung wieder zurück in die Berge gekommen und hat den Hof seiner Großeltern übernommen. Eine staatliche Subvention für Berglandwirtschaft, wie es sie bei uns in den Alpen gibt, ist hier nicht vorhanden. Für einzelne Höfe sind die Wanderer ein Zubrot. Wie weit der Tourismus die Einkommen verbessern kann, scheint fraglich. Zumindest hat das Interesse der Kolumbianer am Wandern seit der Pandemie wohl deutlich zugenommen.

Unser Guide erzählt uns, dass in Kolumbien nur noch wenige junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Im Moment füllen die Lücke die Flüchtlinge aus Venezuela, die bereit sind, jede Arbeit anzunehmen. Die Hänge sind alle so steil, dass Maschinen kaum zum Einsatz kommen können. Es ist selten, dass wir mal einen Trecker sehen.

Finca Argentina

Zum Glück hört der Regen auf, als wir wieder aufbrechen. Es geht weiter bergab, Ziel ist die Finca Argentina. Mit jedem Meter Abstieg wird es wärmer. Die Finca Argentina liegt auf einem kleinen Vorsprung am steilen Berg auf 3450m. Eigentlich ist es hier unmöglich, eine waagerechte Fläche zu finden. Der Standard in der Finca ist wieder sub-basic, vor uns ist schon eine größere tschechische Gruppe angekommen. Die Schlafräume sind nicht beleuchtet, alles ist sehr beengt. Als die Sonne untergeht, wird es kalt, wir ziehen alles an, was wir haben und warten auf das warme Abendessen. Waschen fällt mal wieder aus, weil das einzige Waschbecken für 30 Leute herhalten muss und eher ein kleines Händewaschbecken ist. 

Vor dem Essen noch etwas „Fest und Flauschig“ hören

Aber die Kartoffelsuppe gibt etwas Wärme. Wir unterhalten uns nett mit einem Schweizer Paar, und länger nach dem Dunkelwerden kommt das junge Paar von der Gipfelbesteigung zur Tür herein. Sie sind ordentlich durchnässt. Nach dem Essen geht es gleich ins Bett, die Stirnlampe weist und den Weg. 

Nuqui – Pazifikküste Kolumbiens

Nach zweieinhalb Tagen Anreise über Frankfurt, Bogota und Medellin sind wir in Nuqui am Pazifik angekommen. Dieser kleine Weiler direkt am Pazifik ist nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Wir sind im Hostal Escombros Del Mar untergekommen, nachdem unsere eigentlich gebuchte Lodge Vientos de Yurbarta uns leider abgesagt hatte, weil die Besitzerin ins Krankenhaus musste.


Die 27° Lufttemperatur und sehr hohe Luftfeuchtigkeit macht uns doch ziemlich zu schaffen. Auch die Sonneneinstrahlung war für uns, die wir aus dem Winter kamen, doch sehr gewöhnungsbedürftig. Natürlich war auch der sechsstündige Zeitunterschied mit dem Jetlag sehr zu spüren.


In dieser Region, der Provinz Chocó, leben circa 85 %, Afro-Kolumbianer. Alle sind sehr nett. Hier am ersten Tag wurden wir gleich von der örtlichen Polizei mit Handschlag gegrüßt, wenn ein Motorrad vorbeifährt, sei’s am Strand noch weit entfernt, wird mit langer Hand gewunken. Die Menschen sind sehr arm hier. Im Chocó, so haben wir gelesen, leben 80% der Menschen unter der Armutsgrenze.


Touristen sind hier sehr wenige. Gestern sind wir 8 km am Strand in Richtung des kleinen Dorfes Tribugá gelaufen und haben keinen weiteren Touristen getroffen. Beim Baden im Meer ist man auch ganz alleine. Die touristische Infrastruktur ist noch sehr bescheiden. Unser Zimmer ist sehr klein, alles wirkt noch wie auf einer Baustelle.


Heute sind wir mit dem Boot anderthalb Stunden gen Norden zum Nationalpark Utria gefahren. Dort haben wir eine 3 km lange Wanderung durch den Dschungel gemacht und uns die verschiedenen Formen von Mangrovenwälder angeschaut. Anschließend sind wir auf eine vorgelagerte Insel gefahren, wo man an einem weißen Strand schnorcheln konnte. Auch hier waren wir ganz alleine. Es gab nur eine Familie auf dieser Insel, bei der wir dann auch ein Mittagessen mit leckeren Fisch bekommen haben. Zum Schluss sind wir noch mit dem Boot einen Strand mit Wasserfall gefahren. Auch dieser Strand lag sehr einsam am Meer und war wunderschön.


Wir werden sicher noch weitere Ausflüge machen, bevor wir am Dienstag wieder zurück nach Medellin fahren und uns dort für drei Tage in der Stadtleben stürzen werden. Bis dahin werden wir noch die tropische Natur am Pazifik genießen.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Auf der Reise nach Süd- und Südostasien begleitete mich diesmal das Buch von Yuval Noah Harari. Es passte gut zu meinen Gedanken auf dieser Reise, weil es sich mit der aktuellen und perspektivischen Situation auf der Welt beschäftigt. Gut gefallen hat mir der grundsätzliche Ansatz von Harari. Er ist Geschichtsprofessor, und kann mit diesem Beruf nichts Materielles zur Welt beitragen. Seine Aufgabe sei, so schreibt er in seiner Einleitung, den Menschen Orientierung zu geben in einer Welt, die extrem unübersichtlich geworden ist. Das sei sein Betrag für die Menschen, sozusagen geistiges Brot.

In dieser Haltung habe ich mich gut wiedergefunden. Als Lehrer kann ich auch nichts Materielles beitragen. Aber als Lehrer kann ich ebenso wie Harari Orientierung bieten für Junge Leute, die in diese unübersichtliche Welt hineinwachsen. Und Orientierung scheint dringend notwendig, denn der Aufschwung der populistischen Parteien zeigt ein Bedürfnis nach einfachen Antworten, nach schnellen Lösungen, nach einem überschaubaren Weltbild. All das wird aber der Gesellschaft, in der wir leben, nicht gerecht, weder lokal, national noch global. Insofern ist die orientierende Aufgabe von uns Lehrern wichtiger denn je.

Orientierung geben heißt nicht unbedingt die Aussage: „da gehts lang“. Ich kann von mir auch nicht behaupten, das zu wissen. Aber ich kann Situationen schaffen, in dem sich die jungen Leute damit auseinandersetzen können, herauszufinden, wo es langgehen könnte. Das verändert meine Rolle als Lehrer gewaltig, ich bin nicht mehr Wissensvermittler, sondern ermögliche eine Orientierung, wohin die Reise gehen könnte.

Junge Leute brauchen nicht nur Orientierung, wohin die Welt gehen könnte, sondern auch darüber, welchen Platz sie selber in dieser sich wandelnden Welt einnehmen können. Dabei brauchen sie auch die Fähigkeiten, sich im Leben immer wieder selbst erfinden zu können, was in Zukunft öfter der Fall sein wird, wie Harari schreibt. Dazu braucht man kein Fachwissen, das wird sich immer schneller erneuern, sondern Prozesswissen und Kenntnisse über die Selbstorganisation. Diese Dinge werden aber in der Schule bisher wenig berücksichtigt, sind aus meiner Sicht aber sehr wichtig für eine Orientierung im Lauf des Lebens.

„Heute verlassen wir uns auf Amazon, um Bücher auszuwählen, und auf Google Maps, um an der Kreuzung zwischen links und rechts zu entscheiden. Doch mit genügend Daten und genügend Rechenkapazität werden wir bald von einer künstlichen Intelligenz abhängen, um das Studienfach zu wählen, den Arbeitsort und den Ehepartner.“

„Bereits heute erwarten wenige Angestellte, dass sie ein Leben lang dieselbe Stelle haben werden. Bis 2050 wird sogar die Idee komplett veraltet sein, ein Leben lang denselben Beruf zu haben. Selbst wenn wir Menschen im Spiel bleiben, indem wir neue Arbeitsplätze erfinden und neue Fähigkeiten erwerben, müssen wir uns fragen, ob wir das emotionale Durchhaltevermögen haben für ein Leben im konstanten Umbruch. Veränderung ist stressig. Schon jetzt erleben wir eine globale Epidemie des Stresses. Wie viel mehr erträgt der menschliche Geist, bevor er zerbricht?“

„Niemand weiss wirklich, wie der Arbeitsmarkt im Jahr 2050 aussehen wird. Daher weiss niemand, was junge Leute lernen sollten. Somit ist es wahrscheinlich, dass das meiste, was sie heute in der Schule lernen, bedeutungslos sein wird, wenn sie 40 sind.“

(Harari, https://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/algorithmen-was-kinder-heute-lernen-wird-bald-bedeutungslos-sein 24.04.2019)

Diese Analyse verlangt ein völliges Umdenken in dem, wie wir heute Schule machen. Die Aufgabe „Orientierung geben“ lässt sich kaum in dem System Fächer, Stundenplan, Klassenarbeiten, Tests, Klausuren und Abschlussprüfungen unterbringen. Wir müssen Lernen und Lehren völlig neu denken. Das geht weit über die Frage nach „digitalem Lernen“ hinaus.