Kokanbau in Kolumbien – Was haben wir damit zu tun?

Der Koka-Anbau hat uns auf der ganzen Reise durch Kolumbien begleitet. Was wir in Europa damit zu tun haben, schildert eindrücklich der Podcast von ‚11km‘. Er warnt auch eindrücklich vor dem organisierten Verbrechen, das auch in Europa eine große Macht hat und Kolumbien schon lange fest im Griff hat.

Unbedingt anhören.

https://www.ardsounds.de/embed/episode/urn:ard:episode:b56f604861cc04fe

Wieder in Hamburg: Gedanken nach der Reise in Kolumbien

  1. Kolumbien ist sehr unterschiedlich: Wir haben das Land von West am Pazifik in Nuqui nach Süd in Pasto und Putumayo, in die Mitte nach Bogotá und Medellin, nach Santander im Nordosten,  nach Osten ins Orinoco und Amazonastiefland, nach Norden an die Karibik und noch einmal zurück in die Mitte in die ‚zona Cafetera‘ bereist. Überall war es anders. Wir haben zum Schluss 20 Orte gezählt, an denen wir gewesen sind, und keiner glich dem anderen: Die Landschaft veränderte sich, die Kulturen, die Wörter für ‚Kaffee‘. Wir haben bewusst nur ein Land für unsere Reise ausgesucht und wurden bestätigt. Die Vielfältigkeit Kolumbiens reicht für ein dreimonatige Reise. Dadurch konnten wir uns bei den meisten Orte auch viel Zeit lassen, meist drei Tage; an einigen waren wir eine Woche. 
  2. Die Menschen in Kolumbien sind sehr freundlich. DAs Grüßen auf der Straße gehört zur Pflicht. Zur Begrüßung gibt man sich die Hand. Es wird immer die Kommunikation gesucht, eingeleitet von einem ‚¿Como Esta? Am Strand von Nuqui wurden wir von den Polizistinnen mit Handschlag begrüßt, in San José mussten wir ein Foto mit der Polizei machen. 
  3. Das Transportmittel in Kolumbien ist der Bus. Und der ist sehr langsam. Für Reisen von Ort zu Ort sollte man immer einen ganzen Tag einplanen, auch wenn nur 150km zurückzulegen sind. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist selten höher als 30km/h. Mittags wird erstmal eine Stunde angehalten und gegessen und Siesta gemacht. Danach kann es weitergehen. Eile und Geschwindigkeit scheint nicht wichtig. Selten fährt der Bus halbwegs pünktlich los. Oft wird darauf geachtet, dass erst alle Sitzplätze belegt sind. Nur einmal haben wir einen Bus verpasst: In Medellin wollten wir nach Jericó fahren, der Bus sollte in 5 Minuten abfahren. Ich habe mich an den Kolumbien-Modus erinnert und mich zur Gelassenheit aufgerufen, und noch zwei Sandwiches bei Subway gekauft. Der Bus war dann weg, und die Ticketverkäuferin  wollte unseren Fahrschein nicht umtauschen. Lehrgeld! 
  4. Die großen Busse fahren eher nur nachts. Minibusse und Vans sind das, was der Name verrät: klein. Wir haben uns meist kaum in die Sitze gequetscht bekommen, die Knie schlugen immer vorne an. 5, 6 oder 7 Stunden in diesen kleinen Dingern ist schon eine Herausforderung. Aber Reisen ist ja kein Luxusurlaub. Wir wollten das alltägliche Leben in einem Entwicklungsland kennenlernen. 
  5. Alexander von Humboldt ist immer noch sehr präsent. Viele Orte, Plätze, Parks und Schulen sind nach ihm benannt. Häufig wurden wir auf ihn angesprochen, als deutlich wurde, dass wir aus Deutschland kommen. So bekannt ist der Geograf in Deutschland nicht. ‚Alles hängt mit Allem zusammen‘ war seine Idee von Ökologie, die als solcher Begriff damals noch nicht existierte. 
  6. Im März wurden im Hamburger Hafen 1,8t Kokain in einem Container aus Ecuador beschlagnahmt. Herkunft: Kolumbien. Was hat Hamburg mit Kolumbien zu tun: Über den Hamburger Hafen kommen große Mengen von Kokain aus Kolumbien nach Deutschland und Europa. Die Geldschwemme, die durch den Kokain-Konsum nach Kolumbien geschwemmt wird, ist das größte Problem des Landes. Wenn so viel Geld im Spiel ist, ist die Motivation, diesen lukrativen Geschäftsbereich zu verteidigen und auszubauen, sehr groß. Und es ist genügend Geld da, um Waffen zu kaufen und den Staat auf allen Ebenen zu korumpieren. Darüber wollte aber kein Kolumbianer mit uns sprechen. 
  7. Der Kampf des Staats, über Verhandlungen zu einem Frieden zu kommen, scheint gescheitert. Die Kampagne des ‚Paz Total‘ von Präsident Petro hat die Narcos eher aufgewertet und mächtiger gemacht. Die Kokainproduktion war im letzten Jahr so hoch wie nie. Ende April wurde ein hinterhältiger Anschlag auf der Panamericana Richtung Popayan verübt, bei dem 20 ältere Menschen in einem Minibus ermordet wurden. Die ersten drei Monate des Jahres 2026 waren die gewalttätigsten seit 10 Jahre, schreibt EL  PAIS. Das waren die Monate, in denen wir Kolumbien bereisten. 
  8. Ende Juni findet die Stichwahl zur Präsidentenwahl statt. In der ersten Runde hat der rechtsextreme Kandidat de la Espriella die meisten Stimmen erhalten. Er rühmt sich im Wahlkampf damit, die „dicksten Eier“ zu haben. Er würde die Gewaltspirale wieder ankurbeln. Es wäre ein Krieg, der nicht zu gewinnen wäre. 
  9. Warum kommt dieses schöne Land mit so vielen freundlichen Menschen nicht voran? Die sozialen Gegensätze bleiben ungelöst, wenige sehr reiche stehen sehr vielen armen Menschen gegenüber. Ein Aufstiegsversprechen, z.B. durch Bildung, gibt es nicht. Für Jungen bleibt als Hoffnung nur der Fußball oder das Geschäft mit den Drogen. Und für Mädchen? 

Wanderung im Parque Nacional de Los Nevados 2. Tag

Finca Berlín, 3800m. Zehn Stunden geschlafen, durchgelegene Betten. Eigentlich hatte wir nicht damit gerechnet, dass wir uns diesen Morgen noch bewegen können. Überraschenderweise konnten wir wieder sprechen und uns bewegen. Also geht es weiter. 

Frühstück

Zum Frühstück gibt es Kartoffelsuppe, Rühreier und Bohnen. Maria schenkt mehrfach den Kaffee nach. Das junge Hamburger Pärchen, das mit uns auf dem Weg waren hatten schon wieder viel Energie, um den Paramillo de Quindió zu besteigen. Die Sonne scheint und der Himmel ist klar. Keiner weiß, warum die Finca nach der deutschen Hauptstadt benannt ist. 

Vor der Finca Berlín

Entspannt starten wir um 9 Uhr. Es geht das Tal bergan, und nachdem wir die Weiden für die Pferde und Kühe hinter uns gelassen haben, treffen wir wieder auf die Paramó-Pflanzen. Stetig geht es bergauf, den 4000m entgegen. Wir merken die dünne Luft. Wir sind wieder im Schnecken-Modus unterwegs. Mit der Höhe kommen auch die Vulkane in Sicht: Der Paramillo de Santa Isabel, der Paramillo de Quindió und später der Nevado del Tolima, mit 5215m eines der höchsten hier. Doch die Sicht wird mit zunehmenden Vormittag durch aufziehende Wolken eingetrübt. Nur kurz werden die Gipfel zur Sicht freigegeben. 

Nevado de Tolima
Finca Berlín am Morgen

Wir erreichen den Pass mit 4250m Höhe. Von der anderen Seite kommen die kalten Wolken herübergezogen, und wir müssen die Jacken anziehen. Wir wandern abwärts an einer Felswand entlang durch den schönen Paramó.

Kurz bevor das Gewitter anfing

Im Tal donnert es, und ein Gewitter zieht auf. Carlos gibt plötzlich das Kommando: Regenzeug raus! Wir ziehen die Regenhose und -jacke an, darüber kommt noch der gelbe Regenponcho. Gerade haben wir alles an, fängt der Regen an, und Hagel ist mit dabei. Carlos zieht das Tempo an, obwohl wir wieder die Beine vom Vortag spüren. Im Regen geht es hinab in das Tal des Corora, beim Abstieg verlassen wir den Paramó und die Bergvegetation beginnt. Es bleibt sehr matschig, so dass jeder Schritt genau kalkuliert werden muss. 

Blick von der Finca Buenos Aires auf den Paramillo de Quindó

Wir erreichen die Finca Buenos Aires, wo es Mittagessen (Almuerzo) geben soll. Unser Schnecken-Team ist etwas langsam, so ist es schon fast 15 Uhr, als wir ankommen. In der winzigen Küche, in der man kaum aufrecht stehen kann, steht in der Mitte der über 100 Jahre alte Holzherd. Aber Hauptsache, wir bekommen etwas zu essen und einen Tee. Die Aussicht ist atemberaubend, grün so weit man schauen kann. 

Finca Buenos Aires

Die Fincas betreiben in dieser Höhe Viehzucht und bauen Kartoffeln an. Transportiert wird alles per Pferd, die Pferdeführer heißen „Arrieros“. Es scheint ein hartes Leben hier oben zu sein. Letztendlich ist der Besitzer der Finca Argentina durch die Bergführerausbildung wieder zurück in die Berge gekommen und hat den Hof seiner Großeltern übernommen. Eine staatliche Subvention für Berglandwirtschaft, wie es sie bei uns in den Alpen gibt, ist hier nicht vorhanden. Für einzelne Höfe sind die Wanderer ein Zubrot. Wie weit der Tourismus die Einkommen verbessern kann, scheint fraglich. Zumindest hat das Interesse der Kolumbianer am Wandern seit der Pandemie wohl deutlich zugenommen.

Unser Guide erzählt uns, dass in Kolumbien nur noch wenige junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Im Moment füllen die Lücke die Flüchtlinge aus Venezuela, die bereit sind, jede Arbeit anzunehmen. Die Hänge sind alle so steil, dass Maschinen kaum zum Einsatz kommen können. Es ist selten, dass wir mal einen Trecker sehen.

Finca Argentina

Zum Glück hört der Regen auf, als wir wieder aufbrechen. Es geht weiter bergab, Ziel ist die Finca Argentina. Mit jedem Meter Abstieg wird es wärmer. Die Finca Argentina liegt auf einem kleinen Vorsprung am steilen Berg auf 3450m. Eigentlich ist es hier unmöglich, eine waagerechte Fläche zu finden. Der Standard in der Finca ist wieder sub-basic, vor uns ist schon eine größere tschechische Gruppe angekommen. Die Schlafräume sind nicht beleuchtet, alles ist sehr beengt. Als die Sonne untergeht, wird es kalt, wir ziehen alles an, was wir haben und warten auf das warme Abendessen. Waschen fällt mal wieder aus, weil das einzige Waschbecken für 30 Leute herhalten muss und eher ein kleines Händewaschbecken ist. 

Vor dem Essen noch etwas „Fest und Flauschig“ hören

Aber die Kartoffelsuppe gibt etwas Wärme. Wir unterhalten uns nett mit einem Schweizer Paar, und länger nach dem Dunkelwerden kommt das junge Paar von der Gipfelbesteigung zur Tür herein. Sie sind ordentlich durchnässt. Nach dem Essen geht es gleich ins Bett, die Stirnlampe weist und den Weg. 

Nuqui – Pazifikküste Kolumbiens

Nach zweieinhalb Tagen Anreise über Frankfurt, Bogota und Medellin sind wir in Nuqui am Pazifik angekommen. Dieser kleine Weiler direkt am Pazifik ist nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Wir sind im Hostal Escombros Del Mar untergekommen, nachdem unsere eigentlich gebuchte Lodge Vientos de Yurbarta uns leider abgesagt hatte, weil die Besitzerin ins Krankenhaus musste.


Die 27° Lufttemperatur und sehr hohe Luftfeuchtigkeit macht uns doch ziemlich zu schaffen. Auch die Sonneneinstrahlung war für uns, die wir aus dem Winter kamen, doch sehr gewöhnungsbedürftig. Natürlich war auch der sechsstündige Zeitunterschied mit dem Jetlag sehr zu spüren.


In dieser Region, der Provinz Chocó, leben circa 85 %, Afro-Kolumbianer. Alle sind sehr nett. Hier am ersten Tag wurden wir gleich von der örtlichen Polizei mit Handschlag gegrüßt, wenn ein Motorrad vorbeifährt, sei’s am Strand noch weit entfernt, wird mit langer Hand gewunken. Die Menschen sind sehr arm hier. Im Chocó, so haben wir gelesen, leben 80% der Menschen unter der Armutsgrenze.


Touristen sind hier sehr wenige. Gestern sind wir 8 km am Strand in Richtung des kleinen Dorfes Tribugá gelaufen und haben keinen weiteren Touristen getroffen. Beim Baden im Meer ist man auch ganz alleine. Die touristische Infrastruktur ist noch sehr bescheiden. Unser Zimmer ist sehr klein, alles wirkt noch wie auf einer Baustelle.


Heute sind wir mit dem Boot anderthalb Stunden gen Norden zum Nationalpark Utria gefahren. Dort haben wir eine 3 km lange Wanderung durch den Dschungel gemacht und uns die verschiedenen Formen von Mangrovenwälder angeschaut. Anschließend sind wir auf eine vorgelagerte Insel gefahren, wo man an einem weißen Strand schnorcheln konnte. Auch hier waren wir ganz alleine. Es gab nur eine Familie auf dieser Insel, bei der wir dann auch ein Mittagessen mit leckeren Fisch bekommen haben. Zum Schluss sind wir noch mit dem Boot einen Strand mit Wasserfall gefahren. Auch dieser Strand lag sehr einsam am Meer und war wunderschön.


Wir werden sicher noch weitere Ausflüge machen, bevor wir am Dienstag wieder zurück nach Medellin fahren und uns dort für drei Tage in der Stadtleben stürzen werden. Bis dahin werden wir noch die tropische Natur am Pazifik genießen.

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Auf der Reise nach Süd- und Südostasien begleitete mich diesmal das Buch von Yuval Noah Harari. Es passte gut zu meinen Gedanken auf dieser Reise, weil es sich mit der aktuellen und perspektivischen Situation auf der Welt beschäftigt. Gut gefallen hat mir der grundsätzliche Ansatz von Harari. Er ist Geschichtsprofessor, und kann mit diesem Beruf nichts Materielles zur Welt beitragen. Seine Aufgabe sei, so schreibt er in seiner Einleitung, den Menschen Orientierung zu geben in einer Welt, die extrem unübersichtlich geworden ist. Das sei sein Betrag für die Menschen, sozusagen geistiges Brot.

In dieser Haltung habe ich mich gut wiedergefunden. Als Lehrer kann ich auch nichts Materielles beitragen. Aber als Lehrer kann ich ebenso wie Harari Orientierung bieten für Junge Leute, die in diese unübersichtliche Welt hineinwachsen. Und Orientierung scheint dringend notwendig, denn der Aufschwung der populistischen Parteien zeigt ein Bedürfnis nach einfachen Antworten, nach schnellen Lösungen, nach einem überschaubaren Weltbild. All das wird aber der Gesellschaft, in der wir leben, nicht gerecht, weder lokal, national noch global. Insofern ist die orientierende Aufgabe von uns Lehrern wichtiger denn je.

Orientierung geben heißt nicht unbedingt die Aussage: „da gehts lang“. Ich kann von mir auch nicht behaupten, das zu wissen. Aber ich kann Situationen schaffen, in dem sich die jungen Leute damit auseinandersetzen können, herauszufinden, wo es langgehen könnte. Das verändert meine Rolle als Lehrer gewaltig, ich bin nicht mehr Wissensvermittler, sondern ermögliche eine Orientierung, wohin die Reise gehen könnte.

Junge Leute brauchen nicht nur Orientierung, wohin die Welt gehen könnte, sondern auch darüber, welchen Platz sie selber in dieser sich wandelnden Welt einnehmen können. Dabei brauchen sie auch die Fähigkeiten, sich im Leben immer wieder selbst erfinden zu können, was in Zukunft öfter der Fall sein wird, wie Harari schreibt. Dazu braucht man kein Fachwissen, das wird sich immer schneller erneuern, sondern Prozesswissen und Kenntnisse über die Selbstorganisation. Diese Dinge werden aber in der Schule bisher wenig berücksichtigt, sind aus meiner Sicht aber sehr wichtig für eine Orientierung im Lauf des Lebens.

„Heute verlassen wir uns auf Amazon, um Bücher auszuwählen, und auf Google Maps, um an der Kreuzung zwischen links und rechts zu entscheiden. Doch mit genügend Daten und genügend Rechenkapazität werden wir bald von einer künstlichen Intelligenz abhängen, um das Studienfach zu wählen, den Arbeitsort und den Ehepartner.“

„Bereits heute erwarten wenige Angestellte, dass sie ein Leben lang dieselbe Stelle haben werden. Bis 2050 wird sogar die Idee komplett veraltet sein, ein Leben lang denselben Beruf zu haben. Selbst wenn wir Menschen im Spiel bleiben, indem wir neue Arbeitsplätze erfinden und neue Fähigkeiten erwerben, müssen wir uns fragen, ob wir das emotionale Durchhaltevermögen haben für ein Leben im konstanten Umbruch. Veränderung ist stressig. Schon jetzt erleben wir eine globale Epidemie des Stresses. Wie viel mehr erträgt der menschliche Geist, bevor er zerbricht?“

„Niemand weiss wirklich, wie der Arbeitsmarkt im Jahr 2050 aussehen wird. Daher weiss niemand, was junge Leute lernen sollten. Somit ist es wahrscheinlich, dass das meiste, was sie heute in der Schule lernen, bedeutungslos sein wird, wenn sie 40 sind.“

(Harari, https://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/algorithmen-was-kinder-heute-lernen-wird-bald-bedeutungslos-sein 24.04.2019)

Diese Analyse verlangt ein völliges Umdenken in dem, wie wir heute Schule machen. Die Aufgabe „Orientierung geben“ lässt sich kaum in dem System Fächer, Stundenplan, Klassenarbeiten, Tests, Klausuren und Abschlussprüfungen unterbringen. Wir müssen Lernen und Lehren völlig neu denken. Das geht weit über die Frage nach „digitalem Lernen“ hinaus.

Kathmandu 1

27,7143 N; 85,3149 O

Ich fühle mich in ein Hamburger Berufsschulzentrum versetzt. Roter Backstein, niedrige Gänge, alles etwas heruntergekommen. Aber ich bin nicht in Hamburg, sondern in Kathmandu am Internationalen Flughafen. Gerade sind wir der rumpeligen Piste mit einer großen Boing 777 aus Bangkok kommend gelandet.Am Nachmittag des ersten Tages, den ich durch Kathmandu gelaufen bin, falle ich ins Bett und schlafe sofort ein. Zu intensiv waren die Eindrücke des ersten Tages. Die Straßen sind so eng, dass Fußgänger, Motorräder und Autos sich in einem permanenten Kampf befinden. Die Motorräder fahren einfach drauf los, darauf vertrauend, dass die Fußgänger schon beiseite springen. Dazu drängen links und rechts die Auslagen der Geschäfte auf die Straße, die die Fahrbahn noch schmaler machen. Es ist ein chaotisches Gewusel, ein Kampf jeder gegen jeden.

Die Abgase der Motorräder vermischen sich mit dem Staub der trockenen Luft. Es macht sich ein leichtes Knirschen auf meinen Zähnen breit, die Staubpartikel lagern sich ab. Etwas wie „Ordnung“ oder „Organisation“ ist nicht zu erkennen. Die schmalen Straßen sind oft nur in der Mitte asphaltiert, an den Rändern bleiben die Steine. Einige Gassen sind so schmal, dass ich mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Wände berühren könnte. Und auch hier zwängen sich noch die Mopeds hindurch. Die Läden sind hier winzig: der Ladenbesitzer hat gerade Platz für seinen Stuhl, umgeben von seinen aufgestapelten Waren.

Es wird in Kathmandu nach dem Prinzip des Stärkeren gefahren. Motorräder müssen den Autos weichen, Fahrradfahrern den Motorrädern, Fußgängern allen. Es wird immer voll draufgehalten, Kurven geschnitten, trotz Gegenverkehrs überholt, und nur im allerletzten Moment gebremst.

Patan

Die Nachbarstadt Kathmandus ist Patan. Wir fahren mit dem Taxi, ein winziger Suzuki, los. Wir wissen aus dem Hostel, dass die Fahrt 600 Rupien kosten soll, so müssen wir erstmal den Taxifahrer von 800 herunterhandeln.

Patan ist im Gegensatz zu Kathmandu eher buddhistisch geprägt. Ob es daran liegt, das diese Stadt weniger hektisch, weniger aufgeregt wirkt? Im Reiseführer lese ich, dass die Bewohner Patans eher an der Schönheit als an der Macht interessiert seien. Trotzdem war Patan Hauptstadt eines Königreiches, und hat dadurch einen Imposanten Königspalast und einen Durbar mit vielen Pagoden und Tempeln.

Thamel

Schmale Gassen, durch die sich alles zwängt. Taxis, Lieferwagen, Motorräder und Fußgänger. Die Motorisierten versuchen durch Hupen die anderen von der Straße zu treiben. Die Motorräder drängen in jede sich bietende Lücke. Als Fußgänger kann man eigentlich immer nur beiseite springen. Eigentlich sind die Gassen viel zu klein für Autos und Motorräder, aber eine Fußgängerzone gibt es nicht. Alles kämpft um den knappen Platz. Regeln scheint es nicht zu gegen. Jeder kämpft gegen jeden.

Thamel ist einerseits Touristenzone mit Souvenirgeschäften und Restaurants, aber auch die Altstadt und Einkaufsviertel für die Kathmanduer Menschen. In kleinen Geschäften kann man alles kaufen. Dazwischen gezwängt kleine Tempel und Pagoden. Einige hinduistische Tempel werden als Marktfläche benutzt, andere sind Orte echter Hingabe. Im ganzen Gewühl sitzen Menschen in der Hocke und zünden Kerzen an und halten kurz inne im ganzen Chaos.

Durch kleine Durchgänge kann man in zurückliegende Innenhöfe gehen. In den meisten steht eine kleine Tempelfigur oder Stupa in der Mitte. Der Rest ist aber mit Bauschutt und parkenden Motorrädern verstellt. Über schmale Pfade gelangt man zu den Geschäften. Diese sind oft so klein, dass die Verkäufer nur auf kleine Schemel zwischen den Seidenballen, den Kochtöpfen oder den Kleidern hocken können.

Plötzlich taucht eine Brass-Band in einer Gasse auf. Ein Bannerträger geht voran. Sie ziehen stoisch durch das Verkehrschaos. Blumenträger folgen, dann ein geschmücktes Auto, in dem ein Brautpaar sitzt. Die Motorräder kämpfen sich auch um diesen komischen Aufzug herum. Er geht unbeirrbar seinen Weg mit scheppernder Musik, zieht durch den kleinen Kreisel, in dessen Mitte eine eingegitterte Stupa steht, die vor lauter Dreck und Taubenschiss kaum noch zu erkennen ist.

Kathmandu ist schon eine verrückte Stadt. Das Chaos scheint das Grundprinzip zu sein. Es wirkt so, als mache jeder was er wolle, Regeln scheint es nicht zu geben. Jeder baut sein Haus, wie er will, jeder fährt wie er will, jeder kämpft sich durch, wie er will. Dazwischen die Ritschka-Fahrer, die habe ich noch vergessen. In ihrer grandiosen Langsamkeit ziehen sie ohne Gangschaltung durch die Straßen. Wenn sei anfahren, muss der Fahrer aus dem Sattel gehen und die ganze Kraft seines Gewichtes einsetzen, um das Gefährt in Bewegung zu setzen.

An einem Abend werden wir zu einer Familienparty des Yoga-Lehrers in unserem Hostel in Kathmandu eingeladen. Wir fahren aus der Kernstadt hinaus, über das Botschaftsviertel hinaus, am Union Jack der US-Embassy vorbei und halten vor einem Büroklotz. Über Steinhaufen hinweg steigen wir aus dem Taxi und folgen unserem Yoga-Lehrer über einen schmalen gefliesten Weg in das Gebäude. Wir steigen über ein dunkles Treppenhaus in den dritten Stock und betreten eine Art Fabriketage, die zu einem Partyraum umfunktioniert wurde. Ein wenig später spielt eine nepalesische Band traditionelle Musik, die sich für unsere Ohren recht fremd anhört. Schöne Frauen in bunten Kostümen singen mit hohen Stimmen und wechseln mit den Männern ihre Text-Geschichten ab. Die große Familie trudelt langsam ein und begrüßt sich liebevoll. Alles wirkt zwar fremd, aber doch vertraut. Die Verständigung ist schwierig, da kaum jemand Englisch spricht, aber wir werden herzlich aufgenommen.

Rai Lay Beach

8.010242 N; 98.8401330 O

Alle zwängen sich durch den schmalen Pfad zwischen Hotelanlage und Felsen hindurch. Hier müssen alle lang. Am Ende des Weges angelangt, bietet sich ein atemberaubender Anblick, nein – eigentlich zwei.

Zuerst die blaue Andamanensee mit einer riesigen grünbewachsenen Felsnadel direkt vor dem Strand, so dass man gleich hinübergehen kann über eine Sandbank. In der Ferne weitere Inseln, deren weiße Sandstrände ich nur erahnen kann. Malerisch liegen die Langboote am Strand. In den Felshöhlen sind kleine buddhistische Altäre aufgebaut.

Dann: es wird hier russisch gesprochen. (??? in meinem Kopf) Ein großer Teil der vielen Menschen, die diesen Strand bevölkern, sind Russen. Ich bin sehr überrascht. Irgendwie wollen diese beiden Bilder nicht in meinem Kopf zusammenpassen. In meiner Vorurteils-Rumpelkammer sitzen Russen mit einer bleichen Haut vodkatrinkend in einer Moskauer Plattenbausiedlung. Russland, hatte ich immer wieder in der Zeitung gelesen, habe kaum noch ein Wirtschaftswachstum und Putin betreibe seine weltpolitischen Ambitionen als Ablenkung von der heimischen Wirtschaftsmisere. Oder treffe ich hier im fernen warmen Thailand auf all die Kurruptionsprofiteuere Moskaus? Der Wert der Gegenstände, die ich um die Badehandtücher sehe, könnten das nahelegen. Ich glaube, ich muss meine Landkarte der Vorurteile mal überarbeiten.

Aber wieso sollen nicht auch Russen das Recht haben, in Thailand Urlaub zu machen?Sie sind zwar nicht beliebt bei den Thailändern, wie wir später von unserem Guesthouse-Besitzer Patrick erfahren. Sie könnten sich nicht benehmen, heißt es (als wenn man das immer von deutschen Touristen sagen könnte). Aber so ist eben die Globalisierung: wer das Geld hat, kann mal eben zwei Wochen nach Thailand reisen, um in der Sonne zu braten. Schließlich ist für Thailand der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig. Und gar nicht mehr die Europäer oder gar die Deutschen, wie ich vermutete, stellen das größte Kontingent, sondern die Chinesen und die Russen.

Reisen heißt ja auch, sich den Zumutungen und Unangenehmheiten des bereisten Landes auszusetzen, sagt Andreas Altmann, den ich ja schon auf meiner Südamerikareise gelesen habe. Wenn man ein Land und seine Menschen richtig kennenlernen will, muss man auch hingehen, wo es vielleicht nicht immer so angenehm ist. Im Urlaub soll es ja möglichst immer nur schön sein, man will sich ja erholen vom Alltagsstress. Der weltweite Tourismus ist ja ein Erfolgsmodell der Globalisierung und hat sicher für den großen wirtschaftlichen Aufschwung Thailands mit beigetragen. Und man merkt es vielen Touristen hier an, dass sie zu Hause sich keine gutes Restauraut leisten können, aber hier in Thailand die vorzügliche Küche genießen können.

So müssen wir an diesem Strand die selektive Fernbrille aufsetzen, die prollige Nachbarschaft auf den Handtüchern, egal aus welchem Land, ausblenden und den Blick auf die wahnsinnige Schönheit dieses Strandes richten.

Was mit der Brille vielleicht noch geht, fällt mit dem Hörgerät schon schwieriger. Das biologische Hörgerät kann man ja nicht einfach leise stellen. Die nett anzuschauenden Langboote liegen leider nicht einfach nur da, um eine schönes Fotomotiv abzugeben, sondern sie legen dauernd ab und kommen an. Mit aufheulenden Motoren, bei deren Konstruktion man auf einen schalldämpfenden Auspuff verzichtet hat. So ist dieses Naturparadies akustisch wie ein Formel-1-Rennen auf dem Wasser. Mit jaulenden Motoren fegen die Boote aus der Bucht. Das akustische Dauergeräusch begleitet uns den ganzen Tag.

In der Ao Noi ist es zumindest von den am Strand befindlichen Menschen deutlich angenehmer. Hier dominieren die Kletterer, an den Felsen baumeln die Exen herunter. Trotz heißer Sonne versuchen einige sich an den beeindruckenden Überhängen. Das Ziel ist es, die nächste Exe zu erreichen, vom „Durchsteigen“ noch weit entfernt. Das Tal nahe dem Strand ist jedoch von einer hohen Betonmauer abgesperrt, wahrscheinlich Privatbesitz. Vom Wasser aus bietet sich, wieder selektiv schauend, ein Blick in die grüne Felslandschaft, dass einem die Augen überquellen mögen.

Letzte Station Ao Nang. Die Strandpromenade könnte auch in Mallorca liegen. Eine Bar reiht sich an ein Restaurant usw. Braungebrannte Menschen flanieren den Strand entlang. Hier funktioniert die Urlaubsindustrie. Für morgen planen wir lieber wieder eine Wanderung in einem Nationalpark. Man muss diese Urlaubsindustrie einmal gesehen haben, aber dann reicht es auch. Trotzdem, die Natur ist wunderschön, und hoffentlich zerstört diese Industrie sie nicht. Zumindest gibt es noch keine Hotelhochhäuser.

Am Abend schaue ich mir noch Bilder vom Tsunami 2004 an. Dieser Küstenabschnitt wurde schwer getroffen. Die Infrastruktur wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. In überraschend schneller Zeit hat sich die Region wieder von den Zerstörungen erholt. Ich finde es schwer, den globalisierten Tourismus zu verurteilen, auch wenn er sicher viele Umweltschäden nach sich zieht. Er bietet eben den Menschen hier Einkommensmöglichkeiten und Lebensunterhalt; wer will schon sagen: „geht doch wieder fischen“.

Sukhothai: Die Liebe der Geografen

17,050456N; 99,794190O

Da geht dem Geografen (und anderen Betrachtern) doch das Herz auf. Beim Anflug auf Sukhothai in Zentralthailand sahen wir schon aus dem Flugzeug diese speziell geformte Insel in einem – wie konsequent – herzförmigen See. Der Blick auf OpenStreetMaps bestätigt, diesen See mit der herzigen Insel gibt es wirklich. Da sage doch einer, man könne Landschaftsgestaltung nicht mit Herz betreiben.