21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Auf der Reise nach Süd- und Südostasien begleitete mich diesmal das Buch von Yuval Noah Harari. Es passte gut zu meinen Gedanken auf dieser Reise, weil es sich mit der aktuellen und perspektivischen Situation auf der Welt beschäftigt. Gut gefallen hat mir der grundsätzliche Ansatz von Harari. Er ist Geschichtsprofessor, und kann mit diesem Beruf nichts Materielles zur Welt beitragen. Seine Aufgabe sei, so schreibt er in seiner Einleitung, den Menschen Orientierung zu geben in einer Welt, die extrem unübersichtlich geworden ist. Das sei sein Betrag für die Menschen, sozusagen geistiges Brot.

In dieser Haltung habe ich mich gut wiedergefunden. Als Lehrer kann ich auch nichts Materielles beitragen. Aber als Lehrer kann ich ebenso wie Harari Orientierung bieten für Junge Leute, die in diese unübersichtliche Welt hineinwachsen. Und Orientierung scheint dringend notwendig, denn der Aufschwung der populistischen Parteien zeigt ein Bedürfnis nach einfachen Antworten, nach schnellen Lösungen, nach einem überschaubaren Weltbild. All das wird aber der Gesellschaft, in der wir leben, nicht gerecht, weder lokal, national noch global. Insofern ist die orientierende Aufgabe von uns Lehrern wichtiger denn je.

Orientierung geben heißt nicht unbedingt die Aussage: „da gehts lang“. Ich kann von mir auch nicht behaupten, das zu wissen. Aber ich kann Situationen schaffen, in dem sich die jungen Leute damit auseinandersetzen können, herauszufinden, wo es langgehen könnte. Das verändert meine Rolle als Lehrer gewaltig, ich bin nicht mehr Wissensvermittler, sondern ermögliche eine Orientierung, wohin die Reise gehen könnte.

Junge Leute brauchen nicht nur Orientierung, wohin die Welt gehen könnte, sondern auch darüber, welchen Platz sie selber in dieser sich wandelnden Welt einnehmen können. Dabei brauchen sie auch die Fähigkeiten, sich im Leben immer wieder selbst erfinden zu können, was in Zukunft öfter der Fall sein wird, wie Harari schreibt. Dazu braucht man kein Fachwissen, das wird sich immer schneller erneuern, sondern Prozesswissen und Kenntnisse über die Selbstorganisation. Diese Dinge werden aber in der Schule bisher wenig berücksichtigt, sind aus meiner Sicht aber sehr wichtig für eine Orientierung im Lauf des Lebens.

„Heute verlassen wir uns auf Amazon, um Bücher auszuwählen, und auf Google Maps, um an der Kreuzung zwischen links und rechts zu entscheiden. Doch mit genügend Daten und genügend Rechenkapazität werden wir bald von einer künstlichen Intelligenz abhängen, um das Studienfach zu wählen, den Arbeitsort und den Ehepartner.“

„Bereits heute erwarten wenige Angestellte, dass sie ein Leben lang dieselbe Stelle haben werden. Bis 2050 wird sogar die Idee komplett veraltet sein, ein Leben lang denselben Beruf zu haben. Selbst wenn wir Menschen im Spiel bleiben, indem wir neue Arbeitsplätze erfinden und neue Fähigkeiten erwerben, müssen wir uns fragen, ob wir das emotionale Durchhaltevermögen haben für ein Leben im konstanten Umbruch. Veränderung ist stressig. Schon jetzt erleben wir eine globale Epidemie des Stresses. Wie viel mehr erträgt der menschliche Geist, bevor er zerbricht?“

„Niemand weiss wirklich, wie der Arbeitsmarkt im Jahr 2050 aussehen wird. Daher weiss niemand, was junge Leute lernen sollten. Somit ist es wahrscheinlich, dass das meiste, was sie heute in der Schule lernen, bedeutungslos sein wird, wenn sie 40 sind.“

(Harari, https://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/algorithmen-was-kinder-heute-lernen-wird-bald-bedeutungslos-sein 24.04.2019)

Diese Analyse verlangt ein völliges Umdenken in dem, wie wir heute Schule machen. Die Aufgabe „Orientierung geben“ lässt sich kaum in dem System Fächer, Stundenplan, Klassenarbeiten, Tests, Klausuren und Abschlussprüfungen unterbringen. Wir müssen Lernen und Lehren völlig neu denken. Das geht weit über die Frage nach „digitalem Lernen“ hinaus.

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