Für mich war es eher die Stadt des ewigen Lärms.

Nach der Stille des Pazifiks, ohne Autos und Menschenmassen, war Medellin ein Schock. Ein kurzer Flug von 40 Minuten bringt uns zum familiären Flughafen Olaya Herrera.
Rein in die prallvolle Metro an der Station Poblada, wieder raus ins Getümmel des Parque Berrio. Wir flüchten uns die die Parroquia Nuestra Señora de la Candelaria, um die Ruhe der Kirche zu genießen. Sie ist überraschend voll an einem normalen Nachmittag, viele Menschen beten. Dann schlängeln wir uns durch die Fußgängerzonen, die durch die fliegenden Händler vollgestopft wirken.

Über den Plaza Botero, auf dem viele Plastiken des berühmten Künstlers mit den dicken Menschen und Tieren stehen, den Palacio de Cultura, von dessen Aussichtsplattform wir über die Stadt schauen, den Parque Bolivar, wo sich viele Drogenabhängige tummeln, durch die Fußgängerzone Carretera 49, zum Parque de las Luces – jetzt wird es langsam dunkel, und wir sind platt vom Asphaltttreten. Schön ist es nicht, das Zentrum von Medellin. Historische Bauten oder schöne Architektur sind kaum zu finden.

Zurück in unserem Hostel, das in einer stillen Sackgasse im Stadtteil Poblado liegt, ist es doch nicht so still. Der Stadtteil hat viele Restaurants und Kneipen, und die die Autos der Besucher parken auf dem Parkplatz am Ende der Sackgasse. Die Ohrstöpsel müssen nachts immer tiefer geschoben werden.

Medellin mit seinen ca. 2,5 Millionen Einwohnern liegt in einem Tal, dass schon lange zu eng geworden ist. Die Backstein-Wohnviertel ziehen sich deshalb an allen steilen Hängen hoch, wie in einem Amphitheater. Auch viele Wohn-Hochäuser sollen Wohnungen schaffen. Medellin hat eine starke Bevölkerungszunahme durch die Landvertreibungen der Campesinos durch die Todesschwadronen während des Bürgerkriegs in den 80er und 90er Jahren erlebt. Kolumbien hat mehr als 6 Millionen Binnenflüchtlinge, die vor der Gewalt flüchten mussten.

Das Museo de Memoria, das wir am folgenden Tag besuchen, will die Jahre der Gewalt, bis zum Friedensschluss zwischen der Guerilla und dem Staat 2016, aufarbeiten. In einer tollen Ausstellung werden die verschiedenen Akteure, Aspekte und Ereignisse beleuchtet. Medellin hat nach den letzten Gewaltexzessen durch die Armee und die Todesschwadronen Anfang der Nullerjahre eine beeindruckende Transformation geschafft.

Durch die tödlichen Razzien in der Comuna 13 war offensichtlich das Rad der Gewalt überdreht, dass sich bei den Politikern eine Bewusstseinswandel eingestellt hat. Der Fokus wurde stärker auf die Sozialpolitik und die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Armenvierteln gelegt. In der berüchtigten Comuna 13 wurde in Kultur, Kunst und Infrastruktur investiert. Berühmt als Symbol für diesen Prozess sind die Rolltreppen in den Armenvierteln und die Seilbahnen, die den Transport in den steilen Armenvierteln deutlich verbesserten.

Wir haben noch kurz vor unserer Abreise die Netflix-Serie „Narcos“ angeschaut und uns deshalb gegen eine Stadtführung durch die Comuna 13 entschieden – zu präsent waren noch die Bilder von der Gewalt in der Serie. Stattdessen haben wir uns für eine lange Seilbahnfahrt zum Parque Arvi entschieden, um etwas zu wandern. Man konnte mit der Seilbahn auf die Berge auf ca, 2200m hochfahren und einen einzigartigen Rundweg durch den Naturwald gehen.Leider haben wir nicht soviele Vögel gesehen, wie erhofft. Der Rundweg war auf jeden Fall eine schöne Alternative zur Hektik der Stadt.

Überall wird in Medellin für die gemeinsame Identität und den Stolz auf die Stadt geworben. Einen Teil der stärkeren Fokussierung auf die Sozialpolitik sind kostenfreie Sportanlagen. Wir habe das Schwimmbad der Liga de Natacion de Antioquia ausprobiert. Mit einem Ausweis und einer Badekappe kann man kostenlos schwimmen. Alle Stunde wird ein Kontingent neuer Schwimmer eingelassen. Alles ist einfach aber sauber.

Die restliche Zeit verbringen wir mit Kaffeetrinken am Plaza Boltero, wo die Menschen zwischen den dicken Plastiken flanieren. Im Laboratorio del Café im Museo de Antioquia kann man sich die Bohnen aus dicken Gläsern aussuchen und sie dann mahlen und filtern lassen. Serviert wird der Kaffee dann in einem Erlmayerkolben. Sehr lecker.
Am nächsten Morgen fahren wir vom Terminal de Sur in einem kleinen Minibus aus der Stadt. Es geht nur langsam voran im Stau. Durch offene Tür dringt der Abgasgestank hinein. Nach etwa einer Stunde verlassen wir die Metropole, die Straße wird zweispurig und schlängelt sich kontinuierlich in die Berge hinauf. Wir fahren in Richtung Salamina in der Kaffee-Region.

Hallo Ihr Beiden, wie schön Euch ein bisschen durch Kolumbien zu begleiten. So kann ich meinen Aufenthalt dort im Januar gedanklich noch etwas weiterspinnen 🙂
Liebe Grüße aus dem Repowstieg 6, Jü
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