Finca Berlín, 3800m. Zehn Stunden geschlafen, durchgelegene Betten. Eigentlich hatte wir nicht damit gerechnet, dass wir uns diesen Morgen noch bewegen können. Überraschenderweise konnten wir wieder sprechen und uns bewegen. Also geht es weiter.

Zum Frühstück gibt es Kartoffelsuppe, Rühreier und Bohnen. Maria schenkt mehrfach den Kaffee nach. Das junge Hamburger Pärchen, das mit uns auf dem Weg waren hatten schon wieder viel Energie, um den Paramillo de Quindió zu besteigen. Die Sonne scheint und der Himmel ist klar. Keiner weiß, warum die Finca nach der deutschen Hauptstadt benannt ist.

Entspannt starten wir um 9 Uhr. Es geht das Tal bergan, und nachdem wir die Weiden für die Pferde und Kühe hinter uns gelassen haben, treffen wir wieder auf die Paramó-Pflanzen. Stetig geht es bergauf, den 4000m entgegen. Wir merken die dünne Luft. Wir sind wieder im Schnecken-Modus unterwegs. Mit der Höhe kommen auch die Vulkane in Sicht: Der Paramillo de Santa Isabel, der Paramillo de Quindió und später der Nevado del Tolima, mit 5215m eines der höchsten hier. Doch die Sicht wird mit zunehmenden Vormittag durch aufziehende Wolken eingetrübt. Nur kurz werden die Gipfel zur Sicht freigegeben.


Wir erreichen den Pass mit 4250m Höhe. Von der anderen Seite kommen die kalten Wolken herübergezogen, und wir müssen die Jacken anziehen. Wir wandern abwärts an einer Felswand entlang durch den schönen Paramó.

Im Tal donnert es, und ein Gewitter zieht auf. Carlos gibt plötzlich das Kommando: Regenzeug raus! Wir ziehen die Regenhose und -jacke an, darüber kommt noch der gelbe Regenponcho. Gerade haben wir alles an, fängt der Regen an, und Hagel ist mit dabei. Carlos zieht das Tempo an, obwohl wir wieder die Beine vom Vortag spüren. Im Regen geht es hinab in das Tal des Corora, beim Abstieg verlassen wir den Paramó und die Bergvegetation beginnt. Es bleibt sehr matschig, so dass jeder Schritt genau kalkuliert werden muss.

Wir erreichen die Finca Buenos Aires, wo es Mittagessen (Almuerzo) geben soll. Unser Schnecken-Team ist etwas langsam, so ist es schon fast 15 Uhr, als wir ankommen. In der winzigen Küche, in der man kaum aufrecht stehen kann, steht in der Mitte der über 100 Jahre alte Holzherd. Aber Hauptsache, wir bekommen etwas zu essen und einen Tee. Die Aussicht ist atemberaubend, grün so weit man schauen kann.

Die Fincas betreiben in dieser Höhe Viehzucht und bauen Kartoffeln an. Transportiert wird alles per Pferd, die Pferdeführer heißen „Arrieros“. Es scheint ein hartes Leben hier oben zu sein. Letztendlich ist der Besitzer der Finca Argentina durch die Bergführerausbildung wieder zurück in die Berge gekommen und hat den Hof seiner Großeltern übernommen. Eine staatliche Subvention für Berglandwirtschaft, wie es sie bei uns in den Alpen gibt, ist hier nicht vorhanden. Für einzelne Höfe sind die Wanderer ein Zubrot. Wie weit der Tourismus die Einkommen verbessern kann, scheint fraglich. Zumindest hat das Interesse der Kolumbianer am Wandern seit der Pandemie wohl deutlich zugenommen.
Unser Guide erzählt uns, dass in Kolumbien nur noch wenige junge Leute in der Landwirtschaft arbeiten wollen. Im Moment füllen die Lücke die Flüchtlinge aus Venezuela, die bereit sind, jede Arbeit anzunehmen. Die Hänge sind alle so steil, dass Maschinen kaum zum Einsatz kommen können. Es ist selten, dass wir mal einen Trecker sehen.

Zum Glück hört der Regen auf, als wir wieder aufbrechen. Es geht weiter bergab, Ziel ist die Finca Argentina. Mit jedem Meter Abstieg wird es wärmer. Die Finca Argentina liegt auf einem kleinen Vorsprung am steilen Berg auf 3450m. Eigentlich ist es hier unmöglich, eine waagerechte Fläche zu finden. Der Standard in der Finca ist wieder sub-basic, vor uns ist schon eine größere tschechische Gruppe angekommen. Die Schlafräume sind nicht beleuchtet, alles ist sehr beengt. Als die Sonne untergeht, wird es kalt, wir ziehen alles an, was wir haben und warten auf das warme Abendessen. Waschen fällt mal wieder aus, weil das einzige Waschbecken für 30 Leute herhalten muss und eher ein kleines Händewaschbecken ist.

Aber die Kartoffelsuppe gibt etwas Wärme. Wir unterhalten uns nett mit einem Schweizer Paar, und länger nach dem Dunkelwerden kommt das junge Paar von der Gipfelbesteigung zur Tür herein. Sie sind ordentlich durchnässt. Nach dem Essen geht es gleich ins Bett, die Stirnlampe weist und den Weg.
