Wenn man um halb neun ins Bett geht, ist man um 6 Uhr ausgeschlafen. Nachts mal auf Klo zu müssen, war schon eine Herausforderung, mit der Stirnlampe im Stockdunkeln den Weg zu finden. Am Morgen sind wir dann doch tatsächlich ausgeschlafen und ausgeruht. Es kann also auf unsere letzte Etappe unserer Nevado-Durchquerung in Richtung Salento gehen.


Wir brechen wieder bei herrlichem Sonnenschein auf, sagen den Hühnern und Schweinen adios und wandern weiter bergab. Die anfänglich noch kühlen Bergtemperaturen werden schnell wärmer, je tiefer wir kommen. Wir durchqueren jetzt die verschiedenen Vegetationszonen der Anden, immer mehr neue Bäume kommen hinzu. Es tauchen immer mehr Blüten auf. Palmen erscheinen wieder im Wald. Von den steilen Hängen rechts von uns kommen immer mehr Flüsse, die wir auf schmalen Brücken überqueren. Der Weg bleibt schlammig, die Gummistiefel behalten ihren Wert.

Unser Ziel ist das Valle de Corora mit den legendären Palmas de Cera, dem Nationalbaum Kolumbiens. Sie sind in den Reiseführern meist als alleine stehende, sehr hohe schlanke Palmen zu sehen, die weit voneinander entfernt auf Grasland stehen. Dem Cocora-Valley hat dieser unökologische Standort zum beliebtesten Touristenattraktion nach Cartagena gemacht. Aber wir erfahren von unserem Führer, dass dieser Standort gar nicht artgerecht ist und die Palme zum Absterben bringen wird. Er zeigt uns die Exemplare, die auf unserem Weg: sie wachsen direkt im Wald in Nachbarschaft zu anderen Palmen und Bäumen. Sie wachsen sehr langsam und haben nach zehn Jahren noch nicht einmal einen Stamm ausgebildet. Es dauert 20 Jahre, bis sie Samen werfen kann.

Das von Touristen bestaunte Valle de Cocora mit den alleinstehenden schlanken sehr hohen Palmas de Cera ist eine ökologische Katastrophe: Die samen haben keine Chance zum keimen und wachsen, weil in der landen Kinderzeit von den Rindern abgefressen werden. Die Touristen müssten also vom Valle des Cocora einige Kilometer weiter in den Wald gehen, um das richtige Ökosystem der Palma de Cera zu sehen.

Wir überqueren eine letzte Furt des Flusses Cardenas und kommen auf einen Fahrweg, der uns nach einigen hundert Metern zur Touristenattraktion „Valle de Cocora“ bringt. Wir kommen an den Eintrittskiosken vorbei, an dem man 30.000 Pesos Eintritt zahlen muss. Uns begegnen Familien wie aus dem Ei gepellt, ganz in weiß für einen Sonntagsausflug. Uns begegnen saubere Pferde mit schicken Reiterinnen darauf. Wir wirken mit schlammverschmierten Gummistiefeln und drei Tage ungewaschen deplatziert. Carlos erklärt uns, dass man das „Disneysierung des Tourismus“ nennt.

Unsere Drei-Tage-Wanderung ist zu Ende. Wir ziehen die Gummistiefel aus und die normalen Wanderschuhe wieder an. Ein Taxi holt uns ab. Wir sind erschöpft aber glücklich, es geschafft zu haben. In Salento gehen wir mit Carlos noch in einem asiatischen Restaurant essen, dann verabschieden wir uns und fahren mit dem Taxi weiter zu unserer nächsten Station, nur 25km weiter: Filandia.
