27,7143 N; 85,3149 O
Ich fühle mich in ein Hamburger Berufsschulzentrum versetzt. Roter Backstein, niedrige Gänge, alles etwas heruntergekommen. Aber ich bin nicht in Hamburg, sondern in Kathmandu am Internationalen Flughafen. Gerade sind wir der rumpeligen Piste mit einer großen Boing 777 aus Bangkok kommend gelandet.Am Nachmittag des ersten Tages, den ich durch Kathmandu gelaufen bin, falle ich ins Bett und schlafe sofort ein. Zu intensiv waren die Eindrücke des ersten Tages. Die Straßen sind so eng, dass Fußgänger, Motorräder und Autos sich in einem permanenten Kampf befinden. Die Motorräder fahren einfach drauf los, darauf vertrauend, dass die Fußgänger schon beiseite springen. Dazu drängen links und rechts die Auslagen der Geschäfte auf die Straße, die die Fahrbahn noch schmaler machen. Es ist ein chaotisches Gewusel, ein Kampf jeder gegen jeden.

Die Abgase der Motorräder vermischen sich mit dem Staub der trockenen Luft. Es macht sich ein leichtes Knirschen auf meinen Zähnen breit, die Staubpartikel lagern sich ab. Etwas wie „Ordnung“ oder „Organisation“ ist nicht zu erkennen. Die schmalen Straßen sind oft nur in der Mitte asphaltiert, an den Rändern bleiben die Steine. Einige Gassen sind so schmal, dass ich mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Wände berühren könnte. Und auch hier zwängen sich noch die Mopeds hindurch. Die Läden sind hier winzig: der Ladenbesitzer hat gerade Platz für seinen Stuhl, umgeben von seinen aufgestapelten Waren.

Es wird in Kathmandu nach dem Prinzip des Stärkeren gefahren. Motorräder müssen den Autos weichen, Fahrradfahrern den Motorrädern, Fußgängern allen. Es wird immer voll draufgehalten, Kurven geschnitten, trotz Gegenverkehrs überholt, und nur im allerletzten Moment gebremst.
Patan
Die Nachbarstadt Kathmandus ist Patan. Wir fahren mit dem Taxi, ein winziger Suzuki, los. Wir wissen aus dem Hostel, dass die Fahrt 600 Rupien kosten soll, so müssen wir erstmal den Taxifahrer von 800 herunterhandeln.
Patan ist im Gegensatz zu Kathmandu eher buddhistisch geprägt. Ob es daran liegt, das diese Stadt weniger hektisch, weniger aufgeregt wirkt? Im Reiseführer lese ich, dass die Bewohner Patans eher an der Schönheit als an der Macht interessiert seien. Trotzdem war Patan Hauptstadt eines Königreiches, und hat dadurch einen Imposanten Königspalast und einen Durbar mit vielen Pagoden und Tempeln.
Thamel
Schmale Gassen, durch die sich alles zwängt. Taxis, Lieferwagen, Motorräder und Fußgänger. Die Motorisierten versuchen durch Hupen die anderen von der Straße zu treiben. Die Motorräder drängen in jede sich bietende Lücke. Als Fußgänger kann man eigentlich immer nur beiseite springen. Eigentlich sind die Gassen viel zu klein für Autos und Motorräder, aber eine Fußgängerzone gibt es nicht. Alles kämpft um den knappen Platz. Regeln scheint es nicht zu gegen. Jeder kämpft gegen jeden.

Thamel ist einerseits Touristenzone mit Souvenirgeschäften und Restaurants, aber auch die Altstadt und Einkaufsviertel für die Kathmanduer Menschen. In kleinen Geschäften kann man alles kaufen. Dazwischen gezwängt kleine Tempel und Pagoden. Einige hinduistische Tempel werden als Marktfläche benutzt, andere sind Orte echter Hingabe. Im ganzen Gewühl sitzen Menschen in der Hocke und zünden Kerzen an und halten kurz inne im ganzen Chaos.
Durch kleine Durchgänge kann man in zurückliegende Innenhöfe gehen. In den meisten steht eine kleine Tempelfigur oder Stupa in der Mitte. Der Rest ist aber mit Bauschutt und parkenden Motorrädern verstellt. Über schmale Pfade gelangt man zu den Geschäften. Diese sind oft so klein, dass die Verkäufer nur auf kleine Schemel zwischen den Seidenballen, den Kochtöpfen oder den Kleidern hocken können.

Plötzlich taucht eine Brass-Band in einer Gasse auf. Ein Bannerträger geht voran. Sie ziehen stoisch durch das Verkehrschaos. Blumenträger folgen, dann ein geschmücktes Auto, in dem ein Brautpaar sitzt. Die Motorräder kämpfen sich auch um diesen komischen Aufzug herum. Er geht unbeirrbar seinen Weg mit scheppernder Musik, zieht durch den kleinen Kreisel, in dessen Mitte eine eingegitterte Stupa steht, die vor lauter Dreck und Taubenschiss kaum noch zu erkennen ist.
Kathmandu ist schon eine verrückte Stadt. Das Chaos scheint das Grundprinzip zu sein. Es wirkt so, als mache jeder was er wolle, Regeln scheint es nicht zu geben. Jeder baut sein Haus, wie er will, jeder fährt wie er will, jeder kämpft sich durch, wie er will. Dazwischen die Ritschka-Fahrer, die habe ich noch vergessen. In ihrer grandiosen Langsamkeit ziehen sie ohne Gangschaltung durch die Straßen. Wenn sei anfahren, muss der Fahrer aus dem Sattel gehen und die ganze Kraft seines Gewichtes einsetzen, um das Gefährt in Bewegung zu setzen.

An einem Abend werden wir zu einer Familienparty des Yoga-Lehrers in unserem Hostel in Kathmandu eingeladen. Wir fahren aus der Kernstadt hinaus, über das Botschaftsviertel hinaus, am Union Jack der US-Embassy vorbei und halten vor einem Büroklotz. Über Steinhaufen hinweg steigen wir aus dem Taxi und folgen unserem Yoga-Lehrer über einen schmalen gefliesten Weg in das Gebäude. Wir steigen über ein dunkles Treppenhaus in den dritten Stock und betreten eine Art Fabriketage, die zu einem Partyraum umfunktioniert wurde. Ein wenig später spielt eine nepalesische Band traditionelle Musik, die sich für unsere Ohren recht fremd anhört. Schöne Frauen in bunten Kostümen singen mit hohen Stimmen und wechseln mit den Männern ihre Text-Geschichten ab. Die große Familie trudelt langsam ein und begrüßt sich liebevoll. Alles wirkt zwar fremd, aber doch vertraut. Die Verständigung ist schwierig, da kaum jemand Englisch spricht, aber wir werden herzlich aufgenommen.

