Lago Sandoval

Ein Todarm des Rio Madre del Dios hat den See Sandoval hinterlassen. Der Fluss hat den kürzeren Weg genommen und die bisherige Schleife, die durch das geringe Gefälle bisher das Flussbett gebildet hat, als See zurückgelassen. Dadurch hat sich ein eigenartiges Ökotop gebildet, dass unter Naturschutz gestellt wurde. Den Lago Sandoval habe ich am 26.11.2018 mit einem Führer besucht und war beeindruckt von dem Reichtum an Vögeln, Tieren und Pflanzen. 


Schlafende Fledermäuse
Lago Sandoval

 

Pueblos jovenes

Ich habe ja schon kurz Alois erwähnt, den Allgäuer in Lima. Alois ist Bioingenieur und bietet alternative Stadtrundfahrten in die pueblos jovenes, den jungen Dörfern an. Diese Rundfahrt habe ich mit Alois mitgemacht, und bin an Orte von Lima gekommen, an die ich mich niemals hingetraut hätte, geschweige denn, dass ich sie gefunden hätte.

Pueblos jovenes ist ein etwas geschönter Ausdruck, es sind die Siedlungen, die durch Landbesetzungen entstanden sind, in die dieMenschen hineinströmen, die vom Land in die Stadt kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt. Dabei werden diese Siedlungen meist im Nachhinein legalisiert, mit Strom, Schulen und Infrastruktur versorgt.

Die Orte, die wir besuchten, hatten immerhin schon Häuser aus Stein, hatten alles Strom und es schien eine Busanbindung zu geben. Kanalisation war meist nicht vorhanden, die Abwässer liefen in der Mitte der Straße bergabwärts. Aber politische Strukturen schien es schon zu geben, wie überall in Lima hingen massenweise die Wahlplakate für die anstehende Kommunalwahl aus.

Die Wohnverhältnisse wirkten auf uns Deutsche erstmal schockierend. Aber Alois wies und darauf hin, dass hier kaum einer schlecht angezogen durch die Gegend läuft. Und hungern schien auch keiner. Und er stellte noch die These auf, dass keiner so recht ein Interesse an einer Verbesserung der Situation habe, weil ja dann die Hilfsgelder und Unterstützungen wegfallen würden. Wenn sich etwas positiv verändern würde, könnte sich das fein geflochtene Netz der Nutznießerei von Hilfsmaßnahmen verschieben.Nach Alois sein eine wirkliche Verbesserung der Situation gar nicht wirklich erwünscht.

Die Häuser ziehen sich über alle Hügel hin, soweit das Auge reicht. Die Steilheit der Hänge scheint kein Hinderungsgrund zu sein, dort eine Parzelle einzunehmen. Dazu werden, wie im Bergbau im Mittelalter, die Felsen über mehrere Tage unter Feuer gesetzt, meist mit alten Autoreifen. Dann wird Wasser über das heiße Gestein geschüttet, so dass es schnell abkühlt und es dann zur Sprengung des Steins kommt. jetzt kann es. Mit bloßen Händen abgetragen werden und man kann eine Parzelle im steilen Fels planieren. Darauf wird dann die erste Hütte gebaut.

Als Toilette wird dann ein einfaches Loch mit Verschlag gebaut.

Alois versucht, Kompostanlagen und Biotoiletten sowie pflanzliche Reinigungseinheiten in den Siedlungen zu etablieren. Dabei scheint viel Überzeugungskraft notwendig zu sein. Die Fixierung der Menschen auf das WC (Wasser-Closett) ist als Nonplusultra Ungebrochen. Auch wenn es in einer Region wie Lima fast nie regnet.

Alois zeichnete auch ein düsteres Bild der politischen Situation. Viele neugewählte Politiker würden das Erreichte ihrer Vorgänger wieder entfernen, damit sie sich mit ihren eigenen Projekten profilieren können. So habe er öfters erlebt, dass bei einem Amtswechsel seine Anlagen wieder abgebaut wurden. Aber auch unter den Privatpersonen eines Viertels sind nur wenige zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen. Nur bei den sehr grundlegenden Dingen wie Strom- und Wasserversorgung würde man noch an einem Strang ziehen. Bei den nicht mehr so lebenswichtigen Dingen würde es sofort Streit geben und kein Nachbar traue mehr dem anderen, so Alois. Egoismus sei weit verbreitet, und man gönne dem Nachbarn nichts, macht sogar noch dessen Errungenschaften kaputt. Und in einer Umgebung, wo man für 50 Soles einen Killer bekommt, sei das kein Zuckerschlecken. Gemeinsinn scheint es in der peruanischen Gesellschaft wenig zu geben. Es scheint mehr ein „jeder gegen jeden“ zu gelten.

In Peru würde alles politisiert. Ich erkenne es auch daran, dass viele Häuser ihr politisches Bekenntnis zu einem Kandidaten auf die ganzen Hauswände gemalt haben. Rationale Auseinandersetzungen über Sachthemen sind laut Alois dadurch sehr schwer möglich. Es geht immer darum, bist du für den einen Kandidaten oder den anderen. Als Warner für den Umweltschutz wurde er oft als Miesmacher und Schlechtmacher von Peru gebrandmarkt. Sogar von grünen Abgeordneten des Europaparlaments wurde er gemahnt, nicht die Entwicklungshilfe aus Europa zu kritisieren.

Initiativen für die Mülltrennung wurden schon nach wenigen Wochen wieder eingestellt, weil die Vereinigung der Mülltransporteure sich bei den Politikern durchsetzen konnte.

Ich weiß nicht, ob ich im Geografie-Unterricht über die „globalen Probleme“ so einfach mit push und pull faktoren, human-development-index, Bruttoinlandsprodukt usw. arbeiten kann. Die Lagen scheinen doch viel komplexer zu sein. Vor alleim scheint es mir um die Kategorien Gerechtigkeit und Gemeinsinn zu gegen. Und das sind ja auch Begriffe, die bei uns wichtig diskutiert werden.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, Südamerika sei schon viel weiter. Die Staaten würden sich auf dem Niveau von Schwellenländern bewegen. Aber die nackten Zahlen scheinen ja wenig auszusagen über die wirklichen Lebensbedingungen. Und Lima lebt die Hälfte der neun Millionen Bevölkerung in pueblos jovenes.

Wer nach Lima kommt, dem empfehle ich die Stadtrundfahrt mit Alois Kennerknecht. Er zeigt auch seine umweltprojekte an Schulen, wo er ein Gras kultiviert, mit dem die weite Erosion der Landschaft aufgehalten werden kann. Ich habe Alois ganz einfach per Mail kontaktiert. Die Mailadresse habe ich aus dem Stefan-Loose-Reiseführer Peru.

Santa Cruz Trail

Punta Union, 4750m Höhe

Ein Schritt, einen Atemzug, ein – aus – links – rechts. Mit den Stöcken tick – tack. Vom zweiten Zeltplatz Taullipampa auf 4200m geht es 500m hoch auf den höchsten Punkt des Santa-Cruz-Trail. Die Luft ist dünn, klar und kalt. Um 7.30 Uhr brechen wir auf; Esteban, unser guia, ruft: listo? fertig?

Um 6.00 Uhr sind wir aufgestanden, der Blick auf die die Uhr zeigt 4 Grad. Der coca-té wird von Esteban an das Zelt serviert. Anschließend gibt es noch eine Schale warmes Wasser zum waschen. Im roten Essenszelt serviert der cocinero da Frühstück. Wir werden von einem Bergführer, einem Koch und einem Eselsführer betreut, drei Personen für vier Kunden. Das ist eine Betreuung, von der man nur träumen kann.

Der Zeltplatz liegt am Fuße des 5830m hohen Nevado Tauliraju. Deutlich sieht man die Gletscher von den Bergflanken herunterhängen. Aber es ist nicht mehr zu übersehen, unterhalb der Gletscherzungen zeigt das nackte Gestein die großen Zonen, die noch vor gar nicht so langer Zeit vom Gletscher bedeckt waren. Esteban berichtet, dass der Gletscher noch vor kurzer Zeit bis hinunter in den Gletschersee hineinragte. Der Klimawandel lässt die Gletscher der Anden besonders schnell schmelzen. Ich kann froh sein, diese Gletscherzonen noch bewundern zu dürfen. In zehn Jahren dürften sie verschwunden sein.

Los ging der Trek in Cashapampa, am Westhang der Cordelliera Blanca, des weißen Gebirges. Drei stunden Minibus von Huaraz über Caraz, dann über eine ausgesetzte Schotterstraße mit grandiosen Blick über das Tal zwischen der Cordelliera negra und und blanca. Die erste Etappe fordert 4 Stunden Aufstieg, und es ging gleich zur Sache. Noch nicht eingelaufen, und schon ging der Weg forsch Bergan. Die Landschaft war eher kahl und ausgetrocknet.

Zum Glück trugen drei Esel unser Gepäck. Zur Mittagszeit hielt der Cocinero schon das Mittagessen bereit. Aber die höhe von über 3000m macht sich in Erschöpfung breit, als wir gegen drei denn ersten Zeltplatz Llamacoral erreichen. Vom Zeltplatz aus können wir die ersten schneebedeckten Gipfel sehen, und auch schon unser Höhenziel, den Punta Union, noch in weiter Ferne.

Die Kälte kommt mit tiefergehender Sonne, aber das tolle Licht treibt mich immer wieder aus dem Aufenthaltszelt zum fotografieren hinaus.

Die nacht forderte den Schlafsack und die restliche Kleidung heraus, und ich konnte trotz 5 Grad Celsius gut schlafen. Als am Morgen gegen sieben die Sonne hinter dem Berg hervorkommt, geht die Temperatur schnell über 20 Grad, aber nur dort, wo der Wind nicht hinpfeift. Zum Glück fängt dei zweite Etappe in den ersten Stunden fast eben an und passiert mehrer Lagunen. Nach drei Stunden dahinschlurfen im Flussbett will das Mittagessen doch erarbeitet werden. In engen Serpentinen laufen wir am nördlichen Talhang hoch, 300m zu einem mirador, von wo aus man den angeblich schönsten Berg der Welt sehen kann, den Nevado Apamayo. Er diente zur Vorlage für den berühmten Paramout-Berg. Allerdings wird er dort von Norden aus gezeigt, wir sehen ihn von Süden.

Der Koch wartete schon mit seiner karierten Tischdecke auf uns, so dass wir mit einer grandiosen Aussicht speisen konnten. Der aufstieg zur zur beeindruckenden Lagune mussten wir leider überstürzt abbrechen, da gerad nach Ankunft am Aussichtspunkt erst Hagel und dann heftiger Regen loslegte. Statt die Aussicht zu genießen, musst ich schnell in die Regenkleidung schlüpfen und Rücksack und Kameratasche regenfest machen. Begleitet wurde ich von dem Donnern der vom Gletscher abbrechenden Eisblöcken, die krachend in den Gletschersee fielen. In voller Montur zum zweiten zeltplatz, Taullipampa.

Der Abend wurde richtig „scheißkalt“. Handschuhe, Dauenjacke, und alles andere konnten nur die dürftigste Körperwärme halten. Zum Glück konnte ich noch die neue Wolldecke, die Kathrin mir mit auf die Reise gegeben hat, um den Körper schlingen.

Nach dem tollen Abendessen gab es noch eine Runde Kniffel (oder wie das auch immer auf belgisch heißt) mit dem belgischen Paar und der australischen Reisebegleitung, bis es endlich 20 Uhr wurde und wir in die Zelte gehen konnten.

Und dann am dritten Tag der Puta Union.

Der Abstieg nach Osten ließ die Landschaft immer grüner werden. Mit jedem Höhenmeter nahmen die Bäume zu und die Landschaft wurde lieblicher. Nach langer strecke erreichen wir den Zeltplatz Cachinapampa, nachdem es sofort nach unserer Ankunft an zu regnen fängt, welch ein Glück. Kurz nach uns kommt ein deutsches paar durchnässt an und muss selbst das Zelt in strömenden regen aufbauen und dann mit allen nassen Sachen in das viel zu kleine Zelt kriechen. Ich beneide sie nicht.

Am letzten Tag hat uns die die Zivilisation wieder. Wir verlassen den Nationalpark und durchqueren kleine Dörfer mit verteilt in der Landschaft liegenden Häusern.

Nach drei stunden durch eine schöne Kulturlandschaft erreichen wir Valqueria, dem Start- und Endpunkt des Santa-Cruz-Trek auf östlicher Seite. Erstmal ein Bier mit unserem tolle Begleiterteam trinken, bevor wir in einen Minibus steigen, mit dem wir wieder nach Huaraz zurückkommen

Vorher fahren wir noch über den Portachuelo de Llanganuco, 4800m, von der die Straße beeindruckend nach unten führt.

Den Huascaran, den höchsten Berg Perus sehe wir leider nicht, er bleibt in Wolken.

Es war einen tolle Tour, die die Agentur huascaran-peru.pe organisiert hat.

Über den Atlantik

Als Geograf schaut man auf den Raum, blickt auf die verschiedenen Elemente, die in dem Raum zu entdecken sind, auf natürliche und menschlich gemachte Dinge, beleuchtet die Beziehungen und Wechselwirkungen untereinander, versucht diese Beziehungen in einem System zu beschreiben.

Am Dienstag, den 02. Oktober schreite ich durch das berühmte Hamburger „Tor zur Welt“, den Flughafen, um nach Lima in Peru zu fliegen. Ein ganz schön großer Raum, den ich dabei überbrücken werde. Als ich mich fragte, was dieser große Raum ausmacht, stieß ich bei der morgendlichen Zeitungslektüre gleich auf zwei Artikel, der die Beziehung von Hamburg und Peru deutlich machte.

Peru ist Der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt. Während bei uns im hambacher Forst gegen den Braunkohleabbau protestiert wird, kämpft die Bevölkerung in Las Bambas in Süd-Peru gegen die lebensbedrohlichen Auswirkungen einer Kupfermine.  Die Regierung reagiert mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes für die Region, um die Proteste zu unterbinden. Das Kupferkonzentrat wird vom Hafen Matarania unter anderm zur Kupferhütte  Aurubis nach Hamburg verschifft. Als Entwicklungsland hat Peru nicht die industrielle Kapazität, selber Kupfer herzustellen, sondern bleibt auf dem Status eines Rohstofflieferanten. Aurubis sagt zwar offiziell, sich für die Einhaltung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards einzusetzen. Aber praktisch scheint wenig zu passieren. Der Artikel Bergbau unter Ausnahmezustand: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5534542&s=Aurubis/

Dazu passt ein zweiter Artikel, in dem über die Verhandlungen zu einem UN-Abkommen für die menschenrechtliche Regulierung der weltweiten Wirtschaft berichtet wird: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5540430&s=UN%2BAbkommen%2BMenschenrechteU

Diese Verhandlungen stocken – weil Deutschland und die EU mit Verfahrenstricks die Prozesse verzögern. Wie kann das sein? Deutschland, das Land, dass sich immer verbal für die Durchsetzung von Menschenrechten weltweit einsetzt? Ich dachte immer, dass Deutschland in diesen Fragen auf der Seite der „Guten“ steht. In meinem Politik- und Geografieunterricht wird immer die Ungerechtigkeit bei den Menschenrechtsstandards thematisiert. Aus der Deutschen Sicht schien es immer so, dass autokratische Regierungen die Menschenrechtsverbesserungen verhindern. Aber auch Deutschland scheint alles zu tun, dass sich die Lage der Menschenrechte weltweit nicht bessert. Frustrierend.

Aber mir wird deutlich, welche Beziehungen in dem großen Raum zwischen Hamburg und Peru, mit dem großen Atlantik dazwischen, wichtig sind. Ich werde die Augen dazu aufhalten.

Beitragsbild von pixabay.com: Kupfer für unsere Stromleitungen

4 Cañon Lengarices

40 Grad Nord, 244 Minuten, 20 Grad Ost, 432 Minuten

Reiseführer: nix; wikipedia: nix; internet: fast nix! Die Bäder von Benje werden genannt, aber der cañon Lengarices bleibt unerwähnt. Auch kein Schild an der Abzweigung weist auf diese spektkuläre Schlucht hin. Dabei durchquert man eine atemberaubende enge Schlucht mit senkrechten, teils überhängenden Felswänden.

Nachdem man die Bäder von Benjes hinter sich gelassen hat, ist man alleine. Mit den Teva-Sandalen an den füßen dürchqueren wir immer wieder das Flußbett, um weiter zu kommen. Das Wasser ist um glück nicht mehr als oberschenkeltief. Aber es irritiert, das man nicht sehen kann, wohin man tritt. Das Wasser ist sedimentgrau, man kann keinen Zentimeter tief blicken.  Also ist tasten angesagt. Wir springen von Stein zu Stein. Dazwischen liegst feinster Schlick, der sich in den Tevas sedimentiert (geografischer Fachbegriff). Bei Nässe wird der Sandstein glitschig, wir müssen ganz schön aufpassen. Wenn man hier unglücklich ausrutscht und sich verletzt, gibt es keine Hilfe. In der Schlucht ist Handyempfang unmöglich.

572E3CE5-28B4-4CA0-82F8-56A4032282F1Viele schöne Steine begleiten den Weg durch den die Schlucht. Immer wieder heben wir farbige runde Steine auf, wollen sie gleich mit nach Hause nehmen, legen sie aber wieder weg, weil es doch viel zu schwer wäre. Unten sind die steine eher kalksteingrau, oben werden die Wände eher gelb und orange. Nur Indirektes Licht  erreicht den Talboden. Kein Sonnenstrahl schafft es bin in das Flußbett. Dadurch umgibt uns eine angenehme Kühle, und die Vegetation ist viel üppiger als in der prallen Sonne des Landes.

B3855208-89A0-4EF3-B622-70D59FE47DF2.jpeg

Die Lengarica-Schlucht kann es mit anderen Schluchten in Europa an Schönheit und spektakulärer Landschaft voll aufnehmen. Für alle, die nach Südalbanien kommen, sollen die Lengarica-Schlucht besuchen. Leider hatten wir keine Drohne dabei, diese Bilder kann man sich aber auf der offiziellen Albanien-Website anschauen:

Lengarica Schlucht

2 Lienz, Osttirol

46 Grad 82 Minuten Nord, 12 Grad 76 Minuten Ost

100% österreichische Rohstoffe: Gösser-Bier am Abend. Ist das auch schon ein Symbol des Ende des Multilateralismus, der in der Achse München – Wien eingeläutet wurde? Ist es wichtig, dass ein Bier nur aus österreichischen Zutaten hergestellt ist? Ist österreichscher Hopfen besser als italienischer, slowenischer oder bayrischer? Dabei liegt Italien von Lienz aus gesehen viel dichter als die Steiermark.

Die Verwendung regionaler Produkte, die nicht sol viele Transportwege nötig haben, wäre doch viel sinnvoller. Ist der Multilateralismus, also das Gegenteil vom nationalstaatlichen, egoistischen Denken, wirklich am Ende? Auf dem Zeltplatz ist halb Europa versammelt. Angeführt von den Campingweltmeistern, den Holländern, finden sich zelte und Wohnmobile aus bestimmt zehn europäischen Ländern. Ich frage mich, warum ein Land wie Österreich, im Zentrums von Europa gelegen, so die Abschottung propagieren kann, wie in den letzten Monaten. Wieso kann sich ein Land, in das Halb Europa in die Ferien fährt, so einer sinnvollen europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik widersetzen?

Wenn ich so über den Zeltplatz gehe, sehe ich fast nur weltoffene Menschen, die sicher kein Interesse an eine Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit gutheißen. Die Europa-Befürworter haben überall eine klare Mehrheit. Diese Mehrheit muss endlich mal den Mund aufmachen. Sollte die Zivilgesellschaft nicht zu einem europäischen. Migrationskongress einladen, um die Lösungen zu erarbeiten, zu dem die Politiker im Moment nicht fähig sind? Vielleicht sollte man diesen Kongress bewusst in Österreich durchführen.

Jetzt nehme ich aber noch einen Schluck Gösser-Bier.

1 Saaleradweg

„Die Saale … ist ein Fluss in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bei einer Länge von 413 Kilometern ist sie nach der Moldau der zweitlängste Nebenfluss der Elbe. Mit einem mittleren Abfluss von 117 m³/s nimmt sie in der Rangfolge der wasserreichsten Nebenflüsse knapp vor der Havel ebenfalls Platz zwei hinter der Moldau ein. Die Saale entwässert von der Quelle bis zur Mündung ein Gebiet von 24.167 Quadratkilometern.“ wikipedia

Start: 51°479’N, 11°960’E; Halle an der Saale.

Ziel: 50°720’N, 11°340’E; Rudolstadt

Stalinallee? Karl-Marx-Promenade?

DCIM999GOPRO

Das war wohl einmal. Die Einfahrt nach Halle weckt Erinnerungen an den real existierenden (historischer Begriff) Sozialismus. Breite Straße, breite Bürgersteige, breite Parkplätze, breite Haltestelleninseln der Straßenbahn, breite Plattenbauten. Das alte Grau ist gewichen, bunte Schirme stehen auf den Balkonen, die Plattenfassaden sind farbig gestrichen. Aber das gerade, rechteckige und breite bleibt. Heute heißt sie einfach „An der Magistrale“. An der Hauptverkehrsstraße (Wortbedeutung laut Duden) würde sich ja auch piefig anhören.

Auf dieser ungewohnten und doch noch etwas altsozialistisch anhörenden Straße starten wir auf den Saaleradweg. Rennräder, kleines Gepäck fahren wir nach Süden, den Saalefluss aufwärts. Die meisten Radler fahren anders herum, vielleicht weil es mehr abwärts geht. Auf super Asphalt sausen wir dahin, abseits der Straßen, auf dem extra angelegten Radweg. Nur selten benutzen wir eine öffentliche Straße, und dann sind sie kaum durch Autos befahren. Ein Traum für jeden Radfahrer. Die Landschaft ist flach und gelb, von oben brennt schon um 9 Uhr die Sonne. Es sollen wieder 36 Grad in diesem unfassbaren heißen Sommer werden. Mit einem dicken Paket Sonnencreme auf den Schultern ist am Anfang der Fahrtwind noch kühl.

Auffahrt für Radfahrer“ weist ein Schild nach rechts. Von „Fahrt“ kann allerdings keine Rede sein, zu steil, zu viele Stufen, zu enge Kehren. Oben angekommen, hält sich eine große Gruppe schick angezogener Menschen in weißen und grauen Kleidern und Anzügen an Sektgläsern fest. Der Park zwischen dem massigen Schloss und der Orangerie bietet eine schöne Kulisse für Hochzeiten. Wir schieben unsere Räder, schon ziemlich verschwitzt, in Richtung des Schloss von Merseburg.

Merseburg ist eine Dom- und Hochschulstadt an der Saale im südlichen Sachsen-Anhalt. Sie ist Verwaltungssitz des Saalekreises und Bestandteil des länderübergreifenden Ballungsraums der Großstädte Leipzig und Halle. In der maßgeblich von diesen beiden Oberzentren geprägten Metropolregion Mitteldeutschland fungiert Merseburg als Mittelzentrum. Unmittelbar an Merseburg grenzen die Chemiestandorte Schkopau (Buna) und Leuna.

Merseburg, eine der ältesten Städte im mitteldeutschen Raum, wurde im 10. Jahrhundert zur Königspfalz erhoben und gilt als Heimatstadt der Merseburger Zaubersprüche aus dem 9./10. Jahrhundert. Die Ersterwähnung im 9. Jahrhundert als „Mersiburc civitas“ weist auf eine bereits vorhandene befestigte Ansiedlung hin. Tatsächlich lassen sich seit der Jungsteinzeit anhaltende Besiedelungen nachweisen.

Von Beginn an durch die Gründung des Bistums Merseburg im Jahre 968 durch König Otto I. bis zur Reformationszeit war Merseburg ein bedeutendes religiöses Zentrum. Von 1656 bis 1738 war Merseburg Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Merseburg und von 1815 bis 1933 Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirkes der preußischen Provinz Sachsenwikipedia

Oh ha, das war bisher an uns vorbei gegangen. Soviel Geschichte in dieser kleinen Stadt.

DCIM999GOPRO

Abseits der Straßen sausen wir weiter gen Süden. Die Orte bleiben unbekannt, die wir durchqueren. Der Osten ist für uns immer noch eine Art Niemandsland. Weite Teile Österreichs, der Schweiz oder Italiens scheinen uns schon vertrauter. Nur sehr selten treffen wir noch auf ein altes DDR-Ortsschild, auf dem die alte Bezirksnennung übergeklebt ist. An der Art der Dörfern erkennt man aber nicht nur die LPG-Vergangenheit, sondern auch den Großgrundbesitz aus der vor-sozialistischen Ära. Szenen aus „Das weiße Band“ kommen mir in den Kopf.

DCIM999GOPRO

Endlich haben wir am Nachmittag einen Punkt zum Baden und Abkühlen in der Saale gefunden. Die Kohlehydratspeicher waren leer, das Wasser in den Flaschen war über Körpertemperatur angeschwollen, die Sonnencreme auf der Haut hat eine pattexähnliche Verbindung mit dem Schweiß angenommen.

DCIM999GOPRO

Italien? Nein: Saale-Unstrut! Gut dass es noch einmal in großen Lettern über dem Weinberg angeschrieben ist.

DCIM999GOPRO

Uns begegnen junge Männer in Anzügen, mit lustigen Schirmmützen auf dem Kopf und einer dünnen Schärpe über den Schultern. In kleinen Gruppen marschieren sie durch den Wald. Wieso geht man bei dieser Hitze im Anzug durch den Wald? Auch wir müssen schieben, die Rennräder sind nicht gemacht für steile Waldwege.

Oben angekommen bietet sich uns ein herrlicher Rundblick über das Saaletal. Wir haben inzwischen den flachen Teil verlassen und befinden uns im steil eingetalten, mit Felsen durchsetzten Tal. Oben auf den Felsen wurde eine Aussichtskanzel gebaut, und natürlich zwei Burgen, die Saaleck und die Rudelsburg. Am Löwendenkmal gibt es die Erklärung für die jungen Anzugträger: Kosender Korpsstudenten.

Der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) ist ein 1848 gegründeter Dachverband der ältesten Studentenverbindungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Ungarn. Die Corps wurzeln im Deutschen Idealismus. Nicht wenige sind älter als 200 Jahre. Im Sommersemester 2016 gab es 102 Kösener Corps an 40 Universitätsstandorten. Rund 2.300 Studenten und mehr als 13.000 berufstätige Akademiker von allen Kontinenten sind „Kösener Corpsstudenten“. wikipedia 

DCIM999GOPRO

Der nationale Geist weht hier durch den Wald und die Burgruinen. Das wirkt auf uns doch ewig-gestrig und treibt uns schnell zum Weiterfahren: Rasant geht es mit über 40 km/h den Berg hinunter wieder ins Saaletal.

DCIM999GOPRO

Mit verschwitzten Füßen über Velourplüsch laufen. Davon habe ich den ganzen Tag geträumt. Das Thermometer steht immer noch bei 32°. Die ausrangierte Schrankwand, das alte Ecksofa in undatiertem Design, aber mindestens 20 Jahre alt. Wir sind aber froh,  noch ein Pensionszimmer in Camburg ergattert zu haben. Nach 95km sind wir auch platt. Das Duschwasser verdampft sofort auf der Haut.

Das Leben in diesem kleinen Städtchen an der Saale spielt sich an diesem Abend vor REWE ab. Die Hoffnung auf einen lauschigen Biergarten am Fluß für das Auffüllen der Flüssigkeitsdepots im Körper erfüllte sich nicht. Also machen wir es wie die Fußballjugendlichen des Dorfes: Ein paar Bier aus dem Getränkemarkt holen, an den Bootsanleger setzen und die Füße ins Wasser halten. Nebenbei bekommen wir auch alle Aufstellungs- und Taktikinformationen des FC Camburg. Das Bier kühlt in den Fluten schnell ab.

DCIM999GOPRO

DCIM999GOPRODCIM999GOPRO

Es bleibt heiß. Ganz Deutschland diskutiert darüber: Ist das jetzt der Klimawandel bei uns? Die Klimaforscher betonen immer wieder, dass man durch ein einzelnes Ereignis (wie diesen heißen Sommer) nicht auf eine Veränderung des Klimas schließen kann. Eine Ursache für den Klimawandel begegnet uns auch im Saaletal: Die Bergbaufolgelandschaft Geiseltal. Mittlerweile der Braunkohleabbau beendet und die Landschaft unter Naturschutz gestellt, damit sie sich wieder regenerieren kann. Aber die Braunkohleverfeuerung geht weiter, aus anderen Quellen. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel machen wollen, müssen wir sofort aus der Kohle aussteigen! Greenpeace: Kohleausstieg – Ja bitte!

 

DCIM999GOPRO

Endstation Rudolstadt. Die Kleine Stadt ist schick renoviert, aber auch seltsam ausgestorben. Kaum Menschen auf der Straße, niemand flaniert, ein offenes Restaurant ist kaum zu finden. Sind die 23.000 Rudolstädter alle im Urlaub? 

Auf zum Bahnhof. Von hier geht es mit dem Zug wieder zurück nach Halle. Die ganze Strecke der letzten zwei Tage können wir noch einmal aus dem Zugfenster bewundern.

Insgesamt ist der Saaleradweg sehr zu empfehlen. Die meisten Strecken hatten einen super Asphalt und waren als extra Radweg abseits der Straßen angelegt. Auch die nicht asphaltierten Abschnitte waren so glatt, dass sie mit den Rennrädern gut zu befahren waren. Einzig der Abschnitt nach Bad Lösen nach Süden war so steil, dass er nur für Mountainbikes geeignet ist. Dort sollte man vielleicht die Straße nehmen.

Hier die Website des Saaleradweg e.V.:

Saaleradweg