Ich habe ja schon kurz Alois erwähnt, den Allgäuer in Lima. Alois ist Bioingenieur und bietet alternative Stadtrundfahrten in die pueblos jovenes, den jungen Dörfern an. Diese Rundfahrt habe ich mit Alois mitgemacht, und bin an Orte von Lima gekommen, an die ich mich niemals hingetraut hätte, geschweige denn, dass ich sie gefunden hätte.
Pueblos jovenes ist ein etwas geschönter Ausdruck, es sind die Siedlungen, die durch Landbesetzungen entstanden sind, in die dieMenschen hineinströmen, die vom Land in die Stadt kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt. Dabei werden diese Siedlungen meist im Nachhinein legalisiert, mit Strom, Schulen und Infrastruktur versorgt.

Die Orte, die wir besuchten, hatten immerhin schon Häuser aus Stein, hatten alles Strom und es schien eine Busanbindung zu geben. Kanalisation war meist nicht vorhanden, die Abwässer liefen in der Mitte der Straße bergabwärts. Aber politische Strukturen schien es schon zu geben, wie überall in Lima hingen massenweise die Wahlplakate für die anstehende Kommunalwahl aus.
Die Wohnverhältnisse wirkten auf uns Deutsche erstmal schockierend. Aber Alois wies und darauf hin, dass hier kaum einer schlecht angezogen durch die Gegend läuft. Und hungern schien auch keiner. Und er stellte noch die These auf, dass keiner so recht ein Interesse an einer Verbesserung der Situation habe, weil ja dann die Hilfsgelder und Unterstützungen wegfallen würden. Wenn sich etwas positiv verändern würde, könnte sich das fein geflochtene Netz der Nutznießerei von Hilfsmaßnahmen verschieben.Nach Alois sein eine wirkliche Verbesserung der Situation gar nicht wirklich erwünscht.

Die Häuser ziehen sich über alle Hügel hin, soweit das Auge reicht. Die Steilheit der Hänge scheint kein Hinderungsgrund zu sein, dort eine Parzelle einzunehmen. Dazu werden, wie im Bergbau im Mittelalter, die Felsen über mehrere Tage unter Feuer gesetzt, meist mit alten Autoreifen. Dann wird Wasser über das heiße Gestein geschüttet, so dass es schnell abkühlt und es dann zur Sprengung des Steins kommt. jetzt kann es. Mit bloßen Händen abgetragen werden und man kann eine Parzelle im steilen Fels planieren. Darauf wird dann die erste Hütte gebaut.


Als Toilette wird dann ein einfaches Loch mit Verschlag gebaut.

Alois versucht, Kompostanlagen und Biotoiletten sowie pflanzliche Reinigungseinheiten in den Siedlungen zu etablieren. Dabei scheint viel Überzeugungskraft notwendig zu sein. Die Fixierung der Menschen auf das WC (Wasser-Closett) ist als Nonplusultra Ungebrochen. Auch wenn es in einer Region wie Lima fast nie regnet.
Alois zeichnete auch ein düsteres Bild der politischen Situation. Viele neugewählte Politiker würden das Erreichte ihrer Vorgänger wieder entfernen, damit sie sich mit ihren eigenen Projekten profilieren können. So habe er öfters erlebt, dass bei einem Amtswechsel seine Anlagen wieder abgebaut wurden. Aber auch unter den Privatpersonen eines Viertels sind nur wenige zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen. Nur bei den sehr grundlegenden Dingen wie Strom- und Wasserversorgung würde man noch an einem Strang ziehen. Bei den nicht mehr so lebenswichtigen Dingen würde es sofort Streit geben und kein Nachbar traue mehr dem anderen, so Alois. Egoismus sei weit verbreitet, und man gönne dem Nachbarn nichts, macht sogar noch dessen Errungenschaften kaputt. Und in einer Umgebung, wo man für 50 Soles einen Killer bekommt, sei das kein Zuckerschlecken. Gemeinsinn scheint es in der peruanischen Gesellschaft wenig zu geben. Es scheint mehr ein „jeder gegen jeden“ zu gelten.

In Peru würde alles politisiert. Ich erkenne es auch daran, dass viele Häuser ihr politisches Bekenntnis zu einem Kandidaten auf die ganzen Hauswände gemalt haben. Rationale Auseinandersetzungen über Sachthemen sind laut Alois dadurch sehr schwer möglich. Es geht immer darum, bist du für den einen Kandidaten oder den anderen. Als Warner für den Umweltschutz wurde er oft als Miesmacher und Schlechtmacher von Peru gebrandmarkt. Sogar von grünen Abgeordneten des Europaparlaments wurde er gemahnt, nicht die Entwicklungshilfe aus Europa zu kritisieren.

Initiativen für die Mülltrennung wurden schon nach wenigen Wochen wieder eingestellt, weil die Vereinigung der Mülltransporteure sich bei den Politikern durchsetzen konnte.
Ich weiß nicht, ob ich im Geografie-Unterricht über die „globalen Probleme“ so einfach mit push und pull faktoren, human-development-index, Bruttoinlandsprodukt usw. arbeiten kann. Die Lagen scheinen doch viel komplexer zu sein. Vor alleim scheint es mir um die Kategorien Gerechtigkeit und Gemeinsinn zu gegen. Und das sind ja auch Begriffe, die bei uns wichtig diskutiert werden.
Insgesamt hatte ich den Eindruck, Südamerika sei schon viel weiter. Die Staaten würden sich auf dem Niveau von Schwellenländern bewegen. Aber die nackten Zahlen scheinen ja wenig auszusagen über die wirklichen Lebensbedingungen. Und Lima lebt die Hälfte der neun Millionen Bevölkerung in pueblos jovenes.
Wer nach Lima kommt, dem empfehle ich die Stadtrundfahrt mit Alois Kennerknecht. Er zeigt auch seine umweltprojekte an Schulen, wo er ein Gras kultiviert, mit dem die weite Erosion der Landschaft aufgehalten werden kann. Ich habe Alois ganz einfach per Mail kontaktiert. Die Mailadresse habe ich aus dem Stefan-Loose-Reiseführer Peru.















Viele schöne Steine begleiten den Weg durch den die Schlucht. Immer wieder heben wir farbige runde Steine auf, wollen sie gleich mit nach Hause nehmen, legen sie aber wieder weg, weil es doch viel zu schwer wäre. Unten sind die steine eher kalksteingrau, oben werden die Wände eher gelb und orange. Nur Indirektes Licht erreicht den Talboden. Kein Sonnenstrahl schafft es bin in das Flußbett. Dadurch umgibt uns eine angenehme Kühle, und die Vegetation ist viel üppiger als in der prallen Sonne des Landes.










