Kategorie: Bolivien
Menschenrechte schützen!
Bevor ich nach Südamerika aufgebrochen bin, habe ich als eines der ersten Beiträge hier über einen TAZ-Artikel berichtet, der das Thema „Menschenrechte“ bei Abbau von Kupfer in Peru zum Thema hatte. Die Vereinten Nationen wollen einen Vertrag zu Menschenrechten in der Wirtschaft völkerrechtlich verbindlich machen. Deutschland und Europa bremsen hier https://geografunterwegs.wordpress.com/2018/09/26/ueber-den-atlantik/

Jetzt hat Attac eine Petition aufgelegt, in der die EU und Deutschland aufgefordert werden, die Menschenrechte vor die Konzerninteressen im internationalen Handel zu stellen:
Menschenrechte schützen – Konzernklagen stoppen!
An den Präsidenten der Europäischen Kommission, die EU-Ratspräsidentschaft, Vertreter und Vertreterinnen der EU-Mitgliedstaaten und Mitglieder des Europäischen Parlaments
„Die heutigen Handels- und Investitionsabkommen geben Konzernen weitreichende Sonderrechte und Zugang zu einer Paralleljustiz, um diese Rechte durchzusetzen.
Wir fordern die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, diese Privilegien zu beenden, indem sie sich aus Handels- und Investitionsabkommen zurückziehen, die Sonderklagerechte enthalten, und künftig keine solchen Abkommen mit Sonderklagerechten mehr abzuschließen.
Außerdem fordern wir die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, sich für das aktuell verhandelte UN-Abkommen (Binding Treaty) einzusetzen, das Konzerne für Menschenrechtsverstöße zur Rechenschaft zieht und damit ihre Straflosigkeit beendet.
Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen Konzerne gesetzlich verpflichten, in Auslandsgeschäften die Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards zu achten.
Betroffene von Menschenrechtsverstößen durch Konzerne müssen Zugang zu Gerichten haben.“
Während Konzerne gegen demokratisch entstandene Gesetze klagen können, sind Betroffene von Menschenrechtsverletzungen meist machtlos. Wenn wir wirklich eine gerechtere Weltordnung wollen, muss dieses Ungleichgewicht aufgehoben werden. Wenn deutsche Firmen international einkaufen, sollten sie nachweisen können, dass bei der Produktion keine Menschenrechte missachtet wurden. Der einfache Hinweis, man würde sich an internationales Recht halten, darf nicht ausreichen.
Ich bitte alle diese Petition zu unterschreiben. Hier geht es zum Link: https://www.attac.de/kampagnen/menschenrechte-vor-profit/jetzt-unterzeichnen/
„Die Macht der Geographie“: Begleiter meiner Reise durch Südamerika
„Lateinamerika, insbesondere sein Süden, ist der Beweis, dass man zwar das Wissen und die Technologie der Alten Welt in die Neue bringen kann, der Erfolg aber überschaubar bleibt, wenn man die Geographie gegen sich hat und auch noch die Politik falsch einschätzt. So wie die Geographie den Vereinigten Staaten half, eine Großmacht zu werden, sorgt jene der zwanzig Staaten im Süden dafür, dass keiner davon groß genug wird, um den nordamerikanischen Giganten ernsthaft herauszufordern, beziehungsweise verhindert, dass sie zusammenkommen, um dies gemeinsam zu tun.“
Die Macht der Geographie, Marshall, Tim, S. 286 im eBook
Das Buch von Tim Marshall Die Macht der Geographie hat mich auf meiner Südamerikareise begleitet. In seinem Buch zeigt Marshall auf, welchen Einfluss die geografischen Gegebenheiten auf die Entwicklung der Kontinente und die Handlungen der Mächtigen haben.
Eine von Marshalls Thesen ist, dass sich die USA zu einer Weltmacht entwickeln konnte, weil dort das Land, dass die Kolonialisten den Einheimischen weggenommen haben, in kleinen Einheiten unter den Neusiedlern aufgeteilt wurde. In Südamerika wurde dagegen das feudalistische System der iberischen Halbinsel eingeführt, bei dem wenige mächtige Großgrundbesitzer und die Bevölkerung in leibeigenen Verhältnissen leben. Die Auswirkungen dieses Systems behindern bis heute die Entwicklung der Länder des Südens Amerikas. An der Grundidee, das Land und die Menschen möglichst intensiv auszubeuten und den Mehrwert nach Europa zu transportieren, habe sich auch durch die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten am Anfang des 19. Jahrhunderts nichts grundlegend geändert. Die Machtverhältnisse blieben die gleichen, nur der Einfluss der Spanier und Portugiesen wurde zurückgedrängt.
Die Geografie Südamerikas habe ich hautnah am eigenen Leib kennengelernt. In Lima kam ich in der Küstenwüste an, wo es kaum regnet. Die Wüste zieht sich vom Norden Perus bis weit nach Süden in Chile. In Chile liegt auch die Atacamawüste, die trockenste Wüste der Welt.

Die Atacamawüste habe ich im letzten Teil meiner Reise besucht. Trotzdem haben sich, wie Marshall erklärt, die meisten Städte an der Küste gegründet, und sie beherbergen mittlerweile den Großteil der Bevölkerung von Peru und Chile.

Die Eliten und Wirtschaftsunternehmen blieben an der Küste, trotz lebensfeindlicher Landschaft drumherum. Entsprechend wenig kümmerten sie sich um die Entwicklung des Binnenlandes. Verkehrsverbindungen gab es nur zu den Metropolen an der Küste, die Verkehrsverbindungen unter den Städten im Binnenland wurden vernachlässigt. Inzwischen leben in viele südamerikanischen Staaten mehr als 30% der Bevölkerung in den Städten der Küste (Marshall, S. 286).
In Peru hat der jahrelange Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000 das Binnenland weiter entvölkert. Der Terror des sendero luminoso und der Gegenterror der paramilitärischen Truppen ließen viele Menschen in die Hauptstadt flüchten. Lima ist heute auf über 9 Millionen Menschen angewachsen und von einem riesigen Gürtel aus Siedlungen aus der Landnahme (pueblos jovenes) umgeben:

Marshall beschreibt deutlich, wie diese Raumstruktur die Entwicklung Südamerikas behindert haben. Die Verkehrsentwicklung ging nicht in die Fläche, die Zentren wurden kaum miteinander vernetzt. Erst in den letzten Jahren wird versucht, die Defizite aufzuholen. Marshall vermutet jedoch, dass die Bemühungen noch Jahre brauchen und riesige Summen verschlingen werden.
Auch interkontinentale Verbindungen sind kaum vorhanden. Erst vor wenigen Jahren haben Peru und Brasilien eine durchgehende Straßenverbindung vom Pazifik zum Atlantik eröffnet. Hier die neugebaute Brücke dieser Verbindung in Puerto Maldonado:


Ob der Transport mit LKW die nötigen Impulse für eine Industrieansiedlung geben kann, scheint fraglich. Die Bezeichnung puerto für Maldonado wirkt eher lächerlich. Man besitzt zwar ein Marinekommando und eine stolze Hafenbehörde, aber im „Hafen“ legen nur ein paar Langboote für die Touristen an, die über wackelige Stege ein- und aussteigen müssen. Ein Warentransport über die Flüsse des Amazonastieflands scheint nicht möglich und stellt einen großen Hindernisgrund für die Verkehrserschließung Südamerikas dar.
Auch Bolivien hat mit Brasilien zusammen Pläne verabschiedet, eine transkontinentale Eisenbahnlinie zu bauen. Bioceanica. Die Eisenbahn soll den peruanischen Pazifikhafen Ilo mit dem brasilianischen Atlantikhafen Santos verbinden. Die Überwindung der riesigen Anden und der großen Entfernungen von über 3000km werden große technische und finanzielle Anstrengungen bedeuten. Für Bolivien ist der „Panamakanal auf Schienen“ auch ein Prestigeprojekt. Bolivien verlor im 19. Jahrhundert im Salpeterkrieg gegen Chile seine Pazifikhäfen. Das bedeutet einen großen Nachteil im internationalen Handel. Noch letztes Jahr versuchte die bolivanische Regierung durch eine Klage vor dem internationalen Gerichtshof einen Zugang zum Pazifik zu erklagen. Wenige Tage vor meiner Ankunft in Südamerika hat der Gerichtshof in Den Haag die bolivianische Klage abgewiesen. In den Gondeln der Seilbahn über El Alto lässt Evo Morales für die „mar por Bolivia-Kampagne“ werben (Bild). https://www.elcomercio.com/afull/bolivia-chile-guerradelpacifico-lahaya-paraquecaches.html
Marshall berichtet, dass sich Bolivien beharrlich weigert, sein Erdgas an Chile zu verkaufen. Den Deal „Gas für ein Stück Küste“ lehnt wiederum Chile ab. „Nationalstolz und geographische Notwendigkeiten triumphieren auf beiden Seiten über einen diplomatischen Kompromiss“ (S.291).

Neben der Küstenwüste sind sicher die Anden das markanteste Gebirge, das den südamerikanischen Kontinent strukturiert. (Karte von Douglas Fernandez, flickr.com, cc-by):

Die Anden bezeichnet den Teil der längsten Bergkette der Welt, die sich von Alaska bis Feuerland, über weite Teile in drei nebeneinanderliegenden Teilketten, hinzieht. In Peru und Bolivien waren die Anden die Heimat vieler Hochkulturen, nicht nur der Inka. Diese Kulturen haben dieses gigantische Gebirge mit seiner speziellen Geografie immer perfekter genutzt. Mein Wanderführer bezeichnete Macchu Picchu als die Universität der Inka, an der Kalender, Universum und landwirtschaftliche Anbaumethoden erforscht wurden. Nach der Eroberung der Spanier wurden diese Kulturen ausgelöscht oder versklavt, und das Andenhochland wurde nur noch nach Bodenschätzen ausgebeutet. Die an die spezielle Geografie angepasste Bewirtschaftung ging bis heute verloren. Die Andenräume konnten nicht an die Entwicklung der Küstenräume anknüpfen.

Marshall behauptet, dass Südamerika im Verhältnis zu Nordamerika und Europa „nicht am Scheideweg“ in eine bessere Zukunft steht, „sondern da, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen“ (S. 289). In Südamerika sei alles weit weg von allem. Als ich durch die Anden gereist bin, konnte ich dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen. Ich fühlte mich von allem ganz weit weg. Allein ganz physisch sitzt man Stunden und Tage im Bus oder im Minivan, um von A nach B zu kommen. Mit schien in den Anden alles eine Nummer größer, als ich es aus Europa gewohnt war: Die Berge höher, die Schluchten tiefer, die Flüsse breiter – und die Menschen ärmer. Das Bild von „Fuchs und Hase“ scheinen auch die Peruaner so zu sehen. Wer aus dem Hochland etwas werden will im Leben, geht in die Städte an der Küste. Allein Cusco kann als Touristenmagnet etwas mehr Infrastruktur entgegensetzen.
Die Grundidee, dass die Anden nur zum Mineralienabbau zu nutzen sind, zeigt sich auch an der Minen-Politik der peruanischen Regierung. Die größte Goldmine auf dem Kontinent, Yanacocha bei Cajamarca, verseucht durch das verwendete Quecksilber die Grundwasser der Region, die Proteste der Bergbauern werden aber mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die besonderen Lasten für die betroffenen Regionen von dem aus dem Berg geholten Reichtümern etwas nachbleibt. Insofern gilt das koloniale Prinzip der Ausbeutung auch heute noch. https://de.wikipedia.org/wiki/Yanacocha

Östlich der dritten Anden-Kordelliere beginnt das Amazonas-Tiefland. Ich habe Tarapoto, Tingo Maria und Puerto Maldonado, das richtig im Tiefland liegt, besucht. Der Regenwald ist für mich natürlich faszinierend mit seiner Tier- und Pflanzenvielfalt. Der Regenwald ist ja nicht nur schön anzusehen, sondern spielt als Sauerstoffquelle, CO2-Speicher und als Gen-Speicher weltweit eine herausragende Rolle. Da ist es natürlich schmerzlich zu sehen, wie stark der Regenwald schon abgeholzt ist und noch wird. Aber der Trend zum Abholzen ist noch lange nicht gestoppt. In Puerto Maldonado spielt das legale und illegale Goldwaschen in den Flüssen eine große Rolle für die Wirtschaft – und für die Umweltverschmutzung. Versuche der peruanischen Polizei, den illegalen Goldabbau zu unterbinden, stieß immer wieder auf den Protest der einheimischen Bevölkerung. Jetzt wird die Polizei einfach besser bezahlt – durch die Goldschürfer und nicht durch den Staat. Dadurch ist trotzdem möglich, was offiziell verboten ist.

Marshall beschäftigt sich mit dem Amazonas-Regenwald am Beispiel Brasilien, das ich nicht besucht habe:
„Sein Gebiet umfasst ein Drittel der Landmasse Südamerikas, es ist fast so groß wie die USA, seine 27 Bundesstaaten haben eine Fläche, die größer ist als die aller 28 EU-Staaten zusammen, aber im Gegensatz zu diesen fehlt ihm die Infrastruktur, um ebenso reich zu sein. Ein Drittel von Brasilien besteht aus Dschungel, und dort Land für eine moderne Bebauung zu gewinnen ist extrem teuer und in manchen Gebieten auch illegal. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist langfristig ein ökologisches Problem für die ganze Welt, aber für Brasilien ist sie auch ein mittelfristiges Problem: Die Regierung gestattet Bauern die Brandrodung und Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen, aber der Boden ist so schlecht, dass Ackerbau binnen weniger Jahre nicht mehr möglich ist. Die Bauern ziehen dann hinaus und roden ein weiteres Stück Dschungel, doch Regenwald, der einmal abgeholzt ist, wächst nicht nach. Das Klima und der Boden arbeiten der Entwicklung von Landwirtschaft entgegen.“ (S. 304)

Das Problem mit dem Regenwald: Ist der Primärwald erstmal abgeholzt, kann man ihn nicht wieder aufforsten. Hier gilt, „weg ist verloren“.
Weiter nach Süden komme ich nach Chile. Bei Marshall wird Chile nur sehr am Rande behandelt, obwohl es das reichste Land Südamerikas ist. Er beschäftigt sich näher mit Argentinien und Brasilien. Trotzdem konnte ich in Chile eines der wichtigsten geopolitischen Merkmale beobachten.

Valparaiso: Cárcel viejo, mitten in der Stadt. Unser Guide von einer free walking tour berichtet von den Schreien, die 1973 aus dem Gefängnis über die Stadt hallten. In diesem Gefängnis waren die politischen Gefangenen nach dem Militärputsch gegen Präsident Allende eingepfercht. Dieser Militärputsch war eines der ersten weltpolitischen Ereignisse, die ich bewusst als Schüler wahrgenommen habe. Ich kann mich noch heute an das SPIEGEL-Titelblatt erinnern.
An dem Militärputsch war der CIA maßgeblich mit beteiligt. Die Welt befand sich 1973 mitten im Kalten Krieg, die USA war dabei, den Vietnamkrieg zu verlieren. Die USA wollten keine linksgerichtete Regierung auf dem dem amerikanischen Kontinent dulden. Die geopolitische Idee dahinter: die Monroe-Doktrin. Marshall erklärt sie so:
„Die lateinamerikanischen Länder haben keine natürliche Affinität zu den USA. Die Beziehungen werden von der amerikanischen Ausgangsposition beherrscht, die mit der Monroe-Doktrin 1823 … in der Rede von Präsident Monroe zur Lage der Nation dargelegt wurde. Die Doktrin erteilte europäischen Kolonialbestrebungen eine Absage und erklärte wortreich, dass Lateinamerika der Vorgarten und der Einflussbereich der USA sei. Die Doktrin hat die Ereignisse seither orchestriert, und viele Lateinamerikaner sind der Meinung, dass die Ergebnisse nicht immer positiv waren.“
Die Militärdiktatur in Chile dauerte fast 20 Jahre. Anfang der Neunziger Jahre, nach Ende des Kalten Krieges, wurde schrittweise die Demokratie wieder eingeführt. Unser Guide in Valparaiso rät uns aber, im Gespräch mit Chilenen beim Thema Diktatur sehr vorsichtig zu sein. Die chilenische Gesellschaft sei immer noch sehr gespalten in der Bewertung dieser Zeit. Ich frage ihn nach dem Geschichtsunterricht: Nein, dieses Thema würde in der Schule ausgespart.
Wer genaueres nachlesen will, schaue doch in das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44689/schwieriges-erbe?p=all

Santiago, Museum für Menschenrechte und Versöhnung. Hier hängt eine ganze Wand voll mit den Bildern der Verschwundenen der Militärdiktatur. Sie sind auch Opfer der Monroe-Doktrin, die letztlich bis heute gilt, auch wenn die USA sich in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr so stark in Lateinamerika eingemischt haben. Aktuell scheint ja die Politik der USA eher in Richtung Abschottung zu gehen, siehe den Streit um die Mauer nach Mexiko.

Vor dem Museum ist die allgemein Erklärung der Menschenrechte in Metall angeschraubt. Sie stehen aus meiner Sicht über allen geografischen Besonderheiten und gelten in Bergen und Wüsten, auf Flüchtlingsschiffen auf den Ozeanen wie auch im Regenwald.

Vielleicht habe ich ja etwas Lust auf Geopolitik gemacht anhand meiner Reiseerfahrungen aus Südamerika. Dann sollte man sich das Buch von Tim Marshall gönnen.
Salar de Uyuni
Drei Tage von Uyuni nach San Pedro de Atacama
Zum Glück rollen die zehn weihnachtlich geschmückten Käfer rechtzeitig auf der Weihnachtsparade in La Paz los. Sie sind die letzte Abteilung der seit drei Stunden sich durch die engen Straßen der Stadt wälzende Parade aus Trucks, Musikgruppen und Motivwagen mit DJs. Der Platz auf der Straße ist wieder frei für unseren Nachtbus nach Uyuni.

Morgens um sechs werden wir geweckt. Der Bus verläßt die asphaltierte Straße und rumpelt auf eine Anhöhe hinauf. Der Blick schweift über eine endlose flache Pampa, mit einem schneebedeckten Vulkan im Hintergrund. Ein zweiter Bus rollt neben unseren, das Personal stellt sich stolz vor ihren Fahrzeugen auf und läßt sich im frühen warmen Licht fotografieren.
In Uyuni startet unsere dreitägige Tour durch die weltgrößte Salzfläche und die angrenzende Bergwüste an der Grenze zwischen Bolivien und Chile. Drei Tage im Nissan fourwheeldrive, zu siebent auf schmalen Sitzen eingezwängt durch eine überwältigenden Landschaft rumpeln.

Nach dem Stop bei dem Touristenmarkt geht es hinaus in die Salzwüste. Plötzlich ist alles weiß um uns herum, die Sonne ist so gleißend, dass man nicht die Sonnenbrille abnehmen kann. An einigen Stellen blubbert kaltes Wasser aus Löchern hervor. Der Salar wird nach wie vor aus den umliegenden Bergen mit Wasser gespeist. Das Wasser fließt unter dem Salz und tritt an einigen Stellen nach oben.
Entstanden ist der Salar de Uyuni vor ca. 10.000 Jahren, als sich durch starke Regenfälle in den abflusslosen Becken zwischen den Gebirgszügen ein riesiger See bildete. In den folgenden Warmzeiten trocknete der See aus und hinterließ das im Wasser gelöste Salz auf einer gewaltigen Fläche von 110 x 140 Kilometern. Das Ende der Salzfläche ist nur durch die am Horizont im Dunst zu erkennenden Vulkane abzuschätzen.

Während unsere Mitfahrer die typischen Perspektiven-Fotos machen, gehen wir los in Richtung Isla Inkahuasi, ca. fünf Kilometer entfernt. Nur geradeaus, nur das gleißende weiß um uns herum, kein Baum, kein Tier, kein grün. Nur der Wind bringt etwas Geräusche, und die vorbeifahrenden Geländewagen. Eine ganz besondere Wandererfahrung. Man hat kaum das Gefühl, voran zukommen. Die anvisierte Insel im Salz wird kaum größer. Unser Fahrer Fausto wollte uns wieder einsammeln, ein kurzer Gedanke befällt mich: was tun, wenn er uns nicht einholt? Schnell diesen Gedanken wieder verwerfen.


Wir erreichen die Insel Inkahuasi. Fausto hat uns natürlich wieder eingesammelt. 6000 Kakteen stehen wie große Stecken auf der kleinen Insel verteilt. Der Wind fegt in Orkanstärke über die Insel, die Kälte fordert die gesamte Kleidung heraus. Die Kakteen schwanken gelassen im Wind. Die Insel liegt fast genau im Zentrum des Salzsees. Daher hat sie auch mythische Bedeutung, oben auf dem höchsten Punkt liegt ein Podest für die Rituale. Nachdem es am nachmittag noch 40 Grad waren, ließ der Wind und die Wolken die Temperatur rapide fallen, so dass die Daunenjacken zum Einsatz kamen.

Unser Weg geht schnurgerade nach Süden weiter. Nach Sonnenuntergang verlassen wir die Salzwüste und unser Geländewagen fährt auf einer normalen Piste weiter. Erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir San Juan, wo unsere Unterkunft liegt: ein Salzhotel.

Der nächste Morgen beleuchten die herumstehenden Vulkane mit gleißender Sonne. Der in der Nacht gefallene Schnee leuchte hell von den Berggipfeln herab.

Zwischen unzähligen Vulkanen fahren wir in Richtung chilenischer Grenze. Immer wieder halten wir zum Fotografieren an. Die Piste ist nur für einen vierrad angetriebenen Auto machbar. Wie bewegen uns jetzt nur noch über viertausend Höhenmetern.
Nach einem weiteren Hügel, der von unserem Nissan erklommen wird, erreichen wir die erste Lagune mit Flamingos. Sie scheinen sich an den Touristen nicht zu stören, und gründeln weiter mit ihren Schnäbeln im seichten Gewässer nach ihrem Futter. Drei verschiedene Arten von Flamingos leben an diesen Lagunen: der große andinische Flamingo, der chilenische Flamingo und Flamingo de James ganz majestätisch stehen sie in dem grünen Wasser vor dem weißen Salz. An einem dieser Lagunen essen wir mittag, sicher eines der schönsten Plätze für ein Mittagessen.

Wir schrauben uns über endlose Hochebenen immer weiter nach oben. Jetzt verschwinden auch die letzten Grasbüschel, die uns bisher immer begleitet haben. Nur graues, manchmal auch buntes Gestein begleitet uns. Der Schnee der Bergspitzen ist jetzt am Nachmittags abgeschmolzen. Wir erreichen mit über 4800m unseren höchsten Punkt der Tour. Ein atemberaubender Rundblick über die westliche Cordillera bietet sich uns. Alle Brauntöne sind vorhanden, man erkennt die Abflüsse der Regenmassen, die in der Regenzeit in Tal fließen. Der Wind bläst unbarmherzig über die Hochebene. Wie ein Sandstrahlgebläse arbeitet er am Gestein. Die tollsten Formen hat er am arbol de piedra geschaffen, einen Steinklotz, der wie ein steinernder Baum geschliffen wurde.

Der letzte Höhepunkt des Tages ist die laguna colorosa die wir gegen Abend erreichen. Neben dem weißen Salz dieser Lagune färben Bakterien das Wasser dieser Lagune rot und grün. Dazwischen wieder tausende Flamingos. Ein toller Anblick.

An dieser Lagune kommen wir auch an unserer zweiten Unterkunft an: ein kleines Campamento inmitten schwarzen Vulkangesteins am Fuße des Cerro Negro. Nach Sonnenuntergang wird es bitterkalt. Der Mond steht so hell am Himmel, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Am morgen um fünf Uhr früh, als er untergegangen ist, steht die Milchstaße deutlich sichtbar über uns. Einen Anblick, denn wir in Europa nur noch selten haben.
Der dritte Morgen startet früh: 4 Uhr Wecker klingeln, 4.30 Frühstücken, 5 Uhr Abfahrt. Eine weiße Leuchtspur zieht sich durch die schwarze Dunkelheit dei Berge hoch: Alle Geländewagen starten so früh. Das Ziel: die Geysirfelder von sol de mañana vor Sonnenaufgang kann man die weißen Dampfsäulen am besten sehen. Die im Berg eingeschlossene Magmakammer erhitzt das Wasser und drückt es nach oben. Blubbernde Schlammtöpfe, pfeifende Dampflöcher und das Gefühl von Dampfsauna. Waren oben beim ersten Fotostop noch -5 Grad, wird es hier mit dem 200 Grad heißen Dampf deutlich wärmer. Und die aufgehende Sonne präsentiert uns eine besonderes Farbenspiel.

Eine halbe Stunde später sitzen wir in heißen Becken, 38 Grad warm. Bei 15 Grad Außentemperatur überblicken wir aus dem heißen Thermalbad eine schöne Lagune und beobachten das morgendliche Farbenspiel.

Der letzte Fotostop liegt an der grünen Lagune. Der schöne Kegel des Liancancabur markiert den westlichen Rand der Anden. Dahinter beginnt die Atacamawüste in Chile. Oben auf dem Pass steht eine einfache Hütte, wo es den Ausreisestempel aus Bolivien gibt, wenn man die 15 Bolivanos Ausreisesteuer bezahlt, ohne Quittung und einfach in der Schublade verschwunden. Der Kampf gegen die Korruption hat diesen entlegenen Andenwinkel noch nich erreicht.

Chile erkennt man daran, dass eine ordentliche Asphaltstraße beginnt.
Kleinigkeiten des Alltags 2
Weihnachtsparade in La Paz am 19.12. 18

