Menschenrechte schützen!

Bevor ich nach Südamerika aufgebrochen bin, habe ich als eines der ersten Beiträge hier über einen TAZ-Artikel berichtet, der das Thema „Menschenrechte“ bei Abbau von Kupfer in Peru zum Thema hatte. Die Vereinten Nationen wollen einen Vertrag zu Menschenrechten in der Wirtschaft völkerrechtlich verbindlich machen. Deutschland und Europa bremsen hier https://geografunterwegs.wordpress.com/2018/09/26/ueber-den-atlantik/

Jetzt hat Attac eine Petition aufgelegt, in der die EU und Deutschland aufgefordert werden, die Menschenrechte vor die Konzerninteressen im internationalen Handel zu stellen:

Menschenrechte schützen – Konzernklagen stoppen!

An den Präsidenten der Europäischen Kommission, die EU-Ratspräsidentschaft, Vertreter und Vertreterinnen der EU-Mitgliedstaaten und Mitglieder des Europäischen Parlaments

„Die heutigen Handels- und Investitionsabkommen geben Konzernen weitreichende Sonderrechte und Zugang zu einer Paralleljustiz, um diese Rechte durchzusetzen.

Wir fordern die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, diese Privilegien zu beenden, indem sie sich aus Handels- und Investitionsabkommen zurückziehen, die Sonderklagerechte enthalten, und künftig keine solchen Abkommen mit Sonderklagerechten mehr abzuschließen.

Außerdem fordern wir die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, sich für das aktuell verhandelte UN-Abkommen (Binding Treaty) einzusetzen, das Konzerne für Menschenrechtsverstöße zur Rechenschaft zieht und damit ihre Straflosigkeit beendet.

Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen Konzerne gesetzlich verpflichten, in Auslandsgeschäften die Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards zu achten.

Betroffene von Menschenrechtsverstößen durch Konzerne müssen Zugang zu Gerichten haben.“

Während Konzerne gegen demokratisch entstandene Gesetze klagen können, sind Betroffene von Menschenrechtsverletzungen meist machtlos. Wenn wir wirklich eine gerechtere Weltordnung wollen, muss dieses Ungleichgewicht aufgehoben werden. Wenn deutsche Firmen international einkaufen, sollten sie nachweisen können, dass bei der Produktion keine Menschenrechte missachtet wurden. Der einfache Hinweis, man würde sich an internationales Recht halten, darf nicht ausreichen.

Ich bitte alle diese Petition zu unterschreiben. Hier geht es zum Link: https://www.attac.de/kampagnen/menschenrechte-vor-profit/jetzt-unterzeichnen/

San Pedro de Atacama

22° 54′ 53″ S, 68° 11′ 39″ W

Die trockenste Wüste der Welt. Der klarste Sternenhimmel auf Erden. Viele Superlative haben uns in die Atacama-Wüste gezogen.

Mit dem Sternenhimmel ist es nichts geworden. In der Woche in San Pedro scheint der Vollmond so hell, dass nur die hellsten Sterne eine Chance haben. So bleibt der erwartete grandiose Sternenhimmel uns verwehrt. Dafür scheint der Mond sensationell hell.

San Pedro ist eine Touristenstadt. Gerade vor Weihnachten scheint sich die Stadt zu füllen. Die Hauptstraße ist voll von Menschen, die Touragenturen und Restaurants liegen Seite an Seite. Nach den ruhigen Tagen in Bolivien sind wir doch etwas geschockt. Doch das Positive: es gibt viele Mountainbike-Verleiher, die akzeptable Räder anbieten. So besorgen wir uns dreimal für einen Tag ein Rad, um dem Trubel zu entfliehen. Mit dem Rad in die Wüste fahren ist schon ein besonderes Erlebnis:

Die besonderen Wüsten-Attraktionen bei San Pedro sind die Blicke auf die Vulkane der westlichen Andenkette …

… die Oase bei Catarpe …

… das Valle de la Luna mit seinen vielen bizarren Gesteinsformationen …

… und die tollen Farben mit dem klaren Licht.

„Die Macht der Geographie“: Begleiter meiner Reise durch Südamerika

„Lateinamerika, insbesondere sein Süden, ist der Beweis, dass man zwar das Wissen und die Technologie der Alten Welt in die Neue bringen kann, der Erfolg aber überschaubar bleibt, wenn man die Geographie gegen sich hat und auch noch die Politik falsch einschätzt. So wie die Geographie den Vereinigten Staaten half, eine Großmacht zu werden, sorgt jene der zwanzig Staaten im Süden dafür, dass keiner davon groß genug wird, um den nordamerikanischen Giganten ernsthaft herauszufordern, beziehungsweise verhindert, dass sie zusammenkommen, um dies gemeinsam zu tun.“

Die Macht der Geographie, Marshall, Tim, S. 286 im eBook

Das Buch von Tim Marshall Die Macht der Geographie hat mich auf meiner Südamerikareise begleitet. In seinem Buch zeigt Marshall auf, welchen Einfluss die geografischen Gegebenheiten auf die Entwicklung der Kontinente und die Handlungen der Mächtigen haben.

Eine von Marshalls Thesen ist, dass sich die USA zu einer Weltmacht entwickeln konnte, weil dort das Land, dass die Kolonialisten den Einheimischen weggenommen haben, in kleinen Einheiten unter den Neusiedlern aufgeteilt wurde. In Südamerika wurde dagegen das feudalistische System der iberischen Halbinsel eingeführt, bei dem wenige mächtige Großgrundbesitzer und die Bevölkerung in leibeigenen Verhältnissen leben. Die Auswirkungen dieses Systems behindern bis heute die Entwicklung der Länder des Südens Amerikas. An der Grundidee, das Land und die Menschen möglichst intensiv auszubeuten und den Mehrwert nach Europa zu transportieren, habe sich auch durch die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten am Anfang des 19. Jahrhunderts nichts grundlegend geändert. Die Machtverhältnisse blieben die gleichen, nur der Einfluss der Spanier und Portugiesen wurde zurückgedrängt.

Die Geografie Südamerikas habe ich hautnah am eigenen Leib kennengelernt. In Lima kam ich in der Küstenwüste an, wo es kaum regnet. Die Wüste zieht sich vom Norden Perus bis weit nach Süden in Chile. In Chile liegt auch die Atacamawüste, die trockenste Wüste der Welt.

Atacama-Wüste bei San Pedro

Die Atacamawüste habe ich im letzten Teil meiner Reise besucht. Trotzdem haben sich, wie Marshall erklärt, die meisten Städte an der Küste gegründet, und sie beherbergen mittlerweile den Großteil der Bevölkerung von Peru und Chile.

nördlich von Lima auf der Panamericana

Die Eliten und Wirtschaftsunternehmen blieben an der Küste, trotz lebensfeindlicher Landschaft drumherum. Entsprechend wenig kümmerten sie sich um die Entwicklung des Binnenlandes. Verkehrsverbindungen gab es nur zu den Metropolen an der Küste, die Verkehrsverbindungen unter den Städten im Binnenland wurden vernachlässigt. Inzwischen leben in viele südamerikanischen Staaten mehr als 30% der Bevölkerung in den Städten der Küste (Marshall, S. 286).

In Peru hat der jahrelange Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000 das Binnenland weiter entvölkert. Der Terror des sendero luminoso und der Gegenterror der paramilitärischen Truppen ließen viele Menschen in die Hauptstadt flüchten. Lima ist heute auf über 9 Millionen Menschen angewachsen und von einem riesigen Gürtel aus Siedlungen aus der Landnahme (pueblos jovenes) umgeben:

pueblos jóvenes in Lima

Marshall beschreibt deutlich, wie diese Raumstruktur die Entwicklung Südamerikas behindert haben. Die Verkehrsentwicklung ging nicht in die Fläche, die Zentren wurden kaum miteinander vernetzt. Erst in den letzten Jahren wird versucht, die Defizite aufzuholen. Marshall vermutet jedoch, dass die Bemühungen noch Jahre brauchen und riesige Summen verschlingen werden.

Auch interkontinentale Verbindungen sind kaum vorhanden. Erst vor wenigen Jahren haben Peru und Brasilien eine durchgehende Straßenverbindung vom Pazifik zum Atlantik eröffnet. Hier die neugebaute Brücke dieser Verbindung in Puerto Maldonado:

Puerto Maldonado, Interozeanica, Rio Madre del Dios
Warentransport findet fast vollständig mit dem LKW statt


Ob der Transport mit LKW die nötigen Impulse für eine Industrieansiedlung geben kann, scheint fraglich. Die Bezeichnung puerto für Maldonado wirkt eher lächerlich. Man besitzt zwar ein Marinekommando und eine stolze Hafenbehörde, aber im „Hafen“ legen nur ein paar Langboote für die Touristen an, die über wackelige Stege ein- und aussteigen müssen. Ein Warentransport über die Flüsse des Amazonastieflands scheint nicht möglich und stellt einen großen Hindernisgrund für die Verkehrserschließung Südamerikas dar.

Auch Bolivien hat mit Brasilien zusammen Pläne verabschiedet, eine transkontinentale Eisenbahnlinie zu bauen. Bioceanica. Die Eisenbahn soll den peruanischen Pazifikhafen Ilo mit dem brasilianischen Atlantikhafen Santos verbinden. Die Überwindung der riesigen Anden und der großen Entfernungen von über 3000km werden große technische und finanzielle Anstrengungen bedeuten. Für Bolivien ist der „Panamakanal auf Schienen“ auch ein Prestigeprojekt. Bolivien verlor im 19. Jahrhundert im Salpeterkrieg gegen Chile seine Pazifikhäfen. Das bedeutet einen großen Nachteil im internationalen Handel. Noch letztes Jahr versuchte die bolivanische Regierung durch eine Klage vor dem internationalen Gerichtshof einen Zugang zum Pazifik zu erklagen. Wenige Tage vor meiner Ankunft in Südamerika hat der Gerichtshof in Den Haag die bolivianische Klage abgewiesen. In den Gondeln der Seilbahn über El Alto lässt Evo Morales für die „mar por Bolivia-Kampagne“ werben (Bild). https://www.elcomercio.com/afull/bolivia-chile-guerradelpacifico-lahaya-paraquecaches.html

Marshall berichtet, dass sich Bolivien beharrlich weigert, sein Erdgas an Chile zu verkaufen. Den Deal „Gas für ein Stück Küste“ lehnt wiederum Chile ab. „Nationalstolz und geographische Notwendigkeiten triumphieren auf beiden Seiten über einen diplomatischen Kompromiss“ (S.291).

El Alto, Bolivien

Neben der Küstenwüste sind sicher die Anden das markanteste Gebirge, das den südamerikanischen Kontinent strukturiert. (Karte von Douglas Fernandez, flickr.com, cc-by):

Die Anden bezeichnet den Teil der längsten Bergkette der Welt, die sich von Alaska bis Feuerland, über weite Teile in drei nebeneinanderliegenden Teilketten, hinzieht. In Peru und Bolivien waren die Anden die Heimat vieler Hochkulturen, nicht nur der Inka. Diese Kulturen haben dieses gigantische Gebirge mit seiner speziellen Geografie immer perfekter genutzt. Mein Wanderführer bezeichnete Macchu Picchu als die Universität der Inka, an der Kalender, Universum und landwirtschaftliche Anbaumethoden erforscht wurden. Nach der Eroberung der Spanier wurden diese Kulturen ausgelöscht oder versklavt, und das Andenhochland wurde nur noch nach Bodenschätzen ausgebeutet. Die an die spezielle Geografie angepasste Bewirtschaftung ging bis heute verloren. Die Andenräume konnten nicht an die Entwicklung der Küstenräume anknüpfen.

Machu Picchu, eine „Inka-Universität“, nie von den Spaniern entdeckt

Marshall behauptet, dass Südamerika im Verhältnis zu Nordamerika und Europa „nicht am Scheideweg“ in eine bessere Zukunft steht, „sondern da, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen“ (S. 289). In Südamerika sei alles weit weg von allem. Als ich durch die Anden gereist bin, konnte ich dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen. Ich fühlte mich von allem ganz weit weg. Allein ganz physisch sitzt man Stunden und Tage im Bus oder im Minivan, um von A nach B zu kommen. Mit schien in den Anden alles eine Nummer größer, als ich es aus Europa gewohnt war: Die Berge höher, die Schluchten tiefer, die Flüsse breiter – und die Menschen ärmer. Das Bild von „Fuchs und Hase“ scheinen auch die Peruaner so zu sehen. Wer aus dem Hochland etwas werden will im Leben, geht in die Städte an der Küste. Allein Cusco kann als Touristenmagnet etwas mehr Infrastruktur entgegensetzen.

Die Grundidee, dass die Anden nur zum Mineralienabbau zu nutzen sind, zeigt sich auch an der Minen-Politik der peruanischen Regierung. Die größte Goldmine auf dem Kontinent, Yanacocha bei Cajamarca, verseucht durch das verwendete Quecksilber die Grundwasser der Region, die Proteste der Bergbauern werden aber mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die besonderen Lasten für die betroffenen Regionen von dem aus dem Berg geholten Reichtümern etwas nachbleibt. Insofern gilt das koloniale Prinzip der Ausbeutung auch heute noch. https://de.wikipedia.org/wiki/Yanacocha

Goldmine Yanacocha

Östlich der dritten Anden-Kordelliere beginnt das Amazonas-Tiefland. Ich habe Tarapoto, Tingo Maria und Puerto Maldonado, das richtig im Tiefland liegt, besucht. Der Regenwald ist für mich natürlich faszinierend mit seiner Tier- und Pflanzenvielfalt. Der Regenwald ist ja nicht nur schön anzusehen, sondern spielt als Sauerstoffquelle, CO2-Speicher und als Gen-Speicher weltweit eine herausragende Rolle. Da ist es natürlich schmerzlich zu sehen, wie stark der Regenwald schon abgeholzt ist und noch wird. Aber der Trend zum Abholzen ist noch lange nicht gestoppt. In Puerto Maldonado spielt das legale und illegale Goldwaschen in den Flüssen eine große Rolle für die Wirtschaft – und für die Umweltverschmutzung. Versuche der peruanischen Polizei, den illegalen Goldabbau zu unterbinden, stieß immer wieder auf den Protest der einheimischen Bevölkerung. Jetzt wird die Polizei einfach besser bezahlt – durch die Goldschürfer und nicht durch den Staat. Dadurch ist trotzdem möglich, was offiziell verboten ist.

Puerto Maldonado vom Torre de la Diversidad aus gesehen

Marshall beschäftigt sich mit dem Amazonas-Regenwald am Beispiel Brasilien, das ich nicht besucht habe:

„Sein Gebiet umfasst ein Drittel der Landmasse Südamerikas, es ist fast so groß wie die USA, seine 27 Bundesstaaten haben eine Fläche, die größer ist als die aller 28 EU-Staaten zusammen, aber im Gegensatz zu diesen fehlt ihm die Infrastruktur, um ebenso reich zu sein. Ein Drittel von Brasilien besteht aus Dschungel, und dort Land für eine moderne Bebauung zu gewinnen ist extrem teuer und in manchen Gebieten auch illegal. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist langfristig ein ökologisches Problem für die ganze Welt, aber für Brasilien ist sie auch ein mittelfristiges Problem: Die Regierung gestattet Bauern die Brandrodung und Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen, aber der Boden ist so schlecht, dass Ackerbau binnen weniger Jahre nicht mehr möglich ist. Die Bauern ziehen dann hinaus und roden ein weiteres Stück Dschungel, doch Regenwald, der einmal abgeholzt ist, wächst nicht nach. Das Klima und der Boden arbeiten der Entwicklung von Landwirtschaft entgegen.“ (S. 304)

Verbesserte Verkehrsverbindungen locken auch mehr Menschen in das Regenwald-Tiefland, was die Rodung beschleunigt.

Das Problem mit dem Regenwald: Ist der Primärwald erstmal abgeholzt, kann man ihn nicht wieder aufforsten. Hier gilt, „weg ist verloren“.

Weiter nach Süden komme ich nach Chile. Bei Marshall wird Chile nur sehr am Rande behandelt, obwohl es das reichste Land Südamerikas ist. Er beschäftigt sich näher mit Argentinien und Brasilien. Trotzdem konnte ich in Chile eines der wichtigsten geopolitischen Merkmale beobachten.

Valparaiso: Cárcel viejo, mitten in der Stadt. Unser Guide von einer free walking tour berichtet von den Schreien, die 1973 aus dem Gefängnis über die Stadt hallten. In diesem Gefängnis waren die politischen Gefangenen nach dem Militärputsch gegen Präsident Allende eingepfercht. Dieser Militärputsch war eines der ersten weltpolitischen Ereignisse, die ich bewusst als Schüler wahrgenommen habe. Ich kann mich noch heute an das SPIEGEL-Titelblatt erinnern.

An dem Militärputsch war der CIA maßgeblich mit beteiligt. Die Welt befand sich 1973 mitten im Kalten Krieg, die USA war dabei, den Vietnamkrieg zu verlieren. Die USA wollten keine linksgerichtete Regierung auf dem dem amerikanischen Kontinent dulden. Die geopolitische Idee dahinter: die Monroe-Doktrin. Marshall erklärt sie so:

„Die lateinamerikanischen Länder haben keine natürliche Affinität zu den USA. Die Beziehungen werden von der amerikanischen Ausgangsposition beherrscht, die mit der Monroe-Doktrin 1823 … in der Rede von Präsident Monroe zur Lage der Nation dargelegt wurde. Die Doktrin erteilte europäischen Kolonialbestrebungen eine Absage und erklärte wortreich, dass Lateinamerika der Vorgarten und der Einflussbereich der USA sei. Die Doktrin hat die Ereignisse seither orchestriert, und viele Lateinamerikaner sind der Meinung, dass die Ergebnisse nicht immer positiv waren.“

Die Militärdiktatur in Chile dauerte fast 20 Jahre. Anfang der Neunziger Jahre, nach Ende des Kalten Krieges, wurde schrittweise die Demokratie wieder eingeführt. Unser Guide in Valparaiso rät uns aber, im Gespräch mit Chilenen beim Thema Diktatur sehr vorsichtig zu sein. Die chilenische Gesellschaft sei immer noch sehr gespalten in der Bewertung dieser Zeit. Ich frage ihn nach dem Geschichtsunterricht: Nein, dieses Thema würde in der Schule ausgespart.

Wer genaueres nachlesen will, schaue doch in das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44689/schwieriges-erbe?p=all

Santiago, Museum für Menschenrechte und Versöhnung. Hier hängt eine ganze Wand voll mit den Bildern der Verschwundenen der Militärdiktatur. Sie sind auch Opfer der Monroe-Doktrin, die letztlich bis heute gilt, auch wenn die USA sich in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr so stark in Lateinamerika eingemischt haben. Aktuell scheint ja die Politik der USA eher in Richtung Abschottung zu gehen, siehe den Streit um die Mauer nach Mexiko.

Vor dem Museum ist die allgemein Erklärung der Menschenrechte in Metall angeschraubt. Sie stehen aus meiner Sicht über allen geografischen Besonderheiten und gelten in Bergen und Wüsten, auf Flüchtlingsschiffen auf den Ozeanen wie auch im Regenwald.

Vielleicht habe ich ja etwas Lust auf Geopolitik gemacht anhand meiner Reiseerfahrungen aus Südamerika. Dann sollte man sich das Buch von Tim Marshall gönnen.

Valparaiso

33,045646 W, 71.620361 O

Die Stadt der Spraydosen. Die Wände scheinen durch Farbe zusammen gehalten zu werden. Es gibt kaum ein freie Fläche, die nicht mit Tags, Grafities oder Murales bedeckt ist. Alles ist bunt und in leuchtende Farben getaucht. Das Farbige täuscht dann über das bruchige und kaputte hinweg. Die Freude am Farbigen scheint von den Künstlern auf die Bewohner übergesprungen zu sein, alle malen ihre Häuser in grellen oder pastelligen Farben an. Damit die Tagger nicht gleich den neuen Anstrich mit ihren Zeichen überziehen, wird die Wand gleich einem Künstler zur Verfügung gestellt, seinen Entwurf in die Öffentlichkeit zu bringen. Wer kann, bezahlt zumindest die Farbe. Wer ein Geschäft hat, kann meist eine Auftragsarbeit vergeben.

Dadurch ist die Stadt einfach bunt und gleicht einer öffentlichen Galerie. Valparaiso ist neben Sao Paulo und Bogotá die Streetart-Hauptstadt Südamerikas.

Wir treffen am plaza Anibal Pinto unseren guia für die streetart-Tour. Wir erfahren, dass Ende der sechziger Jahre Pablo Neruda, der chilenische Literatur-Nationalheld den mexikanischen Wandmaler Diego Riviera nach Valparaiso einlud, um eine von einem Tsunami zerstörte und wieder aufgebaute Schule zu gestalten. In Mexiko hatten die murales, die politischen Wandbilder, seit der Revolution in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Tradition. Es wurde der Startschuss für die Streetart in Valpariso. Allerdings wurde die Entwicklung durch die Militärdiktatur zwischen 1973 und 1990 unterbrochen. Die streetart-Künstler waren aber beteiligt an der Bewegung zur Wiedereinführung der Demokratie Anfang der 90er Jahre. Aber richtig in Schwung kam die Bewegung erst wieder in den ersten 2000er Jahren. Auch viele europäische streetart-Künstler kamen nach Valparaiso, um hier zu arbeiten.

Streetart scheint heute zum Tourismusfaktor geworden zu sein. Offiziell ist Streetart immer noch Sachbeschädigung, aber sie wird durch die Behörden toleriert. Sie ist ja auch zum zum Wirtschaftsfaktor geworden. Einige Künstler arbeiten auch mit den Jugendlichen von der Straße, um sie von Drogen und Gewalt wegzubringen.

Der Plaza del Descanso wurde mit der benachbarten Grundschule gemeinsam gestaltet. Die Geschichte besagt, dass die Sargträger auf dem steilen Weg von der plan, dem schmalen flachen Küstenstreifen, auf den Hügel, wo der Friedhof liegt, hier auf halber Höhe eine Pause einlegen mussten (descansar – ausruhen).

Volcán Láskar

67.4347 W; 23.2155 S

Einen Fünftausender besteigen? Wir Flachlandtiroler aus dem tiefen Hamburg? Ja, los, lass es uns probieren. Wir wissen nicht, was die Höhe mit uns machen wird. Kopfschmerzen? Schwindel? Tour abbrechen? Los, wir probieren es. Rein in die Agentur in der Caracoles in San Pedro, ja, wir sind schon seit einer Woche über 4000m unterwegs, also schon einigermaßen akklimatisiert. Unterschreiben, auf eigenes Risiko, Führer und Fourwheeldrive inklusive. Er hat auch eine Flasche Sauerstoff dabei. Der Láskar soll es sein, der noch aktive Vulkan in Nordchile. 2007 ist er zuletzt ausgebrochen.

Die Aktivität begann zunächst im östlichen Teil und verlagerte sich später auf den westlichen Teil des Vulkans. Dort fand vor ca. 26.500 Jahren die bisher stärkste Eruption statt. Nach einem weiteren großen Ausbruch vor 9.000 Jahren, verlagerte sich die Aktivität wieder zurück nach Osten. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es Aufzeichnungen über kleinere bis mittelstarke Eruptionen des Vulkans, die relativ oft stattfanden. Es sind aber auch einige große Eruptionen nachgewiesen, die Aschenfall bis in Hunderte von Kilometern Entfernung verursachten. Sein stärkster neuzeitlicher Ausbruch fand 1993 statt, wobei Asche auch in Buenos Aires fiel.

Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Láscar

Um fünf werden wir abgeholt. Zwei Stunden Fahrt nach Süden. Der Toyota steigt immer höher, gleichzeitig fällt die Temperaturanzeige. Plötzlich steht ein Minuszeichen vor der Zahl 1. Will noch jemand auf dei baños del Inca? Wir steigen aus, es ist bitterkalt. Frühstück bei minus acht Grad. Zum Glück geht jetzt im Osten die Sonne auf, während im Westen der Vollmond am Berghorizont verschwindet.

Jetzt noch bis knapp 5000m im Toyota hochfahren, dann geht es los.

Ein US-amerikanische Paar und Matteo aus Sizilien begleiten uns. Die ersten Schritte, sofort kommt der Schwindel und die Kopfschmerzen. Aber sie lassen schnell wieder nach. Unser Führer geht sehr langsam die zick-zack Spur nach oben hoch.

Langsam haben wir unseren Tritt gefunden. Es geht besser als erwartet. Ich kann sogar im Gehen mit Matteo klönen. Zwischendurch kommen immer wieder die Schwindelanfälle, aber sie gehen auch wieder weg. Das Farbenspiel der immer höher steigenden Sonne ist beeindruckend. Je höher wir kommen, desto mehr farbige Berge sind zu sehen. In der Ferne erscheint der Ojo de Salado.

Nach zweieinhalb Stunden wird der Weg flacher und der Sattel zwischen zwei Anhöhen wird sichtbar. Bald ist deutlich dass sich dahinter der Vulkan-Krater befindet. Man sieht die typischen Dämpfe aufsteigen. der Krater befindet sich nicht am höchsten Punkt des Vulkans. Wir gelangen zum Sattel und dahinter tut sich ein riesiges Loch auf. Gelbe Schwefel-Dämpfe steigen auf, überall dampft es.

Der Krater ist aber noch nicht der Gipfel. Unser Bergführer fragt nach unserem Befinden, alle nicken. also geht es noch 200m hinauf, jetzt doch deutlich steiler. Und endlich sind wir oben. Der Höhenmesser zeigt 5599m an. Unser erster Fünftausender ist geschafft.

Wie man auf dem Bild sieht, war es doch sehr frisch in dieser Höhe. Mehrere Lagen Kleidung und die bewährte Daunenjacke waren doch sehr nützlich.

Der Vulkan wird durch seismische Messinstrumente überwacht, weil ein Ausbruch immer wieder möglich ist.

Der Abstieg scheint dann ganz leicht zu sein. Beim Auto angekommen, macht sich doch eine große Erschöpfung breit. Und eine anscheinend starke Gehirn-Aktivität. Im Auto entwickelt sich eine engagierte Diskussion um den US-Präsidenten. Ist dass die Gipfel-Euphorie? Auf jeden Fall sind wir sehr glücklich über die Besteigung und über die besonderen Ausblicke.