Kategorie: Peru
Menschenrechte schützen!
Bevor ich nach Südamerika aufgebrochen bin, habe ich als eines der ersten Beiträge hier über einen TAZ-Artikel berichtet, der das Thema „Menschenrechte“ bei Abbau von Kupfer in Peru zum Thema hatte. Die Vereinten Nationen wollen einen Vertrag zu Menschenrechten in der Wirtschaft völkerrechtlich verbindlich machen. Deutschland und Europa bremsen hier https://geografunterwegs.wordpress.com/2018/09/26/ueber-den-atlantik/

Jetzt hat Attac eine Petition aufgelegt, in der die EU und Deutschland aufgefordert werden, die Menschenrechte vor die Konzerninteressen im internationalen Handel zu stellen:
Menschenrechte schützen – Konzernklagen stoppen!
An den Präsidenten der Europäischen Kommission, die EU-Ratspräsidentschaft, Vertreter und Vertreterinnen der EU-Mitgliedstaaten und Mitglieder des Europäischen Parlaments
„Die heutigen Handels- und Investitionsabkommen geben Konzernen weitreichende Sonderrechte und Zugang zu einer Paralleljustiz, um diese Rechte durchzusetzen.
Wir fordern die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, diese Privilegien zu beenden, indem sie sich aus Handels- und Investitionsabkommen zurückziehen, die Sonderklagerechte enthalten, und künftig keine solchen Abkommen mit Sonderklagerechten mehr abzuschließen.
Außerdem fordern wir die EU und ihre Mitgliedstaaten auf, sich für das aktuell verhandelte UN-Abkommen (Binding Treaty) einzusetzen, das Konzerne für Menschenrechtsverstöße zur Rechenschaft zieht und damit ihre Straflosigkeit beendet.
Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen Konzerne gesetzlich verpflichten, in Auslandsgeschäften die Menschenrechte sowie Umwelt- und Sozialstandards zu achten.
Betroffene von Menschenrechtsverstößen durch Konzerne müssen Zugang zu Gerichten haben.“
Während Konzerne gegen demokratisch entstandene Gesetze klagen können, sind Betroffene von Menschenrechtsverletzungen meist machtlos. Wenn wir wirklich eine gerechtere Weltordnung wollen, muss dieses Ungleichgewicht aufgehoben werden. Wenn deutsche Firmen international einkaufen, sollten sie nachweisen können, dass bei der Produktion keine Menschenrechte missachtet wurden. Der einfache Hinweis, man würde sich an internationales Recht halten, darf nicht ausreichen.
Ich bitte alle diese Petition zu unterschreiben. Hier geht es zum Link: https://www.attac.de/kampagnen/menschenrechte-vor-profit/jetzt-unterzeichnen/
„Die Macht der Geographie“: Begleiter meiner Reise durch Südamerika
„Lateinamerika, insbesondere sein Süden, ist der Beweis, dass man zwar das Wissen und die Technologie der Alten Welt in die Neue bringen kann, der Erfolg aber überschaubar bleibt, wenn man die Geographie gegen sich hat und auch noch die Politik falsch einschätzt. So wie die Geographie den Vereinigten Staaten half, eine Großmacht zu werden, sorgt jene der zwanzig Staaten im Süden dafür, dass keiner davon groß genug wird, um den nordamerikanischen Giganten ernsthaft herauszufordern, beziehungsweise verhindert, dass sie zusammenkommen, um dies gemeinsam zu tun.“
Die Macht der Geographie, Marshall, Tim, S. 286 im eBook
Das Buch von Tim Marshall Die Macht der Geographie hat mich auf meiner Südamerikareise begleitet. In seinem Buch zeigt Marshall auf, welchen Einfluss die geografischen Gegebenheiten auf die Entwicklung der Kontinente und die Handlungen der Mächtigen haben.
Eine von Marshalls Thesen ist, dass sich die USA zu einer Weltmacht entwickeln konnte, weil dort das Land, dass die Kolonialisten den Einheimischen weggenommen haben, in kleinen Einheiten unter den Neusiedlern aufgeteilt wurde. In Südamerika wurde dagegen das feudalistische System der iberischen Halbinsel eingeführt, bei dem wenige mächtige Großgrundbesitzer und die Bevölkerung in leibeigenen Verhältnissen leben. Die Auswirkungen dieses Systems behindern bis heute die Entwicklung der Länder des Südens Amerikas. An der Grundidee, das Land und die Menschen möglichst intensiv auszubeuten und den Mehrwert nach Europa zu transportieren, habe sich auch durch die Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten am Anfang des 19. Jahrhunderts nichts grundlegend geändert. Die Machtverhältnisse blieben die gleichen, nur der Einfluss der Spanier und Portugiesen wurde zurückgedrängt.
Die Geografie Südamerikas habe ich hautnah am eigenen Leib kennengelernt. In Lima kam ich in der Küstenwüste an, wo es kaum regnet. Die Wüste zieht sich vom Norden Perus bis weit nach Süden in Chile. In Chile liegt auch die Atacamawüste, die trockenste Wüste der Welt.

Die Atacamawüste habe ich im letzten Teil meiner Reise besucht. Trotzdem haben sich, wie Marshall erklärt, die meisten Städte an der Küste gegründet, und sie beherbergen mittlerweile den Großteil der Bevölkerung von Peru und Chile.

Die Eliten und Wirtschaftsunternehmen blieben an der Küste, trotz lebensfeindlicher Landschaft drumherum. Entsprechend wenig kümmerten sie sich um die Entwicklung des Binnenlandes. Verkehrsverbindungen gab es nur zu den Metropolen an der Küste, die Verkehrsverbindungen unter den Städten im Binnenland wurden vernachlässigt. Inzwischen leben in viele südamerikanischen Staaten mehr als 30% der Bevölkerung in den Städten der Küste (Marshall, S. 286).
In Peru hat der jahrelange Bürgerkrieg zwischen 1980 und 2000 das Binnenland weiter entvölkert. Der Terror des sendero luminoso und der Gegenterror der paramilitärischen Truppen ließen viele Menschen in die Hauptstadt flüchten. Lima ist heute auf über 9 Millionen Menschen angewachsen und von einem riesigen Gürtel aus Siedlungen aus der Landnahme (pueblos jovenes) umgeben:

Marshall beschreibt deutlich, wie diese Raumstruktur die Entwicklung Südamerikas behindert haben. Die Verkehrsentwicklung ging nicht in die Fläche, die Zentren wurden kaum miteinander vernetzt. Erst in den letzten Jahren wird versucht, die Defizite aufzuholen. Marshall vermutet jedoch, dass die Bemühungen noch Jahre brauchen und riesige Summen verschlingen werden.
Auch interkontinentale Verbindungen sind kaum vorhanden. Erst vor wenigen Jahren haben Peru und Brasilien eine durchgehende Straßenverbindung vom Pazifik zum Atlantik eröffnet. Hier die neugebaute Brücke dieser Verbindung in Puerto Maldonado:


Ob der Transport mit LKW die nötigen Impulse für eine Industrieansiedlung geben kann, scheint fraglich. Die Bezeichnung puerto für Maldonado wirkt eher lächerlich. Man besitzt zwar ein Marinekommando und eine stolze Hafenbehörde, aber im „Hafen“ legen nur ein paar Langboote für die Touristen an, die über wackelige Stege ein- und aussteigen müssen. Ein Warentransport über die Flüsse des Amazonastieflands scheint nicht möglich und stellt einen großen Hindernisgrund für die Verkehrserschließung Südamerikas dar.
Auch Bolivien hat mit Brasilien zusammen Pläne verabschiedet, eine transkontinentale Eisenbahnlinie zu bauen. Bioceanica. Die Eisenbahn soll den peruanischen Pazifikhafen Ilo mit dem brasilianischen Atlantikhafen Santos verbinden. Die Überwindung der riesigen Anden und der großen Entfernungen von über 3000km werden große technische und finanzielle Anstrengungen bedeuten. Für Bolivien ist der „Panamakanal auf Schienen“ auch ein Prestigeprojekt. Bolivien verlor im 19. Jahrhundert im Salpeterkrieg gegen Chile seine Pazifikhäfen. Das bedeutet einen großen Nachteil im internationalen Handel. Noch letztes Jahr versuchte die bolivanische Regierung durch eine Klage vor dem internationalen Gerichtshof einen Zugang zum Pazifik zu erklagen. Wenige Tage vor meiner Ankunft in Südamerika hat der Gerichtshof in Den Haag die bolivianische Klage abgewiesen. In den Gondeln der Seilbahn über El Alto lässt Evo Morales für die „mar por Bolivia-Kampagne“ werben (Bild). https://www.elcomercio.com/afull/bolivia-chile-guerradelpacifico-lahaya-paraquecaches.html
Marshall berichtet, dass sich Bolivien beharrlich weigert, sein Erdgas an Chile zu verkaufen. Den Deal „Gas für ein Stück Küste“ lehnt wiederum Chile ab. „Nationalstolz und geographische Notwendigkeiten triumphieren auf beiden Seiten über einen diplomatischen Kompromiss“ (S.291).

Neben der Küstenwüste sind sicher die Anden das markanteste Gebirge, das den südamerikanischen Kontinent strukturiert. (Karte von Douglas Fernandez, flickr.com, cc-by):

Die Anden bezeichnet den Teil der längsten Bergkette der Welt, die sich von Alaska bis Feuerland, über weite Teile in drei nebeneinanderliegenden Teilketten, hinzieht. In Peru und Bolivien waren die Anden die Heimat vieler Hochkulturen, nicht nur der Inka. Diese Kulturen haben dieses gigantische Gebirge mit seiner speziellen Geografie immer perfekter genutzt. Mein Wanderführer bezeichnete Macchu Picchu als die Universität der Inka, an der Kalender, Universum und landwirtschaftliche Anbaumethoden erforscht wurden. Nach der Eroberung der Spanier wurden diese Kulturen ausgelöscht oder versklavt, und das Andenhochland wurde nur noch nach Bodenschätzen ausgebeutet. Die an die spezielle Geografie angepasste Bewirtschaftung ging bis heute verloren. Die Andenräume konnten nicht an die Entwicklung der Küstenräume anknüpfen.

Marshall behauptet, dass Südamerika im Verhältnis zu Nordamerika und Europa „nicht am Scheideweg“ in eine bessere Zukunft steht, „sondern da, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen“ (S. 289). In Südamerika sei alles weit weg von allem. Als ich durch die Anden gereist bin, konnte ich dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen. Ich fühlte mich von allem ganz weit weg. Allein ganz physisch sitzt man Stunden und Tage im Bus oder im Minivan, um von A nach B zu kommen. Mit schien in den Anden alles eine Nummer größer, als ich es aus Europa gewohnt war: Die Berge höher, die Schluchten tiefer, die Flüsse breiter – und die Menschen ärmer. Das Bild von „Fuchs und Hase“ scheinen auch die Peruaner so zu sehen. Wer aus dem Hochland etwas werden will im Leben, geht in die Städte an der Küste. Allein Cusco kann als Touristenmagnet etwas mehr Infrastruktur entgegensetzen.
Die Grundidee, dass die Anden nur zum Mineralienabbau zu nutzen sind, zeigt sich auch an der Minen-Politik der peruanischen Regierung. Die größte Goldmine auf dem Kontinent, Yanacocha bei Cajamarca, verseucht durch das verwendete Quecksilber die Grundwasser der Region, die Proteste der Bergbauern werden aber mit Polizeigewalt niedergeschlagen. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass die besonderen Lasten für die betroffenen Regionen von dem aus dem Berg geholten Reichtümern etwas nachbleibt. Insofern gilt das koloniale Prinzip der Ausbeutung auch heute noch. https://de.wikipedia.org/wiki/Yanacocha

Östlich der dritten Anden-Kordelliere beginnt das Amazonas-Tiefland. Ich habe Tarapoto, Tingo Maria und Puerto Maldonado, das richtig im Tiefland liegt, besucht. Der Regenwald ist für mich natürlich faszinierend mit seiner Tier- und Pflanzenvielfalt. Der Regenwald ist ja nicht nur schön anzusehen, sondern spielt als Sauerstoffquelle, CO2-Speicher und als Gen-Speicher weltweit eine herausragende Rolle. Da ist es natürlich schmerzlich zu sehen, wie stark der Regenwald schon abgeholzt ist und noch wird. Aber der Trend zum Abholzen ist noch lange nicht gestoppt. In Puerto Maldonado spielt das legale und illegale Goldwaschen in den Flüssen eine große Rolle für die Wirtschaft – und für die Umweltverschmutzung. Versuche der peruanischen Polizei, den illegalen Goldabbau zu unterbinden, stieß immer wieder auf den Protest der einheimischen Bevölkerung. Jetzt wird die Polizei einfach besser bezahlt – durch die Goldschürfer und nicht durch den Staat. Dadurch ist trotzdem möglich, was offiziell verboten ist.

Marshall beschäftigt sich mit dem Amazonas-Regenwald am Beispiel Brasilien, das ich nicht besucht habe:
„Sein Gebiet umfasst ein Drittel der Landmasse Südamerikas, es ist fast so groß wie die USA, seine 27 Bundesstaaten haben eine Fläche, die größer ist als die aller 28 EU-Staaten zusammen, aber im Gegensatz zu diesen fehlt ihm die Infrastruktur, um ebenso reich zu sein. Ein Drittel von Brasilien besteht aus Dschungel, und dort Land für eine moderne Bebauung zu gewinnen ist extrem teuer und in manchen Gebieten auch illegal. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes ist langfristig ein ökologisches Problem für die ganze Welt, aber für Brasilien ist sie auch ein mittelfristiges Problem: Die Regierung gestattet Bauern die Brandrodung und Umwandlung in landwirtschaftliche Flächen, aber der Boden ist so schlecht, dass Ackerbau binnen weniger Jahre nicht mehr möglich ist. Die Bauern ziehen dann hinaus und roden ein weiteres Stück Dschungel, doch Regenwald, der einmal abgeholzt ist, wächst nicht nach. Das Klima und der Boden arbeiten der Entwicklung von Landwirtschaft entgegen.“ (S. 304)

Das Problem mit dem Regenwald: Ist der Primärwald erstmal abgeholzt, kann man ihn nicht wieder aufforsten. Hier gilt, „weg ist verloren“.
Weiter nach Süden komme ich nach Chile. Bei Marshall wird Chile nur sehr am Rande behandelt, obwohl es das reichste Land Südamerikas ist. Er beschäftigt sich näher mit Argentinien und Brasilien. Trotzdem konnte ich in Chile eines der wichtigsten geopolitischen Merkmale beobachten.

Valparaiso: Cárcel viejo, mitten in der Stadt. Unser Guide von einer free walking tour berichtet von den Schreien, die 1973 aus dem Gefängnis über die Stadt hallten. In diesem Gefängnis waren die politischen Gefangenen nach dem Militärputsch gegen Präsident Allende eingepfercht. Dieser Militärputsch war eines der ersten weltpolitischen Ereignisse, die ich bewusst als Schüler wahrgenommen habe. Ich kann mich noch heute an das SPIEGEL-Titelblatt erinnern.
An dem Militärputsch war der CIA maßgeblich mit beteiligt. Die Welt befand sich 1973 mitten im Kalten Krieg, die USA war dabei, den Vietnamkrieg zu verlieren. Die USA wollten keine linksgerichtete Regierung auf dem dem amerikanischen Kontinent dulden. Die geopolitische Idee dahinter: die Monroe-Doktrin. Marshall erklärt sie so:
„Die lateinamerikanischen Länder haben keine natürliche Affinität zu den USA. Die Beziehungen werden von der amerikanischen Ausgangsposition beherrscht, die mit der Monroe-Doktrin 1823 … in der Rede von Präsident Monroe zur Lage der Nation dargelegt wurde. Die Doktrin erteilte europäischen Kolonialbestrebungen eine Absage und erklärte wortreich, dass Lateinamerika der Vorgarten und der Einflussbereich der USA sei. Die Doktrin hat die Ereignisse seither orchestriert, und viele Lateinamerikaner sind der Meinung, dass die Ergebnisse nicht immer positiv waren.“
Die Militärdiktatur in Chile dauerte fast 20 Jahre. Anfang der Neunziger Jahre, nach Ende des Kalten Krieges, wurde schrittweise die Demokratie wieder eingeführt. Unser Guide in Valparaiso rät uns aber, im Gespräch mit Chilenen beim Thema Diktatur sehr vorsichtig zu sein. Die chilenische Gesellschaft sei immer noch sehr gespalten in der Bewertung dieser Zeit. Ich frage ihn nach dem Geschichtsunterricht: Nein, dieses Thema würde in der Schule ausgespart.
Wer genaueres nachlesen will, schaue doch in das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung: http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44689/schwieriges-erbe?p=all

Santiago, Museum für Menschenrechte und Versöhnung. Hier hängt eine ganze Wand voll mit den Bildern der Verschwundenen der Militärdiktatur. Sie sind auch Opfer der Monroe-Doktrin, die letztlich bis heute gilt, auch wenn die USA sich in den letzten zwanzig Jahren nicht mehr so stark in Lateinamerika eingemischt haben. Aktuell scheint ja die Politik der USA eher in Richtung Abschottung zu gehen, siehe den Streit um die Mauer nach Mexiko.

Vor dem Museum ist die allgemein Erklärung der Menschenrechte in Metall angeschraubt. Sie stehen aus meiner Sicht über allen geografischen Besonderheiten und gelten in Bergen und Wüsten, auf Flüchtlingsschiffen auf den Ozeanen wie auch im Regenwald.

Vielleicht habe ich ja etwas Lust auf Geopolitik gemacht anhand meiner Reiseerfahrungen aus Südamerika. Dann sollte man sich das Buch von Tim Marshall gönnen.
La Paz, Bolivien 1


Quelle: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Bolivienhttps://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/boliviens-praesident-evo-morales-darf-fuer-praesidentschaft-kandidieren-15925623.html

Lago Sandoval, Rio madre de dios
Goldabbau in Puerto Maldonado
Ende der 70er Jahre wurde im Rio Madre de Dios Gold gefunden. Da der Fluss aus den Anden kommt, werden jedes Jahr, besonders in der Regenzeit, große Mengen Gold aus dem Gestein der Anden in die Selva geschwemmt. Das Gold lagert sich in den Flusssedimenten ab.
Das Gold wird nun einerseits mit großen Baggern lizensiert aus dem Fluss geholt, und andererseits von illegalen Golduchern, z.T. mit einfachsten Mitteln und Sieben gewonnen. Durch den illegalen Abbau sind dem Peruanischen Staat ca. 50 Millionen Soles Steuereinnahmen entgangen. Dem Goldabbau sind schon 18.000ha Regenwald zum Oprer gefallen (1).
Für die Gewinnung des Goldes wird das Amalgamverfahren, bei dem große Mengen Quecksilber in die Umwelt gelangt, angewendet. Jährlich werden rund 450t Quecksilber verwendet, dass sich in der Nahrungskette, v.a. in den Fischen, anreichert.
Beim Amalgamverfahren wird die Legierungsbildung zwischen Gold und Quecksilber zu Amalgam genutzt. Zur Goldgewinnung und -reinigung werden goldhaltige Sande und Schlämme intensiv mit Quecksilber vermischt. Das Gold, aber auch eventuell andere vorhandene gediegene Metalle wie Silber lösen sich dabei im Quecksilber. Goldamalgam hat eine silberne Farbe; je nachdem, wie viel Quecksilber im Überschuss vorliegt, ist es flüssig bis pastös teigig und der Schmelzpunkt der Legierung ist geringer. Amalgam und Quecksilber sammeln sich wegen der hohen Dichte am Gefäßgrund, das Quecksilber fließt ab. Durch Erhitzen des Amalgams (wie bei Feuervergoldung detailliert beschrieben) verdampft das Quecksilber und zurück bleibt kompaktes Rohgold.
(2) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gold#Amalgamverfahren


Untersuchung: Mercurio en PeCes de pozas minerAs en madre de dios, perÚ
Centro de Innovación Científica Amazónica
Die Untersuchung hat ergeben, dass in den Minengebieten der Fisch 43% höher mit Quecksilber belastet ist als in nicht vom Goldabbau betroffenen Gebieten.
Die Anreicherung des Quecksilbers ist in allen untersuchten Orten nachweisbar. besonders bei den Fleisch fressenden Fischen überschreitet er deutlich den Grenzwert. Bei den allesfressenden und pflanzenfressenden Fischarten lag er niedriger.
Der Verzehr besonders von fleischfressenden Fischen birgt ein besonderes Risiko für den Menschen (3).
Vor Ort wird mir immer wieder gesagt, dass die Goldschürfer die Polizei besticht und deutlich besser bezahlt, als der Staat. Auch punktuelle Aktionen des Staates wie die Zerstörung von Baggern führt immer wieder zu Protesten (1). Obwohl Grenzwerte überschritte werden, Gold ohne Lizenz geschürft wird und Schutzgebiete missachtet wreden, bleibt die regulierende Staatsmacht aufgrund der allgegenwärtigen Kurruption tatenlos. Das Gebäude der staatlichen Regionaldirektion für Minen wirkt auch entsprechend mickerig.
Quellen:
(1) vgl.: Herrmann, Frank: Peru, Reisehandbuch, Ostfildern, 2018; S. 287
(2) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gold#Amalgamverfahren
(3) CINCIA, Centro de Innovación Científica Amazónica: Mercurio in Pesces, Bröschüre Resumen de Investigacion, Puerto Maldonado, 2018, CC by-nc-nd 4.0

Kleinigkeiten des Alltags 1

Wer zu Fuß geht, lebt gefährlich.
Fußweg in Puerto Maldonado.
Puerto Maldonado 1
12.5986 S; 69.2176 W
Von 3000 auf 200.
Höhenmeter
Die Flaschen sind alle zusammengezogen. Der Druck von außen ist so groß geworden, dass er sie zusammenquetscht. Mit einem lauten „pffft“ strömt die heiße Luft des Amazonas-Tieflandes in die Flaschen hinein und entlässt sie wieder in ihre normale Form. Ich bin von Cusco nach Puerto Maldonado geflogen.
Ich steige vor der Anaconda-Lounge aus dem Taxi. Klingeln. Mit einem Klack öffnet sich das Tor. Vor mir ein rot-schlammiger Weg durch einen tropischen Garten. Wohin komme ich hier?
Ich werde von einer thailändschen Frau empfangen und zu einer Hütte geführt. Die Anaconda-Lodge soll für 6 Tage meine Bleibe im Amazonas-Tiefland sein.
http://www.anacondajunglelodge.com/index.html
Puerto Maldonado ist eines der östlichsten Vorposten der peruanischen Zivilisation. Die bolivianische Grenze ist nur ca. 50km entfernt, jedoch nur per Boot zu erreichen. Nach Osten gibt es erstmal nur hunderte Kilometer grüne Fläche. Es liegt am Zufluss des Tambopata in den Rio Madre die Dios, der östlich von Manaus in den Amazonas mündet.
Erst standen hier nur ein paar Palmblätter bedeckte Hütten, aber über das Projekt der transkontinentalen Straßenverbindung zwischen dem Pazifik und dem Atlantik, zwischen Peru und Brasilien, wurde über den Rio Madre de Dios eine Brücke gebaut. Die Straße sollte einen Alternative zum Panamakanal bieten. Seitdem ist Puerto Maldonado an das Kernland Perus angebunden und hat einen großen Bevölkerungszuwachs verzeichnet.
Das Naturschutzgebiet Tambopata ist eines der letzten großen Primärwälder des feuchttropischen Gürtels der Erde. Zunehmend besuchen Touristen das Gebiet, wodurch sich viele sogenannte Lodges am Fluss angesiedelt haben. Für mich ist das Gefühl faszinierend, über den Fluss in Richtung Osten zu blicken mit dem Gefühl, dass dort viele hundert Kilometer Regenwald ohne jede Besiedelung liegen.

Anaconda lodge

Salkantay-Trek
Neben dem klassischen Inka-Trail entwickelt sich der Salkantay-Trek zu der beliebten Alternative, zu Fuß zum Macchu Picchu zu kommen. Diesen Trail habe ich über fünf Tage in der letzten Woche absolviert.

Morgens ging es um halb sechs in der Frühe mit einem Kleinbus nach Mollepata, wo es Frühstück gab. anschließend fuhren wir nur noch über eine Piste immer bergauf bis nach Soraypampa, einer flachen Ebene in den steilen Tälern. Hier war großer Trubel, überall wurde gebaut, aber nur weniges war fertig. Man war sich anscheinend über das touristische Potential der Berge bewusst. So stiefelten auch viele peruanische Tagesausflügler in leichter Kleidung und zum Teil mit lauten Bassboxen am Rucksack hinauf zur Lagune des Humantay auf 4250m Höhe.

Auch hier war der Geltscherrückgang wieder deutlich zu sehen, nur noch wenige Eiszungen ragten vom Berg herunter. Trotzdem war der Blick über die Lagune beeindruckend. Weil der schmale Platz an der Spitze des Sees mit hunderten andeen Touristen geteilt werden musste, kletterten wir die linke Seitenmoräne hoch, von wo aus sich ein noch beeindruckender Blick bot.
Nach dem Rückweg nach Soraypamapa bogen wir bergauf ab, während die Tagestouristen zu ihren Bussen an den Parkplätzen talabwärts mussten. Jetzt kehrte etwas mehr Ruhe ein und wir erreichtn nach kurzer Wanderung unseren Zeltplatz Quiswarniyoc. Am Nachmittag riss es noch etwas auf und wir hatten auf dem Aussichtspunkt kurz oberhalb des Zeltplatzes noch einen imposanten Blick auf den Nevado Salkantay.

Zweiter Tag
Nebelig fünf Uhr morgens.
Nach dem Koka-Tee und Frühstück stapfen wir los ins grau. Auf dem ersten Plateau zückt Juan, unser Guide, ein Fläschchen mit Zuckerrohrschnaps. Alle stellen sich im Kreis auf und er schüttet jedem ein paar Tropfen in die Hände. Gemeinsam klatschen wir die Hande, der Schnaps spritzt und wir atmen dann die Alkoholdämpfe ein. Juan verspricht uns, dass jetzt das Wetter besser werde und wir Kondore und den Salkantay sehen werden.
Über zwei weiteren Stufen geht es weiter hoch auf den 4630m hohen Pass Abra des Salkantay.

Alles Götter-Anbeten hat nichts genutzt, wir stehen weiterhin im Grau, dazu weht ein kalter Wind die Wolken aus dem Tal über den Pass. In der Ferne hören wie die Lawinen vom Salkantay herunterschlagen, aber sehen können wir nichts. Also den Abstieg beginnen und ins Tal zum nächsten Zeltplatz Chawllay. Regenzeug an und hinab zum Mittagessen. Plötzlich lassen wir die Wolkendecke über uns und rechts von uns breitet sich ein üppig grünes Tal aus, an dessen Grund ein rauschender Fluss sich hinzog. Wir mussten das Regenzeug ausziehen, um nicht total ins Schwitzen zu kommen. Wir waren über den Pass in eine andere Vegetationszone gelangt. Um uns herum war nun alles grün und nass, die Pflanzen üppig nach der kargen Vegetation beim Aufstieg.
Auf 2900m erreichten wir unseren Zeltplatz an einer beeindruckenden Kreuzung von vier Tälern.

Dritter Tag
Jetzt ging es nur noch abwärts, und es wurde immer wärmer. Schmetterlinge begleiteten uns auf einem tollen Pfad durch das Tal des Rio Sacsara. Ab Playa Sahuayacco ging es mit einem Minibus auf atemberaubender Piste weiter, den Fluss auf ein Paar alten Bohlen überwindend. Der Vorderreifen unseres Bus gab dann auch bald auf und ließ seine Luft raus. Der Fahrer wechselte den Reifen mit erstaunlicher Routine unter den kritischen Augen der Gruppe.

In Santa Teresa war unser dritter Schlafplatz. Mittlerweile war es richtig tropisch warm. Den Nachmittag verbrachten wir im strömenden Regen in den aguas calientes, de heißen Quellen von Santa Teresa. Am Abend war Party geplant, schnell gab es Runden von Tequila und komische Party-Spielchen, die man von Skireisen kennt.
Vierter Tag

Der Tag sollte uns nach Llactapata bringen, von wo aus man das erste Mal Macchu Picchu erblicken kann. Nur am morgen war es klar, so dass wir die 700m Aufstieg in einem flotten Tempo absolvieren mussten. Dabei musste ich meinen ganzen Ehrgeiz herausholen, um mit den jungen Leuten in meiner Gruppe, die meist nur halb so alt waren wie ich, mithalten zu können. Aber die Anstrengung hat sich gelohnt, wir hatten einen tollen Blick auf Macchu Picchu, wenn auch in großer Entfernung. Der Weg verlief weite Teile auf dem alten Inka-Pfad, und wir erfuhren vieles über die Inkakultur von Juan.

Dann ging es wieder 810m nach unten nach Hidroelectrica, einer kleinen Siedlung bür den Bahnhof und das Elektrizitätswerk. Von hier aus ging es eben an den Bahngleisen entlang zehn Kilometer nach Aguas Calientes. Die Höhenmeter und das Tempo steckte mir aber in den Knochen. trotzdem war der Marsch durch das Tal des Urubamba und die üppige Vegetatation ein Erlebnis. Nach den insgesamt 27km des Tages waren alle ziemlich kaputt.
Fünfter Tag: Macchu Picchu
Der Wecker klingelt um halb vier. Abmarsch um vier, um sich um halb fünf in die Schlange am ersten Kontrollposten an der Brücke über den Urubamba einzureihen. Wir waren dann auch die ersten in der Schlange. Wenn man früh nach Macchu Picchu kommt, kann man Fotos in der ersten Morgensonne ohne die Touristenmasseb machen. Und so war es denn auch: nach dem Aufstieg über mehr als tausend Treppenstufen wurden wir ab sechs Uhr früh eingelassen, und wie auf Bestellung kam die Sonne hinter dem Berg hervor und beleuchtete das Heiligtum in warmen Licht.

Ich habe ja im Vorfeld überlegt, ob ich eigentlich nach Macchu Picchu muss, wo doch die ganzen Touristen-Massen hinwälzen. Ich muss aber sagen, es hat sich gelohnt. Die Lage der Ruinen ist wirklich einmalig, die Berge der Umgebung haben schon etwas magisches.
So wollten einige von uns noch auf den 3060m hohen Macchu Picchu Mountain mit 2780Treppenstufen. Das war richtig hart, sie liefen fast senkrecht den Berg hoch, in einer Steilheit, die kein Bergpfad erreicht. Als wir nach ca. 2 Stunden den Gipfel erschöpft erreichten, hatten wir nur: Wolken. Der erhoffte Blick blieb uns verwehrt. Trotzdem gab es beim Abstieg noch ein paar schönem Blicke in das Urubambatal und auf die Ruinen. Wir waren aber richtig erschöpft von den Tagen auf dem Trek. Fast 90km lagen hinter uns, und das frühe Aufstehen ließ uns die Augenlider zufallen.
Um 18 Uhr saßen wir im Zug nach Ollantaytambo. Zum Glück konnten wir im Hostal vorher noch duschen, die Kleidung war komplett durchgeschwitzt. Um 22 Uhr waren wir wieder in Cusco.
Der Salkantay-Trek war eine tolle Erfahrung. Der Weg war super vielfältig und führte durch ganz verschiedene Landschaften und Klimazonen. Die Organisation durch die Agentur Macchu Picchu Reservations war super und vor allem die Führung durch den Guide Juan kompetent und lustig. Und wenn es mal nicht so lief, halfen seine Kokablätter.

Cusco
13.5155 W; 71.9737 S
„Good restaurant! Massage Sir! Paintings! Good quality!“
Alle zehn Meter werde ich angesprochen, irgendetwas zu kaufen oder ein Lokal zu betreten. Nach der Touristen-Abstinenz der letzten Wochen ist das ein echter Schock. Touristen-Angebote im Überfluss. Jeder scheint hier etwas vom Touristen-Kuchen abhaben zu wollen. Das Touristen-Angebot ist schier unüberschaubar: so viele Restaurants, Kunsthandwerk-Läden, Bars, fliegende Händler, Frauen mit kleinen Alpaka-Babys, die für Fotos posieren wollen. Ich werde fast erschlagen.
Es ist fast schwer spanisch zu sprechen. Wie selbstverständlich werde ich hier auf englisch angesprochen. Hier sind plötzlich auch die ganzen US-Amerikaner. Und viele spirituell angehauchte Leute. Es gibt hier einen Kaktus, San Pedro, der halluzinogene Wirkung hat. Viele der Touristen kommen für Sessions mit dieser Droge hierher.
Und ich werde übers Ohr gehauen. Hier in Cusco muss man sofort aufpassen, was man zahlt, das was einem gesagt wird, ist immer viel zu niedrig und es wird am Ende immer mehr. Oder umgekehrt, es wird ein astronomisch hoher Preis gefordert, den man dann runterhandeln muss, auf ein Niveau, das immer noch zu hoch ist (gemessen natürlich an den peruanischen Preisen). Daran war ich die letzten Wochen nicht gewöhnt.
In den letzten Wochen bin ich kaum internationalen Touristen begegnet. Irgendwann hat es mir gefehlt, der Austausch mit anderen Reisenden. Nach vier Tagen in Tarma bin ich nicht weiter mit dem Bus gereist, wie ich eigentlich vorhatte. Zu lange dauern die Passagen mit dem Bus, von einer zur anderen Stadt muss man immer mindestens zehn Stunden einrechnen. Von Ayacucho nach Cusco wären es sogar 16 Stunden gewesen. Also habe ich mich in Jauja in das Flugzeug nach Lima gesetzt und bin dort nach Cusco umgestiegen. Auf den Besuch von Ayacucho habe die ich leider verzichtet. Aber man kann nicht alles haben. Dass es bei Tarma überhaupt einen Flughafen gibt, habe ich erst am Morgen von einem Alten, bei dem ich noch einen Kaffee am Stand getrunken habe, erfahren.

Cusco – ist wirklich schön!
Ich wandele durch tolle koloniale Straßen, die spanischen Häuser nett, aber nichtaufdringlich renoviert. In der Innenstadt sind die Straßen breit, die Häuser repräsentativ, mit schönen Holzbalkonen, pompösen Eingangsportalen und netten Innenhöfen. In dem nördlich gelegenen Viertel San Blas, wo mein Hostal liegt, sind die Straßen schmal, die Häuser niedrig, so dass man als Fußgänger ruhig durch die Gassen wandeln kann. Zwischen den Häusern gibt es immer wieder einen schönen Blick über die Stadt.

Tagsüber scheint die Sonne, der weite blaue Himmel ist von dicken Schönwetterwolken bestückt. Erst abends kommen die Gewitterwolken. Es ist ja invierno, Winter, obwohl ich mich ja geografisch auf der Südhalbkugel im Sommer befinden sollte. Aber hier wird die Regenzeit als Winter bezeichnet. Die soll ja eigentlich erst im Dezember beginnen, aber nach den Regengüssen der letzten Abende scheint es jetzt schon loszugehen. Es schüttete dermaßen, dass die Gullydeckel sich anhoben und ich nicht mehr die Straße queren konnte, weil knöcheltief das Wasser durch die Straßen floß.


Sitze bei 31 Grad an einem kleinen Kiosk in San Blas, mit einem überwältigenden Blick über die Stadt, aus dem Lautsprecher läuft Rockmusik, canción del amor, und die goldenen Christbaumkugeln erinnern daran, dass bald die Adventszeit beginnt.

Die chica in blau versucht die Touristen in ihre Nachbarbar zu lenken, die mit lauter house music Depeche Mode bei mir Konkurrenz macht. Ich habe ja mein Cusqueña ja schon hier bestellt.
