Cajamarca

7,1570 Süd; 78,5172 West

Hundert Kilometer von Trujillo durch die Küstenwüste nach Norden. Links der bleiende Pazifik, rechts die trockenen Berge. Kaum ein Stück Vegetation. Ganz selten kommt ein Fluss aus den Bergen vorber, und er trägt, oh Wunder, Wasser mit sich. mit diesem Wasser werden die Felder begrünt.

Endlich der Abzweig in die Berge. Sehr langsam geht die Fahrt in die Höhe. Über weite Teile wurde der Asphalt von der Straße abgetragen, wahrscheinlich um ihn zu erneuen; aber das muss wohl warten. Wir kommen an einem Stausee vorbei, die Talsohle ist fruchtbar und grün, Reisfelder und Terrassen reihen sich aneinander. Die Berghänge sind allerdings gelb und kahl.

Erst nach Einbruch der  Dunkelheit kommt der Bus in Cajamarca an. die letzten Kilometer hat er sich mit 25km/h die Serpentinen hochgequält. Es hat zu nieseln begonnen. Die Busstation von Turismo Diaz liegt außerhalb des Stadtzentrums, ich brauche ein Taxi. Nach einiger Zeit hält dann doch ein Wagen und bringt mich für 7 Soles in die hospedaje Los Jazmines.

Nächster Morgen:

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Sehr angenehme Stadt. Die Architektur ist viel mehr kolonial als in Trujillo, was sehr angenehm für das Auge ist. 

Es gibt einfach viel zu sehen in dieser Stadt. Die Geschäfte sind klein von der Straße aus einsehbar. Die Warengruppen ballen sich in einzelnen Vierteln. In einer Ecke befinden sich die Haushaltswaren, in der anderen Möbel.

In jeder Straße scheint es einen Mobilfunkladen zu geben. Diese sind wirklich inflationär. Jeder Peruaner scheint auch mit einem Handy in der Hand herumzulaufen. Da gibt es keine Unterschiede zu uns (endlich mal etwas gemeinsames). Ich frage mich, wie die ganzen Läden überleben können. Richtig Kundschaft sehe ich in diesen Läden kaum.

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Der mercado municipal in der Nähe des plaza del armas scheint noch zu den Privilegierten  zu gehören. Auf der Suche nach der Busgesellschaft, die mich in zwei Tagen weiter in Richtung Chachapoyas bringen soll, gehe ich immer weiter aus der Stadt heraus. Ich merke, dass die Señora von Iperu,d dem Tourismusbüro, den Busterminal viel zu weit in der Stadt eingezeichnet hat, noch dazu auf der falschen Straßenseite. Also muss ich mehrmals hin und herlaufen und die Hausnummern genau studieren. An dem Straßenabschnitt der Atahualpa findet ein großer Markt statt, auf dem die hellen großen Strohhüte dominieren.  Hier verkaufen die indigenas, hier liegen die Waren meist auf dem Boden auf großen Plastikfolien ausgebreitet. Die Stände ragen weit auf die Straße hinein, auf der die Minibusse und Mototaxis vorbeiknattern, angetrieben von der schrillen Trillerpfeife des Straßenpolizisten. Hier ist es viel chaotischer als im mercado municipal, die Warenvielfalt ist aber genauso groß. 

Zwischen sechs und sieben abends ist auf den Straßen die Masse unterwegs. Einkaufen oder nur einfach der paseo. Viele Straßenverkäufer stehen am Bürgersteig. Ich frage mich, ob sie überhaupt etwas verkaufen. Die indigenen Frauen sitzen traditionell auf dem Boden, am Abend in eine Decke gehüllt. Einige sind so klein und zusammengekauert, dass man sie kaum sieht. Manchmal liegen nur ein paar Limonen zum Verkauf aus. Manchmal stehen riesige Warenberge an der Hauswand, wo ich mich frage, wie kommen diese dahin und wieder weg. 

Die Abendzeit ist auch die Zeit für die Pärchen. Sie sitzen auf dem plaza del armas herum und umarmen sich in der blauen Stunde. Zuhause ist dafür wahrscheinlich kein Platz. 

Gegenüber vom Markt liegt eine große Schule. Ich kann nur durch die Gitter des Eingangs hineinschauen. Alles ist durch große Eisentore abgeriegelt und durch Wachposten bewacht. Innen sitzen die Schüler in ihren Uniformen, alle in peru-rot, auf den Stufen, bis es klingelt. In Peru wirken die Schulen wie Festungen, durch eine hohe Mauer umgeben. Wer es sich leisten kann, gibt seine Kinder auf eine Privatschule. Peru gibt nur 3,5% seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Im PISA-Ranking von 2015 kommt Peru auf den 65. von 71 Rängen, also weit abgeschlagen. 

Die Stadt gibt sich den Untertitel encuentro de dos mundos, das Treffen zweier Welten. Damit ist gemeint, dass 1532 die spanischen Eroberer unter Francisco Pizarro die Stadt erreichten und es zur ersten militärischen Auseinandersetzung mit den Inkas kam. Die Schlacht von Cajamarca war ein Wendepunkt in der Geschichte Südamerikas. Nur wenige hundert Spanier besiegten durch List und Zufälle den Inka-Herrscher Atahualpa mit mehreren tausend Soldaten und nahmen ihn gefangen. Die Spanier überrumpelten die Inka und töteten innerhalb einer Stunde 4000 von ihnen. Atahualpa wurde ein halbes Jahr später mit der Garotte hingerichtet. Danach setzten die Spanier ihren Eroberungszug relativ ungehindert fort und unterwarfen den ganzen Kontinent, mit allen kulturellen und wirtschaftlichen Folgen bis heute.

Die ganze Geschichte der Schlacht von Cajamarca ist hier nachzulesen: Schlacht von Cajamarca

Cajamarca ist also ein für Südamerika sehr geschichtsträchtiger Ort.

Cajamarca hat mich wieder etwas mit Peru versöhnt. In der letzten Woche waren meine Augen doch etwa müde von der allgegenwärtigen Armut, dem Müll, den ganzen hässlichen Bauten in den Städten, dem Chaos und dem Fatalismus. Nur selten konnte ich wenige Dinge sehen, die wirklich schön waren. Cajamarca hat mich wieder etwas froher gestimmt. Aber das schöne Stadtbild ergibt sich nur aus dem kolonialen Erbe. Kann das heutige Peru keine Schönheit? Gibt es keinen Sinn dafür bei den Menschen? Sind sie nur mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt? Viele schon, aber nicht alle. Aber jeder scheint nur auf sich selbst zu schauen. Einzelne Häuser sind schön und liebevoll gestaltet. Sie bilden aber die Ausnahme. Aber es zeigt mir: es geht doch. Parks und Plätze sind sehr sauber und üppig mit Blumen bepflanzt. Aber es gibt viel zu wenig davon, meist nur der zentrale Platz.

Huaraz

9,5305 S, 77,5238 W

Cordelliera Blanca, die mittlere Andenkette ist das höchstgelegene tropische Hochgebirge der Welt. Mehrere hundert 6000er stehen hier herum. Ein Paradies für Bergsportler. Morgen werde ich auf den viertägigen Santa-Cruz-Trail aufbrechen, eines der schönsten Trails weltweit, sagt man. Ich werden berichten.

Ich suche ja immer gerne nach Zusammenhängen und Bezügen von dem, was ich sehe. Und in Huaraz sind die schmelzenden Gletscher auch ein riesiges Problem.

Am frühen Morgen des 13. Dezember 1941 stürzte ein riesiger Eisturm in den 23 km nordöstlich der Stadt auf 4566 m gelegenen Palcacocha-See und führte zum Bruch des Moränenwalls, der den See talwärts begrenzte. Die Flutwelle durchbrach auch den talabwärts liegenden Jiracocha-See, stürzte das Cohup-Tal hinab und riss Erde, Pflanzen und Felsen mit sich. Innerhalb von 15 Minuten erreichte die Schlammlawine die Stadt Huaraz, wo gegen 6:45 Uhr rund 400.000 m³ Schuttmaterial weite Teile der Stadt zerstörte und 5.000 bis 7.000 Menschen tötete.

(Quelle: wikipedia.de)

Das kann sich jederzeit wieder ereignen, weil durch die Gletscherschmelze die Wahrscheinlichkeit größer wird, dass Eisbrocken abbrechen und sich die Katastrophe von 1941 wiederholt. Durch den Klimawandel scheint es sogar deutlich gefährlicher. Germanwatch hat einen Bergführer und Kleinbauern, Saul Luciano dabei unterstützt, nach dem Verursacherprinzip den deutschen Energiekonzern RWE zu verklagen, damit dieser sich, entsprechend seinem Anteil an der CO2 Emission, an den Kosten für die Verbauungsmaßnahmen zum Schutz vor einem weiteren Bergsturz beteiligt. Die Klage vor dem Landgericht Essen wurde in erster Instanz abgewiesen, aber man ist in Revision gegangen, da ja eine Grundsatzentscheidung herbeigeführt werden soll, ob Energiekonzerne auch Folgekosten für ihr unternehmerisches Handeln tragen müssen.

Hier die ganze Geschichte:

Klage von Saul Luciano

An diese Geschichte zeigt sich, wie die Dinge in unserer globalisierten Welt zusammenhängen. Bergstürze werden durch den Klimawandel mehr werden. Und dann lese ich heute in Tagesschau.de, dass die deutsche Bundesregierung eine duropaweite Ausweitung der CO2-Reduzierung auf mehr als 30% verhindern will. Wenn ich wie heute auf dem plaza de armas in Hiaraz stehe und zu den Bergen hinauf schaue, denke ich, wann wohl die Lawine kommt. Und es macht mich wütend, dass die Deutschen zum Bremser in der Klimapolitik geworden sind.

Ankommen in einer anderen Welt

„Erst wenn man unterwegs ist, begreift man, dass die größte Entfernung die größten Illusionen weckt und dass Alleinreisen sowohl Vergnügen als auch Strafe“ (Paul Theroux)

Zitiert aus: Reise durch einen einsamen Kontinent; Altmann, Andreas

Ich stehe auf der Fußgängerbrücke über die Küstenautobahn in Barranco, dem sogenannten „Künstlerviertel“ von Lima im Süden der Stadt, wo ich untergekommen bin. Neben mir taucht ein Mann auf, Winfried aus Wien (ich weiß nicht mehr, ob er wirklich so hieß). Zerlumpt, ohne Zähne, dreckig. Er erzählt mir von seiner Arbeit an den Yachten der Reichen, wie er sich beim Ziehen der Stahltrossen verletzt hat. Die Wunden an seinem Arm wollen nicht heilen, haben sich entzündet, aber das Krankenhaus und die antientzündlichen Salben kosten Geld, dass er nicht hat. Ich gebe ihm 15 Soles für ein Mittagessen. Mir kommt der Buchtitel von Andreas Altmann in den Sinn, den mir für diese Reise gekauft habe. Statt Kontinent müsste es eigentlich „einsame Menschen“ heißen.

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Wenn man Geld hat, funktioniert diese andere Welt. Ich ziehe am Flughafen die Kreditkarte, eine ist kaputt, ich habe zum Glück eine zweite dabei. Damit werde ich zum Taxi begleitet und steige in eine schwarze Limousine, mit einem Fahrer in grauem Anzug. Wir unterhalten uns über Fußball, soweit es mein ungeübtes Spanisch zulässt. Meine Unterkunft in einem modernen Block unweit des plaza mayor von Barranco wird rund um die Uhr bewacht. Ab dem zweiten Tag werde ich mit „buenas tardes, señor Norbert“ begrüßt. Wenn ich drin bin, fällt die schwere Eisentür wieder ins Schloss.

Neun Millionen Menschen! In Barranco kann ich mir das nicht vorstellen. Hier wirkt alles etwas kleinstädtisch. Aber eine physische rstellung, was so viele Menschen bedeuten können, bekomme ich im Metropolitano, einer Schnellbuslinie, die vom Süden der Stadt ins Zentrum führt. Obwohl die Busse z.T im Sekundentakt fahren, sind sie brechend voll. So viel Körperkontakt war eigentlich nicht geplant. Ich sehe nichts von draußen, weiß eigentlich auch nicht, wo ich aussteigen muss, wenn ich es denn bis zur Tür schaffen sollte. Zum Glück spricht mich eine junge Frau an, und erklärt mir, wie ich am besten zum plaza de armas komme. Sie möchte ihr Englisch üben, ich mein Spanisch. An der estacion central schaffe ich es raus, und gehe den Rest zu Fuß, obwohl die Empfehlung ja Umsteigen hieß. Am zweiten Tag gehe ich aus Miraflores lieber eine Stunde zu Fuß, als mich wieder zur Rush hour in diesen Bus zu quetschen.

Neun Millionen Menschen! Keine U-Bahn, eine S-Bahn, eine städtische Buslinie!

Die Stadt ist viel voller Menschen. Ich muss dauernd aufpassen, nicht angerempelt zu werden. Die meisten wirken geschäftig, nur wenige schlendern auf einem Einkaufsbummel. Ich laufe durch die Straßen der Altstadt um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen.

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Auf dem Plaza del Armas tummeln sich natürlich die Touristen und die Polizei. Als ich sie mit ihren Schildern und Helmen stehen sah, kamen mir gleich die Bilder aus den neunziger und achziger Jahren in den Kopf, auf denen die Polizei als Unterdrückungs- und Folterorgan auftritt. Überraschenderweise sind diese Polizisten überaus freundlich. Ich merke, dass ich irritiert bin.

Am nächsten Tag gehe ich in das LUM, dem  „Museum“ für die Aufarbeitung der „Zeit der Gewalt“, den 80er und 90er Jahren, als der Kampf zwischen dem sendero luminoso und der MLRT sowie dem Militär und paramitärischen Einheiten, die gegen den Terrorismus kämpfen wollten. Ich kann mich noch an mein Lateinamerika-Seminar bei Professor Nuhn erinnern (Entwicklungsprobleme in Südamerika), in dem ich das Referat über Peru gehalten habe. Leider habe ich dieses Referat nicht mehr gefunden, ich muss es weggeschmissen haben. Aber ich kann mich noch an die Sympathien von uns Studenten für deb sendero luminoso erinnern, die Hoffnung auf die Befreiuungsbewegungen in Südamerika. Die schlimmen Menschenrechtsverletzungen, die im Namen einer Volksrevolution gemacht wurden, haben wir nicht gesehen oder wollten sie nicht sehen. So lerne ich jetzt in der Ausstellung, dass die einfachen Bauern zwischen die Fronten geraten sind, wie wurden von der jeweils anderen Seite verfolgt, vertrieben und ermordet. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Unbestreitbar war Peru damals eine Diktatur, die bekämpft werden musste, sicher auch mit militärischen Mitteln. Aber Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung sind nicht zu entschuldigen. Der Krieg ging mit der Gefangennahme der kommandanten beider Organisationen zu Ende.  Aber solche Bürgerkriege hinterlassen tiefe Wunden in einer Gesellschaft, die sich noch über Generationen auswirken können. Beklommen stehe ich auf dem Dach des „Museums“ und schaue über den Pazifik. Das museum wurde auch mit deutscher Hilfe gebaut.

 

 

Lima

12.1511785 Süd; 77.0208482 West

Grau

Laut

Stinkend nach Abgasen

Voll

Ungerecht

Eng

Hektisch

Gefährlich

Chaotisch

Lima ist die Hauptstadt des südamerikanischenAnden-Staates Peru und die mit Abstand größte Stadt des Landes. Im Verwaltungsgebiet der Stadt, der Provinz Lima, leben 8.890.792 Menschen (Stand 2015)[1] In der Konurbation Limas mit der Hafenstadt Callao leben insgesamt zehn Millionen Einwohner. Beide Städte bilden die Metropolregion Lima (Área Metropolitana de Lima)

Lima ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie das bedeutendste Wirtschafts- und Kulturzentrum von Peru mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern. Die Altstadt von Lima wurde 1991 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.[2]

Lima bei wikipedia

Diese Aufzählung erster Eindrücke klingt nicht sehr schmeichelhaft. Diese Erwartungen hatte ich eigentlich, als ich nach Lima einflog. Und mein erster Eindruck ist: es stimmt.

Aber es ist eben nur eine Seite der Medaille. Der zweite Blick zeigte mir:

Freundlich

Hilfsbereit

Multikulturell

Vielfältig

Lachend

Stolz

Geschichtsträchtig

Anders

Hier ist vieles anders als bei uns in Europa. Die Menschen sehen anders aus, es wird sich kaum aufgeregt, viele sind sehr arm, tragen aber trotzdem eine gewisse Würde mit sich herum. Und viele sind sehr wohlhabend, einige sogar sehr reich.

Ich leihe mir ein Mountainbike in Miraflores aus, um herumzufahren. Miraflores ist Geschäftszentrum, Hochhäuser, Banken, Einkaufsviertel. Hier lebt die Mittelschicht, zu der 20 – 30 % der peruanischen Bevölkerung gehört, sagt mein Reiseführer (1). Hier hat man wohl einen festen Job, eine Wohnung oder ein kleines Haus, muss sich sicher manchmal etwas dazu verdienen.

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Es ist grün und laut, aber es gibt auch, oh Wunder, Fahrradwege. Hier fährt aber fast jeder Auto. Die Stadtentwicklung scheint sich auf die quadratische Anlage der Straßen zu beschränken. Ich hätte gedacht, dass der Mittelstand in Peru mittlerweile einen größeren Anteil an der Bevölkerung umfasst, wo doch Peru in den Länderrankings schon als Schwellenland geführt wird.

Ich rolle weiter und komme nach San Isidro. Hier wird es nochmal wohlhabender. Hier wohnt man im Park, in dem die Hausangestellten die kleinen Kinder ausführen und bespaßen. Wo kein Zaun steht, stehen Wachleute, nicht nur einfache Parkwächter, sondern schon mit Pistole und Patronengürtel. Die Häuser sind mit hohen Gittern und Mauern gesichert.

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Hier finden sich auch die gated communities, über die ich im Geografieunterricht mit den Schülern arbeite.Dabei ist ein komplettes Stadtviertel durch Schranke und Wachposten abgeriegelt. Der Wachposten notiert genau, wer reinfährt und ob auch wieder rausfährt. Als ich mit Alois am nächsten Tag durch eine gated community fahren, um uns das zu zeigen, sagt, er müsse etwas an der Schule abgeben. Er steigt wirklich aus, geht zumm Briefkasten und wirft etwas hinein. Früher habe ihn sowas nicht geschert (wer Alois ist, erzähle ich im nächsten Beitrag, auf jeden Fall ein allgäuer Dickschädel). Aber alles sei vidoeüberwacht und er habe richtig Ärger bekommen.

15 – 20% der peruanischen Gesellschaft sollen zur Oberschicht gehören. Sie produzieren den größten Teil des  Bruttoinlandsprodukts, und lassen es wahrscheinlich nur in ihren Kreisen kursieren.

Zu den 50% der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, schreibe ich im nächsten Blogbeitrag.

Am Sonnabend kam ich nah meinem Tagesausflug zurück nach Barranco und wollte noch schnell in den Metro Supermarkt um ein Abendbier und das Obst für das Frühstück zu kaufen. Wo am Tag vorher noch die Christal und Pilsen-Flaschen herumstanden, war jetzt mit Mineralwasser aufgefüllt. Die Erklärung des jungen Regalauffüllers war so schnell dahingerasselt, dass ich kein Wort verstand. Erst die nette Bedienung im Kulturhaus, in dem ich das Wifi nutzen wollte, klärte mich auf. Morgen ist Wahltag für die die Provinzen und die Bezirks- und Stadtbürgermeister. Damit alle Peruaner, für die im übrigen Wahlpflicht gilt, auch klaren Kopfes ihre Stimme abgeben können, ist von Sonnabend 8.00 bis Montag 8.00 Uhr ein Alkoholverkaufsverbot gültig. So blieben am Sonnabend viele Kneipen zu und das Diskogewummere vom Freitag brachte mich in dieser Nacht nicht um den Schlaf.

Die ganze Stadt ist durchplakatiert, Wagenkonvois mit den Kandidaten fahren mit lauter Musik durch die Straßen und halten an den Plätzen, um kurze Wahlkampfkundgebungen abzuhalten.  Es wirkt mehr nach Party als nach Inhalt. Aus den Plakaten kann ich keine Inhalte erkennen.

Aber Wahlen sind ja die Keimzelle der Demokratie. Im Politikunterricht referiere ich ja immer die Bausteine der Demokratie, freie Wahlen, Meinungfreiheit, Gewaltenteilung, freie Presse.  Eines fehlt aus meiner Sicht in dieser Aufzählung: die Verpflichtung zum Gemeinwohl zu arbeiten.  Und an dem scheint es hier in Peru ziemlich zu mangeln bei den Politikern. Hier ist es wohl so, dass wenn man einen Poste erlangt hat, man ihr dafür nutzt, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und Familien und Freunde gleich mit zu bedenken.

Ich verfolge ja aus der Ferne auch die Geschehnisse in Deutschland. Ist es mit dem Gemeinwohl bei uns so weit her? Die SPD ist mit ihrem Gerechtigkeits-Wahlkampf grandios gescheitert, weil sie keine Vision einer gerechten Gesellschaft entwickeln konnte. Jeder in einer Gesellschaft, jeder Politiker, jeder Lehrer, jeder Automanager sollte vepflichtet werden, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Dabei Geld zu verdienen muss kein Widerspruch dazu sein.

Wir sollten uns diese Ideen wieder zurückholen. Hier fand ich den Artikel von Andre Wilkens inspirierend.

https://www.die-offene-gesellschaft.de/magazin/hat-die-offene-gesellschaft-eine-zukunft

(1) die Zahlen zur Verteilung der Gesellschaftschichten habe ich aus meinem Reiseführer PERU Westbolivien von Frank Herrmann im Stefan Loose Verlag. Es ist empfehlenswert, ihn auf einer Peru-Reise dabei zu haben.

 

Über den Atlantik

Als Geograf schaut man auf den Raum, blickt auf die verschiedenen Elemente, die in dem Raum zu entdecken sind, auf natürliche und menschlich gemachte Dinge, beleuchtet die Beziehungen und Wechselwirkungen untereinander, versucht diese Beziehungen in einem System zu beschreiben.

Am Dienstag, den 02. Oktober schreite ich durch das berühmte Hamburger „Tor zur Welt“, den Flughafen, um nach Lima in Peru zu fliegen. Ein ganz schön großer Raum, den ich dabei überbrücken werde. Als ich mich fragte, was dieser große Raum ausmacht, stieß ich bei der morgendlichen Zeitungslektüre gleich auf zwei Artikel, der die Beziehung von Hamburg und Peru deutlich machte.

Peru ist Der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt. Während bei uns im hambacher Forst gegen den Braunkohleabbau protestiert wird, kämpft die Bevölkerung in Las Bambas in Süd-Peru gegen die lebensbedrohlichen Auswirkungen einer Kupfermine.  Die Regierung reagiert mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes für die Region, um die Proteste zu unterbinden. Das Kupferkonzentrat wird vom Hafen Matarania unter anderm zur Kupferhütte  Aurubis nach Hamburg verschifft. Als Entwicklungsland hat Peru nicht die industrielle Kapazität, selber Kupfer herzustellen, sondern bleibt auf dem Status eines Rohstofflieferanten. Aurubis sagt zwar offiziell, sich für die Einhaltung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards einzusetzen. Aber praktisch scheint wenig zu passieren. Der Artikel Bergbau unter Ausnahmezustand: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5534542&s=Aurubis/

Dazu passt ein zweiter Artikel, in dem über die Verhandlungen zu einem UN-Abkommen für die menschenrechtliche Regulierung der weltweiten Wirtschaft berichtet wird: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5540430&s=UN%2BAbkommen%2BMenschenrechteU

Diese Verhandlungen stocken – weil Deutschland und die EU mit Verfahrenstricks die Prozesse verzögern. Wie kann das sein? Deutschland, das Land, dass sich immer verbal für die Durchsetzung von Menschenrechten weltweit einsetzt? Ich dachte immer, dass Deutschland in diesen Fragen auf der Seite der „Guten“ steht. In meinem Politik- und Geografieunterricht wird immer die Ungerechtigkeit bei den Menschenrechtsstandards thematisiert. Aus der Deutschen Sicht schien es immer so, dass autokratische Regierungen die Menschenrechtsverbesserungen verhindern. Aber auch Deutschland scheint alles zu tun, dass sich die Lage der Menschenrechte weltweit nicht bessert. Frustrierend.

Aber mir wird deutlich, welche Beziehungen in dem großen Raum zwischen Hamburg und Peru, mit dem großen Atlantik dazwischen, wichtig sind. Ich werde die Augen dazu aufhalten.

Beitragsbild von pixabay.com: Kupfer für unsere Stromleitungen