Über den Atlantik

Als Geograf schaut man auf den Raum, blickt auf die verschiedenen Elemente, die in dem Raum zu entdecken sind, auf natürliche und menschlich gemachte Dinge, beleuchtet die Beziehungen und Wechselwirkungen untereinander, versucht diese Beziehungen in einem System zu beschreiben.

Am Dienstag, den 02. Oktober schreite ich durch das berühmte Hamburger „Tor zur Welt“, den Flughafen, um nach Lima in Peru zu fliegen. Ein ganz schön großer Raum, den ich dabei überbrücken werde. Als ich mich fragte, was dieser große Raum ausmacht, stieß ich bei der morgendlichen Zeitungslektüre gleich auf zwei Artikel, der die Beziehung von Hamburg und Peru deutlich machte.

Peru ist Der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt. Während bei uns im hambacher Forst gegen den Braunkohleabbau protestiert wird, kämpft die Bevölkerung in Las Bambas in Süd-Peru gegen die lebensbedrohlichen Auswirkungen einer Kupfermine.  Die Regierung reagiert mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes für die Region, um die Proteste zu unterbinden. Das Kupferkonzentrat wird vom Hafen Matarania unter anderm zur Kupferhütte  Aurubis nach Hamburg verschifft. Als Entwicklungsland hat Peru nicht die industrielle Kapazität, selber Kupfer herzustellen, sondern bleibt auf dem Status eines Rohstofflieferanten. Aurubis sagt zwar offiziell, sich für die Einhaltung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards einzusetzen. Aber praktisch scheint wenig zu passieren. Der Artikel Bergbau unter Ausnahmezustand: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5534542&s=Aurubis/

Dazu passt ein zweiter Artikel, in dem über die Verhandlungen zu einem UN-Abkommen für die menschenrechtliche Regulierung der weltweiten Wirtschaft berichtet wird: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5540430&s=UN%2BAbkommen%2BMenschenrechteU

Diese Verhandlungen stocken – weil Deutschland und die EU mit Verfahrenstricks die Prozesse verzögern. Wie kann das sein? Deutschland, das Land, dass sich immer verbal für die Durchsetzung von Menschenrechten weltweit einsetzt? Ich dachte immer, dass Deutschland in diesen Fragen auf der Seite der „Guten“ steht. In meinem Politik- und Geografieunterricht wird immer die Ungerechtigkeit bei den Menschenrechtsstandards thematisiert. Aus der Deutschen Sicht schien es immer so, dass autokratische Regierungen die Menschenrechtsverbesserungen verhindern. Aber auch Deutschland scheint alles zu tun, dass sich die Lage der Menschenrechte weltweit nicht bessert. Frustrierend.

Aber mir wird deutlich, welche Beziehungen in dem großen Raum zwischen Hamburg und Peru, mit dem großen Atlantik dazwischen, wichtig sind. Ich werde die Augen dazu aufhalten.

Beitragsbild von pixabay.com: Kupfer für unsere Stromleitungen

6 Fterre

 

40° 6′ 51″ N, 19° 53′ 36“

Die Mountainbikes vom Trailer herunterladen, Sachen in die Tasche stopfen: Ersatzschlauch, Windjacke, geschmierte Brote, Gopro, Fotoapparat. Am Abzweig zeigt ein uraltes Hinweisschild auf alle Dörfer auf der Straße. Das Hinweisschild ist handgemalt und abgeblättert. Es geht gleich steil zur Sache, kleinster Gang, Schotter führt uns aus dem Ort an der albanischen Reviera in die Berge.

Fterre ist unser Ziel, ein kleines Dorf, dessen Bilder wir auf einer Ausstellung in Gjirokaster gesehen haben. Der österreichischer Fotograf Robert Pichler hatte den Ort und die Menschen in den 90er Jahren kurz nach dem Ende der kommunistischen Diktatur porträtiert. Dann haben wir noch eine Broschüre der GIZ, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, über den Ort gesehen und unsere Neugier geweckt.

Robert Pichler Fotos

Fterre bei Wikipedia

Wir schrauben uns mit unseren Mountain Bikes aus der Stadt Borsh an der mittelalterlichen Festung vorbei nach oben. In den Bergeinschnitten strömen die Bergbäche hinunter. Wir fahren auf einer Schotterstraße nach oben, kaum ein Auto begegnet uns.

Vorbei an Olivenhainen, Granatäpfe- und Orangenbäumen. Der Weg scheint nicht lang zu sein, aber jeder Taleinschnitt muss mitgenommen werden. Also geht es wieder ziemlich hinunter, um anschließend wieder kräftig hinauf zu gehen. Am letzten Pass dann endlich der Blick auf Fterre, die Brote sind aufgegessen, das Wasser getrunken.

Der alte Ortskern von Fterre liegt auf einem Felssporn über dem Tal. Hier gehen nur Fußweg hinein, wir müssen die Mountain Bike stehen lassen, die MTB-Schuhe gegen die Tevas tauschen.

Einen steilen Stieg folgen wir hinunter, an unbewohnten Gehöften vorbei, die roten Weintrauben pflückend, bis zu einer Weggabelung. Hier treffen wir auf einen uralten Mann, der uns freundlich begrüßt und uns vorangeht. Wir folgen. Kommunikation nur über Gesten. Über rund gelaufenen Steine, an Enten die im Wasser spielen vorbei, kommen wir ins Dorf. Der alte Mann öffnet die Eisentür und winkt uns hinein. Er bietet uns zwei Stühle in dem weiß getünchten Innenhof und da sitzen wir nun.

Scharfe Kommandorufe schallen von ihm ins Haus. Ob wir einen Kaffee wollen, scheint er zu fragen (die Kommunikation ist immer noch sehr schwierig). Irgendwann erscheint ein Mann mit zwei Gläsern Buttermilch in der Hand, wahrscheinlich sein Sohn. Gastfreundschaft wird in Albanien großgeschrieben.Verständigen können wir uns leider nicht. Kein Wort Englisch steht zur Verfügung.

FB93591F-F171-4E8B-9A51-079B1CE0E68D

Alles ist blitzblank aufgeräumt. Der Müll liegt in Albanien nur außerhalb der Häuser. Wovon leben diese Menschen hier, in einem Dorf, das nur zu Fuß zu erreichen ist? Die Straße war schon eine Zumutung, nur mit dem Landrover zu fahren, aber ins Dorf kommt man wirklich nur auf eigenen Füßen.

Wieder zurück an der „Fahrstraße“ kommt ein alter Mercedes-Kastenwagen, mit den Lebensnotwendigen. Ich frage mich, wie er mit diesem alten Auto die felsige Straße, die uns erwartete, geschafft hat. Das muss doch Stunden gedauert haben, ohne einen Achsbruch riskiert zu haben.

Wir tauschen wieder unsere Sandalen gegen die MTB-Schuhe und machen uns auf den Weg zum Pass, um auf der anderen Seite des Tales zurück nach Borsch zu fahren; sieben Kilometer zeigt uns das Garmin. Sieben lange Kilometer. Immer wieder müssen wir aus dem Sattel um zu schieben, weil der Schotter auf der Straße zu weich ist, um mit den MTBs fahren zu können.


Auf der anderen Seite des Tales geht es wieder 15km hinunter nach Borsch. 15km von Europa entfernt, 15km im TimeTunnel. In einer Landschaft der Ungleichzeitigkeiten: Einerseits der 4WeelDriveToyota, der sich mühselig den Weg hochkämpft, gleichzeitig beladen mit Holz für den heimischen Kochofen, wie im Mittelalter. Wie kommt eigentlich der Junge auf der Ladefläche normalerweise zu Schule?

Der Geograf betrachtet den Raum.

Welche Entwicklungschance hat eigentlich so eine Bergregion? Tourismus wird gerufen. Ja, das touristische Potential ist unzweifelbar vorhanden: unberührte Natur, spannenden Kultur, interessante Menschen. Aber schon wir mit unseren Mountainbikes hatten Mühe, dorthin zu kommen. Ohne eine Straßenanbindung und einer asphaltierten Straße sowie Übernachtungsmöglichkeiten wird es nicht gehen. Sonst kann man noch so schöne Broschüren drucken, wenn der Tourist nicht hinkommt, kann er auch kein Geld ausgeben und für Einkommen sorgen. Und dann wird die Abwanderung der jungen Leute aus den Bergdörfern weiter gehen.

Wir hatten eigentlich erwartet, dass man in den Dörfern auf dem Weg irgendwie übernachten kann. Aber es gab nichts. So mussten wir die steinige Strecke am Westhang wieder nach Borsch zurückfahren. Eigentlich schade, uns ist eine Nacht in den Bergen entgangen und den Bewohnern eine Einnahmemöglichkeit.

Mir wird deutlich, das die Entwicklung von dem Ausbau der Verkehrswege abhängt. Ohne Straßen gibt es keine touristische Entwicklung eines Raumes. Das Potential zur regionalen Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist zu gering, um an den europäischen Standard anzuknüpfen. Das Fazit ist also: asphaltierte Straßen müssen her. Das ist dann aber auch das Ende der schönen MTB-Trails, die wir gefahren sind.

Auch diesen Artikel aus England finde ich sehr interessant zum Thema „Gastfreundschaft in Albanien“:

Gastfreundschaft in Albanien

5 Ksami, Butrint

39.7781116 Nord; 20.0064017 Ost

Der südöstlichste Zipfel Albaniens. Auf dem Meer erheben sich die Berge von Korfu, Griechenland. Ksami, ein kleiner Badeort südlich von Sarandë, füllt sich am Sonntag mit Touristen. Die Westeuropäer kommen in ihren Wohnmobilen, die Ukrainer in dicken SUVs. Das toruistische Potential bietet noch viel Luft nach oben. Schön, dass die Hänge noch nicht mit Hotels vollgestellt sind. Dafür ragen viele Bauruinen in die Landschaft, die genauso zahlreich wie die intakten Hotels sind. Eingie Gerippe sind sogar mangels geeignetem Fundament seitlich abgekippt. Wieso reißt sie eigentlich keiner ab?

 

Jemand muss auf die Idee gekommen sein, einen Küsten-Flanierweg anzulegen. Leider sind nur die die  Steinplatten schon halb abgefallen, die Lampenständer umgefallen und die Sitzbänke kaputt. Es scheint sich keiner richtig Gedanken zu machen, dass die Dinge, die man baut, auch unterhalten werden müssen.

Viele für unsere Ohren ungewohnte Sprachen sind zu hören. Die Nummernschilder der Autos sind ebenson exotisch. Rumänien, Kosovo, Polen, Ukraine, Bulgarien, Ungarn, Griechenland, Montenegro… Wo sind eigentlich die unvermeindlichen Holländer? Nicht zu sehen. Irgendwie scheint Europa immer noch in Ost und West geteilt zu sein. Wie kann man eigentlich diese Teilung aufheben? Reisen, Tourismus? Kann Tourismus für ein gegenseitiges Verständnis einen Beitrag leisen?  Annähernd gleiche Lebensbedingungen überall in Europa? So wie es in Deutschland als Vorgabe für den Staat gilt und Grundlage für den Soli war Brauchen wir einen europäischen Solidarpakt? Wenn wir Europa mit den gleichen Kriterien entwickeln wollen wie wir sien in Deutschland anlegen, bräuchten wir diesen.

7D1DFC4A-8125-4E6C-A32D-B2233D02DD2F

Butrint, eine Ausgrabungsstätte ganz im Süden Albaniens, bot uns eine besondere Zeitreise durch die Geschichte Europas. Ein kleiner Küstensee, der Butrintsee, ist nur durch einen kleinen Kanal vom ionischen Meer getrennt. Dadurch ergab sich eine kleine Halbinsel, die eine strategisch günstige Lage zur Kontrolle der Straße von korfu bot und gleichzeitig einen günstigen Ort für einen Hafen, der von den Stürmen des Meeres verschont bleibt. Aber dieser Ort wurde schon vor den geostrategischen Überlegungen in der Bronze- und Steinzeit besiedelt. Älteste Funde beweisen dieses.

In Butrint hinterließen zahlreiche Kulturen ihre Spuren, umgekehrt wurden sie aber auch von Butrint geprägt. So kommt Butrint in den Werken berühmter antiker Autoren vor, wie zum Beispiel bei Hekataios von Milet[1] oder in der Aeneis von Vergil. Als städtisches Zentrum einer weiten Region kam sie zu Reichtum und Macht, wovon die zahlreichen Profan- und Prachtbauten, Straßen und Festungsanlagen zählen. Durch die Kombination seiner ruhigen Umgebung an einer Lagune und seinen historischen Monumenten zog die Stadt auch Grand Touristen des 18. und 19. Jahrhunderts an, die sie als eine Landschaft mit Monumenten bezeichneten.[2]Unter anderem besuchte Edward Lear die historische Stätte, um sich von ihr inspirieren zu lassen.

99AFCA9D-3C93-4ED9-9191-838EEDFDDAC7

Aber als Stadt wurde Butrint zurerst von ven Griechen ausgebaut, mit Theater, Bädern, Akropolis und Gymnasion. Die römische Kultur folgte, mit Wasserleitungen, Forum und tollen Fußbodenmosaiken. Sie bauten die Stadt vor allem flächenmäßig weiter aus, was neute Stadtmauern brachte. Der Aufstieg des Christentums brachten eine Basilika undeine taufkirche nach Butrint. Das Byzantische Reich konnte sich aber nicht halten, und nach vielen Herrschaftswechseln benutzte der Stadtstaat Venedig den Ort, um den Adriahandel abzusichern. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts beendete Napoleon die Herrschaft der Venezier und Butrint fiel an das osmanische Reich. Im 19. Jahrhundert spiele die geostrategische Lage keine Rolle mehr und die Stadt wurde wieder ein Fischerdorf. Erst die ersten englischen Touristen interessierten sich wieder für das geschichtliche Erbe. Und in den 30er jahren des letzten Jahrhunderts fingen italienische Archäologen an, die Stadt wieder auszugraben. Heute kommen wieder die Touristen. Wir können als westliche Toruisten einen Ort besichtigen, der lange Zeit verschlossen war.

Aber noch lange ist nicht alles ausgegraben, Butrint hat noch nicht den Charme eines allglatten Gescichts-Freilichtmuseums. Man kann noch überall hingegen, sich alles anschauen. Wir können mit einem Rundgang über 3000 Jahre europäische Geschichte an einem Ort nachempfinden. Das ist schon etwas sehr besonderes.

Uns da stellt sich mir doch die Frage, wie geht die europäische Geschichte weiter? Wir haben den Ost-Welt-Konflikt überwunden, haben die osteuropäischen Länder in die EU aufgenommen. Wir künnen überall hinreisen. Aber plützlich wird überall die Frage nach dem Nationalen gestellt. Markus Söder das Ende des Multilaterismus einleitet. Aber ist die Sehnsucht nach dem Nationalen nicht eine Angst vor dem Modernisierungsschub, den wir erleben, der durch die Internationalisierung durch die Globalisierung und das Internet hervorgerufen wird?

Diese Fragen stelle ich mir, wenn ich durch die Ruinen von Butrint laufe. Es ist ein toller Ort, der Geschichte atmet. Aber Geschichte weist auch immer in die Zukunft. Und die Zukunft gestalten wir selber.

4 Cañon Lengarices

40 Grad Nord, 244 Minuten, 20 Grad Ost, 432 Minuten

Reiseführer: nix; wikipedia: nix; internet: fast nix! Die Bäder von Benje werden genannt, aber der cañon Lengarices bleibt unerwähnt. Auch kein Schild an der Abzweigung weist auf diese spektkuläre Schlucht hin. Dabei durchquert man eine atemberaubende enge Schlucht mit senkrechten, teils überhängenden Felswänden.

Nachdem man die Bäder von Benjes hinter sich gelassen hat, ist man alleine. Mit den Teva-Sandalen an den füßen dürchqueren wir immer wieder das Flußbett, um weiter zu kommen. Das Wasser ist um glück nicht mehr als oberschenkeltief. Aber es irritiert, das man nicht sehen kann, wohin man tritt. Das Wasser ist sedimentgrau, man kann keinen Zentimeter tief blicken.  Also ist tasten angesagt. Wir springen von Stein zu Stein. Dazwischen liegst feinster Schlick, der sich in den Tevas sedimentiert (geografischer Fachbegriff). Bei Nässe wird der Sandstein glitschig, wir müssen ganz schön aufpassen. Wenn man hier unglücklich ausrutscht und sich verletzt, gibt es keine Hilfe. In der Schlucht ist Handyempfang unmöglich.

572E3CE5-28B4-4CA0-82F8-56A4032282F1Viele schöne Steine begleiten den Weg durch den die Schlucht. Immer wieder heben wir farbige runde Steine auf, wollen sie gleich mit nach Hause nehmen, legen sie aber wieder weg, weil es doch viel zu schwer wäre. Unten sind die steine eher kalksteingrau, oben werden die Wände eher gelb und orange. Nur Indirektes Licht  erreicht den Talboden. Kein Sonnenstrahl schafft es bin in das Flußbett. Dadurch umgibt uns eine angenehme Kühle, und die Vegetation ist viel üppiger als in der prallen Sonne des Landes.

B3855208-89A0-4EF3-B622-70D59FE47DF2.jpeg

Die Lengarica-Schlucht kann es mit anderen Schluchten in Europa an Schönheit und spektakulärer Landschaft voll aufnehmen. Für alle, die nach Südalbanien kommen, sollen die Lengarica-Schlucht besuchen. Leider hatten wir keine Drohne dabei, diese Bilder kann man sich aber auf der offiziellen Albanien-Website anschauen:

Lengarica Schlucht

3 Albanien

42 Grad 016 Minuten Nord, 19 Grad, 342 Minuten Ost

Eine lange Autoschlange, klapperige Modelle, meist mit Männern besetzt, die rauchen. Es geht nicht voran. Eine halbe Stunde für 10 Autos. Als ich meinen Pass und die grüne Versicherungskarte in das kleine Fensterchen halte, will der Uniformierte die Unterlagen gar nicht sehen. Warum habe ich hier so lange angestanden? Nach zehn Stunden Landstraßen-Geeiere durch Bosnien und Montenegro bin ich genervt. Aber immerhin weht die EU-Flagge an der Grenze. Noch 15km bis Shkoder.

Ich will K. am Flughafen in Tirana abholen. Hoffentlich klappt alles: Lek am Geldautomaten holen, eine prepaid-Karte besorgen, und die ungewissen Straßenverhältnisse meistern. Bei der Fahrt in die Stadt Shkoder mache ich schnell kehrt. Ich stelle lieber das Auto am Campingplatz ab und schnalle das Mountainbike vom Trailer ab. Zu chaotisch, zu stockend ist der Verkehr in Shkoder. Radfahrer auf uralten chinesischen Rädern, Eselskarren, undefinierbare Lastenmopeds und qualmende Mercedes-Diesel machen das Fahrt zum Abenteuer. Aber als Radfahrer wird man respektiert.

Albanien, (albanischunbestimmt: Shqipëri, bestimmt: Shqipëria), amtlich Republik Albanien (alb. Republika e Shqipërisë), ist ein Staat in Südosteuropa bzw. auf der Balkanhalbinsel. Das albanische Staatsgebiet grenzt im Norden an Montenegro und den Kosovo, im Osten an Mazedonien und im Süden an Griechenland. Die natürliche Westgrenze wird durch die Küsten des Adriatischen und des Ionischen Meeres gebildet, wodurch das Land zu den Anrainerstaaten des Mittelmeeres zählt. Die Hauptstadt und gleichzeitig größte Stadt des Landes ist Tirana.Albanien ist eine demokratisch verfasste parlamentarische Republik. Nach dem von den Vereinten Nationen erhobenen Index der menschlichen Entwicklung zählt Albanien zu den hoch entwickelten Staaten der Erde. Seit dem Ende des Kommunismus wurden bedeutende Schritte zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage erreicht. Albanien zählt allerdings immer noch zu den ärmsten Ländern in Europa.

Albanien: wikipedia

Was sind meine ersten Eindrücke in diesem unbekannten Land?

  • Eine für mich unbekannte Sprache. Allein das „Danke“ zu lernen, fällt mir unendlich schwer (falemidrit).
  • Es wird langsam Auto gefahren. Mehr als 80km/h sind nicht drin. Das macht die Sache aber auch ganz entspannt. Die berühmten schlechten Straßenverhältnisse kommen erst später
  • Es stehen viele Menschen an den Straßen herum. Sie warten. Auf den Bus, auf eine Mitfahrgelegenheit, vielleicht einfach so.
  • Im Restaurant essen ist günstig. Schon für unter 10€ bekommt man ein komplettes Menü.
  • Die Straßenschilder sind aus Italien.
  • Die Albaner lieben Mercedes.

Ohridsee

Erste Station: Ohridsee im Osten des Landes. Der Ohridsee soll eines der ältesten Seen Europas, wenn nicht der Welt sein. Er ist tektonischen Ursprungs. Das wasser ist klar, morgens gibt es eine 1000m Trainingseinheit Schwimmen. Die am westufer verlaufende Straße ist niegel nagel neu. Die Bahnlinie ist stillgelegt. Der Zeltplatz ist mäßig gefüllt. Wir zelten auf der. Halbinsel Lin. Eine große Anlage mit vielen Liegen und großer Bar. Nur die Gäste fehlen. Hier besteht noch touristisches Potential.

Bei der Wanderung um die Halbinsel in das Dorf Lin fällt schon auf: in Albanien geht die Schere zwischen den Menschen mit Geld und den Armen schon stark ins Gewicht. Einige Albaner fahren große Autos, gehe essen, tragen modische Kleidung. Die Menschen in den Dörfern wirken sehr arm, besonders die alten Leute. Die Armut erkennt man auch an den fehlenden Zähnen.

Und der Müll: natürlich steht in allen Reiseführern, dass Albanien ein Müllproblem hat. Aber so schlimm haben wir es nicht erwartet. Es liegt wirklich überall Müll herum. Bei unserer Wanderung ins Dörfchen Lin waten wir kurz vor dem dorf durch den Müll, der wohl einfach „um die Ecke“ geworfen wurde. Es verlangt einige Anpassungs-Mühe, über die ganzen Plastikflaschen und Plastikmüll zu gehen. Im Dorf selber wird dann wieder eifrig die Straße gefegt.

2 Lienz, Osttirol

46 Grad 82 Minuten Nord, 12 Grad 76 Minuten Ost

100% österreichische Rohstoffe: Gösser-Bier am Abend. Ist das auch schon ein Symbol des Ende des Multilateralismus, der in der Achse München – Wien eingeläutet wurde? Ist es wichtig, dass ein Bier nur aus österreichischen Zutaten hergestellt ist? Ist österreichscher Hopfen besser als italienischer, slowenischer oder bayrischer? Dabei liegt Italien von Lienz aus gesehen viel dichter als die Steiermark.

Die Verwendung regionaler Produkte, die nicht sol viele Transportwege nötig haben, wäre doch viel sinnvoller. Ist der Multilateralismus, also das Gegenteil vom nationalstaatlichen, egoistischen Denken, wirklich am Ende? Auf dem Zeltplatz ist halb Europa versammelt. Angeführt von den Campingweltmeistern, den Holländern, finden sich zelte und Wohnmobile aus bestimmt zehn europäischen Ländern. Ich frage mich, warum ein Land wie Österreich, im Zentrums von Europa gelegen, so die Abschottung propagieren kann, wie in den letzten Monaten. Wieso kann sich ein Land, in das Halb Europa in die Ferien fährt, so einer sinnvollen europäischen Flüchtlings- und Migrationspolitik widersetzen?

Wenn ich so über den Zeltplatz gehe, sehe ich fast nur weltoffene Menschen, die sicher kein Interesse an eine Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit gutheißen. Die Europa-Befürworter haben überall eine klare Mehrheit. Diese Mehrheit muss endlich mal den Mund aufmachen. Sollte die Zivilgesellschaft nicht zu einem europäischen. Migrationskongress einladen, um die Lösungen zu erarbeiten, zu dem die Politiker im Moment nicht fähig sind? Vielleicht sollte man diesen Kongress bewusst in Österreich durchführen.

Jetzt nehme ich aber noch einen Schluck Gösser-Bier.

1 Saaleradweg

„Die Saale … ist ein Fluss in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bei einer Länge von 413 Kilometern ist sie nach der Moldau der zweitlängste Nebenfluss der Elbe. Mit einem mittleren Abfluss von 117 m³/s nimmt sie in der Rangfolge der wasserreichsten Nebenflüsse knapp vor der Havel ebenfalls Platz zwei hinter der Moldau ein. Die Saale entwässert von der Quelle bis zur Mündung ein Gebiet von 24.167 Quadratkilometern.“ wikipedia

Start: 51°479’N, 11°960’E; Halle an der Saale.

Ziel: 50°720’N, 11°340’E; Rudolstadt

Stalinallee? Karl-Marx-Promenade?

DCIM999GOPRO

Das war wohl einmal. Die Einfahrt nach Halle weckt Erinnerungen an den real existierenden (historischer Begriff) Sozialismus. Breite Straße, breite Bürgersteige, breite Parkplätze, breite Haltestelleninseln der Straßenbahn, breite Plattenbauten. Das alte Grau ist gewichen, bunte Schirme stehen auf den Balkonen, die Plattenfassaden sind farbig gestrichen. Aber das gerade, rechteckige und breite bleibt. Heute heißt sie einfach „An der Magistrale“. An der Hauptverkehrsstraße (Wortbedeutung laut Duden) würde sich ja auch piefig anhören.

Auf dieser ungewohnten und doch noch etwas altsozialistisch anhörenden Straße starten wir auf den Saaleradweg. Rennräder, kleines Gepäck fahren wir nach Süden, den Saalefluss aufwärts. Die meisten Radler fahren anders herum, vielleicht weil es mehr abwärts geht. Auf super Asphalt sausen wir dahin, abseits der Straßen, auf dem extra angelegten Radweg. Nur selten benutzen wir eine öffentliche Straße, und dann sind sie kaum durch Autos befahren. Ein Traum für jeden Radfahrer. Die Landschaft ist flach und gelb, von oben brennt schon um 9 Uhr die Sonne. Es sollen wieder 36 Grad in diesem unfassbaren heißen Sommer werden. Mit einem dicken Paket Sonnencreme auf den Schultern ist am Anfang der Fahrtwind noch kühl.

Auffahrt für Radfahrer“ weist ein Schild nach rechts. Von „Fahrt“ kann allerdings keine Rede sein, zu steil, zu viele Stufen, zu enge Kehren. Oben angekommen, hält sich eine große Gruppe schick angezogener Menschen in weißen und grauen Kleidern und Anzügen an Sektgläsern fest. Der Park zwischen dem massigen Schloss und der Orangerie bietet eine schöne Kulisse für Hochzeiten. Wir schieben unsere Räder, schon ziemlich verschwitzt, in Richtung des Schloss von Merseburg.

Merseburg ist eine Dom- und Hochschulstadt an der Saale im südlichen Sachsen-Anhalt. Sie ist Verwaltungssitz des Saalekreises und Bestandteil des länderübergreifenden Ballungsraums der Großstädte Leipzig und Halle. In der maßgeblich von diesen beiden Oberzentren geprägten Metropolregion Mitteldeutschland fungiert Merseburg als Mittelzentrum. Unmittelbar an Merseburg grenzen die Chemiestandorte Schkopau (Buna) und Leuna.

Merseburg, eine der ältesten Städte im mitteldeutschen Raum, wurde im 10. Jahrhundert zur Königspfalz erhoben und gilt als Heimatstadt der Merseburger Zaubersprüche aus dem 9./10. Jahrhundert. Die Ersterwähnung im 9. Jahrhundert als „Mersiburc civitas“ weist auf eine bereits vorhandene befestigte Ansiedlung hin. Tatsächlich lassen sich seit der Jungsteinzeit anhaltende Besiedelungen nachweisen.

Von Beginn an durch die Gründung des Bistums Merseburg im Jahre 968 durch König Otto I. bis zur Reformationszeit war Merseburg ein bedeutendes religiöses Zentrum. Von 1656 bis 1738 war Merseburg Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Merseburg und von 1815 bis 1933 Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirkes der preußischen Provinz Sachsenwikipedia

Oh ha, das war bisher an uns vorbei gegangen. Soviel Geschichte in dieser kleinen Stadt.

DCIM999GOPRO

Abseits der Straßen sausen wir weiter gen Süden. Die Orte bleiben unbekannt, die wir durchqueren. Der Osten ist für uns immer noch eine Art Niemandsland. Weite Teile Österreichs, der Schweiz oder Italiens scheinen uns schon vertrauter. Nur sehr selten treffen wir noch auf ein altes DDR-Ortsschild, auf dem die alte Bezirksnennung übergeklebt ist. An der Art der Dörfern erkennt man aber nicht nur die LPG-Vergangenheit, sondern auch den Großgrundbesitz aus der vor-sozialistischen Ära. Szenen aus „Das weiße Band“ kommen mir in den Kopf.

DCIM999GOPRO

Endlich haben wir am Nachmittag einen Punkt zum Baden und Abkühlen in der Saale gefunden. Die Kohlehydratspeicher waren leer, das Wasser in den Flaschen war über Körpertemperatur angeschwollen, die Sonnencreme auf der Haut hat eine pattexähnliche Verbindung mit dem Schweiß angenommen.

DCIM999GOPRO

Italien? Nein: Saale-Unstrut! Gut dass es noch einmal in großen Lettern über dem Weinberg angeschrieben ist.

DCIM999GOPRO

Uns begegnen junge Männer in Anzügen, mit lustigen Schirmmützen auf dem Kopf und einer dünnen Schärpe über den Schultern. In kleinen Gruppen marschieren sie durch den Wald. Wieso geht man bei dieser Hitze im Anzug durch den Wald? Auch wir müssen schieben, die Rennräder sind nicht gemacht für steile Waldwege.

Oben angekommen bietet sich uns ein herrlicher Rundblick über das Saaletal. Wir haben inzwischen den flachen Teil verlassen und befinden uns im steil eingetalten, mit Felsen durchsetzten Tal. Oben auf den Felsen wurde eine Aussichtskanzel gebaut, und natürlich zwei Burgen, die Saaleck und die Rudelsburg. Am Löwendenkmal gibt es die Erklärung für die jungen Anzugträger: Kosender Korpsstudenten.

Der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) ist ein 1848 gegründeter Dachverband der ältesten Studentenverbindungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Ungarn. Die Corps wurzeln im Deutschen Idealismus. Nicht wenige sind älter als 200 Jahre. Im Sommersemester 2016 gab es 102 Kösener Corps an 40 Universitätsstandorten. Rund 2.300 Studenten und mehr als 13.000 berufstätige Akademiker von allen Kontinenten sind „Kösener Corpsstudenten“. wikipedia 

DCIM999GOPRO

Der nationale Geist weht hier durch den Wald und die Burgruinen. Das wirkt auf uns doch ewig-gestrig und treibt uns schnell zum Weiterfahren: Rasant geht es mit über 40 km/h den Berg hinunter wieder ins Saaletal.

DCIM999GOPRO

Mit verschwitzten Füßen über Velourplüsch laufen. Davon habe ich den ganzen Tag geträumt. Das Thermometer steht immer noch bei 32°. Die ausrangierte Schrankwand, das alte Ecksofa in undatiertem Design, aber mindestens 20 Jahre alt. Wir sind aber froh,  noch ein Pensionszimmer in Camburg ergattert zu haben. Nach 95km sind wir auch platt. Das Duschwasser verdampft sofort auf der Haut.

Das Leben in diesem kleinen Städtchen an der Saale spielt sich an diesem Abend vor REWE ab. Die Hoffnung auf einen lauschigen Biergarten am Fluß für das Auffüllen der Flüssigkeitsdepots im Körper erfüllte sich nicht. Also machen wir es wie die Fußballjugendlichen des Dorfes: Ein paar Bier aus dem Getränkemarkt holen, an den Bootsanleger setzen und die Füße ins Wasser halten. Nebenbei bekommen wir auch alle Aufstellungs- und Taktikinformationen des FC Camburg. Das Bier kühlt in den Fluten schnell ab.

DCIM999GOPRO

DCIM999GOPRODCIM999GOPRO

Es bleibt heiß. Ganz Deutschland diskutiert darüber: Ist das jetzt der Klimawandel bei uns? Die Klimaforscher betonen immer wieder, dass man durch ein einzelnes Ereignis (wie diesen heißen Sommer) nicht auf eine Veränderung des Klimas schließen kann. Eine Ursache für den Klimawandel begegnet uns auch im Saaletal: Die Bergbaufolgelandschaft Geiseltal. Mittlerweile der Braunkohleabbau beendet und die Landschaft unter Naturschutz gestellt, damit sie sich wieder regenerieren kann. Aber die Braunkohleverfeuerung geht weiter, aus anderen Quellen. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel machen wollen, müssen wir sofort aus der Kohle aussteigen! Greenpeace: Kohleausstieg – Ja bitte!

 

DCIM999GOPRO

Endstation Rudolstadt. Die Kleine Stadt ist schick renoviert, aber auch seltsam ausgestorben. Kaum Menschen auf der Straße, niemand flaniert, ein offenes Restaurant ist kaum zu finden. Sind die 23.000 Rudolstädter alle im Urlaub? 

Auf zum Bahnhof. Von hier geht es mit dem Zug wieder zurück nach Halle. Die ganze Strecke der letzten zwei Tage können wir noch einmal aus dem Zugfenster bewundern.

Insgesamt ist der Saaleradweg sehr zu empfehlen. Die meisten Strecken hatten einen super Asphalt und waren als extra Radweg abseits der Straßen angelegt. Auch die nicht asphaltierten Abschnitte waren so glatt, dass sie mit den Rennrädern gut zu befahren waren. Einzig der Abschnitt nach Bad Lösen nach Süden war so steil, dass er nur für Mountainbikes geeignet ist. Dort sollte man vielleicht die Straße nehmen.

Hier die Website des Saaleradweg e.V.:

Saaleradweg