Lateinamerika: Das Militär kehrt zurück

Nach meinen drei Monaten in Peru, Bolivien und Chile bleibt mein internationales Interesse bei der Entwicklung in Lateinamerika bestehen. So stellte Adam Scherpf vom GIGA-Institut (Leibnitz-Institut für Internationale und regionale Studien) in Hamburg sein Papier „Das Militär kehrt zurück“ beim Landesausschuss Europa und Internationales der Grünen vor.

https://www.giga-hamburg.de/de/publikation/das-militär-kehrt-zurück

Seine Kernthesen möchte ich hier wiedergeben:

  1. Nach mehr als einem Jahrzehnt „rosa Wende“, die den meisten Länder Lateinamerikas linkere, demokratischere Regierungen an die Macht gebracht hat, scheint jetzt eine Phase eingeläutet zu sein, in dem die Militärs wieder mehr Einfluss auf die Politik bekommen. Beispielhaft für diese Entwicklung steht die Wahl Bolsanaros in Brasilien zum Präsidenten.
  2. Die Bevölkerung scheint diese Tendenz mehrheitlich gutzuheißen. Das Militär genießt ein viel größeres Vertrauen als die eigentlich für die innere Sicherheit zuständige Polizei.
  3. Das Militär gefährdet die zivilgesellschaftlichen Gruppen, die für Gleichheit und sozialen Ausgleich eintreten. Damit ist die Demokratisierung der letzten Jahre auf dem Kontinent in Gefahr.
  4. Ursache für die wohlwollende Einstellung der Bevölkerung scheint es, dass die Regierungen nicht gelungen ist, die Korruption und die öffentliche Gewalt durch Drogen- und Jugendbanden einzudämmen. Die Bevölkerung scheint hier schnell nach der „harten Hand“ zu rufen.
  5. Das Militär hat in keinem Land bisher die drängenden Probleme der Korruption und Gewalt gelöst. Eher wurde die gesellschaftliche Ungleichheit verschärft und demokratische Errungenschaften eingeschränkt.
  6. Lateinamerika ist kaum im Fokus der europäischen Außenpolitik. Adam Scherpf schätzt die Lage aber so ein, dass die Länder aus eigener Kraft ohne internationaler Unterstützung die großen sozialen und gesellschaftlichen Probleme nicht lösen könnten. Hierbei sollten sich die Europäische Union mehr engagieren.

Den vollständigen Artikel findet man hier:

https://www.giga-hamburg.de/de/publikation/das-militär-kehrt-zurück

Bild: Graffiti in Valparaiso, 2018

Kathmandu, letzter Tag der Reise

27° 43′ 0″ N, 85° 19′ 0″ E

Langsam kommt der Monsun die südliche Berge hinauf. Es regnet fast täglich und es ist so diesig, dass man die Berge um das Kathmandutal nicht mehr sehen kann. Eine gute Gelegenheit auf der Dachterrasse zu sitzen und etwas zurückzuschauen auf die letzten drei Monate. 

Blick von einer Dachterrasse über Kathmandu

Drei Monate, drei Länder. Thailand war so etwas wie der sanfte Einstieg nach Asien. Am Anfang noch sehr exotisch, aber als wir nach zwei Monaten aus Yangon wieder nach Bangkok zurückkehrten, fühlte es sich wohlorganisiert und vertraut an. Wir sind von Süd nach Nord durch Thailand gefahren und haben von tropischer Küste, Regenwald, Megastadt Bangkok, Geschichtspark Sukhothai, die ländliche Region um Nan und Chiang Rai einen guten Überblick über das Land, seine verschiedenen Landschaften und Kulturen bekommen. 

Der alte König …, Bangkok

Mit dem Grenzübertritt nach Myanmar war die Ungewissheit für uns schon groß, was uns erwarten wird.  Wie wird das Reisen in einer fast-noch Militärdiktatur sein? Dass wir aus einer quasi Militärdiktatur Thailand kamen, haben wir gar nicht richtig gemerkt. An jeder Station der Reise durch das Land haben wir neue Dinge dieses sehr armen Landes entdeckt. Von den ethnischen Verschiedenheiten, den buddhistischen Traditionen der goldenen Pagoden und Tempeln, der offensichtlichen Armut der Menschen, der reichen Vergangenheit, den Naturschönheiten, dem Müll, der Nähe zum übermächtigen Nachbarn China und den Versuchen der Modernisierung in der Hauptstadt Yangon. Wir sind von Tachilek nach Hispaw in den Shan-Staaten, Mandalay, Bagan, Kalaw und Inle-See, dem Ayeyawaddy-Delta, den Stränden am Golf von Bengalen bis nach Yangon gereist.  

Im Ayeyawaddy-Delta

Die letzte Station der drei Monate war Nepal. Dieses Land ist noch ärmer als Myanmar, was wir gleich an den ersten Tagen in Kathmandu erleben konnten. Die Auseinandersetzung mit dieser Armut begleitete uns den ganzen Monat. Armut bedeutet offensichtlich auch immer Vermüllung. Nepal ist durch das Erdbeben von 2015 sehr in seiner Entwicklung zurückgeworfen worden, auch wenn man die Auswirkungen meist nur noch an den Gerüsten der Pagoden an den Durbar-Plätzen in Kathmandu und Patan sehen kann. 

Die „Müllabfuhr“ von Kathmandu ist völlig überfordert

Doch ein Schwerpunkt unserer Reise in Nepal war der Gokyo-Trek im Himalaya, auf dem wir 13 Tage durch das Everest-Gebiet wanderten. Dieses Trekking war mit Sicherheit eines der Höhepunkte der drei Monate, ein einzigartiges Naturerlebnis im höchsten Gebirge der Welt. 

Blick auf die 6000er

Die letzten zwei Wochen verbrachten wir im Kathmandutal. Der Flugzeug-Crash in Lukla und die Cancelation unseres Rückfluges nach Dehli trübte unsere Lust auf zwei weitere Tage im rumpeligen Bus und den Besuch eines weiteren Ziels in Nepal. Wir besuchten die Sehenswürdigkeiten Kathmandus und wanderten drei Tage in Dhulikhel in den mittleren Bergen am östlichen Kathmandutal.  

Die ganze Reise war eine Begegnung mit der Lebenskultur in Süd- und Südostasien. Dabei ist die Freundlichkeit der Menschen sicher eines der besonderen Erfahrungen geworden. Am deutlichsten war sie in Thailand zu spüren. Das Lächeln der Menschen ist nicht nur eine Erfindung des Tourismus-Marketings, sondern wir haben es tausendfach gesehen. Wenn man ein Lächeln gibt, bekommt man freundliches Lächeln zurück. Eigentlich eine Binsenweisheit, trotzdem werde ich diese Erfahrung mit nach Deutschland nehmen, wo das Lächeln vielleicht noch nicht so populär ist. Auffallend war auch, dass die Menschen mir meist offen ins Gesicht geschaut haben. Selten wurde beschämt weggeschaut, oft interessiert und freundlich zurückgeblickt. 

Beeindruckt hat mich auch das Lachen in vielen Situationen, die ich beobachtet habe, obwohl die Menschen einen viel härteren Alltag mit Armut und schwierigen Lebensbedingungen haben als wir in Deutschland. In allen drei Ländern wurde viel gelacht, besonders in Thailand und Nepal. Die Menschen in Myanmar waren etwas zurückhaltender, vielleicht prägt über vierzig Jahre Militärdiktatur die Freude. 

Beeindruckend war auch der Kontakt mit den Religionen. In Thailand und Myanmar dominierte der Buddhismus. Die Pagoden, Klöster und Statuen in Thailand waren in einem beeindruckendem Zustand, tolle Komplexe mit viel Gold und Rot, wahnsinnig vielen Details in Skulpturen, rituellen Gegenständen und Malereien. Es war fast unüberschaubar, die Vielzahl der Symbole zu verstehen und zu deuten. Die Plätze waren aber immer schöne Orte der Ruhe und der Meditation. Es gab kaum einen Ort, der nicht mit einer Buddhastatue oder einem Schrein ausgestattet war. Gut, dass es das Internet gibt, da konnten wir auftauchende Fragen zum Buddhismus oft schnell nachlesen. In Thailand waren die großen Meditationshallen am imposantesten. 

Bagan

In Myanmar waren es die großen goldenen Stupas, die die spirituellen Stätten prägten. In diesem Land trat der Gegensatz von der Pracht der buddhistischen Orte zu der Armut und dem Verfall im Umfeld für mich sehr irritierend in den Vordergrund. Wenn die Klöster reich und die Schulen und Krankenhäuser arm sind, stimmt für mich das Verhältnis nicht mehr. In Mandalay gibt es eine Buddhastatue, die mit so viel Blattgold beklebt ist, dass ihre Proportionen nicht mehr zu erkennen sind und die eher nach einem großen Goldklops als nach einer Buddhastatue aussieht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dieses Verhalten im Sinne der Lehren Buddhas sein können, der doch die Abkehr von aller Gier auf das Materielle als Voraussetzung für eine Erleuchtung gepredigt hat. 

Am unverständlichsten ist für mich, dass in zutiefst buddhistischen Ländern wie Thailand und Myanmar die Menschenrechte so mit Füßen getreten werden. Wie können Menschen, die die buddhistische Weltsicht, die nach meinem Verständnis auf Toleranz, Friedfertigkeit und dem Wohlergehen aller Lebewesen ausgerichtet ist, solche menschenverachtenden Staatssysteme aufbauen. In Myanmar beteiligen sich sogar buddhistische Mönche an der rassistischen Hetze gegen andere Religionen, besonders der Moslems. Das hat meine Sympathien für die buddhistische Lehre doch arg angekratzt. 

In Nepal ist die Gesellschaft überwiegend durch den Hinduismus geprägt. Ich muss zugeben, dass ich bei den vielen Besuchen der hinduistischen Stätten die Vielzahl der Götter, Inkarnationen und Symbole nicht verstanden habe. Dazu kommt, dass sich in Nepal der Buddhismus und der Hinduismus fröhlich vermischen, und an vielen Stätten eine buddhistische Stupa neben einem hinduistischen Tempel stehen. Leider musste ich feststellen, dass die religiösen Orte in Nepal viel weniger gepflegt waren als in Myanmar oder Thailand. Besonders an den hinduistischen Tempeln lag viel Müll herum, die Tempel waren mit roter Farbe bespritzt und die Verbrennungsrituale haben ihre rußigen Spuren hinterlassen. Sogar die rituellen Wasserspender waren oft zu Müllplätzen verkommen. 

Shiva-Tempel, Nepal

Überhaupt der Müll! Dieses Thema war ein ständiger Begleiter auf unserer Reise. Weite Landstriche, die wir bereist haben, waren völlig vermüllt. Sauber war eigentlich nur der Nationalpark Sargamantha am Everestgebiet, wo die Menschen erkannt haben, dass eine saubere Umwelt ihr Kapital im Tourismus ist. Aber in vielen anderen Gebieten, egal ob Stadt oder Land, ist die Landschaft mit Müll übersät. Egal, ob der Bauer in Bagan mit seinem Moped losfährt und seinen Reissack voller Müll über die Brücke in den ausgetrockneten Fluss wirft, oder die Städter achtlos die Plastikflaschen in der Stadt in die Baulücken wirft. O.k. Es gibt kaum eine organisierte Müllabfuhr. In Myanmar haben die Menschen erst seit zehn Jahren in größerem Stil Kontakt mit Plastik. Sicher haben die Menschen andere Sorgen des Überlebens als die Müllentsorgung. Aber die Vermüllung nimmt solche Ausmaße an, dass sie für uns schwer zu ertragen war. In Bagan war die weite Steppenlandschaft übersät mit Plastiktüten, die vom Wind weggeblasen wurden und an den stacheligen Sträuchern hängen geblieben sind. 

Müll wird bestenfalls verbrannt, Bagan

In Nepal war zu sehen: Müll und Armut scheinen zusammen zu gehören. Je ärmer die Gegend, desto mehr Müll türmte sich auf. Zum Teil watete man an den Bushaltestellen durch das Plastik. Der städtische Müll Kathmandus wird zu den Flüssen gebracht. Man sieht Menschen, die die Säcke mit Müll die Flußböschungen herunterwerfen. Man scheint zu hoffen, dass das Wasser des Monsuns die Sachen wegschwemmen wird. Ich weiß nicht, wohin das Problem mit dem Müll hinführen soll. Wir sind in Europa ja auch nicht besser, wir exportieren den Müll auch noch in die ärmeren Länder. Lange habe ich mich als Deutscher auf der besseren Seite gefühlt, hier würde Mülltrennung und -vermeidung groß geschrieben. Aber die Recherchen der letzten Monate haben offen gelegt, das die Recyclingquote in Deutschland erschreckend gering ist. Deutschland exportiert weiterhin Müll in die dritte Welt, in Malaysia hat eine Redakteurin der SZ riesige Mülldeponien mit „Recyclingmüll“ aus Deutschland gefunden. 

Die Reise war auch eine Begegnung mit dem Zustand der Welt. Mich begleitete das Buch „20 Lektionen für das 20. Jahrhundert“ von Yuval Noah Harari, mit denen ich gut die aktuellen Herausforderungen der Menschheit bedenken konnte. Eines der Thesen von Harari ist, dass viele Menschen und vielleicht ganze Staaten „überflüssig“ werden könnten, weil sie für die globale Produktion nicht gebraucht werden und den Anschluss an die Entwicklung künstlicher Intelligenz nicht geschafft haben. 

Relief beim „Liegenden Buddha“ in Bangkok

Für Myanmar und Nepal gilt diese Gefahr sicherlich; beides Länder, die sehr wenig entwickelt nach unseren westlichen Maßstäben sind. Beide Länder haben auch keine global wichtigen Rohstoffvorkommen, so dass sie für die weltweite Produktion eigentlich unwichtig sind. 

Thailand hat es zumindest schon zum Status eines Schwellenlandes geschafft. Aber die Wirtschaft ist eher regional orientiert. Für eine Rolle als Kleidungsnäherei für die Welt sind die Löhne in Thailand zu hoch, da sind Bangladesh, Kambodscha und Vietnam für die internationale Bekleidungsindustrie attraktiver. Den Einfluss Chinas kann Thailand noch zurückdrängen. Viele Menschen in Thailand sind chinesischer Herkunft, man hat eher ein gutes Verhältnis.

Bangkok

China ist die neue Macht in der Region, das wurde deutlich. Besonders in Myanmar drängen chinesische Touristen und Waren ins Land. Sie sind überaus unbeliebt, überall wurde mit den Augen gerollt, wenn Chinesen im Anmarsch sind. Chinesen haben aber auch keine Manieren und benehmen sich wenig respektvoll, davon konnten wir uns live überzeugen. 

Durch Hispaw rollten dicht an dicht die Sattelschlepper mit landwirtschaftlichen Waren nach China. Ganze LKWs waren mit Melonen beladen. Unsichtbar fließt das Kapital in die andere Richtung und kauft alles auf, was lukrativ erscheint. Dabei fließen die Provisionen in die Taschen der Generäle, die dafür sorgen, dass die Bevölkerung keinen Ärger macht. Die Tendenz, dass sich China überall auf der Welt einkauft, ist in vielen Teilen der Welt zu sehen. Am Ende unserer Reise tagt in Peking eine Konferenz zur „neuen Seidenstraße“. Viele Kritiker befürchten, dass sich China die Kontrolle über wichtige Häfen und Handelsrouten sichern will. An dem Auftreten der chinesischen Reisegruppe in Bagan konnten wir sehen, wie die chinesische Dominanz in den nächsten Jahren aussehen könnte. 

Magische Momente

  • Sonnenaufgang in Bagan
  • Sonnenuntergang in Hsipaw
  • Feuer im Nationalpark im Norden von Thailand
  • Geschichtspark in Sukothai im milchigen Dunst
  • Panoramablick auf dem Gokyo Ri über den Gletscher und die 8000er Gipfel
  • Ausblicke im Nationalpark bei Krabi
  • Erster Blick auf den Mount Everest bei Khojung
  • Strandlauf in Ko Payang
  • Sonnenuntergang in Ko Payang
  • Über den Inle-See mit dem Langboot fahren
  • Mit dem Zug über den Gokteik-Viadukt fahren

Essen

  • Thai Phatai, Thailand
  • Vegetable Rice, Thailand und Myanmar
  • Mo Mo‘s in Nepal
  • Daal Bhat, Nationalgericht in Nepal
  • Chomein, Nepal
  • Diverse Currys, Nepal
  • Fried Noodles, Thailand und Myanmar

Die Reise war auch immer wieder eine Begegnung mit der Armut. Besonders die Menschen in Myanmar und Nepal gehören zu den ärmsten in der Welt. Die Begegnungen mit der Armut macht mich immer hilflos. Als Tourist kannst du die Armut nicht lösen, auch wenn du einem Bettler einen Schein zusteckst. Bettlern sind wir übrigens recht wenig begegnet, das hätte ich anders erwartet. Trotzdem ist die allgegenwärtige Armut sichtbar. 

Am Strand des Ayeyawaddy in Mandalay, Myanmar

Als Tourist profitiert man in diesen Ländern ja von günstigen Reisekosten, Transport, Essen und Unterkunft. Man sollte sicher einen Teil dieser Vorteile, die man als Einwohner eines reichen Staates hat, in Form einer Spende an die bereisten Länder zurückgeben. Dabei sollte man besser Organisationen unterstützen, die eine strukturelle Verbesserung für die Menschen anstreben. Eigentlich wäre eine Entwicklungssteuer für Reisen in Entwicklungsländer eine sinnvolle Maßnahme.

unsere Route

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Auf der Reise nach Süd- und Südostasien begleitete mich diesmal das Buch von Yuval Noah Harari. Es passte gut zu meinen Gedanken auf dieser Reise, weil es sich mit der aktuellen und perspektivischen Situation auf der Welt beschäftigt. Gut gefallen hat mir der grundsätzliche Ansatz von Harari. Er ist Geschichtsprofessor, und kann mit diesem Beruf nichts Materielles zur Welt beitragen. Seine Aufgabe sei, so schreibt er in seiner Einleitung, den Menschen Orientierung zu geben in einer Welt, die extrem unübersichtlich geworden ist. Das sei sein Betrag für die Menschen, sozusagen geistiges Brot.

In dieser Haltung habe ich mich gut wiedergefunden. Als Lehrer kann ich auch nichts Materielles beitragen. Aber als Lehrer kann ich ebenso wie Harari Orientierung bieten für Junge Leute, die in diese unübersichtliche Welt hineinwachsen. Und Orientierung scheint dringend notwendig, denn der Aufschwung der populistischen Parteien zeigt ein Bedürfnis nach einfachen Antworten, nach schnellen Lösungen, nach einem überschaubaren Weltbild. All das wird aber der Gesellschaft, in der wir leben, nicht gerecht, weder lokal, national noch global. Insofern ist die orientierende Aufgabe von uns Lehrern wichtiger denn je.

Orientierung geben heißt nicht unbedingt die Aussage: „da gehts lang“. Ich kann von mir auch nicht behaupten, das zu wissen. Aber ich kann Situationen schaffen, in dem sich die jungen Leute damit auseinandersetzen können, herauszufinden, wo es langgehen könnte. Das verändert meine Rolle als Lehrer gewaltig, ich bin nicht mehr Wissensvermittler, sondern ermögliche eine Orientierung, wohin die Reise gehen könnte.

Junge Leute brauchen nicht nur Orientierung, wohin die Welt gehen könnte, sondern auch darüber, welchen Platz sie selber in dieser sich wandelnden Welt einnehmen können. Dabei brauchen sie auch die Fähigkeiten, sich im Leben immer wieder selbst erfinden zu können, was in Zukunft öfter der Fall sein wird, wie Harari schreibt. Dazu braucht man kein Fachwissen, das wird sich immer schneller erneuern, sondern Prozesswissen und Kenntnisse über die Selbstorganisation. Diese Dinge werden aber in der Schule bisher wenig berücksichtigt, sind aus meiner Sicht aber sehr wichtig für eine Orientierung im Lauf des Lebens.

„Heute verlassen wir uns auf Amazon, um Bücher auszuwählen, und auf Google Maps, um an der Kreuzung zwischen links und rechts zu entscheiden. Doch mit genügend Daten und genügend Rechenkapazität werden wir bald von einer künstlichen Intelligenz abhängen, um das Studienfach zu wählen, den Arbeitsort und den Ehepartner.“

„Bereits heute erwarten wenige Angestellte, dass sie ein Leben lang dieselbe Stelle haben werden. Bis 2050 wird sogar die Idee komplett veraltet sein, ein Leben lang denselben Beruf zu haben. Selbst wenn wir Menschen im Spiel bleiben, indem wir neue Arbeitsplätze erfinden und neue Fähigkeiten erwerben, müssen wir uns fragen, ob wir das emotionale Durchhaltevermögen haben für ein Leben im konstanten Umbruch. Veränderung ist stressig. Schon jetzt erleben wir eine globale Epidemie des Stresses. Wie viel mehr erträgt der menschliche Geist, bevor er zerbricht?“

„Niemand weiss wirklich, wie der Arbeitsmarkt im Jahr 2050 aussehen wird. Daher weiss niemand, was junge Leute lernen sollten. Somit ist es wahrscheinlich, dass das meiste, was sie heute in der Schule lernen, bedeutungslos sein wird, wenn sie 40 sind.“

(Harari, https://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/algorithmen-was-kinder-heute-lernen-wird-bald-bedeutungslos-sein 24.04.2019)

Diese Analyse verlangt ein völliges Umdenken in dem, wie wir heute Schule machen. Die Aufgabe „Orientierung geben“ lässt sich kaum in dem System Fächer, Stundenplan, Klassenarbeiten, Tests, Klausuren und Abschlussprüfungen unterbringen. Wir müssen Lernen und Lehren völlig neu denken. Das geht weit über die Frage nach „digitalem Lernen“ hinaus.

Reuters-Journalisten in Myanmar kommen frei

Im März habe ich während meiner Reise durch Myanmar über die Menschenrechtsverletzungen und der Bedrohung der freien Berichterstattung in dem Land berichtet. Dabei habe ich auch über die Inhaftierung und die Verurteilung der beiden Reuters-Journalisten You Wa Lone und Kyaw Soe Oo geschrieben. Beide sind in diesen Tagen im Rahmen der Neujahrsamnestie in Myanmar freigelassen worden. Darüber freue ich mich wirklich sehr und gibt vielleicht etwas Hoffnung auf eine Demokratisierung in Myanmar.

http://www.tagesschau.de/ausland/myanmar-journalisten-103.html

Gokyo-Trek, Nationalpark Sargamantha

27,7509 N; 86,7114 O

Tag 1, Flug Kathmandu – Lukla, erster Wandertag von Lukla nach Phakding-Zamfute

Ich habe doch etwas feuchte Hände, als ich in Kathmandu in die Twin Otter steige. Auf jeden Fall sehe ich, dass unsere Rucksäcke mitkommen. 20 Mitreisende in der kleinen zweimotorigen Maschine. Und das Wissen, dass die Landung in Lukla zu eines der aufregendsten in der Welt gehört. Die Piste ist nur 500m lang.

Beim Anflug kann man durch das Cockpit auf die Landebahn blicken. Sie liegt auf einer Felsnase im steilen Berggelände. Das Ende der Landebahn bildet eine Felswand mit der Aufschrift „Wellcome to Lukla“. Im Anflug fliegen wir knapp über die Bergrücken hinweg, abenteuerlich zwischen den Berghängen hindurch. Der Pilot hat dann die Maschine sanft aufgesetzt. Zum Glück ist die Landebahn nach oben geneigt und bremst so schon das Flugzeug.

Als wir Lukla hinter uns lassen, müssen wir uns zwicken: wir sind im Himalaya, wir können es kaum glauben. Gleich am Anfang kommt uns eine Yak-Karawane entgegen. Wir wandern mit vielen Trägern, die enorme Lasten, meist Expeditionstaschen an ihren Kopfriemen nach oben tragen. Es kommt mir vor, als wären mehr Träger als Touristen unterwegs. Es ist eben ein ganz normaler Beruf in den Bergen ohne Straßen. Sogar das Baumaterial wird getragen. Junge Männer tragen den Betonstahl nach oben.

Tag 2, von Phakding nach Namche

Klare Bergluft, Blick auf einen 6000er in der Morgensonne, bei 11 Grad Außentemperatur geht es in den zweiten Tag. Schnell erreichen wir die Sonnenzone mit angenehmer Wärme. Der Trek ist aber eine Trekking-Autobahn. Immer ist jemand vor einem oder drückt von hinten. Mir fällt es schwer, mein eigenes Tempo zu finden. Ich überlege, ob ich wirklich anhalten will zum Fotografieren, wenn ich dadurch meine erkämpfte Position im Tross verliere.

Blühende Kirschbäume und Rhodedendronbäume sowie Azaleen begleiten unseren Weg. Vereinzelt gibt es einen Blick auf einen verschneiten Sechtausender. Aber das Tal ist tief eingetalt und sehr steil und hoch. Die erste Hälfte geht der Weg auf und ab, ohne dass wirklich Höhe gewonnen wird. Erst im zweiten Teil des Weges über 12km und 1100hm geht es bergan. Wir müssen mehrere Seil-Hängebrücken überqueren, bei denen man besser schwindelfrei sein sollte. Der versprochene Blick auf den Everest bleibt uns leider verwehrt, da ab Mittag Wolken aufgezogen sind.

Die letzten zweihundert Höhenmeter sind dann richtig anstrengend. Kurz vor Namche müssen wir an einem Polizeiposten nochmal unsere Trekking-Permits und den Nationalpark-Eintritt vorzeigen. Wir wissen nicht, was der Polizist alles in seinen Computer eintippte. Die Wolken haben sich jetzt richtig zugezogen und es wird kalt. In der Unterkunft nach dem Duschen wird es erst richtig kalt. In unserem Zimmer sind 11 Grad. Schnell in die Schlafsäcke, aber dort wird es auch nicht wärmer. Da hilft nur noch ein Glas Rum und Ingwertee.

Tag 3, von Namche Bazar nach Phortse Tenga

Der Morgen ist klar und bietet einen schönen Blick auf die schneebedeckten Berge. Wir steigen von NamcheBazar in Richtung Khumjung auf. Oben bietet ein kleiner Hügel einen großartigen Rundumblick. Wir sehen zum ersten Mal den Everest, aber auch viele andere hohe Berge. Es ist schon irre, auf den höchsten Berg der Erde zu blicken. Aber er ist nicht unbedingt der schönste, eher ein großes Massiv, gemeinsam mit dem Lhotse. Die Gruppen werden alle zur Everest-Lodge geführt, um dort etwas zu verspeisen. Wir gehen lieber nach Khumjung hinunter, wo wir unseren mittäglichen Reis essen.

Ama Dablam, 6814m

Mittags trübt das Wetter ein, es wird immer wolkiger. Der Blick auf die hohen Berge verschwindet. Hinter Khumjung verlassen wir den Hauptweg zum Everest Base Camp und wandern nach Norden in Richtung Gokyo. Der „Verkehr“ wird deutlich weniger, wir treffen nur noch einzelne Wanderer, so dass sich auch ein Grüßen wieder lohnt. Über Mong gehen wir nach Phortse Tenga, wo wir auf ein einsames Guesthouse an einem kleinen Wasserfall treffen.

Erst sitzen wir noch in unseren Schlafsäcken draußen, doch dann wird es schnell viel zu kalt.

Vorher, in Khumjung, kommen wir an einer Flugpiste vorbei. Ein schreckliches Schotterfeld. Hier dürfen auch keine Flugzeuge mehr starten und landen, nur noch Hubschrauber. Wir hören von einem Guide, dass man auch nicht will, dass dort Flugzeuge landen, weil das die vielen Träger arbeitslos machen würde.

Das Volk der Sherpa, die hier in der Khumbu-Region leben sind vor ca. 400 Jahren aus Tibet eingewandert. Sie sind deshalb in der großen Mehrheit Buddhisten, anders als die Mehrheit der Nepali, die hinduistischen Glaubens sind. Sherpa bedeutet einfach „Menschen aus dem Osten“. Überall stehen weiße Stupas und wehen buddhistische Gebetsfahnen. Bunte Gebetstrommeln begleiten unseren Weg. Sie sollen dreimal nach links gedreht werden, um den Geist zu reinigen.

Tag 4, Phortse Tenga nach Luza

Schon beim Frühstücken im Phortse Tenga Guesthouse zogen die Wolken aus dem Tal in Richtung Berge. Kurz nach dem wir kurz nach acht losstapfen, fängt es dann auch an zu regnen. Jetzt kommt das Regenzeug zum Einsatz, ein Glück, dass wir es nicht umsonst mitgenommen haben. Wir steigen immer höher, ab 3700m werden die Regentropfen immer dicker und der Regen geht in Schnee über. Eine märchenhafte Stimmung legt sich über den Rhodedendronwald, den wir durchqueren. Die Wasserfälle sind zum Teil noch gefroren. Der Schneefall wird stärker. Leider ist es mehr Nassschnee, und die Handschuhe sind schnell durchgeweicht. In Dole müssen wir uns etwas mehr anziehen.

Die größte Sorge besteht darin, durch den Schnee den Weg nicht mehr zu finden. Doch zum Glück kommen uns immer wieder Wanderer entgegen, die ihre Spuren im Schnee hinterlassen. Die angepeilte Mittagsrast müssen wir links liegen lassen. Wenn wir uns jetzt in einen ungeheizten Gastraum setzen, wird uns sofort ziemlich kalt werden. Die Muskeln sind das Heizkraftwerk des Körpers, und wenn sie nicht mehr arbeiten, wird man schnell kalt. Also weitergehen im stetigen Schneefall. Wir haben jetzt 4200 Höhenmeter und die Baumgrenze überschritten. In den Wolken und dem Schneegestöber bekommen wir von der Landschaft nichts mit. Man hört Wasserfälle, sieht sie aber nicht. Das Gehen wird schwieriger, weil das Frühstück schon seit einigen Stunden verbrannt ist. Wir gehen jetzt vier Stunden, ohne eine Pause gemacht zu haben.

Kurz nach eins erreichen wir Luza, unser Tagesziel auf 4360m. Früher als gedacht, aber doch schon etwas angenässt. Meine alte Outdoorjacke ist auch nicht mehr so wetterfest wie gedacht. Der Gastraum ist ebenso kalt wie draußen. Erst als wir etwas zu essen bestellen, wird der Ofen angeschmissen. Sonst würden wir die nassen Sachen auch nicht mehr trocken bekommen. Wir machen uns im Gastraum für den Nachmittag gemütlich. Draußen schneit es weiter. Erst um halb sechs reißt die Wolkendecke auf und gibt einen tollen Blick auf die gegenüberliegen Berge frei. Das Abendlicht reicht gerade noch aus, um ein paar Fotos von den Gletschern zu machen, die oben auf den Bergen liegen.

Tag 5: von Luza nach Gokyo

Bei 5 Grad plus aus dem Schlafsack krabbeln, ist schon eine große Herausforderung. Dann noch die warmen Wollsachen der Nacht ausziehen, um in die durchgeschwitzte Wanderkleidung zu steigen. Also kurz nackig machen, bei 5 Grad! Zum Glück war die stinkige Wanderkleidung mit im Schlafsack, was sie warm hielt. Auch alle Akkus und die Powerbank sowie das Smartphone und die Batterien der Kamera mussten mit rein. Ganz schön voll im Schlafsack.

Der Blick aus dem Fenster ist eine Enttäuschung. Es hat wieder geschneit und der Himmel ist dicht mit Wolken. Wieder sind keine Berge zu sehen. Bei Schneefall brechen wir auf, schnell noch die Sonnenbrillen herausholen, auch wenn keine Sonne scheint. Den ganzen Tag schneit es, Glück ist, dass der Wind von hinten kommt und der Schnee an unseren Rucksäcken abprallt.

Ich glaube, wir gehen durch eine beeindruckende Landschaft, aber wir sehen fast nichts. Vereinzelt gibt es einen Tiefblick in das wilde Gletschertal, aber schnell kommt die nächste Wolkenfront angeweht. Der Weg läuft hinter der Seitenmoräne des Ngozumpa-Gletschers entlang, so dass wir den Gletscher leider nicht zu Gesicht bekommen. Dafürkommen wir an drei Seen vorbei, deren Wasser durch die Moräne gestaut wird. Am dritten See erreichen wir Gokyo auf 4783 Meter Höhe. Es schneit immer noch, das andere Ufer des Sees verschwindet im Grau. Wir sehnen uns nach einer etwas komfortableren Unterkunft als in der letzten Nacht, die schon sehr basic war. Sie war extrem kalt, die Wasserleitung war morgens eingefroren, der Ofen wurde am morgen nicht mehr angemacht. Wir finden das Fitzroy mit warmen Gastraum und leckeren Kuchen.

Wir sitzen bis zum Dunkelwerden am Fenster und beobachten das Wetter. Hoffentlich klart es morgen auf, damit wir auf den Gokyo-Ri klettern und endlich das erhoffte Himalaya-Panorama sehen können.

Tag 6, Gokyo Ri

Eisblumen auf dem Fenster, 1 Grad Raumtemperatur. Ein kuscheliger Start in den Tag. Aber als wir etwas Eis vom Fenster kratzen, sehen wir den blauen Himmel und die von Schnee leuchtenden Berge. Also raus aus dem Schlafsack und rein in die (stinkenden) Wanderklamotten.

600 Meter steiler Aufstieg auf den Aussichtsberg Gokyo Ri. Ab 5000 m macht sich die dünne Luft bemerkbar, dich Schritte werden kleiner, die Lunge wird voll mit Luft aufgeblasen. Die ersten Wanderer kommen uns schon entgegen, sie haben zum Teil noch die Stirnlampe auf dem Kopf. Sie wollten wohl den Sonnenaufgang sehen. Ich bin froh, dass die Sonne schon etwas höher steht und es etwas wärmer ist.

Zuerst kommt der Gletscher in unser Sichtfeld, doch je höher wir steigen, desto mehr Berge sehen wir. Langsam steigt der Everest hinter die Bergen auf. Nach zwei einhalb Stunden sind wir oben. Das Panorama ist umwerfend, so wie ich mir es erhofft hatte. Strahlend blauer Himmel, weiße Berge 360 Grad herum. Kaum ein Windzug auf dem 5370 m hohen Berg. Überall wehen die Gebetsfahnen. Wir lassen die anderen Bergsteiger hinter uns, die immer meinen, ihre Lebensphilosophie lautstark allen kundtun zu müssen. Einer Gruppe Franzosen hat der Joint wohl zum Dauerquasseln verleitet. Zum Glück ist auf dem Gipfel genügend Platz. Zum Schluss sind wir allein und können die Berge für uns genießen.

Ein Gipfel für Panoramafotos. Der Mount Everest sieht gar nicht so aus, als wäre er der höchste Berg der Erde. Die anderen Berge sehen genauso hoch aus. Es ist schon ein erhebenes Gefühl, am Dach der Erde zu stehen. Ambitionen, ganz hinauf zu wollen, habe ich jedoch nicht. Auf diesen Gipfel zu steigen ist schon körperliche Herausforderung genug. Der Blick auf mehrere Acht- und Siebentausender ist schon bewegend genug. Und diesen Blick haben wir uns selbst erwandert. Fünf Tage sind wir nach Gokyo gelaufen, über zweitausend Höhenmeter überwunden und dann noch einen Berg bestiegen. Diese Erfahrung nehme ich für mein Leben mit.

Tag 7, Tageswanderung nach Dragnag über den Gletscher Ngozumpa

Wir wollen den großen Gletscher überqueren, der hinter Gokyo liegt. Leider kommen wieder die Wolken schnell über den Himmel, es trübt ein und wird wieder kalt. Der Gletscher zeigt sein Eis kaum, er ist von einer Steinwüste überdeckt. Von den steilen Seitenkanten fallen beständig die Steine herunter. Auch unser Weg durch das Schneefeld ist steil.

Der Weg über den Gletscher ist ein ständiges auf und ab durch eine Steinwüste. Zum Glück stehen viele Steinmännchen herum, die den Weg zeigen. Der Weg ist ein ständiges Balancieren über die Steine, der volle Konzentration verlangt. An wenigen Stellen können wir das Eis sehen, wie es blank mehre zehn Meter hoch über einem See steht. Zurück im Fitzroy erfahren wir, dass das Eis in den letzten Jahren weniger geworden ist. Deshalb sind die Flanken der Seitenmoränen höher geworden, von wo immer wieder Steine herunter fallen.

Am Nachmittag fängt es wieder an zu schneien. Es ist unklar, ob wir morgen über den RenjoLa Pass gehen können. Wenn es zu viel schneit oder die Wolkendecke zu niedrig ist, können wir den Weg nicht finden.

Auf der Rücktour über den Gletscher überlege ich, dass man die wichtigen Dinge im Leben erfahren muss. Kann man sich wesentlichen Dinge im Leben anlesen? Ich konnte mir Nepal vor meiner Reise auch nicht richtig vorstellen. Im Himalaya ist alles viel größer als in den Alpen.

Tag 8, Renjo La Pass nach Lungden

Seelisch stelle ich mich darauf ein, dass wir am 8. Tag wieder den gleichen Weg nach Namche Bazar absteigen müssen, weil das Wetter nicht besser werden will. Am Nachmittag zieht es sich wieder zu und es fängt an zu schneien. Unsere geplante Runde über den RenjoLa Pass und dem Nangpo Tsanpo Tal zurück nach NamcheBazar scheint zu scheitern. Am Sonntag müssen wir ja wieder in Lukla für den Rückflug nach Kathmandu sein.

Ich wache wie jeden Tag mit Sonnenaufgang gegen viertel vor sechs auf. Die Fensterscheiben sind wieder von innen vereist. Nur fahles Licht dringt hinein. Die Armbanduhr zeigt 1 Grad, keine schöne Aussicht, aus dem mühselig aufgewärmten Schlafsack zu krabbeln. Kathrin reibt ein Stück vereister Scheibe frei, um das Wetter zu checken. Blauer Himmel, verschneite Berge, die ersten Sonnenstrahlen werden von der gegenüber liegenden Bergkette zurückgeworfen. Bestes Wetter um über den RenjoLa Pass zu gehen. Dann jetzt schnell raus in die eiskalten Wanderklamotten (zum Glück habe ich einige in meinen Schlafsack gesteckt, damit sie warm sind).

Um 8 Uhr starten wir am Gokyo-Lake vorbei in Richtung Renjo La Pass, 5465 m hoch. Eine Stunde vor uns startete eine Vierergruppe und wir können durch sie den Weg im Neuschnee finden. Wir sind schwer aufgeregt. Das Atmen fällt schon jetzt schwer, obwohl es noch eben am See entlang geht. Konzentration auf die Ausatmung, jeden Schritt einatmen und ausatmen.

Nach dem Gokyo-See gehen wir in die erste Steilstufe: über ein Steinband geht es nach oben. Unsere vorlaufende Gruppe hat den Weg allerdings durch den Schnee gelegt, mit nur wenigen Serpentinen. Unsere alten Wanderschuhe können dem Schnee wenig trotzen. Das Wetter zeigt sich von der besten Seite, die Sonne schmilzt die oberste Schneeschicht schnell dahin. Auf dem ersten Plateau in knapp 5000 m Höhe die erste Rast. Die ersten Snickers müssen dran glauben. Jetztgeht der Weg über eine geschlossene Schneedecke. Ein Gefühl, dass ich von Skitouren noch kenne. Links von uns ragt der Nordausläufer des mächtigen Machermo-Gletschers überhängend auf uns herab. Ich möchte nicht erleben, wenn dieser abbricht.

An der zweiten Stufe geht es hinauf zum Pass. Jetzt müssen wir auch felsige Steilstufen überwinden, die durch den schmelzenden Schnee auch noch angeeist sind. Die Gebetsfahnen des Passes kommen in Sicht, wirken aber noch ganz weit oben. Ein kurzer Blick zurück ist atemberaubend: das volle Panorama der Sieben- und Achttausender zeigt sich uns in einer weißen Pracht. Aber wir haben noch hundert Höhenmeter vor uns. Am letzten Aufschwung haben fleißige Sherpa Stufen gelegt. Leider sind sie völlig vereist, ein falscher Schritt, und ab geht es nach unten.

Aber alles geht gut, wir stehen auf dem Pass, der sich wie ein Gipfel anfühlt, 5465m hoch! Noch zehn Minuten später muss ich nach Luft ringen und bewusst atmen, um nicht in Atemnot zu geraten. Wir packen den leckeren Schokokuchen des Fitz Roy Inn in Gokyo aus. Der gigantische Panoramablick auf die höchsten Berge der Welt ist geblieben.

Der Abstieg nach Westen wird lang. Erstmal geht es über viele verschneite Stufen nach unten. Erst von unten sehen wir, dass wir uns über einem hohen Abbruch befanden; gut dass wir es nicht vorher gewusst haben. Lang zieht sich der Weg nach unten, an mehreren Seen vorbei durch ein Hochtal, mit riesigen Ausblicken über die westlichen Riesen. Es ist alles viel größer als ich es aus den Alpen gewohnt bin.

Der Abstieg dauert fast vier Stunden. Das erste Dorf ist Lungden, wir sind völlig platt. Eigentlich wollten wir nach ein Dorf weiter nach Maulung laufen, aber wir sind zu kaputt. Die Nacht wird bitterkalt. Am nächsten morgen sind im Gastraum nur noch 5 Grad. Frierend zwängen wir uns ein Frühstück hinein.

Wir haben es aber geschafft, den höchsten Pass in meinem Leben aus eigener Kraft überwunden. Wer weiß, ob ich das noch einmal erleben werde. Ich habe mein Gepäck selber getragen, den ganzen Anstieg von Lukla selbst gemacht. Von knapp 2500 m auf knapp 5500 m. Wir sind stolz auf uns.

Tag 9, von Lungden nach Namche Bazar

Zum Glück hat es die Sonne um 8 Uhr schon über den Berg geschafft, um unsere völlig kalten Körper zu erwärmen. Eine Stunde laufe ich noch mit allem, was ich zum Anziehen dabei habe. Erst dann beginne ich zu schwitzen. Die Sonne ist ja eine subtropische Sonne, wir befinden uns auf den gleichen Breitengraden wie die Nordsahara. Von 4400 m geht der Weg beständig abwärts. In diesem Tal kommen wir an mehreren Almen vorbei. Jeder wagerechter Quadratmeter scheint für den Kartoffelanbau genutzt zu werden. Kartoffeln sind jedoch die einzige Frucht, die in dieser Höhe wächst.

In Thame wachsen die ersten Bäume. Flankiert wird das Tal durch das gewaltige Massiv des Kongde Ri, der 6187 m aufragt. Mehrere Klöster und Stupas begleiten unseren Weg. Dieser ist viel mehr besiedelt als unser Weg aufwärts. Viele Träger mit Baumaterial kommen uns entgegen. Jeder trägt ein bis zwei riesige Bretter den Berg hinauf. Ihr Lohn scheint geringer als ein Transport mit dem Hubschrauber, der alle Viertelstunde ebenfalls Baumaterial nach oben fliegt.

Zwischen Thame und Thamo überqueren wir die Schlucht auf einer schmalen Brücke. Sie ist mit unzähligen Gebetsfahnen geschmückt, die Felswand ist mit Bildern von Shiva und Shakti geschmückt. Wir wollen möglichst weit kommen an diesem Tag. Nach Thame kommen wir jedoch an keiner akzeptablen Lodge mehr vorbei. Wir wollen auch nicht mehr so frieren wie die letzten Tage. Durch einen wunderschönen Kiefernwald wandern wir weiter in Richtung Namche. Wir sind mittlerweile deutlich unter 4000 m angelangt. In Namche hoffen wir auf eine Unterkunft mit warmer Dusche.

Tag 10, Pause in Namche Bazar

Wir haben ein Hotel mit warmer Dusche gefunden, und uns entschlossen, hier einen Tag Pause zu machen, bevor wir die letzte Etappe nach Lukla gehen.

Tag 11, von Namche Bazar nach Lukla

18 km, 1700 m hoch, 2300 m hinunter.

Ein langer Tag auf der Hauptroute; ein dauerndes auf und ab durch das Tal des Dudh Koshi. Viertel vor acht sind wir los, und um halb sechs in Lukla angekommen.

Tag 12, Rückflug nach Kathmandu, leider verschoben

Am Morgen stehen wir um halb neun am Flugplatz von Lukla. Es herrscht große Hektik, da am Vortag keine Flugzeuge landen konnten wegen schlechten Wetters. Im Minutentakt kommen Maschinen an und bringen Wanderer, und fliegen sofort leer wieder los, um die nächste Ladung aus Ramichap abzuholen. Ich stehe gerade an der Treppe zum Rollfeld, als die nächste Maschine am Anfang der Startbahn ihr Propeller aufheulen lässt, um mit Vollgas zu starten. Als sie anrollt, schafft sie es nur fünfzig Meter weit und kommt dann von der Startbahn ab. Sie rollt eine Böschung hinab und stürzt in zwei stehende Hubschrauber auf dem Heliport. Die Maschine hatte keine Passagiere an Bord, aber wir hören schnell, dass drei Menschen gestorben sind. Der Schock sitzt tief, gerade weil der Flugplatz von Lukla immer wieder als eines der gefährlichsten Flugplätze der Welt genannt wird.

Bis zum Nachmittag warten wir am Flughafen auf weitere Anweisungen, dann wird klar, dass der Flugplatz geschlossen bleibt und wir eine weitere Nacht in Lukla bleiben müssen.

Tag 13: von Lukla nach Ramichap und Kathmandu

Am nächsten Morgen sind wir sehr früh am Flugplatz, mit einem klammen Gefühl. Aber die Alternative zum Flugzeug wäre eine dreitägige Wanderung über 45 km bis zur nächsten Straße. Also besteigen wir mit zitternden Knien die Propellermaschine, fahren los, rollen auf der Startbahn am Wrack von gestern vorbei, und …. die Maschine hebt ab. Zwanzig Minuten sind es bis Ramechap, und wir landen sicher.

In Ramechap warten schon hunderte Wanderer auf den Flug nach Lukla. Ein Abfertigungsgebäude ist nicht zu erkennen. Man hat sich überall niedergelassen und sitzt auf seinen Rucksäcken. Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle in die Berge gebracht sind.

Wir halten uns nicht lange auf und besteigen den ersten besten Minibus nach Kathmandu. Die Fahrt dauert sechs Stunden.

Was bleibt?

Nachdem der Schock des Flugzeug-Crash etwas verflogen ist, können die Gedanken wieder auf das kommen, was wir in den Bergen erlebt haben. Wir sind aus eigener Kraft und mit selbst getragenen Gepäck auf fast fünfeinhalbtausend Meter hochgestiegen. Darauf sind wir sehr stolz, das geschafft zu haben. Wie sind ja auch keine Jungspunte mehr…

Die Hochgebirgswelt des Himalaya ist eine faszinierende Landschaft, einerseits die verschneiten Gipfel und Pässe, aber auch das karge Kulturland, welches bis auf über 4000 m hoch reicht. Aber es ist auch eine Landschaft in Gefahr. In den letzten 50 Jahren sind die Hälfte der Gletscher im Himalaya abgeschmolzen. Sie sind die Wasserversorgung für ca. 2 Milliarden Menschen in Süd- und Südostasien. Es ist bewegend, die Auswirkungen des Abschmelzens live zu sehen. Am Gletscher Ngozumpa war an den Kanten das Absinken des Eisniveaus deutlich zu erkennen.

Vielleicht kann ich durch das eigene Erleben meinen Schülern authentischer berichten, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Vielleicht kann ich lebendiger erzählen und meine eigenen Fotos zeigen, als nur nackte Zahlen zu nennen. Ich glaube, dass Geschichten und Erzählungen viel mehr die Menschen erreichen als Fakten und Daten. Ich kann mich noch selbst an meine Schulzeit erinnern, als mein Biologielehrer von seinen Weltreisen zurückkam und den Diaprojektor auspackte, um von seinen Reisen zu berichten. Das waren die ersten Augenblicke, in denen ich mich für die Welt interessierte, und ich kann mich heute noch daran erinnern. Alexander von Humboldt soll an Goethe geschrieben haben: „die Natur muss gefühlt werden“. Das haben wir im Himalaya intensiv getan.

Der Wandertourismus hat dem Khumbu-Gebiet und den dort lebenden Volk der Sherpa einen bescheidenen Wohlstand gebracht. Doch die Massen, die zum Everest-Base-Camp hochpilgern, sind schon sehr groß. Einerseits ist die touristische Erschließung gut für die dort lebenden Menschen, auf der anderen Seite wird die fragile Natur der Berge hoch belastet. Bei der letzten Aufräumaktion wurden 8 Tonnen Müll vom Fuße des Everest gesammelt. Zum Glück muss man noch immer zu Fuß gehen, mindestens fünf Tage lang. Träger und Führer haben ihr Auskommen. Die Touristen müssen weiter mit klapperigen Flugzeugen auf der kurzen Piste in Lukla landen.

Wie so oft ist der Tourismus ein widersprüchliches Terrain. Aber er hat ja auch dazu beigetragen, die Alpen aus dem Armenhaus herauszuführen, auch wenn er auch dort viele Umweltsünden gebracht hat.