1 Saaleradweg

„Die Saale … ist ein Fluss in Bayern, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Bei einer Länge von 413 Kilometern ist sie nach der Moldau der zweitlängste Nebenfluss der Elbe. Mit einem mittleren Abfluss von 117 m³/s nimmt sie in der Rangfolge der wasserreichsten Nebenflüsse knapp vor der Havel ebenfalls Platz zwei hinter der Moldau ein. Die Saale entwässert von der Quelle bis zur Mündung ein Gebiet von 24.167 Quadratkilometern.“ wikipedia

Start: 51°479’N, 11°960’E; Halle an der Saale.

Ziel: 50°720’N, 11°340’E; Rudolstadt

Stalinallee? Karl-Marx-Promenade?

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Das war wohl einmal. Die Einfahrt nach Halle weckt Erinnerungen an den real existierenden (historischer Begriff) Sozialismus. Breite Straße, breite Bürgersteige, breite Parkplätze, breite Haltestelleninseln der Straßenbahn, breite Plattenbauten. Das alte Grau ist gewichen, bunte Schirme stehen auf den Balkonen, die Plattenfassaden sind farbig gestrichen. Aber das gerade, rechteckige und breite bleibt. Heute heißt sie einfach „An der Magistrale“. An der Hauptverkehrsstraße (Wortbedeutung laut Duden) würde sich ja auch piefig anhören.

Auf dieser ungewohnten und doch noch etwas altsozialistisch anhörenden Straße starten wir auf den Saaleradweg. Rennräder, kleines Gepäck fahren wir nach Süden, den Saalefluss aufwärts. Die meisten Radler fahren anders herum, vielleicht weil es mehr abwärts geht. Auf super Asphalt sausen wir dahin, abseits der Straßen, auf dem extra angelegten Radweg. Nur selten benutzen wir eine öffentliche Straße, und dann sind sie kaum durch Autos befahren. Ein Traum für jeden Radfahrer. Die Landschaft ist flach und gelb, von oben brennt schon um 9 Uhr die Sonne. Es sollen wieder 36 Grad in diesem unfassbaren heißen Sommer werden. Mit einem dicken Paket Sonnencreme auf den Schultern ist am Anfang der Fahrtwind noch kühl.

Auffahrt für Radfahrer“ weist ein Schild nach rechts. Von „Fahrt“ kann allerdings keine Rede sein, zu steil, zu viele Stufen, zu enge Kehren. Oben angekommen, hält sich eine große Gruppe schick angezogener Menschen in weißen und grauen Kleidern und Anzügen an Sektgläsern fest. Der Park zwischen dem massigen Schloss und der Orangerie bietet eine schöne Kulisse für Hochzeiten. Wir schieben unsere Räder, schon ziemlich verschwitzt, in Richtung des Schloss von Merseburg.

Merseburg ist eine Dom- und Hochschulstadt an der Saale im südlichen Sachsen-Anhalt. Sie ist Verwaltungssitz des Saalekreises und Bestandteil des länderübergreifenden Ballungsraums der Großstädte Leipzig und Halle. In der maßgeblich von diesen beiden Oberzentren geprägten Metropolregion Mitteldeutschland fungiert Merseburg als Mittelzentrum. Unmittelbar an Merseburg grenzen die Chemiestandorte Schkopau (Buna) und Leuna.

Merseburg, eine der ältesten Städte im mitteldeutschen Raum, wurde im 10. Jahrhundert zur Königspfalz erhoben und gilt als Heimatstadt der Merseburger Zaubersprüche aus dem 9./10. Jahrhundert. Die Ersterwähnung im 9. Jahrhundert als „Mersiburc civitas“ weist auf eine bereits vorhandene befestigte Ansiedlung hin. Tatsächlich lassen sich seit der Jungsteinzeit anhaltende Besiedelungen nachweisen.

Von Beginn an durch die Gründung des Bistums Merseburg im Jahre 968 durch König Otto I. bis zur Reformationszeit war Merseburg ein bedeutendes religiöses Zentrum. Von 1656 bis 1738 war Merseburg Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Merseburg und von 1815 bis 1933 Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirkes der preußischen Provinz Sachsenwikipedia

Oh ha, das war bisher an uns vorbei gegangen. Soviel Geschichte in dieser kleinen Stadt.

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Abseits der Straßen sausen wir weiter gen Süden. Die Orte bleiben unbekannt, die wir durchqueren. Der Osten ist für uns immer noch eine Art Niemandsland. Weite Teile Österreichs, der Schweiz oder Italiens scheinen uns schon vertrauter. Nur sehr selten treffen wir noch auf ein altes DDR-Ortsschild, auf dem die alte Bezirksnennung übergeklebt ist. An der Art der Dörfern erkennt man aber nicht nur die LPG-Vergangenheit, sondern auch den Großgrundbesitz aus der vor-sozialistischen Ära. Szenen aus „Das weiße Band“ kommen mir in den Kopf.

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Endlich haben wir am Nachmittag einen Punkt zum Baden und Abkühlen in der Saale gefunden. Die Kohlehydratspeicher waren leer, das Wasser in den Flaschen war über Körpertemperatur angeschwollen, die Sonnencreme auf der Haut hat eine pattexähnliche Verbindung mit dem Schweiß angenommen.

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Italien? Nein: Saale-Unstrut! Gut dass es noch einmal in großen Lettern über dem Weinberg angeschrieben ist.

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Uns begegnen junge Männer in Anzügen, mit lustigen Schirmmützen auf dem Kopf und einer dünnen Schärpe über den Schultern. In kleinen Gruppen marschieren sie durch den Wald. Wieso geht man bei dieser Hitze im Anzug durch den Wald? Auch wir müssen schieben, die Rennräder sind nicht gemacht für steile Waldwege.

Oben angekommen bietet sich uns ein herrlicher Rundblick über das Saaletal. Wir haben inzwischen den flachen Teil verlassen und befinden uns im steil eingetalten, mit Felsen durchsetzten Tal. Oben auf den Felsen wurde eine Aussichtskanzel gebaut, und natürlich zwei Burgen, die Saaleck und die Rudelsburg. Am Löwendenkmal gibt es die Erklärung für die jungen Anzugträger: Kosender Korpsstudenten.

Der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) ist ein 1848 gegründeter Dachverband der ältesten Studentenverbindungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Ungarn. Die Corps wurzeln im Deutschen Idealismus. Nicht wenige sind älter als 200 Jahre. Im Sommersemester 2016 gab es 102 Kösener Corps an 40 Universitätsstandorten. Rund 2.300 Studenten und mehr als 13.000 berufstätige Akademiker von allen Kontinenten sind „Kösener Corpsstudenten“. wikipedia 

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Der nationale Geist weht hier durch den Wald und die Burgruinen. Das wirkt auf uns doch ewig-gestrig und treibt uns schnell zum Weiterfahren: Rasant geht es mit über 40 km/h den Berg hinunter wieder ins Saaletal.

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Mit verschwitzten Füßen über Velourplüsch laufen. Davon habe ich den ganzen Tag geträumt. Das Thermometer steht immer noch bei 32°. Die ausrangierte Schrankwand, das alte Ecksofa in undatiertem Design, aber mindestens 20 Jahre alt. Wir sind aber froh,  noch ein Pensionszimmer in Camburg ergattert zu haben. Nach 95km sind wir auch platt. Das Duschwasser verdampft sofort auf der Haut.

Das Leben in diesem kleinen Städtchen an der Saale spielt sich an diesem Abend vor REWE ab. Die Hoffnung auf einen lauschigen Biergarten am Fluß für das Auffüllen der Flüssigkeitsdepots im Körper erfüllte sich nicht. Also machen wir es wie die Fußballjugendlichen des Dorfes: Ein paar Bier aus dem Getränkemarkt holen, an den Bootsanleger setzen und die Füße ins Wasser halten. Nebenbei bekommen wir auch alle Aufstellungs- und Taktikinformationen des FC Camburg. Das Bier kühlt in den Fluten schnell ab.

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Es bleibt heiß. Ganz Deutschland diskutiert darüber: Ist das jetzt der Klimawandel bei uns? Die Klimaforscher betonen immer wieder, dass man durch ein einzelnes Ereignis (wie diesen heißen Sommer) nicht auf eine Veränderung des Klimas schließen kann. Eine Ursache für den Klimawandel begegnet uns auch im Saaletal: Die Bergbaufolgelandschaft Geiseltal. Mittlerweile der Braunkohleabbau beendet und die Landschaft unter Naturschutz gestellt, damit sie sich wieder regenerieren kann. Aber die Braunkohleverfeuerung geht weiter, aus anderen Quellen. Wenn wir wirklich etwas gegen den Klimawandel machen wollen, müssen wir sofort aus der Kohle aussteigen! Greenpeace: Kohleausstieg – Ja bitte!

 

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Endstation Rudolstadt. Die Kleine Stadt ist schick renoviert, aber auch seltsam ausgestorben. Kaum Menschen auf der Straße, niemand flaniert, ein offenes Restaurant ist kaum zu finden. Sind die 23.000 Rudolstädter alle im Urlaub? 

Auf zum Bahnhof. Von hier geht es mit dem Zug wieder zurück nach Halle. Die ganze Strecke der letzten zwei Tage können wir noch einmal aus dem Zugfenster bewundern.

Insgesamt ist der Saaleradweg sehr zu empfehlen. Die meisten Strecken hatten einen super Asphalt und waren als extra Radweg abseits der Straßen angelegt. Auch die nicht asphaltierten Abschnitte waren so glatt, dass sie mit den Rennrädern gut zu befahren waren. Einzig der Abschnitt nach Bad Lösen nach Süden war so steil, dass er nur für Mountainbikes geeignet ist. Dort sollte man vielleicht die Straße nehmen.

Hier die Website des Saaleradweg e.V.:

Saaleradweg

Ein Gedanke zu „1 Saaleradweg

  1. In Merseburg war ich diesen Sommer auch, um mir Dom und Schloss anzusehen. Ich fand den Dom ziemlich beeindruckend. Außerdem war ich auch ein kleines Stück auf dem Saaleradweg unterweges, allerdings zu Fuß, als ich von Freyburg nach Naumburg gelaufen bin. Zwischendurch war es wirklich sehr angenehm, einmal kurz die Füße in der Saale abzukühlen.

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