Jetzt muss ich getreu dem Titel mal auf Geograf machen:
Wir sind in Nuquí in der Provinz Chocó am Pazifik. Sie liegt in den Tropen und ist weit von tropischen Regenwald bedeckt. Es ist eine der regenreichsten Räume der Erde, mit 7.000 – lokal 10.000mm Niederschlag (zum Vergleich Hamburg: 770mm). Sie ist damit auch eine Region mit einer enormen Biodiversität. An mehr als 300 Tagen im Jahr regnet es.
Bei unserem Bootsausflug in den Utriá-Nationalpark konnten wir auf einem angelegten Exkursionspfad die Vielfalt der Mangroven sehen, die in der Zone der sehr starken Tide liegt. Leider haben wir von den 270 Vogelarten, 140 Froschlurch-Arten und 70 Reptilienarten nur wenige gesehen. Aber ein Affe hat sich uns gezeigt. Leider war der Weg viel zu kurz, wir wären gerne noch weiter durch den Urwald gezogen. Ohne angelegten Weg ist der Wald allerdings undurchdringlich. In der Zeit von Juli bis Oktober kommen die Buckelwale in die warmen Gewässer vor der kolumbianischen Pazifikküste, um ihren Nachwuchs zu gebären. In dieser Zeit kann man die Wale auch vom Strand her beobachten.

Die Provinz Chocó ist vom Hochland Kolumbiens sehr isoliert. Nach Nuquí kommt man nur mit dem Flugzeug, oder in langsamen 24 Stunden mit einem Frachtschiff von Buenaventura, der einzigen Stadt mit Straßenanschluss an der Pazifikküste.
Dadurch ist die Wirtschaft in dieser Provinz sehr regional aufgestellt, es dominieren Fischfang und Holzwirtschaft. Aber auch Minen für Gold und Platinium spielen eine wichtige Rolle, auch wenn die Wertschöpfung der Minen nicht den Bewohnern zugute kommt. Im Gegenteil: Die Minen sind immer wieder Grund für Konflikte zwischen den indigenen Menschen, denen das Land gehört, und den Minenbesitzern. So ist die Präsenz von Polizei und Militär hoch: Als ich eben durch die Hauptstraße von Nuquí ging, kam mir ein ganzer Trupp von Soldaten mit Maschinenpistolen im Anschlag entgegen. In Nuquí und in Puerto Solano spielt auch der Tourismus eine zunehmende wirtschaftliche Rolle.
Durch die vorwiegend regionalen wirtschaftlichen Aktivitäten lebt die Mehrzahl der Menschen in Nuquí an der Armutsgrenze. In Nuquí sind die Häuser sehr einfach, meist sind sie noch eine Baustelle. Verputzte Wände sind ein Luxus. Man lebt meist auf der Straße, auch weil es keine Autos gibt.

Der Chocó wird vorwiegend von afro-kolumbianischen Menschen bewohnt. Zweitgrößte Bevölkerungsgruppe sind die indigenen Embera, von denen viele in geschützten Dörfern an der Küste und an Flüssen leben.
Das ganze Jahr über liegen die Höchsttemperaturen um 28-30°. Das Leben zeigt sich dadurch für uns viel, viel langsamer, als wir es aus Deutschland gewohnt sind. Wir brauchten einige Tage, um uns an diesen Rhythmus anzupassen. Wenn ich durch die Straßen gehen, habe ich immer das Gefühl, hier gibt es etwas zu tun. Wir bleiben eine Woche in Nuquí, vielleicht ändert sich der Blick mit der Zeit.
Leider ist auch der Müll ein Thema hier: Zwar hängen viele Schilder und Plakate herum, die darauf hinweisen, keinen Müll zu produzieren, aber der Mentalitätswechsel ist sicher langwierig. Die freundlichen Damen von der Stadtreinigung gegen sehr sorgfältig die Blätter von den Straßen, über den daneben liegenden Flaschen und Verpackungen sehen sie hinweg. Ein großes Ärgernis ist auch der Müll, der vom Meer her an den Strand gespült wird. Hier landet an den Stränden, was weit draußen von den Schiffen ins Meer gekippt wird. Das zunehmende Problem, dass das Meer als Müllkippe angesehen wird, ist hier deutlich am Strand zu sehen.
https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/muellkippe-meer
Hier eine musikalische Impression aus Nuquí von der Band ChocQuibTown:
Heute morgen sind wir zu einer Bootstour in Richtung Süden aufgebrochen, in Richtung Termales. Dort befinden sich warme Quellen, was den Geografen daran erinnert, dass wir uns an einer Plattengrenze befinden. An der Küste Südamerikas taucht die Nazca Platte unter die Südamerkanische Platte.
An diesen Plattengrenzen steigt oft heißes Magma auf und es kommt zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Die ganze Andenkette ist durch diese Plattengrenze entstanden.
https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdamerikanische_Platte
Also, nach diesem kleinen Exkurs: Wir sitzen das zweite Mal in kurzer Zeit in ‚Heißen Töpfen‘, das erste Mal in Island bei ca. 10° Außentemperatur, heute mit 38° Wassertemperatur bei 29° Lufttemperatur. Trotzdem war es sehr angenehm, mitten im Urwald in einem warmen Becken zu sitzen.

An der ‚Playa Gauchalito‘ sind wir einem Traumstrand begegnet. Ein von Felsen durchsetzter Strand, dahinter beginnt gleich der tropische Regenwald. Ein kleiner Steig führt an einem Wasserlauf direkt in ihn hinein. Ein Schild weist auf die ‚Cascada del Amor‘ hin. Der Wasserfall der Liebe, weil der Bach in einer Herzform fließt – sie sind romantisch, die Kolumbianer.

Am Strand reihen sich Hütten und Lodges aneinander, aber im entspannten Abstand. Wir sind aber in der Nebensaison hier, man sieht nur selten einzelne Touristen. Das Mittagessen ist wieder sehr lecker im Weiler Jovi, aber wir bestellen vegetarisch, sonst bekommen wir noch einen Eiweisschock bei dem ganzen Fisch: morgens Fisch, abends Fisch, dann muss mittags mal das Gemüse ran.
Als wir wieder in unser Hostel Escombros del Mar eintreffen, spielen auf dem Bildsschirm: Bayern München gegen Hoffenheim. Und St. Pauli ist immer noch 17.

Herrlich, wenn ein Geograf auf Reisen ist. Danke Norbert für den mega interessanten Bericht.
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