Karibik – Zapzurro, Golfo de Urabá

Die Wellen schlagen über uns zusammen. Unter uns in nur 30cm Tiefe liegen die scharfkantigen Korallen, und wir müssen aufpassen, dass wir von den Wellen nicht an die harten Kanten geschleudert werden. Bunte Fische tummeln sich in den Korallen, die vielen kleinen Löcher bieten ihnen Unterschlupf. Ein Anblick wie in einem Aquarium, auch wenn das Wasser etwas trüber ist. 

Korallen

Wir sind am Cabo de Timburón (Haifisch) in Zapzurro, einem kleinen Dorf am nordwestlichen Zipfel von Kolumbien am Golfo de Urabá. Die Grenze nach Panama liegt oben auf dem Bergkamm. In einer kleinen mit Palmen bestandenen Bucht Schnorcheln wir. Wir sind alleine. Wenn das Meer nicht soviel Müll angeschwemmt und die Besucher ihre Plastikflaschen wieder mitgenommen hätten, wäre es eine Traumbucht. Vom Meer aus beim Schwimmen und Schnorcheln sieht man zum Glück nur die grünen Palmen. 

Der Strand am Cabo Timburón

Und ich denke: hier kommst du nie wieder her, das wirst du nie wieder sehen. In meinem Alter soll man sich über die Endlichkeit des Lebens bewusst sein. Der Spruch gilt jetzt hier besonders. 

Wir sind am Westufer des Golfo de Urabá, hierher gibt es keine Straße. Man fährt von Necoclí mit einem Schnellboot zwei Stunden über den Golf, eine nasse und schaukelige Angelegenheit. Von Capurganá geht es weiter in einer kleinen ‚Lancha‘, die sich wacker gegen die hohen Wellen kämpft. Die Sachen sind wasserfest eingepackt, aber ein mulmiges Gefühl bleibt doch, wenn der Fahrer den richtigen Winkel zu den Wellen nehmen muss. Nach einer halben Stunde biegen wir in die ruhige Bucht von Zapzurro ein, der letzte Ort in Kolumbien am norwestlichen Ende, kurz bevor geografisch Mittelamerika beginnt. 

Bucht von Zapzurro

Wir bleiben 6 Tage in Zapzurro, um nochmal volles Karibikleben kennenzulernen. Das Leben tickt hier anders als an anderen Orten. Wir kommen in der ‚Esquina del Mar‘ auf Empfehlung unter, aber das Hotel hat seine beste Zeit schon hinter sich. Die Bilder im Internet sind schon etwas älter. Den Renovierungsstau an den Gebäuden sehen wir im ganzen Ort. Alle Materialien müssen hierher mit dem Boot gebracht werden, jeder einzelne Ziegelstein mit der Hand ausgeladen werden. Für viele hier ist das morgendliche Bier oder die Hängematte attraktiver als die Arbeit. Mit den nächtlichen Regengüssen schwemmen die Bäche die Abwässer direkt neben dem Strand und unserem Hotel ins Meer. Eine Kläranlage scheint es nicht zu geben, so dass der Abwassergeruch uns begleitet. Vor unserem Balkon kommt täglich jemand, um den Haufen Abfall, der sich nebenan auf einem leeren Grundstück befindet, anzuzünden, was aber selten gelingt. So schwelt der Haufen einfach vor sich hin und produziert ordentlich Qualm. 

Der Stand von Zapzurro

Schon morgens geht in der nachbarlichen Kneipe die Musikanlage an. Sie beschallt die ganze Straße. Der Besitzer hofft auf die ersten Biergäste. Aber wird sind sowieso schon ab 6 Uhr wach, weil wir früh schlafen gehen. 

Von Capurganá aus startet der Fluchtkorridor für Menschen aus aller Welt, die sich von Südamerika in Richtung USA zu Fuß aufmachen. Sie müssen 5 Tage durch den Urwald des Darién laufen, dauernd bedroht von bewaffneten Banden, die Schutzgeld erpressen, und den Gefahren des Urwald mit Spinnen, Schlangen, Moskitos und Starkregenfällen. Wir schauen uns Videos über den ‚Darién-Gap‘ an, und sind ganz traurig, wissend, dass sie nicht in den USA aufgenommen werden. Nachts prasselt der Regen auf unser Blechdach, schrecklich die Vorstellung, dass die Flüchtlinge bei diesen Bedingungen im Wald hocken. 

ARTE-Dokumentation

Wir erleben hier in Zapzurro die authentische Karibik Kolumbiens. Im Departamento Chocó sind die Orte sehr arm, und auch der Tourismus scheint nicht für etwas mehr Wohlstand auszureichen. Dafür fehlt die Straßenanbindung. Also bleibt der Teufelskreis aus Armut, geringem Umweltbewusstsein und wenigen Möglichkeiten.

Kokospalmen-Setzlinge werden ausgeladen

Der Urwald geht bis ans Wasser herunter. Keine Hochhäuser, keine großen Hotels. Nur Wasser und Natur. Der Wanderweg nach Capurganá führt uns in den Regenwald, wo wir sogar eine Affenfamilie beobachten können. Der Weg führt durch tollen Regenwald, von einem Aussichtsturm kann man die Bucht von Capurganá und Zapzurro überblicken. Am Wasserfall Diana sind wir ganz allein im Regenwald. Wunderschöne Schmetterlinge kreisen um das fallende Wasser. 

Auf dem Weg zur Cascada Diana

Am Cabo Timburón schnorcheln wir an einsamen Stränden. Nur einzelne andere Touristen kommen hierher. Hier kommt dann echtes Karibik-Feeling auf. Aber ist dieses Gefühl nicht nur eine Illusion oder eine Projektion? Das Bild, was sich der Europäer von der Karibik erhofft? 

Strand am Cabo Timburón

Wir steigen die Treppen in Richtung Panama hoch. Oben auf dem Kamm ist die Grenzstation (der einzige offizielle Übergang zwischen Kolumbien und Panama). Zwei Fahnen, die Nationalwappen und keine Grenzbeamten. Auf der panamaischen Seite liegt La Miel, ebenfalls ein isolierter Ort ohne Straßenzugang, ähnlich wie Zapzurro. Die Attraktion ist der Duty-Free-Shop. Gerade werden aus einem Seelenverkäufer die Kartons und Getränkekisten ausgeladen. Per Hand werden sie auf eine ‚Lancha‘ verfrachtet und am Strand in das Lager getragen. Der Shop ist eine riesige Halle mit großen Schnaps und Parfum-Regalen, voll klimatisiert. Man tritt ein und betritt eine andere Welt. Außer uns ist niemand im Laden. 

Das Lager des Duty-Free-Shops wird wieder gefüllt

Die südöstliche Seite der Bucht von Zapzurro ist dann leider wieder etwas trostlos. Es gibt einen Weg, aber man läuft durch ein Meer von angeschwemmten Plastikflaschen.  Am Ende des Weges hat man einen tollen Blick auf die Brandung an einem neu errichteten Glamping-Platz, aber Baden kann man nicht. Das holen wir vor dem ‚Cafe del Mar‘ nach, wo wir später noch phantastischen Fisch essen werden. Das Schnorcheln ist hier allerdings ernüchternd: wir merken schon, dass das Wasser hier besonders warm ist. Der Blick unter die Wasseroberfläche zeigt abgestorbene Korallen. Die weißen Reste bedecken die noch halbwegs lebenden roten Korallenkissen. Aber auch diese sind dem Untergang geweiht. Den steigenden Meerestemperaturen sei dank. 

Dir Bucht von Zapzurro Richtung Café del Mar

Am Dienstag steigen wir nach einer Woche in das Motorboot, das uns zum Flughafen nach Acandī bringen soll. Wir haben viel tolle Natur, palmenbestandene Strände und Schnorcheln im badewannenwarmen Wasser erlebt. Aber wir haben auch das Leben mit Armut, die Umweltverschmutzung, die absterbenden Korallen gesehen. Die Karibik mit den Traumstränden scheint nur eine Touristenphantasie zu sein. Die Realität haben wir in den letzten Tagen anders erlebt.

Morgenstimmung mit dem Blick von unserem Balkon

Die ‚Lancha‘ legt dann in Capurganá ab, aber nach 5 Minuten bekommt der Kapitän einen Anruf. Wir drehen um, es fehlt noch ein Passagier. Es werden Witze gemacht, dass das Abholen 20.000$ extra kostet. Als wir wieder los sind, gibt es wieder einen Anruf, gleiches Procedere. Diesmal macht die junge Frau ihre Verspätung mit einem breiten Lächeln wett. Die anderen Passagiere werden nervös, ob sie das Flugzeug noch erreichen. Aber wir sind rechtzeitig in Acandí. 

Die Bucht von Zapzurro

Wir verlassen die Karibik in einer winzigen Maschine von einem sehr kleinen Flugplatz und haben eine tolle Sicht auf den Golf von Urabá mit dem Delta des Urabá, dem Nationalpark Paramillo, die Cauca-Fluß und dem Anflug auf Medellin zwischen den Bergen hindurch.  

Flugplatz in Acandí

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