Tarapoto zwei

Wenn ich mit den Leuten sprechen, warum die Situation in Peru so schlecht sei, bekomme ich eigentlich immer die gleiche Floskel zu hören: „die Politiker berauben uns, ihnen ginge es nur um Geld, die Korruption ist schuld“. Wenn ich dann frage, warum ihr dann keine anderen Politiker wählt, heißt es, die ganze Politik sei korrupt.

Ich finde das ja ein bisschen einfach und schablonenhaft. Sicher verkaufen die Politiker die Reichtümer und Bodenschätze Perus an ausländische Investoren viel zu billig. Sicher geht es vielen Politikern nur um die Posten, die sie dann zu ihrem eigenen Vorteil und ihrer Freunde und Familie nutzen können. Aber trotzdem, immer nur auf die bestehende Verhältnisse schimpfen, ist mir zu einfach? Das hatten wir doch bei uns auch mal. Man kann sich einfach in die eigene Komfortzone zurückziehen und mit den Fingern auf andere schauen.

Sicher, hier in Peru herrscht eine andere Mentalität, das Fatalistische scheint eine größere Bedeutung zu haben. Aber mir fällt es schwer, über die ganzen Dinge, die kaputt sind, die hässlich sind, die nicht funktionieren, hinwegzusehen. Vielleicht ist das typisch deutsch, aber ich glaube an die Macht der Schönheit. Und ich sehe immer wieder Häuser und Menschen, die mit ihren bescheidenen Mitteln etwas Schönheit produzieren. Sei es dass sie eine graue Wand bemalen, einen Garten anlegen, Blumentöpfe aufstellen. Ich glaube nicht, dass die Armut immer als Ausrede Gültigkeit hat.

Hier ein paar schöne Beispiele:

Politisch nicht korrekt? Mich begleitet ja Andreas Altmann mit seinem Buch „Gebrauchsanweisung für die Welt“ auf dieser Reise. Und da schreibt er:

Das ist kein Drama, eher menschlich. Wichtig nur, dass sich die Feindschaft wieder legt. Dass aus dem Zorn kein Grundgefühl wird. Dass der Swing zurückkommt, die Freude, der Versuch, sich ein weiteres Mal mit der Welt zu versöhnen.

(Altmann, Andreas, Gebrauchsanweisung für die Welt, München 2012 und 2018)

Ändern kann man sowieso nur etwas bei sich selbst.

Tarapoto

6° 29′ 0″ S

76° 22′ 0″ W

Zwischendurch schaue ich mir immer mal wieder die Bilder meiner bisherigen Reise an. Ich sitze gerade im Cafe Quilpa:

in Tarapoto und bin richtig genervt von dem lauten Motorrad-Lärm in dieser Stadt. Nach drei Tagen Ruhe in San Roque de Cumbaza ist das doch ein richtiger Schock, doch ich musste noch einen Tag hierher, um meine Weiterfahrt in Richtung Süden nach Tingo Maria zu organisieren.

Also setze ich mir die Kopfhörer auf, mache ByteFM an und schaue mal in meine Fotos:

Kuelap

64.170243 S; 77.9238872 W

Der junge Herr scheint sich wirklich als Herr zu fühlen. Mit seiner verkehrt herum sitzenden Cap und der dunklen Sonnenbrille kommt er bestimmt ganz cool rüber. Das Klemmbrett in der Hand und seine Trillerpfeife machen ihn aber zum unangefochtenen Herrscher über den Platz. Herrisch wird jeder Besucher angepfiffen, der es wagt, sich in Ermangelung anderer Sitzgelegenheiten auf eine Betonmauer zu setzen. So bald sich ein neuer Minibus nähert, wird wieder die Trillerpfeife in Gang gesetzt und jeder unbedacht herumstehender aus dem Weg gepfiffen, damit der Bus ungehindert auf den Parkplatz fahren kann. Als der junge Herr jedoch den Fahrstuhl öffnen soll (den einzigen, den ich in Peru gesehen habe), scheint er die Gebrauchsanleitung wohl nicht richtig gelesen zu haben, er ruft zwei Mitoffizielle zur Hilfe, die ratlos verschiedene Knöpfe drückend, den Kasten jedoch nicht in Bewegung bringen. Die betroffene Dame entscheidet sich dann lieber, sich doch die Treppe hochzuziehen. Seit eineinhalb Stunden warte ich vor der Seilbahn in Kuelap, genauer in Nuevo Tingo. Die Seilbahn ist die einzige in Peru und noch ganz neu. Ich habe viel Zeit, die Szenerie zu beobachten. Mir entschließt es sich nicht, warum man um halb acht Tickets kaufen muss, wenn doch die erste Seilbahn erst um zehn fährt. Und dazu bin ich um fünf aufgestanden, um die siebzig Kilometer von Chachapoyas nach Nuevo Tingo zu fahren. Aber auf der Rückfahrt erklärt es mir eine Chilenin: „eso es Sudamerica“. So einfach ist das. Und ich mache mir Gedanken, warum die französische Herstellerfirma der Seilbahn nicht gleich auch einen Organisationsplan mitgeliefert hat, wie man große Menschenmengen effizient in die Seilbahnkabinen bugsiert. Das wäre ja. Auch nicht Peru! Das kaufen der Seilbahntickets gleicht dem Abschluss eines Ratensparvertrages: Vollständiger Name, Reisepass, Passnummer, Alter, Beruf, Herkunftsort: alles muss in den Computer eingetragen werden. Und dann bekommt man die Abfahrtszeit genannt: In zwei Stunden! Es sind vielleicht 150 Leute zu transportieren. Für die meisten Peruaner ist es wohl das erste Mal in ihrem Leben, dass sie Seilbahn fahren. Entsprechend genau und mehrmals wiederholt sind die Verhaltensanweisungen des Personals. Auf mich als geübter Seilbahnfahrer wirkt das alles ein wenig wie im Kindergarten, aber ich sollte vielleicht nicht so überheblich sein. Ich will ja auch eigentlich von der Festung Kuelap erzählen, die auf 3000m Höhe auf einem Felsrücken liegt. Sie war die Verteidigungsanlage des Volkes der Chachapoyas, die hier zwischen dem 4. und 15. Jahrhundert lebten. Nach Einschätzung der Archäologen soll sie ähnlich bedeutsam sein wie Machu Picchu. Während die Inkastätte bei Cuzco gut erforscht scheint, fließen die Forschungsgelder nach Kuelap nur spärlich, wodurch viele Hintergründe zu dieser historischen Stätte noch unergründet sind. Dabei ist Kuelap älter und größer als Machu Picchu. Kuelap auf wikipediaNeben den imposanten Resten der Anlage beeindruckte mich besonders der fast 360 Grad Rundblick in die Anden. Von der Festung aus konnte ich weit in die Berge hineinschauen. Es ist faszinierend, wie hoch hier noch Landwirtschaft betrieben wird, und wie steil die zu bewirtschaftenden Flächen sind. Durch die vielen Niederschläge sind die Böden aber wohl auch ziemlich fruchtbar. Viele Dörfer liegen auf 3000m Höhe. Als Geograf muss ich dann doch an dieser Stelle auf dei von Alexander v. Humboldt zurückgehende Einteilung der Höhenstufen der Anden hinweisen. bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Anitagraser

In einem Gebäude in Lima habe ich diese schöne Zeichnung fotografiert. Und zum Schluss noch eine Frage, die ich mir im nach hinein stelle:

Gocta Wasserfall

6.023081 S; 77.887339 W

Es regnet, es gießt, es schüttet, es prasselt, es fließt, es durchnässt. Es gibt kein halten mehr. Die Jacke ist schnell durch, am längsten halten die Trekking-Schuhe durch, aber auch sie geben auf. Die Wollsocken saugen sich voll; es macht nur noch „quitsch-quatsch“.

Je näher ich dem Gocta -Wasserfall komme, desto feuchter wird es. Die Feuchtigkeit kommt von oben und unten, von allen Seiten. Ich habe mich 30km nördlich von Chachapoyas aus dem Minibus rausgelassen. Eine Schotterstraße zeigt nach oben, meine Nachfrage bei der ebenfalls ausgestiegenen jungen Frau bestätigt, dort geht es nach San Pablo. Eine Stunde Aufstieg, dann komme ich nach dem kleinen Bergdorf, ich zahle 20 Soles Gebühr und unterschreibe ein Formular, dass ich mir über die Gefahren meines Weges bewusst bin, oder so ähnlich.

Beim Marsch aus dem Ort fängt es schon an zu regnen. Nach weiteren 1 1/2 Stunden und 4,5km erreiche ich den Mirador: ich kann den Wasserfall sehen, zumindest durch eine Nebelwand aus feinen Regentropfen.

Unter mir geht es 500m nach unten. Nur nicht abrutschen, vor zwei Jahren ist ein koreanischer Tourist zu Tode gestürzt. Ich will noch weiter bis zur ersten Stufe des Cateracta gehen, die Amerikaner, die mit auf dem mirador stehen, sagen es würde sich absolut lohnen. Je weiter ich gehe, desto dunkler wird es, dabei ist es erst halb zwei. Der Regen macht es dunkler, der Regenwald wird dichter.

Nach weiteren 30min, ich glaube ich war nach Entfernungsmesser 500m vor dem Ziel, kehre ich um. Es wird mir zu unheimlich, ich glaube ich bin nur noch de einzige auf dem Weg. Der hat sich mittlerweile in einen Bergbach verwandelt. Nach weiteren zwei Stunden erreiche ich wieder San Pablo und stürze in das Registrierungszentrum. Zum Glück habe ich noch meine windstopper Jacke im Rucksack, die noch halbwegs trocken geblieben ist. Gleich hielt ein mototaxi, das mich wieder ins Tal des Utcobamba bringt. Zum Glück hält auch bald ein minibus an der Straße nach Chachapoyas. Aber mittlerweile bin ich nicht nur nass, sondern auch durchgefroren.

Den nächsten Tag verbringe ich mit Halsschmerzen im Bett.

Das Wissenswerte über den Gocta-Wasserfall habe ich auf der Wikipedia zu Gocta Seite ergänzt. Endlich habe ich auch mal Zeit, Wikipediaartikel zu bearbeiten, was ich immer schon mal tun wollte.

Zwei Tage später startete ich einen neuen Anlauf, diesmal über die Südseite des Tales mit Ausgangspunkt Cocachimba. Diesmal sah das Wetter vielversprechender aus. Auch dei Sonne lies sich mal blicken. Ein traumhafter Weg, erst durch Zuckerroh-Felder, dann wieder durch den immer dichter Werdenden Regenwald. Und dann stand ich davor, über 500m Wassersäule nach oben.

Der zweite Versuch hat sich nochmal richtig gelohnt, eine ganz andere Perspektive als von der ersten Stufe.

Hospedaje Los Jazmines, Cajamarca

Wenn man nach Cajamarca kommt, sollte man in der Hospedaje Los Jazmines Quartier beziehen. Das kleine Hostal liegt sehr zentral eine Ecke vom plaza del armas entfernt. Es hat einen schönen Innenhof und einen Garten und ist eine ruhige Oase im Stadttrubel. Ein kleines Cafe ist auch im Haus, wo man gut Frühstücken kann.

Aber das wichtigste finde ich: Das Hotel unterstützt und beschäftigt behinderte Menschen, besonders Taubstumme. Das finde ich schon einen Grund, dort zu übernachten.

Hospedajelosjazmines.com.pe

Cajamarca

7,1570 Süd; 78,5172 West

Hundert Kilometer von Trujillo durch die Küstenwüste nach Norden. Links der bleiende Pazifik, rechts die trockenen Berge. Kaum ein Stück Vegetation. Ganz selten kommt ein Fluss aus den Bergen vorber, und er trägt, oh Wunder, Wasser mit sich. mit diesem Wasser werden die Felder begrünt.

Endlich der Abzweig in die Berge. Sehr langsam geht die Fahrt in die Höhe. Über weite Teile wurde der Asphalt von der Straße abgetragen, wahrscheinlich um ihn zu erneuen; aber das muss wohl warten. Wir kommen an einem Stausee vorbei, die Talsohle ist fruchtbar und grün, Reisfelder und Terrassen reihen sich aneinander. Die Berghänge sind allerdings gelb und kahl.

Erst nach Einbruch der  Dunkelheit kommt der Bus in Cajamarca an. die letzten Kilometer hat er sich mit 25km/h die Serpentinen hochgequält. Es hat zu nieseln begonnen. Die Busstation von Turismo Diaz liegt außerhalb des Stadtzentrums, ich brauche ein Taxi. Nach einiger Zeit hält dann doch ein Wagen und bringt mich für 7 Soles in die hospedaje Los Jazmines.

Nächster Morgen:

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Sehr angenehme Stadt. Die Architektur ist viel mehr kolonial als in Trujillo, was sehr angenehm für das Auge ist. 

Es gibt einfach viel zu sehen in dieser Stadt. Die Geschäfte sind klein von der Straße aus einsehbar. Die Warengruppen ballen sich in einzelnen Vierteln. In einer Ecke befinden sich die Haushaltswaren, in der anderen Möbel.

In jeder Straße scheint es einen Mobilfunkladen zu geben. Diese sind wirklich inflationär. Jeder Peruaner scheint auch mit einem Handy in der Hand herumzulaufen. Da gibt es keine Unterschiede zu uns (endlich mal etwas gemeinsames). Ich frage mich, wie die ganzen Läden überleben können. Richtig Kundschaft sehe ich in diesen Läden kaum.

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Der mercado municipal in der Nähe des plaza del armas scheint noch zu den Privilegierten  zu gehören. Auf der Suche nach der Busgesellschaft, die mich in zwei Tagen weiter in Richtung Chachapoyas bringen soll, gehe ich immer weiter aus der Stadt heraus. Ich merke, dass die Señora von Iperu,d dem Tourismusbüro, den Busterminal viel zu weit in der Stadt eingezeichnet hat, noch dazu auf der falschen Straßenseite. Also muss ich mehrmals hin und herlaufen und die Hausnummern genau studieren. An dem Straßenabschnitt der Atahualpa findet ein großer Markt statt, auf dem die hellen großen Strohhüte dominieren.  Hier verkaufen die indigenas, hier liegen die Waren meist auf dem Boden auf großen Plastikfolien ausgebreitet. Die Stände ragen weit auf die Straße hinein, auf der die Minibusse und Mototaxis vorbeiknattern, angetrieben von der schrillen Trillerpfeife des Straßenpolizisten. Hier ist es viel chaotischer als im mercado municipal, die Warenvielfalt ist aber genauso groß. 

Zwischen sechs und sieben abends ist auf den Straßen die Masse unterwegs. Einkaufen oder nur einfach der paseo. Viele Straßenverkäufer stehen am Bürgersteig. Ich frage mich, ob sie überhaupt etwas verkaufen. Die indigenen Frauen sitzen traditionell auf dem Boden, am Abend in eine Decke gehüllt. Einige sind so klein und zusammengekauert, dass man sie kaum sieht. Manchmal liegen nur ein paar Limonen zum Verkauf aus. Manchmal stehen riesige Warenberge an der Hauswand, wo ich mich frage, wie kommen diese dahin und wieder weg. 

Die Abendzeit ist auch die Zeit für die Pärchen. Sie sitzen auf dem plaza del armas herum und umarmen sich in der blauen Stunde. Zuhause ist dafür wahrscheinlich kein Platz. 

Gegenüber vom Markt liegt eine große Schule. Ich kann nur durch die Gitter des Eingangs hineinschauen. Alles ist durch große Eisentore abgeriegelt und durch Wachposten bewacht. Innen sitzen die Schüler in ihren Uniformen, alle in peru-rot, auf den Stufen, bis es klingelt. In Peru wirken die Schulen wie Festungen, durch eine hohe Mauer umgeben. Wer es sich leisten kann, gibt seine Kinder auf eine Privatschule. Peru gibt nur 3,5% seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Im PISA-Ranking von 2015 kommt Peru auf den 65. von 71 Rängen, also weit abgeschlagen. 

Die Stadt gibt sich den Untertitel encuentro de dos mundos, das Treffen zweier Welten. Damit ist gemeint, dass 1532 die spanischen Eroberer unter Francisco Pizarro die Stadt erreichten und es zur ersten militärischen Auseinandersetzung mit den Inkas kam. Die Schlacht von Cajamarca war ein Wendepunkt in der Geschichte Südamerikas. Nur wenige hundert Spanier besiegten durch List und Zufälle den Inka-Herrscher Atahualpa mit mehreren tausend Soldaten und nahmen ihn gefangen. Die Spanier überrumpelten die Inka und töteten innerhalb einer Stunde 4000 von ihnen. Atahualpa wurde ein halbes Jahr später mit der Garotte hingerichtet. Danach setzten die Spanier ihren Eroberungszug relativ ungehindert fort und unterwarfen den ganzen Kontinent, mit allen kulturellen und wirtschaftlichen Folgen bis heute.

Die ganze Geschichte der Schlacht von Cajamarca ist hier nachzulesen: Schlacht von Cajamarca

Cajamarca ist also ein für Südamerika sehr geschichtsträchtiger Ort.

Cajamarca hat mich wieder etwas mit Peru versöhnt. In der letzten Woche waren meine Augen doch etwa müde von der allgegenwärtigen Armut, dem Müll, den ganzen hässlichen Bauten in den Städten, dem Chaos und dem Fatalismus. Nur selten konnte ich wenige Dinge sehen, die wirklich schön waren. Cajamarca hat mich wieder etwas froher gestimmt. Aber das schöne Stadtbild ergibt sich nur aus dem kolonialen Erbe. Kann das heutige Peru keine Schönheit? Gibt es keinen Sinn dafür bei den Menschen? Sind sie nur mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt? Viele schon, aber nicht alle. Aber jeder scheint nur auf sich selbst zu schauen. Einzelne Häuser sind schön und liebevoll gestaltet. Sie bilden aber die Ausnahme. Aber es zeigt mir: es geht doch. Parks und Plätze sind sehr sauber und üppig mit Blumen bepflanzt. Aber es gibt viel zu wenig davon, meist nur der zentrale Platz.

Pueblos jovenes

Ich habe ja schon kurz Alois erwähnt, den Allgäuer in Lima. Alois ist Bioingenieur und bietet alternative Stadtrundfahrten in die pueblos jovenes, den jungen Dörfern an. Diese Rundfahrt habe ich mit Alois mitgemacht, und bin an Orte von Lima gekommen, an die ich mich niemals hingetraut hätte, geschweige denn, dass ich sie gefunden hätte.

Pueblos jovenes ist ein etwas geschönter Ausdruck, es sind die Siedlungen, die durch Landbesetzungen entstanden sind, in die dieMenschen hineinströmen, die vom Land in die Stadt kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt. Dabei werden diese Siedlungen meist im Nachhinein legalisiert, mit Strom, Schulen und Infrastruktur versorgt.

Die Orte, die wir besuchten, hatten immerhin schon Häuser aus Stein, hatten alles Strom und es schien eine Busanbindung zu geben. Kanalisation war meist nicht vorhanden, die Abwässer liefen in der Mitte der Straße bergabwärts. Aber politische Strukturen schien es schon zu geben, wie überall in Lima hingen massenweise die Wahlplakate für die anstehende Kommunalwahl aus.

Die Wohnverhältnisse wirkten auf uns Deutsche erstmal schockierend. Aber Alois wies und darauf hin, dass hier kaum einer schlecht angezogen durch die Gegend läuft. Und hungern schien auch keiner. Und er stellte noch die These auf, dass keiner so recht ein Interesse an einer Verbesserung der Situation habe, weil ja dann die Hilfsgelder und Unterstützungen wegfallen würden. Wenn sich etwas positiv verändern würde, könnte sich das fein geflochtene Netz der Nutznießerei von Hilfsmaßnahmen verschieben.Nach Alois sein eine wirkliche Verbesserung der Situation gar nicht wirklich erwünscht.

Die Häuser ziehen sich über alle Hügel hin, soweit das Auge reicht. Die Steilheit der Hänge scheint kein Hinderungsgrund zu sein, dort eine Parzelle einzunehmen. Dazu werden, wie im Bergbau im Mittelalter, die Felsen über mehrere Tage unter Feuer gesetzt, meist mit alten Autoreifen. Dann wird Wasser über das heiße Gestein geschüttet, so dass es schnell abkühlt und es dann zur Sprengung des Steins kommt. jetzt kann es. Mit bloßen Händen abgetragen werden und man kann eine Parzelle im steilen Fels planieren. Darauf wird dann die erste Hütte gebaut.

Als Toilette wird dann ein einfaches Loch mit Verschlag gebaut.

Alois versucht, Kompostanlagen und Biotoiletten sowie pflanzliche Reinigungseinheiten in den Siedlungen zu etablieren. Dabei scheint viel Überzeugungskraft notwendig zu sein. Die Fixierung der Menschen auf das WC (Wasser-Closett) ist als Nonplusultra Ungebrochen. Auch wenn es in einer Region wie Lima fast nie regnet.

Alois zeichnete auch ein düsteres Bild der politischen Situation. Viele neugewählte Politiker würden das Erreichte ihrer Vorgänger wieder entfernen, damit sie sich mit ihren eigenen Projekten profilieren können. So habe er öfters erlebt, dass bei einem Amtswechsel seine Anlagen wieder abgebaut wurden. Aber auch unter den Privatpersonen eines Viertels sind nur wenige zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen. Nur bei den sehr grundlegenden Dingen wie Strom- und Wasserversorgung würde man noch an einem Strang ziehen. Bei den nicht mehr so lebenswichtigen Dingen würde es sofort Streit geben und kein Nachbar traue mehr dem anderen, so Alois. Egoismus sei weit verbreitet, und man gönne dem Nachbarn nichts, macht sogar noch dessen Errungenschaften kaputt. Und in einer Umgebung, wo man für 50 Soles einen Killer bekommt, sei das kein Zuckerschlecken. Gemeinsinn scheint es in der peruanischen Gesellschaft wenig zu geben. Es scheint mehr ein „jeder gegen jeden“ zu gelten.

In Peru würde alles politisiert. Ich erkenne es auch daran, dass viele Häuser ihr politisches Bekenntnis zu einem Kandidaten auf die ganzen Hauswände gemalt haben. Rationale Auseinandersetzungen über Sachthemen sind laut Alois dadurch sehr schwer möglich. Es geht immer darum, bist du für den einen Kandidaten oder den anderen. Als Warner für den Umweltschutz wurde er oft als Miesmacher und Schlechtmacher von Peru gebrandmarkt. Sogar von grünen Abgeordneten des Europaparlaments wurde er gemahnt, nicht die Entwicklungshilfe aus Europa zu kritisieren.

Initiativen für die Mülltrennung wurden schon nach wenigen Wochen wieder eingestellt, weil die Vereinigung der Mülltransporteure sich bei den Politikern durchsetzen konnte.

Ich weiß nicht, ob ich im Geografie-Unterricht über die „globalen Probleme“ so einfach mit push und pull faktoren, human-development-index, Bruttoinlandsprodukt usw. arbeiten kann. Die Lagen scheinen doch viel komplexer zu sein. Vor alleim scheint es mir um die Kategorien Gerechtigkeit und Gemeinsinn zu gegen. Und das sind ja auch Begriffe, die bei uns wichtig diskutiert werden.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, Südamerika sei schon viel weiter. Die Staaten würden sich auf dem Niveau von Schwellenländern bewegen. Aber die nackten Zahlen scheinen ja wenig auszusagen über die wirklichen Lebensbedingungen. Und Lima lebt die Hälfte der neun Millionen Bevölkerung in pueblos jovenes.

Wer nach Lima kommt, dem empfehle ich die Stadtrundfahrt mit Alois Kennerknecht. Er zeigt auch seine umweltprojekte an Schulen, wo er ein Gras kultiviert, mit dem die weite Erosion der Landschaft aufgehalten werden kann. Ich habe Alois ganz einfach per Mail kontaktiert. Die Mailadresse habe ich aus dem Stefan-Loose-Reiseführer Peru.

Santa Cruz Trail

Punta Union, 4750m Höhe

Ein Schritt, einen Atemzug, ein – aus – links – rechts. Mit den Stöcken tick – tack. Vom zweiten Zeltplatz Taullipampa auf 4200m geht es 500m hoch auf den höchsten Punkt des Santa-Cruz-Trail. Die Luft ist dünn, klar und kalt. Um 7.30 Uhr brechen wir auf; Esteban, unser guia, ruft: listo? fertig?

Um 6.00 Uhr sind wir aufgestanden, der Blick auf die die Uhr zeigt 4 Grad. Der coca-té wird von Esteban an das Zelt serviert. Anschließend gibt es noch eine Schale warmes Wasser zum waschen. Im roten Essenszelt serviert der cocinero da Frühstück. Wir werden von einem Bergführer, einem Koch und einem Eselsführer betreut, drei Personen für vier Kunden. Das ist eine Betreuung, von der man nur träumen kann.

Der Zeltplatz liegt am Fuße des 5830m hohen Nevado Tauliraju. Deutlich sieht man die Gletscher von den Bergflanken herunterhängen. Aber es ist nicht mehr zu übersehen, unterhalb der Gletscherzungen zeigt das nackte Gestein die großen Zonen, die noch vor gar nicht so langer Zeit vom Gletscher bedeckt waren. Esteban berichtet, dass der Gletscher noch vor kurzer Zeit bis hinunter in den Gletschersee hineinragte. Der Klimawandel lässt die Gletscher der Anden besonders schnell schmelzen. Ich kann froh sein, diese Gletscherzonen noch bewundern zu dürfen. In zehn Jahren dürften sie verschwunden sein.

Los ging der Trek in Cashapampa, am Westhang der Cordelliera Blanca, des weißen Gebirges. Drei stunden Minibus von Huaraz über Caraz, dann über eine ausgesetzte Schotterstraße mit grandiosen Blick über das Tal zwischen der Cordelliera negra und und blanca. Die erste Etappe fordert 4 Stunden Aufstieg, und es ging gleich zur Sache. Noch nicht eingelaufen, und schon ging der Weg forsch Bergan. Die Landschaft war eher kahl und ausgetrocknet.

Zum Glück trugen drei Esel unser Gepäck. Zur Mittagszeit hielt der Cocinero schon das Mittagessen bereit. Aber die höhe von über 3000m macht sich in Erschöpfung breit, als wir gegen drei denn ersten Zeltplatz Llamacoral erreichen. Vom Zeltplatz aus können wir die ersten schneebedeckten Gipfel sehen, und auch schon unser Höhenziel, den Punta Union, noch in weiter Ferne.

Die Kälte kommt mit tiefergehender Sonne, aber das tolle Licht treibt mich immer wieder aus dem Aufenthaltszelt zum fotografieren hinaus.

Die nacht forderte den Schlafsack und die restliche Kleidung heraus, und ich konnte trotz 5 Grad Celsius gut schlafen. Als am Morgen gegen sieben die Sonne hinter dem Berg hervorkommt, geht die Temperatur schnell über 20 Grad, aber nur dort, wo der Wind nicht hinpfeift. Zum Glück fängt dei zweite Etappe in den ersten Stunden fast eben an und passiert mehrer Lagunen. Nach drei Stunden dahinschlurfen im Flussbett will das Mittagessen doch erarbeitet werden. In engen Serpentinen laufen wir am nördlichen Talhang hoch, 300m zu einem mirador, von wo aus man den angeblich schönsten Berg der Welt sehen kann, den Nevado Apamayo. Er diente zur Vorlage für den berühmten Paramout-Berg. Allerdings wird er dort von Norden aus gezeigt, wir sehen ihn von Süden.

Der Koch wartete schon mit seiner karierten Tischdecke auf uns, so dass wir mit einer grandiosen Aussicht speisen konnten. Der aufstieg zur zur beeindruckenden Lagune mussten wir leider überstürzt abbrechen, da gerad nach Ankunft am Aussichtspunkt erst Hagel und dann heftiger Regen loslegte. Statt die Aussicht zu genießen, musst ich schnell in die Regenkleidung schlüpfen und Rücksack und Kameratasche regenfest machen. Begleitet wurde ich von dem Donnern der vom Gletscher abbrechenden Eisblöcken, die krachend in den Gletschersee fielen. In voller Montur zum zweiten zeltplatz, Taullipampa.

Der Abend wurde richtig „scheißkalt“. Handschuhe, Dauenjacke, und alles andere konnten nur die dürftigste Körperwärme halten. Zum Glück konnte ich noch die neue Wolldecke, die Kathrin mir mit auf die Reise gegeben hat, um den Körper schlingen.

Nach dem tollen Abendessen gab es noch eine Runde Kniffel (oder wie das auch immer auf belgisch heißt) mit dem belgischen Paar und der australischen Reisebegleitung, bis es endlich 20 Uhr wurde und wir in die Zelte gehen konnten.

Und dann am dritten Tag der Puta Union.

Der Abstieg nach Osten ließ die Landschaft immer grüner werden. Mit jedem Höhenmeter nahmen die Bäume zu und die Landschaft wurde lieblicher. Nach langer strecke erreichen wir den Zeltplatz Cachinapampa, nachdem es sofort nach unserer Ankunft an zu regnen fängt, welch ein Glück. Kurz nach uns kommt ein deutsches paar durchnässt an und muss selbst das Zelt in strömenden regen aufbauen und dann mit allen nassen Sachen in das viel zu kleine Zelt kriechen. Ich beneide sie nicht.

Am letzten Tag hat uns die die Zivilisation wieder. Wir verlassen den Nationalpark und durchqueren kleine Dörfer mit verteilt in der Landschaft liegenden Häusern.

Nach drei stunden durch eine schöne Kulturlandschaft erreichen wir Valqueria, dem Start- und Endpunkt des Santa-Cruz-Trek auf östlicher Seite. Erstmal ein Bier mit unserem tolle Begleiterteam trinken, bevor wir in einen Minibus steigen, mit dem wir wieder nach Huaraz zurückkommen

Vorher fahren wir noch über den Portachuelo de Llanganuco, 4800m, von der die Straße beeindruckend nach unten führt.

Den Huascaran, den höchsten Berg Perus sehe wir leider nicht, er bleibt in Wolken.

Es war einen tolle Tour, die die Agentur huascaran-peru.pe organisiert hat.