Cajamarca

7,1570 Süd; 78,5172 West

Hundert Kilometer von Trujillo durch die Küstenwüste nach Norden. Links der bleiende Pazifik, rechts die trockenen Berge. Kaum ein Stück Vegetation. Ganz selten kommt ein Fluss aus den Bergen vorber, und er trägt, oh Wunder, Wasser mit sich. mit diesem Wasser werden die Felder begrünt.

Endlich der Abzweig in die Berge. Sehr langsam geht die Fahrt in die Höhe. Über weite Teile wurde der Asphalt von der Straße abgetragen, wahrscheinlich um ihn zu erneuen; aber das muss wohl warten. Wir kommen an einem Stausee vorbei, die Talsohle ist fruchtbar und grün, Reisfelder und Terrassen reihen sich aneinander. Die Berghänge sind allerdings gelb und kahl.

Erst nach Einbruch der  Dunkelheit kommt der Bus in Cajamarca an. die letzten Kilometer hat er sich mit 25km/h die Serpentinen hochgequält. Es hat zu nieseln begonnen. Die Busstation von Turismo Diaz liegt außerhalb des Stadtzentrums, ich brauche ein Taxi. Nach einiger Zeit hält dann doch ein Wagen und bringt mich für 7 Soles in die hospedaje Los Jazmines.

Nächster Morgen:

47662524-DFDE-4D92-84D6-7593EF5C7F62

Sehr angenehme Stadt. Die Architektur ist viel mehr kolonial als in Trujillo, was sehr angenehm für das Auge ist. 

Es gibt einfach viel zu sehen in dieser Stadt. Die Geschäfte sind klein von der Straße aus einsehbar. Die Warengruppen ballen sich in einzelnen Vierteln. In einer Ecke befinden sich die Haushaltswaren, in der anderen Möbel.

In jeder Straße scheint es einen Mobilfunkladen zu geben. Diese sind wirklich inflationär. Jeder Peruaner scheint auch mit einem Handy in der Hand herumzulaufen. Da gibt es keine Unterschiede zu uns (endlich mal etwas gemeinsames). Ich frage mich, wie die ganzen Läden überleben können. Richtig Kundschaft sehe ich in diesen Läden kaum.

.

Der mercado municipal in der Nähe des plaza del armas scheint noch zu den Privilegierten  zu gehören. Auf der Suche nach der Busgesellschaft, die mich in zwei Tagen weiter in Richtung Chachapoyas bringen soll, gehe ich immer weiter aus der Stadt heraus. Ich merke, dass die Señora von Iperu,d dem Tourismusbüro, den Busterminal viel zu weit in der Stadt eingezeichnet hat, noch dazu auf der falschen Straßenseite. Also muss ich mehrmals hin und herlaufen und die Hausnummern genau studieren. An dem Straßenabschnitt der Atahualpa findet ein großer Markt statt, auf dem die hellen großen Strohhüte dominieren.  Hier verkaufen die indigenas, hier liegen die Waren meist auf dem Boden auf großen Plastikfolien ausgebreitet. Die Stände ragen weit auf die Straße hinein, auf der die Minibusse und Mototaxis vorbeiknattern, angetrieben von der schrillen Trillerpfeife des Straßenpolizisten. Hier ist es viel chaotischer als im mercado municipal, die Warenvielfalt ist aber genauso groß. 

Zwischen sechs und sieben abends ist auf den Straßen die Masse unterwegs. Einkaufen oder nur einfach der paseo. Viele Straßenverkäufer stehen am Bürgersteig. Ich frage mich, ob sie überhaupt etwas verkaufen. Die indigenen Frauen sitzen traditionell auf dem Boden, am Abend in eine Decke gehüllt. Einige sind so klein und zusammengekauert, dass man sie kaum sieht. Manchmal liegen nur ein paar Limonen zum Verkauf aus. Manchmal stehen riesige Warenberge an der Hauswand, wo ich mich frage, wie kommen diese dahin und wieder weg. 

Die Abendzeit ist auch die Zeit für die Pärchen. Sie sitzen auf dem plaza del armas herum und umarmen sich in der blauen Stunde. Zuhause ist dafür wahrscheinlich kein Platz. 

Gegenüber vom Markt liegt eine große Schule. Ich kann nur durch die Gitter des Eingangs hineinschauen. Alles ist durch große Eisentore abgeriegelt und durch Wachposten bewacht. Innen sitzen die Schüler in ihren Uniformen, alle in peru-rot, auf den Stufen, bis es klingelt. In Peru wirken die Schulen wie Festungen, durch eine hohe Mauer umgeben. Wer es sich leisten kann, gibt seine Kinder auf eine Privatschule. Peru gibt nur 3,5% seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus. Im PISA-Ranking von 2015 kommt Peru auf den 65. von 71 Rängen, also weit abgeschlagen. 

Die Stadt gibt sich den Untertitel encuentro de dos mundos, das Treffen zweier Welten. Damit ist gemeint, dass 1532 die spanischen Eroberer unter Francisco Pizarro die Stadt erreichten und es zur ersten militärischen Auseinandersetzung mit den Inkas kam. Die Schlacht von Cajamarca war ein Wendepunkt in der Geschichte Südamerikas. Nur wenige hundert Spanier besiegten durch List und Zufälle den Inka-Herrscher Atahualpa mit mehreren tausend Soldaten und nahmen ihn gefangen. Die Spanier überrumpelten die Inka und töteten innerhalb einer Stunde 4000 von ihnen. Atahualpa wurde ein halbes Jahr später mit der Garotte hingerichtet. Danach setzten die Spanier ihren Eroberungszug relativ ungehindert fort und unterwarfen den ganzen Kontinent, mit allen kulturellen und wirtschaftlichen Folgen bis heute.

Die ganze Geschichte der Schlacht von Cajamarca ist hier nachzulesen: Schlacht von Cajamarca

Cajamarca ist also ein für Südamerika sehr geschichtsträchtiger Ort.

Cajamarca hat mich wieder etwas mit Peru versöhnt. In der letzten Woche waren meine Augen doch etwa müde von der allgegenwärtigen Armut, dem Müll, den ganzen hässlichen Bauten in den Städten, dem Chaos und dem Fatalismus. Nur selten konnte ich wenige Dinge sehen, die wirklich schön waren. Cajamarca hat mich wieder etwas froher gestimmt. Aber das schöne Stadtbild ergibt sich nur aus dem kolonialen Erbe. Kann das heutige Peru keine Schönheit? Gibt es keinen Sinn dafür bei den Menschen? Sind sie nur mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt? Viele schon, aber nicht alle. Aber jeder scheint nur auf sich selbst zu schauen. Einzelne Häuser sind schön und liebevoll gestaltet. Sie bilden aber die Ausnahme. Aber es zeigt mir: es geht doch. Parks und Plätze sind sehr sauber und üppig mit Blumen bepflanzt. Aber es gibt viel zu wenig davon, meist nur der zentrale Platz.

Pueblos jovenes

Ich habe ja schon kurz Alois erwähnt, den Allgäuer in Lima. Alois ist Bioingenieur und bietet alternative Stadtrundfahrten in die pueblos jovenes, den jungen Dörfern an. Diese Rundfahrt habe ich mit Alois mitgemacht, und bin an Orte von Lima gekommen, an die ich mich niemals hingetraut hätte, geschweige denn, dass ich sie gefunden hätte.

Pueblos jovenes ist ein etwas geschönter Ausdruck, es sind die Siedlungen, die durch Landbesetzungen entstanden sind, in die dieMenschen hineinströmen, die vom Land in die Stadt kommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt. Dabei werden diese Siedlungen meist im Nachhinein legalisiert, mit Strom, Schulen und Infrastruktur versorgt.

Die Orte, die wir besuchten, hatten immerhin schon Häuser aus Stein, hatten alles Strom und es schien eine Busanbindung zu geben. Kanalisation war meist nicht vorhanden, die Abwässer liefen in der Mitte der Straße bergabwärts. Aber politische Strukturen schien es schon zu geben, wie überall in Lima hingen massenweise die Wahlplakate für die anstehende Kommunalwahl aus.

Die Wohnverhältnisse wirkten auf uns Deutsche erstmal schockierend. Aber Alois wies und darauf hin, dass hier kaum einer schlecht angezogen durch die Gegend läuft. Und hungern schien auch keiner. Und er stellte noch die These auf, dass keiner so recht ein Interesse an einer Verbesserung der Situation habe, weil ja dann die Hilfsgelder und Unterstützungen wegfallen würden. Wenn sich etwas positiv verändern würde, könnte sich das fein geflochtene Netz der Nutznießerei von Hilfsmaßnahmen verschieben.Nach Alois sein eine wirkliche Verbesserung der Situation gar nicht wirklich erwünscht.

Die Häuser ziehen sich über alle Hügel hin, soweit das Auge reicht. Die Steilheit der Hänge scheint kein Hinderungsgrund zu sein, dort eine Parzelle einzunehmen. Dazu werden, wie im Bergbau im Mittelalter, die Felsen über mehrere Tage unter Feuer gesetzt, meist mit alten Autoreifen. Dann wird Wasser über das heiße Gestein geschüttet, so dass es schnell abkühlt und es dann zur Sprengung des Steins kommt. jetzt kann es. Mit bloßen Händen abgetragen werden und man kann eine Parzelle im steilen Fels planieren. Darauf wird dann die erste Hütte gebaut.

Als Toilette wird dann ein einfaches Loch mit Verschlag gebaut.

Alois versucht, Kompostanlagen und Biotoiletten sowie pflanzliche Reinigungseinheiten in den Siedlungen zu etablieren. Dabei scheint viel Überzeugungskraft notwendig zu sein. Die Fixierung der Menschen auf das WC (Wasser-Closett) ist als Nonplusultra Ungebrochen. Auch wenn es in einer Region wie Lima fast nie regnet.

Alois zeichnete auch ein düsteres Bild der politischen Situation. Viele neugewählte Politiker würden das Erreichte ihrer Vorgänger wieder entfernen, damit sie sich mit ihren eigenen Projekten profilieren können. So habe er öfters erlebt, dass bei einem Amtswechsel seine Anlagen wieder abgebaut wurden. Aber auch unter den Privatpersonen eines Viertels sind nur wenige zu gemeinsamen Aktionen zu bewegen. Nur bei den sehr grundlegenden Dingen wie Strom- und Wasserversorgung würde man noch an einem Strang ziehen. Bei den nicht mehr so lebenswichtigen Dingen würde es sofort Streit geben und kein Nachbar traue mehr dem anderen, so Alois. Egoismus sei weit verbreitet, und man gönne dem Nachbarn nichts, macht sogar noch dessen Errungenschaften kaputt. Und in einer Umgebung, wo man für 50 Soles einen Killer bekommt, sei das kein Zuckerschlecken. Gemeinsinn scheint es in der peruanischen Gesellschaft wenig zu geben. Es scheint mehr ein „jeder gegen jeden“ zu gelten.

In Peru würde alles politisiert. Ich erkenne es auch daran, dass viele Häuser ihr politisches Bekenntnis zu einem Kandidaten auf die ganzen Hauswände gemalt haben. Rationale Auseinandersetzungen über Sachthemen sind laut Alois dadurch sehr schwer möglich. Es geht immer darum, bist du für den einen Kandidaten oder den anderen. Als Warner für den Umweltschutz wurde er oft als Miesmacher und Schlechtmacher von Peru gebrandmarkt. Sogar von grünen Abgeordneten des Europaparlaments wurde er gemahnt, nicht die Entwicklungshilfe aus Europa zu kritisieren.

Initiativen für die Mülltrennung wurden schon nach wenigen Wochen wieder eingestellt, weil die Vereinigung der Mülltransporteure sich bei den Politikern durchsetzen konnte.

Ich weiß nicht, ob ich im Geografie-Unterricht über die „globalen Probleme“ so einfach mit push und pull faktoren, human-development-index, Bruttoinlandsprodukt usw. arbeiten kann. Die Lagen scheinen doch viel komplexer zu sein. Vor alleim scheint es mir um die Kategorien Gerechtigkeit und Gemeinsinn zu gegen. Und das sind ja auch Begriffe, die bei uns wichtig diskutiert werden.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, Südamerika sei schon viel weiter. Die Staaten würden sich auf dem Niveau von Schwellenländern bewegen. Aber die nackten Zahlen scheinen ja wenig auszusagen über die wirklichen Lebensbedingungen. Und Lima lebt die Hälfte der neun Millionen Bevölkerung in pueblos jovenes.

Wer nach Lima kommt, dem empfehle ich die Stadtrundfahrt mit Alois Kennerknecht. Er zeigt auch seine umweltprojekte an Schulen, wo er ein Gras kultiviert, mit dem die weite Erosion der Landschaft aufgehalten werden kann. Ich habe Alois ganz einfach per Mail kontaktiert. Die Mailadresse habe ich aus dem Stefan-Loose-Reiseführer Peru.

Santa Cruz Trail

Punta Union, 4750m Höhe

Ein Schritt, einen Atemzug, ein – aus – links – rechts. Mit den Stöcken tick – tack. Vom zweiten Zeltplatz Taullipampa auf 4200m geht es 500m hoch auf den höchsten Punkt des Santa-Cruz-Trail. Die Luft ist dünn, klar und kalt. Um 7.30 Uhr brechen wir auf; Esteban, unser guia, ruft: listo? fertig?

Um 6.00 Uhr sind wir aufgestanden, der Blick auf die die Uhr zeigt 4 Grad. Der coca-té wird von Esteban an das Zelt serviert. Anschließend gibt es noch eine Schale warmes Wasser zum waschen. Im roten Essenszelt serviert der cocinero da Frühstück. Wir werden von einem Bergführer, einem Koch und einem Eselsführer betreut, drei Personen für vier Kunden. Das ist eine Betreuung, von der man nur träumen kann.

Der Zeltplatz liegt am Fuße des 5830m hohen Nevado Tauliraju. Deutlich sieht man die Gletscher von den Bergflanken herunterhängen. Aber es ist nicht mehr zu übersehen, unterhalb der Gletscherzungen zeigt das nackte Gestein die großen Zonen, die noch vor gar nicht so langer Zeit vom Gletscher bedeckt waren. Esteban berichtet, dass der Gletscher noch vor kurzer Zeit bis hinunter in den Gletschersee hineinragte. Der Klimawandel lässt die Gletscher der Anden besonders schnell schmelzen. Ich kann froh sein, diese Gletscherzonen noch bewundern zu dürfen. In zehn Jahren dürften sie verschwunden sein.

Los ging der Trek in Cashapampa, am Westhang der Cordelliera Blanca, des weißen Gebirges. Drei stunden Minibus von Huaraz über Caraz, dann über eine ausgesetzte Schotterstraße mit grandiosen Blick über das Tal zwischen der Cordelliera negra und und blanca. Die erste Etappe fordert 4 Stunden Aufstieg, und es ging gleich zur Sache. Noch nicht eingelaufen, und schon ging der Weg forsch Bergan. Die Landschaft war eher kahl und ausgetrocknet.

Zum Glück trugen drei Esel unser Gepäck. Zur Mittagszeit hielt der Cocinero schon das Mittagessen bereit. Aber die höhe von über 3000m macht sich in Erschöpfung breit, als wir gegen drei denn ersten Zeltplatz Llamacoral erreichen. Vom Zeltplatz aus können wir die ersten schneebedeckten Gipfel sehen, und auch schon unser Höhenziel, den Punta Union, noch in weiter Ferne.

Die Kälte kommt mit tiefergehender Sonne, aber das tolle Licht treibt mich immer wieder aus dem Aufenthaltszelt zum fotografieren hinaus.

Die nacht forderte den Schlafsack und die restliche Kleidung heraus, und ich konnte trotz 5 Grad Celsius gut schlafen. Als am Morgen gegen sieben die Sonne hinter dem Berg hervorkommt, geht die Temperatur schnell über 20 Grad, aber nur dort, wo der Wind nicht hinpfeift. Zum Glück fängt dei zweite Etappe in den ersten Stunden fast eben an und passiert mehrer Lagunen. Nach drei Stunden dahinschlurfen im Flussbett will das Mittagessen doch erarbeitet werden. In engen Serpentinen laufen wir am nördlichen Talhang hoch, 300m zu einem mirador, von wo aus man den angeblich schönsten Berg der Welt sehen kann, den Nevado Apamayo. Er diente zur Vorlage für den berühmten Paramout-Berg. Allerdings wird er dort von Norden aus gezeigt, wir sehen ihn von Süden.

Der Koch wartete schon mit seiner karierten Tischdecke auf uns, so dass wir mit einer grandiosen Aussicht speisen konnten. Der aufstieg zur zur beeindruckenden Lagune mussten wir leider überstürzt abbrechen, da gerad nach Ankunft am Aussichtspunkt erst Hagel und dann heftiger Regen loslegte. Statt die Aussicht zu genießen, musst ich schnell in die Regenkleidung schlüpfen und Rücksack und Kameratasche regenfest machen. Begleitet wurde ich von dem Donnern der vom Gletscher abbrechenden Eisblöcken, die krachend in den Gletschersee fielen. In voller Montur zum zweiten zeltplatz, Taullipampa.

Der Abend wurde richtig „scheißkalt“. Handschuhe, Dauenjacke, und alles andere konnten nur die dürftigste Körperwärme halten. Zum Glück konnte ich noch die neue Wolldecke, die Kathrin mir mit auf die Reise gegeben hat, um den Körper schlingen.

Nach dem tollen Abendessen gab es noch eine Runde Kniffel (oder wie das auch immer auf belgisch heißt) mit dem belgischen Paar und der australischen Reisebegleitung, bis es endlich 20 Uhr wurde und wir in die Zelte gehen konnten.

Und dann am dritten Tag der Puta Union.

Der Abstieg nach Osten ließ die Landschaft immer grüner werden. Mit jedem Höhenmeter nahmen die Bäume zu und die Landschaft wurde lieblicher. Nach langer strecke erreichen wir den Zeltplatz Cachinapampa, nachdem es sofort nach unserer Ankunft an zu regnen fängt, welch ein Glück. Kurz nach uns kommt ein deutsches paar durchnässt an und muss selbst das Zelt in strömenden regen aufbauen und dann mit allen nassen Sachen in das viel zu kleine Zelt kriechen. Ich beneide sie nicht.

Am letzten Tag hat uns die die Zivilisation wieder. Wir verlassen den Nationalpark und durchqueren kleine Dörfer mit verteilt in der Landschaft liegenden Häusern.

Nach drei stunden durch eine schöne Kulturlandschaft erreichen wir Valqueria, dem Start- und Endpunkt des Santa-Cruz-Trek auf östlicher Seite. Erstmal ein Bier mit unserem tolle Begleiterteam trinken, bevor wir in einen Minibus steigen, mit dem wir wieder nach Huaraz zurückkommen

Vorher fahren wir noch über den Portachuelo de Llanganuco, 4800m, von der die Straße beeindruckend nach unten führt.

Den Huascaran, den höchsten Berg Perus sehe wir leider nicht, er bleibt in Wolken.

Es war einen tolle Tour, die die Agentur huascaran-peru.pe organisiert hat.

Huaraz

9,5305 S, 77,5238 W

Cordelliera Blanca, die mittlere Andenkette ist das höchstgelegene tropische Hochgebirge der Welt. Mehrere hundert 6000er stehen hier herum. Ein Paradies für Bergsportler. Morgen werde ich auf den viertägigen Santa-Cruz-Trail aufbrechen, eines der schönsten Trails weltweit, sagt man. Ich werden berichten.

Ich suche ja immer gerne nach Zusammenhängen und Bezügen von dem, was ich sehe. Und in Huaraz sind die schmelzenden Gletscher auch ein riesiges Problem.

Am frühen Morgen des 13. Dezember 1941 stürzte ein riesiger Eisturm in den 23 km nordöstlich der Stadt auf 4566 m gelegenen Palcacocha-See und führte zum Bruch des Moränenwalls, der den See talwärts begrenzte. Die Flutwelle durchbrach auch den talabwärts liegenden Jiracocha-See, stürzte das Cohup-Tal hinab und riss Erde, Pflanzen und Felsen mit sich. Innerhalb von 15 Minuten erreichte die Schlammlawine die Stadt Huaraz, wo gegen 6:45 Uhr rund 400.000 m³ Schuttmaterial weite Teile der Stadt zerstörte und 5.000 bis 7.000 Menschen tötete.

(Quelle: wikipedia.de)

Das kann sich jederzeit wieder ereignen, weil durch die Gletscherschmelze die Wahrscheinlichkeit größer wird, dass Eisbrocken abbrechen und sich die Katastrophe von 1941 wiederholt. Durch den Klimawandel scheint es sogar deutlich gefährlicher. Germanwatch hat einen Bergführer und Kleinbauern, Saul Luciano dabei unterstützt, nach dem Verursacherprinzip den deutschen Energiekonzern RWE zu verklagen, damit dieser sich, entsprechend seinem Anteil an der CO2 Emission, an den Kosten für die Verbauungsmaßnahmen zum Schutz vor einem weiteren Bergsturz beteiligt. Die Klage vor dem Landgericht Essen wurde in erster Instanz abgewiesen, aber man ist in Revision gegangen, da ja eine Grundsatzentscheidung herbeigeführt werden soll, ob Energiekonzerne auch Folgekosten für ihr unternehmerisches Handeln tragen müssen.

Hier die ganze Geschichte:

Klage von Saul Luciano

An diese Geschichte zeigt sich, wie die Dinge in unserer globalisierten Welt zusammenhängen. Bergstürze werden durch den Klimawandel mehr werden. Und dann lese ich heute in Tagesschau.de, dass die deutsche Bundesregierung eine duropaweite Ausweitung der CO2-Reduzierung auf mehr als 30% verhindern will. Wenn ich wie heute auf dem plaza de armas in Hiaraz stehe und zu den Bergen hinauf schaue, denke ich, wann wohl die Lawine kommt. Und es macht mich wütend, dass die Deutschen zum Bremser in der Klimapolitik geworden sind.

Ankommen in einer anderen Welt

„Erst wenn man unterwegs ist, begreift man, dass die größte Entfernung die größten Illusionen weckt und dass Alleinreisen sowohl Vergnügen als auch Strafe“ (Paul Theroux)

Zitiert aus: Reise durch einen einsamen Kontinent; Altmann, Andreas

Ich stehe auf der Fußgängerbrücke über die Küstenautobahn in Barranco, dem sogenannten „Künstlerviertel“ von Lima im Süden der Stadt, wo ich untergekommen bin. Neben mir taucht ein Mann auf, Winfried aus Wien (ich weiß nicht mehr, ob er wirklich so hieß). Zerlumpt, ohne Zähne, dreckig. Er erzählt mir von seiner Arbeit an den Yachten der Reichen, wie er sich beim Ziehen der Stahltrossen verletzt hat. Die Wunden an seinem Arm wollen nicht heilen, haben sich entzündet, aber das Krankenhaus und die antientzündlichen Salben kosten Geld, dass er nicht hat. Ich gebe ihm 15 Soles für ein Mittagessen. Mir kommt der Buchtitel von Andreas Altmann in den Sinn, den mir für diese Reise gekauft habe. Statt Kontinent müsste es eigentlich „einsame Menschen“ heißen.

img_1051

Wenn man Geld hat, funktioniert diese andere Welt. Ich ziehe am Flughafen die Kreditkarte, eine ist kaputt, ich habe zum Glück eine zweite dabei. Damit werde ich zum Taxi begleitet und steige in eine schwarze Limousine, mit einem Fahrer in grauem Anzug. Wir unterhalten uns über Fußball, soweit es mein ungeübtes Spanisch zulässt. Meine Unterkunft in einem modernen Block unweit des plaza mayor von Barranco wird rund um die Uhr bewacht. Ab dem zweiten Tag werde ich mit „buenas tardes, señor Norbert“ begrüßt. Wenn ich drin bin, fällt die schwere Eisentür wieder ins Schloss.

Neun Millionen Menschen! In Barranco kann ich mir das nicht vorstellen. Hier wirkt alles etwas kleinstädtisch. Aber eine physische rstellung, was so viele Menschen bedeuten können, bekomme ich im Metropolitano, einer Schnellbuslinie, die vom Süden der Stadt ins Zentrum führt. Obwohl die Busse z.T im Sekundentakt fahren, sind sie brechend voll. So viel Körperkontakt war eigentlich nicht geplant. Ich sehe nichts von draußen, weiß eigentlich auch nicht, wo ich aussteigen muss, wenn ich es denn bis zur Tür schaffen sollte. Zum Glück spricht mich eine junge Frau an, und erklärt mir, wie ich am besten zum plaza de armas komme. Sie möchte ihr Englisch üben, ich mein Spanisch. An der estacion central schaffe ich es raus, und gehe den Rest zu Fuß, obwohl die Empfehlung ja Umsteigen hieß. Am zweiten Tag gehe ich aus Miraflores lieber eine Stunde zu Fuß, als mich wieder zur Rush hour in diesen Bus zu quetschen.

Neun Millionen Menschen! Keine U-Bahn, eine S-Bahn, eine städtische Buslinie!

Die Stadt ist viel voller Menschen. Ich muss dauernd aufpassen, nicht angerempelt zu werden. Die meisten wirken geschäftig, nur wenige schlendern auf einem Einkaufsbummel. Ich laufe durch die Straßen der Altstadt um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen.

img_1050

Auf dem Plaza del Armas tummeln sich natürlich die Touristen und die Polizei. Als ich sie mit ihren Schildern und Helmen stehen sah, kamen mir gleich die Bilder aus den neunziger und achziger Jahren in den Kopf, auf denen die Polizei als Unterdrückungs- und Folterorgan auftritt. Überraschenderweise sind diese Polizisten überaus freundlich. Ich merke, dass ich irritiert bin.

Am nächsten Tag gehe ich in das LUM, dem  „Museum“ für die Aufarbeitung der „Zeit der Gewalt“, den 80er und 90er Jahren, als der Kampf zwischen dem sendero luminoso und der MLRT sowie dem Militär und paramitärischen Einheiten, die gegen den Terrorismus kämpfen wollten. Ich kann mich noch an mein Lateinamerika-Seminar bei Professor Nuhn erinnern (Entwicklungsprobleme in Südamerika), in dem ich das Referat über Peru gehalten habe. Leider habe ich dieses Referat nicht mehr gefunden, ich muss es weggeschmissen haben. Aber ich kann mich noch an die Sympathien von uns Studenten für deb sendero luminoso erinnern, die Hoffnung auf die Befreiuungsbewegungen in Südamerika. Die schlimmen Menschenrechtsverletzungen, die im Namen einer Volksrevolution gemacht wurden, haben wir nicht gesehen oder wollten sie nicht sehen. So lerne ich jetzt in der Ausstellung, dass die einfachen Bauern zwischen die Fronten geraten sind, wie wurden von der jeweils anderen Seite verfolgt, vertrieben und ermordet. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Unbestreitbar war Peru damals eine Diktatur, die bekämpft werden musste, sicher auch mit militärischen Mitteln. Aber Menschenrechtsverletzungen an der Zivilbevölkerung sind nicht zu entschuldigen. Der Krieg ging mit der Gefangennahme der kommandanten beider Organisationen zu Ende.  Aber solche Bürgerkriege hinterlassen tiefe Wunden in einer Gesellschaft, die sich noch über Generationen auswirken können. Beklommen stehe ich auf dem Dach des „Museums“ und schaue über den Pazifik. Das museum wurde auch mit deutscher Hilfe gebaut.

 

 

Lima

12.1511785 Süd; 77.0208482 West

Grau

Laut

Stinkend nach Abgasen

Voll

Ungerecht

Eng

Hektisch

Gefährlich

Chaotisch

Lima ist die Hauptstadt des südamerikanischenAnden-Staates Peru und die mit Abstand größte Stadt des Landes. Im Verwaltungsgebiet der Stadt, der Provinz Lima, leben 8.890.792 Menschen (Stand 2015)[1] In der Konurbation Limas mit der Hafenstadt Callao leben insgesamt zehn Millionen Einwohner. Beide Städte bilden die Metropolregion Lima (Área Metropolitana de Lima)

Lima ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie das bedeutendste Wirtschafts- und Kulturzentrum von Peru mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern. Die Altstadt von Lima wurde 1991 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.[2]

Lima bei wikipedia

Diese Aufzählung erster Eindrücke klingt nicht sehr schmeichelhaft. Diese Erwartungen hatte ich eigentlich, als ich nach Lima einflog. Und mein erster Eindruck ist: es stimmt.

Aber es ist eben nur eine Seite der Medaille. Der zweite Blick zeigte mir:

Freundlich

Hilfsbereit

Multikulturell

Vielfältig

Lachend

Stolz

Geschichtsträchtig

Anders

Hier ist vieles anders als bei uns in Europa. Die Menschen sehen anders aus, es wird sich kaum aufgeregt, viele sind sehr arm, tragen aber trotzdem eine gewisse Würde mit sich herum. Und viele sind sehr wohlhabend, einige sogar sehr reich.

Ich leihe mir ein Mountainbike in Miraflores aus, um herumzufahren. Miraflores ist Geschäftszentrum, Hochhäuser, Banken, Einkaufsviertel. Hier lebt die Mittelschicht, zu der 20 – 30 % der peruanischen Bevölkerung gehört, sagt mein Reiseführer (1). Hier hat man wohl einen festen Job, eine Wohnung oder ein kleines Haus, muss sich sicher manchmal etwas dazu verdienen.

851FEBC1-3634-4425-A629-B8DEAC4A781B.jpeg

Es ist grün und laut, aber es gibt auch, oh Wunder, Fahrradwege. Hier fährt aber fast jeder Auto. Die Stadtentwicklung scheint sich auf die quadratische Anlage der Straßen zu beschränken. Ich hätte gedacht, dass der Mittelstand in Peru mittlerweile einen größeren Anteil an der Bevölkerung umfasst, wo doch Peru in den Länderrankings schon als Schwellenland geführt wird.

Ich rolle weiter und komme nach San Isidro. Hier wird es nochmal wohlhabender. Hier wohnt man im Park, in dem die Hausangestellten die kleinen Kinder ausführen und bespaßen. Wo kein Zaun steht, stehen Wachleute, nicht nur einfache Parkwächter, sondern schon mit Pistole und Patronengürtel. Die Häuser sind mit hohen Gittern und Mauern gesichert.

5917D03A-F281-4939-9B79-06D387B50D01

Hier finden sich auch die gated communities, über die ich im Geografieunterricht mit den Schülern arbeite.Dabei ist ein komplettes Stadtviertel durch Schranke und Wachposten abgeriegelt. Der Wachposten notiert genau, wer reinfährt und ob auch wieder rausfährt. Als ich mit Alois am nächsten Tag durch eine gated community fahren, um uns das zu zeigen, sagt, er müsse etwas an der Schule abgeben. Er steigt wirklich aus, geht zumm Briefkasten und wirft etwas hinein. Früher habe ihn sowas nicht geschert (wer Alois ist, erzähle ich im nächsten Beitrag, auf jeden Fall ein allgäuer Dickschädel). Aber alles sei vidoeüberwacht und er habe richtig Ärger bekommen.

15 – 20% der peruanischen Gesellschaft sollen zur Oberschicht gehören. Sie produzieren den größten Teil des  Bruttoinlandsprodukts, und lassen es wahrscheinlich nur in ihren Kreisen kursieren.

Zu den 50% der Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, schreibe ich im nächsten Blogbeitrag.

Am Sonnabend kam ich nah meinem Tagesausflug zurück nach Barranco und wollte noch schnell in den Metro Supermarkt um ein Abendbier und das Obst für das Frühstück zu kaufen. Wo am Tag vorher noch die Christal und Pilsen-Flaschen herumstanden, war jetzt mit Mineralwasser aufgefüllt. Die Erklärung des jungen Regalauffüllers war so schnell dahingerasselt, dass ich kein Wort verstand. Erst die nette Bedienung im Kulturhaus, in dem ich das Wifi nutzen wollte, klärte mich auf. Morgen ist Wahltag für die die Provinzen und die Bezirks- und Stadtbürgermeister. Damit alle Peruaner, für die im übrigen Wahlpflicht gilt, auch klaren Kopfes ihre Stimme abgeben können, ist von Sonnabend 8.00 bis Montag 8.00 Uhr ein Alkoholverkaufsverbot gültig. So blieben am Sonnabend viele Kneipen zu und das Diskogewummere vom Freitag brachte mich in dieser Nacht nicht um den Schlaf.

Die ganze Stadt ist durchplakatiert, Wagenkonvois mit den Kandidaten fahren mit lauter Musik durch die Straßen und halten an den Plätzen, um kurze Wahlkampfkundgebungen abzuhalten.  Es wirkt mehr nach Party als nach Inhalt. Aus den Plakaten kann ich keine Inhalte erkennen.

Aber Wahlen sind ja die Keimzelle der Demokratie. Im Politikunterricht referiere ich ja immer die Bausteine der Demokratie, freie Wahlen, Meinungfreiheit, Gewaltenteilung, freie Presse.  Eines fehlt aus meiner Sicht in dieser Aufzählung: die Verpflichtung zum Gemeinwohl zu arbeiten.  Und an dem scheint es hier in Peru ziemlich zu mangeln bei den Politikern. Hier ist es wohl so, dass wenn man einen Poste erlangt hat, man ihr dafür nutzt, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und Familien und Freunde gleich mit zu bedenken.

Ich verfolge ja aus der Ferne auch die Geschehnisse in Deutschland. Ist es mit dem Gemeinwohl bei uns so weit her? Die SPD ist mit ihrem Gerechtigkeits-Wahlkampf grandios gescheitert, weil sie keine Vision einer gerechten Gesellschaft entwickeln konnte. Jeder in einer Gesellschaft, jeder Politiker, jeder Lehrer, jeder Automanager sollte vepflichtet werden, für das Gemeinwohl zu arbeiten. Dabei Geld zu verdienen muss kein Widerspruch dazu sein.

Wir sollten uns diese Ideen wieder zurückholen. Hier fand ich den Artikel von Andre Wilkens inspirierend.

https://www.die-offene-gesellschaft.de/magazin/hat-die-offene-gesellschaft-eine-zukunft

(1) die Zahlen zur Verteilung der Gesellschaftschichten habe ich aus meinem Reiseführer PERU Westbolivien von Frank Herrmann im Stefan Loose Verlag. Es ist empfehlenswert, ihn auf einer Peru-Reise dabei zu haben.

 

Über den Atlantik

Als Geograf schaut man auf den Raum, blickt auf die verschiedenen Elemente, die in dem Raum zu entdecken sind, auf natürliche und menschlich gemachte Dinge, beleuchtet die Beziehungen und Wechselwirkungen untereinander, versucht diese Beziehungen in einem System zu beschreiben.

Am Dienstag, den 02. Oktober schreite ich durch das berühmte Hamburger „Tor zur Welt“, den Flughafen, um nach Lima in Peru zu fliegen. Ein ganz schön großer Raum, den ich dabei überbrücken werde. Als ich mich fragte, was dieser große Raum ausmacht, stieß ich bei der morgendlichen Zeitungslektüre gleich auf zwei Artikel, der die Beziehung von Hamburg und Peru deutlich machte.

Peru ist Der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt. Während bei uns im hambacher Forst gegen den Braunkohleabbau protestiert wird, kämpft die Bevölkerung in Las Bambas in Süd-Peru gegen die lebensbedrohlichen Auswirkungen einer Kupfermine.  Die Regierung reagiert mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes für die Region, um die Proteste zu unterbinden. Das Kupferkonzentrat wird vom Hafen Matarania unter anderm zur Kupferhütte  Aurubis nach Hamburg verschifft. Als Entwicklungsland hat Peru nicht die industrielle Kapazität, selber Kupfer herzustellen, sondern bleibt auf dem Status eines Rohstofflieferanten. Aurubis sagt zwar offiziell, sich für die Einhaltung der weltweiten Umwelt- und Sozialstandards einzusetzen. Aber praktisch scheint wenig zu passieren. Der Artikel Bergbau unter Ausnahmezustand: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5534542&s=Aurubis/

Dazu passt ein zweiter Artikel, in dem über die Verhandlungen zu einem UN-Abkommen für die menschenrechtliche Regulierung der weltweiten Wirtschaft berichtet wird: https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5540430&s=UN%2BAbkommen%2BMenschenrechteU

Diese Verhandlungen stocken – weil Deutschland und die EU mit Verfahrenstricks die Prozesse verzögern. Wie kann das sein? Deutschland, das Land, dass sich immer verbal für die Durchsetzung von Menschenrechten weltweit einsetzt? Ich dachte immer, dass Deutschland in diesen Fragen auf der Seite der „Guten“ steht. In meinem Politik- und Geografieunterricht wird immer die Ungerechtigkeit bei den Menschenrechtsstandards thematisiert. Aus der Deutschen Sicht schien es immer so, dass autokratische Regierungen die Menschenrechtsverbesserungen verhindern. Aber auch Deutschland scheint alles zu tun, dass sich die Lage der Menschenrechte weltweit nicht bessert. Frustrierend.

Aber mir wird deutlich, welche Beziehungen in dem großen Raum zwischen Hamburg und Peru, mit dem großen Atlantik dazwischen, wichtig sind. Ich werde die Augen dazu aufhalten.

Beitragsbild von pixabay.com: Kupfer für unsere Stromleitungen

6 Fterre

 

40° 6′ 51″ N, 19° 53′ 36“

Die Mountainbikes vom Trailer herunterladen, Sachen in die Tasche stopfen: Ersatzschlauch, Windjacke, geschmierte Brote, Gopro, Fotoapparat. Am Abzweig zeigt ein uraltes Hinweisschild auf alle Dörfer auf der Straße. Das Hinweisschild ist handgemalt und abgeblättert. Es geht gleich steil zur Sache, kleinster Gang, Schotter führt uns aus dem Ort an der albanischen Reviera in die Berge.

Fterre ist unser Ziel, ein kleines Dorf, dessen Bilder wir auf einer Ausstellung in Gjirokaster gesehen haben. Der österreichischer Fotograf Robert Pichler hatte den Ort und die Menschen in den 90er Jahren kurz nach dem Ende der kommunistischen Diktatur porträtiert. Dann haben wir noch eine Broschüre der GIZ, der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, über den Ort gesehen und unsere Neugier geweckt.

Robert Pichler Fotos

Fterre bei Wikipedia

Wir schrauben uns mit unseren Mountain Bikes aus der Stadt Borsh an der mittelalterlichen Festung vorbei nach oben. In den Bergeinschnitten strömen die Bergbäche hinunter. Wir fahren auf einer Schotterstraße nach oben, kaum ein Auto begegnet uns.

Vorbei an Olivenhainen, Granatäpfe- und Orangenbäumen. Der Weg scheint nicht lang zu sein, aber jeder Taleinschnitt muss mitgenommen werden. Also geht es wieder ziemlich hinunter, um anschließend wieder kräftig hinauf zu gehen. Am letzten Pass dann endlich der Blick auf Fterre, die Brote sind aufgegessen, das Wasser getrunken.

Der alte Ortskern von Fterre liegt auf einem Felssporn über dem Tal. Hier gehen nur Fußweg hinein, wir müssen die Mountain Bike stehen lassen, die MTB-Schuhe gegen die Tevas tauschen.

Einen steilen Stieg folgen wir hinunter, an unbewohnten Gehöften vorbei, die roten Weintrauben pflückend, bis zu einer Weggabelung. Hier treffen wir auf einen uralten Mann, der uns freundlich begrüßt und uns vorangeht. Wir folgen. Kommunikation nur über Gesten. Über rund gelaufenen Steine, an Enten die im Wasser spielen vorbei, kommen wir ins Dorf. Der alte Mann öffnet die Eisentür und winkt uns hinein. Er bietet uns zwei Stühle in dem weiß getünchten Innenhof und da sitzen wir nun.

Scharfe Kommandorufe schallen von ihm ins Haus. Ob wir einen Kaffee wollen, scheint er zu fragen (die Kommunikation ist immer noch sehr schwierig). Irgendwann erscheint ein Mann mit zwei Gläsern Buttermilch in der Hand, wahrscheinlich sein Sohn. Gastfreundschaft wird in Albanien großgeschrieben.Verständigen können wir uns leider nicht. Kein Wort Englisch steht zur Verfügung.

FB93591F-F171-4E8B-9A51-079B1CE0E68D

Alles ist blitzblank aufgeräumt. Der Müll liegt in Albanien nur außerhalb der Häuser. Wovon leben diese Menschen hier, in einem Dorf, das nur zu Fuß zu erreichen ist? Die Straße war schon eine Zumutung, nur mit dem Landrover zu fahren, aber ins Dorf kommt man wirklich nur auf eigenen Füßen.

Wieder zurück an der „Fahrstraße“ kommt ein alter Mercedes-Kastenwagen, mit den Lebensnotwendigen. Ich frage mich, wie er mit diesem alten Auto die felsige Straße, die uns erwartete, geschafft hat. Das muss doch Stunden gedauert haben, ohne einen Achsbruch riskiert zu haben.

Wir tauschen wieder unsere Sandalen gegen die MTB-Schuhe und machen uns auf den Weg zum Pass, um auf der anderen Seite des Tales zurück nach Borsch zu fahren; sieben Kilometer zeigt uns das Garmin. Sieben lange Kilometer. Immer wieder müssen wir aus dem Sattel um zu schieben, weil der Schotter auf der Straße zu weich ist, um mit den MTBs fahren zu können.


Auf der anderen Seite des Tales geht es wieder 15km hinunter nach Borsch. 15km von Europa entfernt, 15km im TimeTunnel. In einer Landschaft der Ungleichzeitigkeiten: Einerseits der 4WeelDriveToyota, der sich mühselig den Weg hochkämpft, gleichzeitig beladen mit Holz für den heimischen Kochofen, wie im Mittelalter. Wie kommt eigentlich der Junge auf der Ladefläche normalerweise zu Schule?

Der Geograf betrachtet den Raum.

Welche Entwicklungschance hat eigentlich so eine Bergregion? Tourismus wird gerufen. Ja, das touristische Potential ist unzweifelbar vorhanden: unberührte Natur, spannenden Kultur, interessante Menschen. Aber schon wir mit unseren Mountainbikes hatten Mühe, dorthin zu kommen. Ohne eine Straßenanbindung und einer asphaltierten Straße sowie Übernachtungsmöglichkeiten wird es nicht gehen. Sonst kann man noch so schöne Broschüren drucken, wenn der Tourist nicht hinkommt, kann er auch kein Geld ausgeben und für Einkommen sorgen. Und dann wird die Abwanderung der jungen Leute aus den Bergdörfern weiter gehen.

Wir hatten eigentlich erwartet, dass man in den Dörfern auf dem Weg irgendwie übernachten kann. Aber es gab nichts. So mussten wir die steinige Strecke am Westhang wieder nach Borsch zurückfahren. Eigentlich schade, uns ist eine Nacht in den Bergen entgangen und den Bewohnern eine Einnahmemöglichkeit.

Mir wird deutlich, das die Entwicklung von dem Ausbau der Verkehrswege abhängt. Ohne Straßen gibt es keine touristische Entwicklung eines Raumes. Das Potential zur regionalen Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist zu gering, um an den europäischen Standard anzuknüpfen. Das Fazit ist also: asphaltierte Straßen müssen her. Das ist dann aber auch das Ende der schönen MTB-Trails, die wir gefahren sind.

Auch diesen Artikel aus England finde ich sehr interessant zum Thema „Gastfreundschaft in Albanien“:

Gastfreundschaft in Albanien

5 Ksami, Butrint

39.7781116 Nord; 20.0064017 Ost

Der südöstlichste Zipfel Albaniens. Auf dem Meer erheben sich die Berge von Korfu, Griechenland. Ksami, ein kleiner Badeort südlich von Sarandë, füllt sich am Sonntag mit Touristen. Die Westeuropäer kommen in ihren Wohnmobilen, die Ukrainer in dicken SUVs. Das toruistische Potential bietet noch viel Luft nach oben. Schön, dass die Hänge noch nicht mit Hotels vollgestellt sind. Dafür ragen viele Bauruinen in die Landschaft, die genauso zahlreich wie die intakten Hotels sind. Eingie Gerippe sind sogar mangels geeignetem Fundament seitlich abgekippt. Wieso reißt sie eigentlich keiner ab?

 

Jemand muss auf die Idee gekommen sein, einen Küsten-Flanierweg anzulegen. Leider sind nur die die  Steinplatten schon halb abgefallen, die Lampenständer umgefallen und die Sitzbänke kaputt. Es scheint sich keiner richtig Gedanken zu machen, dass die Dinge, die man baut, auch unterhalten werden müssen.

Viele für unsere Ohren ungewohnte Sprachen sind zu hören. Die Nummernschilder der Autos sind ebenson exotisch. Rumänien, Kosovo, Polen, Ukraine, Bulgarien, Ungarn, Griechenland, Montenegro… Wo sind eigentlich die unvermeindlichen Holländer? Nicht zu sehen. Irgendwie scheint Europa immer noch in Ost und West geteilt zu sein. Wie kann man eigentlich diese Teilung aufheben? Reisen, Tourismus? Kann Tourismus für ein gegenseitiges Verständnis einen Beitrag leisen?  Annähernd gleiche Lebensbedingungen überall in Europa? So wie es in Deutschland als Vorgabe für den Staat gilt und Grundlage für den Soli war Brauchen wir einen europäischen Solidarpakt? Wenn wir Europa mit den gleichen Kriterien entwickeln wollen wie wir sien in Deutschland anlegen, bräuchten wir diesen.

7D1DFC4A-8125-4E6C-A32D-B2233D02DD2F

Butrint, eine Ausgrabungsstätte ganz im Süden Albaniens, bot uns eine besondere Zeitreise durch die Geschichte Europas. Ein kleiner Küstensee, der Butrintsee, ist nur durch einen kleinen Kanal vom ionischen Meer getrennt. Dadurch ergab sich eine kleine Halbinsel, die eine strategisch günstige Lage zur Kontrolle der Straße von korfu bot und gleichzeitig einen günstigen Ort für einen Hafen, der von den Stürmen des Meeres verschont bleibt. Aber dieser Ort wurde schon vor den geostrategischen Überlegungen in der Bronze- und Steinzeit besiedelt. Älteste Funde beweisen dieses.

In Butrint hinterließen zahlreiche Kulturen ihre Spuren, umgekehrt wurden sie aber auch von Butrint geprägt. So kommt Butrint in den Werken berühmter antiker Autoren vor, wie zum Beispiel bei Hekataios von Milet[1] oder in der Aeneis von Vergil. Als städtisches Zentrum einer weiten Region kam sie zu Reichtum und Macht, wovon die zahlreichen Profan- und Prachtbauten, Straßen und Festungsanlagen zählen. Durch die Kombination seiner ruhigen Umgebung an einer Lagune und seinen historischen Monumenten zog die Stadt auch Grand Touristen des 18. und 19. Jahrhunderts an, die sie als eine Landschaft mit Monumenten bezeichneten.[2]Unter anderem besuchte Edward Lear die historische Stätte, um sich von ihr inspirieren zu lassen.

99AFCA9D-3C93-4ED9-9191-838EEDFDDAC7

Aber als Stadt wurde Butrint zurerst von ven Griechen ausgebaut, mit Theater, Bädern, Akropolis und Gymnasion. Die römische Kultur folgte, mit Wasserleitungen, Forum und tollen Fußbodenmosaiken. Sie bauten die Stadt vor allem flächenmäßig weiter aus, was neute Stadtmauern brachte. Der Aufstieg des Christentums brachten eine Basilika undeine taufkirche nach Butrint. Das Byzantische Reich konnte sich aber nicht halten, und nach vielen Herrschaftswechseln benutzte der Stadtstaat Venedig den Ort, um den Adriahandel abzusichern. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts beendete Napoleon die Herrschaft der Venezier und Butrint fiel an das osmanische Reich. Im 19. Jahrhundert spiele die geostrategische Lage keine Rolle mehr und die Stadt wurde wieder ein Fischerdorf. Erst die ersten englischen Touristen interessierten sich wieder für das geschichtliche Erbe. Und in den 30er jahren des letzten Jahrhunderts fingen italienische Archäologen an, die Stadt wieder auszugraben. Heute kommen wieder die Touristen. Wir können als westliche Toruisten einen Ort besichtigen, der lange Zeit verschlossen war.

Aber noch lange ist nicht alles ausgegraben, Butrint hat noch nicht den Charme eines allglatten Gescichts-Freilichtmuseums. Man kann noch überall hingegen, sich alles anschauen. Wir können mit einem Rundgang über 3000 Jahre europäische Geschichte an einem Ort nachempfinden. Das ist schon etwas sehr besonderes.

Uns da stellt sich mir doch die Frage, wie geht die europäische Geschichte weiter? Wir haben den Ost-Welt-Konflikt überwunden, haben die osteuropäischen Länder in die EU aufgenommen. Wir künnen überall hinreisen. Aber plützlich wird überall die Frage nach dem Nationalen gestellt. Markus Söder das Ende des Multilaterismus einleitet. Aber ist die Sehnsucht nach dem Nationalen nicht eine Angst vor dem Modernisierungsschub, den wir erleben, der durch die Internationalisierung durch die Globalisierung und das Internet hervorgerufen wird?

Diese Fragen stelle ich mir, wenn ich durch die Ruinen von Butrint laufe. Es ist ein toller Ort, der Geschichte atmet. Aber Geschichte weist auch immer in die Zukunft. Und die Zukunft gestalten wir selber.